03.03.1986

IRAN/IRAKEinkreisen und aushungern

Mit neuen Offensiven sucht Teheran den Sieg im Golfkrieg. *
Seit fünfeinhalb Jahren füttern Irak und Iran ihre Kriegsmaschinen mit Menschen und Material. Sie melden Erfolge und zählen die Leichen der Gegner. Auf irakische Generäle wie iranische Revolutionsführer könnte gemünzt sein, was Karl Marx 1855 über den Krimkrieg schrieb: _____" Großrednerei, verbunden mit winzigster Aktion, enorme " _____" Vorbereitungen und bedeutungslose Resultate, Vorsicht " _____" streifend an Ängstlichkeit, gefolgt von Tollkühnheit, wie " _____" sie aus Unwissenheit entspringt, mehr als Mittelmäßigkeit " _____" bei den Generälen, gepaart mit mehr als Tapferkeit bei " _____" den Truppen. Siege, die durch Mißverständnisse gewonnen, " _____" Armeen ruiniert durch Nachlässigkeit und wieder gerettet " _____" durch sonderbarsten Zufall - ein großes Ensemble von " _____" Widersprüchen und Inkonsequenzen. "
Geplant war damals ein militärischer Denkzettel - heraus kam der erste Grabenkrieg der Weltgeschichte, als Briten und Franzosen 1854 auszogen, um den russischen Zaren zu züchtigen. Seit der Belagerung von Sewastopol gehören Materialschlachten zum Repertoire moderner Heerführer.
Wenig haben die Strategen, deren Handwerk zuweilen als "Kriegskunst" glorifiziert wird, seither dazugelernt.
Langemarck, wo 1914 eine ganze Generation deutscher Kriegsfreiwilliger falschem Heroismus und mißbrauchter Vaterlandsliebe geopfert wurde, wiederholt sich heute irgendwo in den Haur el-Huweisa-Sümpfen# an der Grenze zwischen Iran und Irak. Und das Verdun der achtziger Jahre wird derzeit auf der Halbinsel Fao am Schatt-el-Arab von Zehntausenden Bomben, Raketen und Granaten umgepflügt. In einem der längsten Kriege dieses Jahrhunderts, der weitgehend nach den Regeln des Stellungskriegs von 1916 geführt wird, ist noch kein Ende abzusehen.
Tausende von Pasdaran, islamische Revolutionskrieger, lassen Teherans religiöse Herrscher seit über fünf Jahren gegen schwerbewaffnete Einheiten der technisch besser gerüsteten irakischen Armee anrennen.
"Menschenwellen" sollten den Feind aus seinen Bastionen schwemmen. Ermuntert werden die iranischen Soldaten von der Koran-Sure 22:39, die an vielen Häuserwänden prangt: "Denjenigen, die kämpfen, ist die Erlaubnis erteilt worden, weil ihnen Unrecht geschehen ist - Gott hat die Macht, ihnen zu helfen." Der Märtyrertod, den die jugendlichen Freiwilligen riskieren, gilt ihnen als Freifahrtschein ins Paradies.
All das folgt angeblich einem strategischen Plan: Die Herrscher über 43 Millionen Perser wollen die 14 Millionen Iraker "ausbluten" lassen, behaupten die Ajatollah-Feinde. Dieses Schicksal hatte 1916 das deutsche Oberkommando den Franzosen zugedacht, die denn auch massenweise Soldaten auf den Schlachtfeldern um die Festung Verdun verloren. Mit ihnen wurden jedoch - das hatte der kaiserliche Generalstab nicht eingeplant - fast ebenso viele deutsche Soldaten hingemäht.
Selbst wenn man, wie stets bei Kriegsberichten, den Zahlenangaben der beiden Seiten kaum trauen kann - fest steht, daß der Blutzoll, den die Revolutionsgarden des Iran entrichten müssen, ungleich höher ist als der irakische. Die Zahl der Opfer beider Seiten hält sich nicht, wie vor Verdun, etwa die Waage. Dennoch lassen die Militärs und ihre politischen Hintermänner unbeirrt weitermachen.
Diesmal befahl Teheran die Operation "Morgenröte 8" mitten in der Nacht: Zwischen dem 9. und 10. Februar setzten iranische Sturmtruppen über den Schattel-Arab und eroberten die seit Jahren menschenleere irakische Hafenstadt Fao. 850 Quadratkilometer der sumpfigen Halbinsel gleichen Namens erklärten sie kurz darauf für "befreit". Vorige Woche dämmerte "val-Fadschr-9", "Morgenröte 9, herauf, diesmal hoch im Norden der 1100 Kilometer langen Front zwischen Iran und Irak.
