07.04.1986

WACKERSDORFVorzügliches Arrangement

In Bayern versprühte die Polizei erstmals aus Wasserwerfern den chemischen Reizstoff CS - Ursache für einen Todesfall? *
Die Nachricht war auf einen Zettel gekritzelt und baumelte, mit Draht befestigt, an einem Zweig. "Ihre Sachen", lautete der Text, "wurden vorübergehend sichergestellt und können bei Tor 1 abgeholt werden." Gezeichnet: "Ihr Bundesgrenzschutz".
Die "Sachen", drei Plastikkanister mit hundert Litern Leitungswasser und zwei Umhängetaschen mit belegten Broten, gehörten zwei Ostermarschierern von den Grünen. Die Kernkraftgegner standen am Ostermontag am Baugelände der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf bereit, verletzten Demonstranten zu helfen.
Doch die Wasserkanister, die sie am Morgen vor der Demo an einer Waldschneise vorsorglich deponiert hatten, um im Bedarfsfall tränende, entzündete Augen auszuspülen, konnten später weder beim Tor 1 am Sperrzaun noch sonstwo abgeholt oder wiedergefunden werden. Sanitätshelfer Wolfgang Perl, ein Fernmeldeingenieur aus Lübeck: "Das Zeug war glatt geklaut."
Wasserbehälter und Sanitäterbeutel kamen Demonstrationsteilnehmern vor und während der Großkundgebung im Taxölderner Forst mehrfach abhanden. Der Wasser-Entzug gehörte offensichtlich zur Einsatztaktik der Polizei, die einen erwarteten Großangriff von Gewalttätern abschlagen mußte - hauptsächlich mit Tränengas.
Das lindernde Naß für Augen und Haut fehlte dann allerdings nicht nur den allenfalls 150 vermummten Militanten, die mit Fichtenstangen das dreieinhalb Meter hohe, tief einbetonierte Eisengitter rammten. Betroffen von Brechreiz, Hautbrennen und Atembeschwerden waren auch Hunderte von harmlosen Demonstranten und Schaulustigen, die sich, manche mit Kindern und Hunden unterwegs, bis auf 40 oder 50 Meter an die Kampfzone herangewagt hatten.
Dieses Szenarium war nicht das von Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) angekündigte "neue Schlachtfeld von Chaoten und Linksextremisten", sondern eher ein Schauplatz polizeilicher Machtvollkommenheit und Überreaktion. Fünf Stunden lang setzten die WAA-Verteidiger 41 Wasserwerfer (Reichweite: knapp 70 Meter) auch gegen weit entfernte Zuschauer ein, teilweise waren die Wasserstöße mit chemischen Reizstoffen vermischt. Und zusätzlich prasselten Tränengasgranaten auf die Demonstranten nieder, die panikartig, weil von Geschossen getroffen, die Flucht ergriffen.
Die "Kulisse der Neugierigen oder Sympathisanten", rechtfertigte Bayerns Innenminister Karl Hillermeier später den flächendeckenden Materialeinsatz, habe die Arbeit der Polizei "zwangsläufig erschwert". Dabei sprengten seine Wasserwerfer auch eine Menschenkette auseinander, mit der friedliche WAA-Gegner die Militanten zeitweilig vom Bauplatz abdrängen konnten.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler bewertete als Augenzeuge die Wasser-Kanonade denn auch als "Ansätze von Staatsterrorismus". Sein Landtagskollege Peter Kurz erstattete Strafanzeige gegen Minister Hillermeier wegen vorsätzlicher Körperverletzung.
Wackersdorf zu Ostern bot jedenfalls eine polizeiliche Premiere: Erstmals wurde beim Wasserwerfereinsatz neben dem bislang üblichen Reizstoff CN (Chloracetophenon) auch die verwandte Substanz CS (Chlorbenzylidenmalodinitril) beigemischt. CS, als "Kotzgas" bekannt, mit dem die Amerikaner einst in tödlicher Dosierung Vietcong-Schlupflöcher ausräucherten, wirkt schneller, stärker und heftiger als CN. "Die Wirkung von CS", zitierte die Zeitschrift "BGS" des Bundesgrenzschutzes schon vor acht Jahren die Expertenmeinung, "ist stärker als jede psychische Abwehrkraft eines Menschen."
Der Superstoff verliert auch bei extremen Temperaturen, im Gegensatz zum CN, kaum an Intensität und entfaltet seine volle Wirkung, wenn er, beispielsweise von der Kleidung eines CS-Getroffenen, in feinen, "lungeneingängigen"" Partikeln verdampft. Dann führt das Reizmittel zu einer - im Kampfeinsatz erwünschten - Verkrampfung der Lungenmuskulatur. Denn die Folgen sind, laut Bericht der Technischen Kommission der Länder-Innenministerkonferenz von 1982, "vermeintliche Atemnot und ein beklemmendes Angstgefühl" - Anlässe für Fluchtreaktionen.
