03.03.1986

ENGLANDIn Stücke blasen

Einst Hobby reicher Lords, ist die britische Zeitungsindustrie heute das Geschäft knallharter Kapitalisten. Mit neuen Techniken brechen sie die Macht der Gewerkschaften. *
Eddy Shah wirkt wie das Reporter-Klischee aus einem Film der 40er Jahre. Den obersten Kragenknopf trägt er stets geöffnet. Er liebt es, die Jacke abzulegen. Hemdsärmelig und zupackend, übergewichtig und doch voller Spannkraft - 180 Pfund Energie, die Zigarren passen zum Bild.
Aber statt Geschichten für Zeitungen schreibt Shah Zeitungsgeschichte. "Er ist mit einer elektronischen Trickkiste ins Lager des Feindes eingebrochen", warnt der Londoner "Guardian", "und wird die Fleet Street, die wir kennen, in Stücke blasen."
Shahs Großangriff erfolgt diese Woche. An vier vertriebsgünstigen Orten druckt er seine neue Boulevardzeitung "Today", um sie mit einer Startauflage von 1,25 Millionen Exemplaren auf den Markt zu bringen.
Modernste Technik erlaubt Shah einen minimalen Aufwand an Arbeitskräften: nur 500 festangestellte Personen, davon 125 Journalisten, die ihre Storys per Computer direkt ins Blatt tippen. Kürzeste Andruckzeiten und fast unbegrenzter Einsatz von Farbe sind möglich.
Shah baut auf bunte Bilder. "Die letzten Fußballphotos, eine bunte Wetterkarte, die königliche Reise in Farbbildern. So wie die Menschen vom Schwarzweiß- zum Farbfernsehen umschalteten", glaubt Shah, "wollen sie nun die aktuelle, bunte Zeitung."
Sein Buntblatt "Today", 44 Seiten stark, sollen die Leser siebenmal in der Woche kaufen. Die Zeitung peilt als Zielgruppe die aufstrebende Mittelklasse zwischen 20 und 40 Jahren an. "Today" will auf Skandaljournalismus verzichten und politisch ausgewogen berichten. Branchenkenner bezweifeln, daß Shah diese Linie durchhält.
Die Kosten, behauptet Shah, seien schon bei 300000 verkauften Exemplaren gedeckt. Bei einer Auflage von 1,5 Millionen könne "Today" sogar ohne Anzeigen Gewinn machen.
Profit geht Shah über alles. Der Mann gehört nicht mehr zu jenem Typ Verleger im Vereinigten Königreich, der eine Zeitung lieber honorabel als profitabel gestalten wollte - und dabei zwar hochangesehen, aber oft auch arm wurde. Englands Zeitungsindustrie, so der "Economist", wandelt sich "von einem Hobby für reiche Männer zu einem Geschäft für Unternehmer".
Es sind knallharte Kapitalisten, die das Kommando von vornehmen Feudalherren übernommen haben. Wo einst ihre Lordschaften Kemsley, Astor und Beaverbrook bestimmten, herrscht heute ein Trio höchst unterschiedlicher Aufsteiger: *___Robert Maxwell, 62, Besitzer des "Daily Mirror" ____(Auflage: 3,1 Millionen), kam als mittelloser jüdischer ____Emigrant aus der Tschechoslowakei nach Großbritannien ____und hat seine erste Million mit Ost-West-Geschäften ____gemacht. *___Rupert Murdoch, 54, Besitzer des Sex-und-Crime-Blattes ____"Sun" (Auflage: 4,1 Millionen) und der ehrwürdigen ____"Times", stammt aus Australien und hat einen US-Paß; ____seine Gewinne aus dem englischen Zeitungsgeschäft ____investiert er in amerikanischen Fernsehstationen. *___Eddy Shah, 42, heißt eigentlich Selim Jehane Shah und ____wurde in Cambridge als Sohn eines Nachkommen der ____Aga-Khan-Familie und einer Engländerin geboren. Er war ____Schauspieler und TV-Produzent, ehe er in Manchester mit ____Lokalzeitungen reüssierte.
Das Erfolgsrezept der drei Aufsteiger läßt sich so zusammenfassen: Einsatz neuer Techniken bei Ausschaltung der alten Gewerkschaften. Kein Wunder, daß die Drucker, zu hundert Prozent gewerkschaftlich organisiert, die neuen Zeitungszaren als Totengräber ihrer Zunft verteufeln.
Auf der anderen Seite verklären sie die Hobby-Verleger der Vergangenheit fast zu Heiligen. "Lord Astor", schwärmt ein "Times"-Arbeiter über seinen alten Herausgeber, "pflegte zu uns in die Setzerei zu kommen und hatte für jeden ein gutes Wort: 'Hallo, Ian, wie geht's?'"
Die Schicksale von Arbeitgeber und Arbeitnehmer waren im Londoner Zeitungszentrum Fleet Street immer auf außergewöhnliche Weise miteinander verbunden: Beide profitierten von technischer Stagnation und hohen Kosten - die Erpressung der Drucker nützte auch den Presselords.
Denn die Stärke der Zeitungsbesitzer gründete sich letztlich darauf, daß die veraltete Technik und der überhöhte Personalstand es jedem Newcomer unmöglich machten, in den Markt einzubrechen - wenn er nicht über zigmillionen Pfund verfügte.
"Eigentümer von Zeitungen", erklärte die "Financial Times", "pflegten ihre Rivalen auszuschalten, indem sie die Kosten hochschraubten."