Die blutigen Offensiven machen den Irakern zu schaffen, doch kriegsentscheidend sind sie - noch - nicht. Im Süden droht Bagdad und seinen arabischen Helfershelfern eine politisch-psychologische Schlappe, wenn es Saddam Husseins Truppen nicht rasch gelingt, die Eindringlinge zu vertreiben.
Zugleich bedrohen die Iraner aber auch Kuweit, eine wichtige Nachschubbasis für das irakische Regime. Ohne die Hilfe der arabischen Bruderländer hätte Bagdad den Krieg schon seit langem nicht mehr weiterführen können.
Im Norden ist unterdessen die letzte einheimische Devisenquelle in Gefahr geraten. Der persische Vorstoß auf die Berge östlich der Stadt Suleimania zielt auf die nahen Erdölfelder um Kirkuk. Von dort fließt gut die Hälfte der den Irakern verbliebenen Erdölförderung via Türkei in den Westen, etwa an den Waffenlieferanten Frankreich.
Die Hauptlast der val-Fadschr-Operationen liegt bei den Pasdaran. Die Religionskämpfer haben sich zu einer gutgerüsteten und kampferfahrenen Truppe gemausert. Das Oberkommando der Revolutionswächter verfügt heute über eigene, teils von der Armee abgeworbene Stabsoffiziere. Sie haben geplant, was in Teheran bislang als kriegsentscheidender Erfolg gegolten hatte - die Überwindung der Wasserbarriere des Schatt-el-Arab.
Angeleitet von Pionieren der regulären Streitkräfte, bauten die Pasdaran unbemerkt südlich von Basra vier Pontonbrücken. Auf ihnen konnten die Iraner nach dem nächtlichen Überraschungsangriff Panzer und schwere Artillerie in ihren Brückenkopf schaffen.
Zwar gelang es der irakischen Luftwaffe, drei Schwimmbrücken zu zerstören. Aber der iranische Nachschub rollt weiter Richtung Fao - tagsüber auf kleinen, kaum zu treffenden Booten, nachts auf eilends installierten Stegen, über die sogar schweres Gerät ans andere Ufer gefahren wird.
Bis zu 120000 Soldaten sollen den Übergang bei Fao erzwungen haben. Dort benutzen die iranischen Truppen unversehrt gebliebene und gut gesicherte Unterstände der Irakis und graben sich in einem mehrere Quadratkilometer großen Gebiet rund um die irakische Hafenstadt ein.
"Hier müssen die Irakis Infanterie einsetzen", sagt ein westlicher Diplomat in Teheran, "was hohe Blutopfer bedeutet." Bagdad jedoch will seine Infanterie schonen. Menschenmassen, wie sie die iranischen Revolutionäre in die Schlacht werfen, kann Saddam Hussein nicht aufbieten. "Wir werden die Perser einkreisen und aushungern", behauptet ein irakischer Diplomat. Und Abdel Ghabar Omar Ghani, irakischer Botschafter in Kuweit, versichert: "Die irakische Armee wird den iranischen Truppen einfach nicht erlauben, nach Basra vorzudringen."
Wieder werden der "Großrednerei" tollkühne Wahnsinnstaten folgen. Der Einsatz von Giftgas und kampfunerfahrenen Soldaten fast noch im Kindesalter (die Jüngsten sind 16) macht diesen Krieg mörderischer, als es beispielsweise alle arabisch-israelischen Feldzüge zusammengenommen waren. Dazu werden dann - wie in den letzten Wochen - Journalisten aus aller Welt in noch heftig umkämpfte Frontabschnitte eingeflogen, damit sich die Kunde vom jüngsten Kriegserfolg, wie flüchtig er auch sein mag, nur schnell um die Welt verbreitet.
Solange aus den Arsenalen der hochgerüsteten Industrienationen der Waffennachschub für beide Seiten rollt, wird der Krieg andauern. "Kein Angriff ohne Werner", frotzeln deutsche Techniker im Iran, weil dort der Rüstungsbetrieb Fritz Werner beim Bau von Schnellfeuergewehren geholfen hat.
Und solange die Supermächte vor allem das Interesse haben, "beide Seiten verlieren" zu sehen (Kissinger), werden die Waffen weiter rollen - für "Morgenröte 10, 11", wie viele auch immer.
[Grafiktext]
IRAK IRAN Kirkuk Suleimania BAGDAD Basra Tigris Euphrat Hamadan Chorramabad Desful Ahwas Chorramschahr Abadan Fao KUWEIT SAUDI-ARABIEN Persischer Golf Hauptstoßrichtungen iranischer Angriffe vom Iran besetzte irakische Gebiete irakischer Gegenangriff
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 10/1986
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