Nachdem seinerzeit dem atemberaubenden Stoff gleichwohl ein gesundheitliches Unbedenklichkeitszeugnis durch das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Aerosolforschung ausgestellt worden war, übernahmen erst Bayern und Baden-Württemberg, später auch die anderen unionsregierten Länder CS in ihr Waffenarsenal. Bayerns damaliger Innenminister Gerold Tandler war ganz begeistert nach einer CS-Demonstration an polizeilichen Probanden, obschon oder gerade weil ein unerwarteter Windstoß auch ihn mit einer CS-Schwade überzog: "Das Arrangement", schwärmte er, "war doch vorzüglich."
Die SPD-regierten Länder verzichten hingegen bis heute auf die gesundheitsgefährdende Distanzwaffe, die in den USA bei Einsätzen in geschlossenen Räumen schon zu Todesfällen führte. Der Kieler Toxikologe Professor Otmar Wassermann spricht von einer "lebensgefährlichen Unkenntnis über die Toxizität dieser Substanz". Der Münchner
Chemiker und Tränengas-Experte Alfred Schrempf vertritt die - umstrittene - These, daß das "Kotzgas" in der Langzeitwirkung Hautkrebs hervorruft.
Einig sind sich skeptische Wissenschaftler, daß intensive CS-Schädigung in der Spätfolge chronische Hautentzündungen und Vernarbungen der Augenhornhaut mit der Gefahr des Erblindens nach sich ziehen kann. Und sicher ist auch: Wirkt CS auf eine chronische Bronchitis oder einen Asthmakranken ein, dann führt unter Umständen, wie Schweizer Ärzte warnten, "schon geringe Exposition zu akuten Todesfällen".
Ein Opfer solcher Konstellation könnte - bei allem Vorbehalt angesichts ausstehender Untersuchungsergebnisse - womöglich der 38jährige asthmakranke Ingenieur Alois Sonnleitner aus Gräfelfing bei München geworden sein. Er erlitt am Ostermontag, etwa 500 Meter vom CS-Einsatzgeschehen entfernt, einen Asthmaanfall und erstickte kurz darauf.
So "vollkommen absurd", wie das ein Polizeisprecher abtat, scheinen die Zusammenhänge jedenfalls nicht. Bei entsprechender Windverfrachtung können Reizstoff-Reste nach Meinung des Münchner Chemieprofessors Armin Weiß durchaus noch in einer Entfernung von einem Kilometer spürbar werden. Und der Wind wehte in Wackersdorf eben nicht nur in der polizeilich festgestellten, vom Asthmatiker Sonnleitner abgewandten Richtung, sondern zeitweise böig nach fast allen Richtungen.
Überdies hielt sich der Kranke, der sich nach Aussage seiner ihn begleitenden Frau seiner Gefährdung durchaus bewußt war, auch schon mal direkt am WAA-Zaun auf - am Montagvormittag, vor den Aktionen der Wasserwerfer, da glaubte er sich wohl in Sicherheit. Aber schon tags zuvor war es dort zu Auseinandersetzungen zwischen Zaunstürmern und CS-Schützen gekommen. Und die Rückstände des Reizstoffes waren offenbar über Nacht nicht verflogen. Chemiker Weiß, selber vor Ort, nahm jedenfalls "leichten Geruch" wahr und entdeckte Aerosoltröpfchen an Bäumen.
Die von der Staatsanwaltschaft Amberg nachträglich angeordnete toxikologische Untersuchung des Toten wird die Kausalitätsfrage kaum klären: Die für einen Asthmakranken lebensbedrohlichen Spuren von CS, das sich in Körperflüssigkeiten rasch zersetzt, sind im Blut oder Urin allenfalls unmittelbar nach Todeseintritt nachweisbar. Aufklärung könnte eher die von Sonnleitners Angehörigen geforderte und von dem Münchner Arzt und Giftexperten Max Daunderer eingeleitete Untersuchung der Kleider des Toten durch das Rechtsmedizinische Universitäts-Institut erbringen.
Das Ergebnis, rechnet Daunderer, werde frühestens in vier Wochen vorliegen. Bis dahin muß offenbleiben, ob der asthmaleidende Ingenieur wirklich, wie Bayerns Grüne schnell urteilten, ein "Opfer der Polizeiaggression von Wackersdorf" geworden ist.

DER SPIEGEL 15/1986
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