07.04.1986

„Haben wir denn schon Rußland?“

Wie Bayerns Polizei Bauernhöfe nach Kernkraftgegnern durchstöbert *
Was hier geschieht", schimpft Bauer Josef Haberl, 67, aus dem Weiler Kölbldorf, "is a Schand für Deutschland, ein Schandstück für den Strauß und den Hillermeier."
"Tag für Tag, auch bei Nacht", berichtet er, "wird alles, ausspioniert." Auch sein Nachbar Josef Dobler, 65, ist entsetzt: "In der Nacht leuchten sie den Hof aus, stehen auf dem Weg."
Werden Fremde oder auch fremde Autos im Dorf ausgemacht, "kommt sofort der Hubschrauber" (Dobler). Dorfbewohnerin Maria Hartl: "Selbst wenn du Holzschneiden bist, kommt der Hubschrauber, bleibt über dir stehen, dann geht die Tür auf, und der filmt, der knipst alles."
"Wir stehen", sagt Bauer Josef Fischer senior, 74, "seit Monaten unter Beobachtung, jeder Hof, die ganzen Ortschaften drum herum."
Jagdszenen aus der Oberpfalz - aus der Gegend um Wackersdorf, wo die bayrische Landesregierung eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage bauen läßt.
Die Landwirte werden seit Monaten überwacht und bespitzelt, von zivilen
Polizeistreifen ständig kontrolliert. Jeder ist schon mehrfach, wie Josef Fischer junior beim Jauchefahren, von der Polizei bei der Arbeit gestoppt worden: "Die photographieren dich von vorn und hinten und fahren weiter."
Der Bauer Johann Scheurer, 52, hat einen "Kripo-Mann gefragt, warum wir so behandelt werden. Er hat mir gesagt: 'Wir wollen euch beschützen vor Punkern und Chaoten.' Wir wollen schon beschützt werden, aber nicht von denen."
"Vielen war die WAA egal", berichtet Bauer Fritz Eberwein, 49, "jetzt wird die Bevölkerung erst wach, weil sie von der Polizei schikaniert wird." Rund um das Baugelände, ob in Hofenstetten, Kölbldorf oder Warmersdorf, fühlen sich die Bauern und ihre Familien von der Polizei verfolgt und schikaniert.
Seit Ostermontag, als gegen die Atomfabrik demonstriert wurde, ist der Dorffriede rund um den Taxölderner Forst endgültig dahin.
Fischer junior, 37, war früh um sechs Uhr aufgestanden, weil er mit seiner Familie ins Nachbardorf zur Messe wollte. Er molk seine Kühe, machte die Stalltür auf, "um frische Luft reinzulassen". Fischer: "Plötzlich hörte ich Geräusche von außen, und in Sekunden kam Polizei auf den Hof gefahren. Ich gucke raus, da haben die in Dreierreihen den Hof umstellt."
WAA-Gegner Fischer hatte, wie häufig in letzter Zeit, einigen Atomkraftgegnern seine Scheune als Schlafstelle überlassen. "Alles friedliche Leute", sagt er, "Chaoten und Punker schmeiß' ich raus. Wenn da welche kommen mit so kurzen Haaren und in der Mitte große Büschel, denen sage ich: Ihr habt hier nicht zu übernachten. Von solchen Typen lasse ich die Finger."
Es nützte nichts. Drei Polizeibeamte "mit Helm, Schild und Knüppel" stürmten Kuhstall und Scheune, öffneten die Tore, um einige Dutzend ebenso martialisch ausgerüstete Beamte einzulassen, die auf die Schlafenden zustürmten, sie wachrüttelten und durchsuchten. Ein Polizist zu Fischer: "Sie wissen, was wir suchen." Der Hofbesitzer wußte nichts, konnte auch nichts fragen. Ohne weitere Begründung durchwühlte die Polizei sämtliche Scheunen und Stallungen von oben bis unten.
Ehefrau Gabriele Fischer beobachtete die Szene vom Küchenfenster aus, griff erschrocken zum Telephon, rief beim Landratsamt in Schwandorf an und meldete, "daß hier die Polizei einmarschiert ist". Anna Dobler, Bäuerin von der anderen Seite des Weilers, dachte zuerst, "es hätte frisch geschneit, die Wiese war weiß von lauter Polizeihelmen. Da hab' ich erst gesehen, daß das ganze Dorf umstellt ist."