Nun aber haben mit den Murdochs und Maxwells Rechenspezialisten die Macht übernommen, die ihre Gegner schlagen wollen, indem sie die Kosten verringern. Die Sprengung des Monopols durch die neuen Verleger und die Umwälzung auf dem britischen Pressemarkt ist möglich geworden, weil technische und politische Neuerungen zusammenkommen: Computertechnik erlaubt eine kostensparende und dabei viel schnellere Herstellung von Druckerzeugnissen; neue Gesetze der Thatcher-Regierung ermöglichen die Zähmung der einst übermächtigen Gewerkschaften.
So verbietet das Beschäftigungsgesetz von 1980, andere Unternehmen zu bestreiken als das eigene - was die Verleger anregte, ihre Firmen in verschiedene Gesellschaften aufzuspalten.
In Maxwells "Mirror" sind drei juristisch selbständige Unternehmen für Telephondienste, für den Inhalt und für den Druck der Zeitung zuständig. Eine Solidarisierung der Drucker mit einem Streik der Redakteure etwa wäre ungesetzlich und könnte mit dem Rausschmiß der Arbeiter geahndet werden.
Maxwells Rivale Murdoch schaffte genau das unter Ausnutzung eines Gesetzes
aus dem Jahre 1982, das Streikanlässe auf Konflikte über Löhne und Arbeitsbedingungen begrenzt.
Ende Januar ordnete der Zeitungstycoon die sofortige Übersiedlung seiner vier Zeitungen ("Sun", "Times", "News of the World" und "Sunday Times") aus dem veralteten Fleet-Street-Gebäude in sein hochmodernes Druckereizentrum im Londoner Stadtteil Wapping an. Gleichzeitig verkündete er, im neuen Betrieb weder Gewerkschaften noch Streiks zu dulden.
Murdochs Fleet-Street-Drucker und -Vertriebsarbeiter begingen den Fehler, gegen dieses Ansinnen in den Streik zu treten. Mit dem Ausstand verstießen sie gegen das Gesetz, und Murdoch konnte 5700 Mitarbeitern fristlos und ohne Entschädigung kündigen.
Die Aktion war eine mit Bedacht gestellte Falle, wie später herauskam: Murdochs Rechtsberater G.W. Richards hatte in einem Brief vom 20. Dezember vorgeschlagen, "der billigste Weg", Beschäftigte loszuwerden, sei, sie während eines Streiks zu feuern.
Murdochs schmutzige Tricks regen in Großbritannien kaum jemanden auf - vielleicht, weil gerade in den vergangenen Wochen einmal mehr bekannt wurde, wie schamlos die Gewerkschaften im Druckgewerbe für ihre Mitglieder absahnten: *___Setzer wurden für Arbeiten bezahlt, die sie gar nicht ____verrichteten, eine Praxis, die schon Ende des ____vergangenen Jahrhunderts aufgekommen war: Anzeigen ____werden meist nur einmal gesetzt und gehen dann als ____feste Form an zahlreiche Zeitungen; bezahlt werden ____mußten die Setzer aller Blätter, welche die Anzeigen ____druckten. *___An Rotationsmaschinen, die in Chicago durchschnittlich ____von fünf, in Sydney von sechs Arbeitern bedient werden, ____waren in der Fleet Street 18 Mann beschäftigt; weil die ____sich gegenseitig behindert hätten, wurde die ____Anwesenheit in "gespaltenen Schichten" geregelt - zwei ____Gruppen von je vier Arbeitsstunden bildeten eine ____Acht-Stunden-Schicht, bezahlt wurden alle für acht ____Stunden. *___Für die Bedienung eines bestimmten Knopfes zur ____Beschleunigung oder Verzögerung des Tempos an der ____Rotationsmaschine mußten drei Arbeiter angestellt ____werden (Mitglieder von drei verschiedenen ____Gewerkschaften) - obwohl es jenen Knopf seit Jahren ____nicht mehr gibt.
Solche Zustände sagen freilich genausoviel über Britanniens Arbeitgeber aus wie über die Arbeitnehmer. "Die Pressebarone in der Fleet Street", rügt der Chef der britischen Sozialdemokraten, David Owen, "waren absolut unmöglich. Sie geißelten in ihren Leitartikeln Ineffektivität und Überbesetzung in der Wirtschaft und waren selbst die schlimmsten Beispiele dafür." Die gegenwärtigen Veränderungen im englischen Pressewesen hält Owen für "notwendig und absolut richtig".
In seinem wie eine Festung gesicherten Druckereizentrum in Wapping bedient sich Murdoch der gleichen Arbeitskräfte, die Shah erstmals für eine Provinzzeitung in Manchester engagiert hatte und die ihm nun "Today" herstellen: Elektriker und Elektroniker, organisiert in der Gewerkschaft EETPU, brechen die Solidarität mit Druckern und Setzern - Berufen, deren Stunde ohnehin geschlagen hat.
Die einstigen Aristokraten unter Englands Proletariern müssen ohnmächtig zusehen, wie ihre "schwarze Kunst" ausstirbt - mit der Fleet Street geht ihr Handwerk zugrunde.
Aber der Kampf der Pressezare um den Markt geht weiter. In diesem Monat wollen Maxwell und Murdoch mit einem Gegenschlag auf Eddy Shahs "Today" herauskommen: Murdoch mit der Abendzeitung "Post" und Maxwell mit einem Boulevardblatt "Good Day".

DER SPIEGEL 10/1986
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