Ehemann Josef Dobler über die Polizeiaktion "Das war ein Überfall. Da kamen von beiden Seiten 30, 40 Autos auf das Dorf zu, rollten auf die Wiesen, ruck, zuck waren die draußen, mit Schilden und Stöcken, und alles war zu."
Rund 500 Polizisten, so erfuhren die Bewohner später von einem Beamten, waren am Ostermontag in der Frühe im Einsatz. Bauer Fritz Eberwein fühlte sich an das Kriegsende erinnert: "Das war wie 1945, als der Amerikaner kam."
Gut drei Stunden dauerte die Staatsaktion in Kölbldorf. So lange brauchten die Beamten, um bei Fischers und Doblers auch noch sämtliche Nebengebäude bis unters Dach zu durchsuchen. Die 43 Übernachtungsgäste in Fischers Scheune wurden festgenommen und in Bussen ins 30 Kilometer entfernte Amberg gekarrt. Erst am Abend, als die Demonstration vorbei war, wurden die WAA-Gegner wieder freigelassen.
Fischer über das Vorgehen der Polizei: "Die hatten nichts vom Richter. Die machen das immer mit Gefahr im Verzug, auch bei anderen Bauern. Da kannst nichts machen." Neben diversen Hämmern, Sägen und Nägeln aus Fischers Werkstatt beschlagnahmten die Polizisten auch ein Säckchen mit Krähenfüßen, das nach kurzer Suche "tief im Heu" (Fischer) gefunden worden war. Die Bauern sind fest überzeugt, "daß die selber die Sachen da hingetan haben, denn", so Landwirt Eberwein, "wenn du im Heu was versteckst, dann findet das ein Fremder nie".
Einen Polizisten, "so einen 40jährigen mit langem schwarzen Haar bis zum Ellbogen", kennen sie inzwischen alle. Der kam, wie ein Nachbar beobachtete, "vor einigen Wochen morgens aus Fischers Scheune und hatte plötzlich ein Funkgerät aus der Tasche gezogen und da reingesprochen - ein Zivilbeamter, "der ausschaut wie ein Chaot".
Diesen Mann hat die Bäuerin Maria Hartl am frühen Ostermontag wieder aus Fischers Scheune kommen sehen: "Der ist nicht festgenommen worden, der kam lachend mit einer Frau durch die Absperrung und ist bei mir vor dem Haus in ein Auto gestiegen."
Die Bäuerin vom Rester-Hof bewundert die Gelassenheit, mit der Josef Fischer die Polizeiaktion hingenommen hat. "Wenn ich der Fischer wär', ich wär' narrisch geworden. Haben wir denn schon Rußland?"
Polizeiaktionen wie den "Überfall auf Kölbldorf" (Dobler) gab es auch in den umliegenden Gemeinden, zuletzt in Altenschwand und, ebenfalls am Ostermontag, in Warmersdorf. Dort hatte ein Bauer in der Osternacht den im Regen angereisten Demonstranten die Garage freigeräumt und einige Ballen Stroh zum Schlafen aufgeschnitten. Auch dort sind die Polizisten, berichtet seine Tochter, "wie die Ameisen aufs Anwesen gequollen und haben alles durchwühlt. Das ganze Dorf war abgesperrt, niemand kam raus und rein."
Die vier CSU-Mitglieder unter den sieben Bauern aus Kölbldorf sind inzwischen aus Protest aus der Staatspartei ausgetreten. Am Dienstag letzter Woche, nach dem Polizei-Einsatz, haben die Bauern beschlossen, künftig Bundeswehrsoldaten, die ins Manöver ziehen, keine Schlafstellen in den Scheunen mehr zu überlassen. Bauer Eberwein: "Die kommen mir nicht mehr rein."
Während die Landwirte vergangenen Dienstag am Milchsammelplatz beratschlagten, umkreiste ein bordeauxroter Audi 80 (Kennzeichen WEN-V 483) die Männer. "Da sind sie wieder", zeigte Josef Fischer auf die beiden Insassen, die ich Notizen machten und wegfuhren, als sie bemerkt wurden: "Jetzt wissen die wieder, wer alles hier ist."

DER SPIEGEL 15/1986
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