03.03.1986

SCHULDENKRISERoßkur ohne Erfolg

Die Internationale Schuldenkrise weitet sich wieder aus. Mexiko, bislang als mustergültiger Schuldner angesehen, hat kein Geld mehr für Zinszahlungen. *
Auf fünf Milliarden Dollar schätzen Experten die materiellen Schäden, die das verheerende Erdbeben von 1985 in Mexiko anrichtete. Weit teurer dürfte das lateinamerikanische Land eine Katastrophe zu stehen kommen, die sich jetzt ereignet: der atemraubende Verfall der Ölpreise auf den Weltmärkten.
Von rund 27 Dollar für das Barrel (159 Liter), die noch vor vier Monaten für mexikanisches Öl gezahlt wurden, sackte der Preis auf rund 15 Dollar. Kaum ein anderes Ölland ist von dem Preis-Tief so betroffen wie das hochverschuldete Mexiko.
Mit dem Debakel der Mexikaner treibt die westliche Finanzwelt nun in eine neue Phase der seit 1982 schwelenden Schuldenkrise: Wieder ist zu befürchten, daß Mexiko, nach Brasilien das am zweitstärksten verschuldete Land, den Banken in den USA keine Zinsen und Tilgungsraten überweisen kann; wieder müssen sich die Schuldenmanager von Banken und Regierungen hastig in Krisensitzungen zusammenfinden, um Schaden für das internationale Finanzsystem abzuwenden: wieder muß mit der Schieflage einer Bank gerechnet werden.
Die Mexikaner hatten zunächst noch versucht, ihre Preise einigermaßen zu halten. Doch im Januar mußten auch sie ihr Öl deutlich verbilligen. Kurz nacheinander kappten Manager der staatlichen Ölgesellschaft Pemex den Petropreis: erst um fast fünf, dann um vier Dollar.
Den Mexikanern blieb keine andere Wahl. Sie hätten sonst, sagt Energieminister Francisco Labastida, "den Markt anderen Ländern überlassen" müssen.
Diese Erfahrung hatten die Mexikaner im letzten Sommer machen müssen. Weil sie ihre Preise nicht rechtzeitig auf Weltmarktniveau gedrosselt hatten, mußten sie Exporteinbußen in Höhe von 800 Millionen Dollar hinnehmen.
Besonders aufmerksam wurden die Preismanöver der Mexikaner in den Zentralen der amerikanischen Großbanken verfolgt. Rund 11,5 Milliarden Dollar hätte Mexikos Finanzminister Jesus Silva Herzog in diesem Jahr für Tilgung und Zinsen auf die rund 97 Milliarden Dollar Schulden ins Ausland, vornehmlich in die USA, überweisen müssen. Die dramatischen Preisstürze am Ölmarkt haben es nun, so Silva Herzog, "unmöglich gemacht, den Plan zur Schuldentilgung zu erfüllen".
Schon vor dem Niedergang der Petropreise hätte der Finanzminister vier Milliarden Dollar frisches Geld aus dem Ausland gebraucht, um sein Land finanziell lebensfähig zu halten. Jetzt sind es fast neun Milliarden.
Bis vor kurzem noch waren Mexikos Gläubiger gewiß, das Schuldenproblem des Landes im Griff zu haben. Mexiko galt bei den Bankern der großen Kreditinstitute und bei den Funktionären des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington als wirtschaftspolitisches Musterland. Auf Druck ihrer Geldgeber hatten Mexikos Regierende in einem wahren "Krieg gegen die Krise" (Haushaltsminister Carlos Salinas de Gortari) die Finanzen halbwegs saniert.
Mit rabiaten Importdrosselungen und einer dramatischen Peso-Abwertung drückten die Regierenden ihre Zahlungsbilanz in die schwarzen Zahlen - mit Kürzungen der Subventionen für Grundnahrungsmittel, Strom und Transport, mit der Entlassung Zehntausender öffentlicher Angestellter und mit der Privatisierung Dutzender staatlicher Firmen kappten sie das Haushaltsdefizit. Die Inflation drückten die Wirtschaftssanierer von über 100 auf zuletzt 60 Prozent.
Der Preis, den Mexikos Bevölkerung zahlen mußte, war hoch. Der ohnehin schon kärgliche Lebensstandard sank gegenüber 1982 um fast ein Drittel. Die Massenarbeitslosigkeit - allein 900000 junge Menschen drängen jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt - nahm zu.
Die Roßkur belohnten die Banker aus dem Ausland mit einer grandiosen Umschuldungs-Aktion: Zinszahlungen wurden zeitweise ausgesetzt, Rückzahlungsverpflichtungen weit gestreckt.
Der finanzielle Spielraum ist nun schon wieder dahin. "Die Nervosität und Unsicherheit in der Regierung wachsen", beschrieb die Wochenzeitschrift "Proceso" die Lage. Präsident Miguel de la Madrid verkündete über das Fernsehen: "Nun sind unsere Gläubiger an der Reihe, zumindest ähnliche Opfer zu bringen wie das mexikanische Volk." Finanzminister Silva Herzog machte klar, daß neue Kredite zur Begleichung fälliger Zinsen und Tilgungsraten - dieses Jahr rund 11,5 Milliarden Dollar - nur dann infrage kommen, wenn insgesamt "die Zinssätze zwei oder drei Punkte niedriger" ausfielen.
Ein Zinsnachlaß in dieser Größenordnung hinterließe häßliche Spuren in Amerikas Bank-Bilanzen. Der New Yorker Finanz-Experte für Lateinamerika, Komal Sri-Kumar, rechnete vor, daß eine Zinsermäßigung von derzeit durchschnittlich 9,2 Prozent auf 6 Prozent bei den acht größten US-Gläubigerbanken einem Verlust von fünf Prozent ihres letzten Reingewinns entspräche.
Für die Banken könnte es noch ärger kommen. Viele Schuldenmanager Lateinamerikas spielen mit der Idee, die Zinsen einseitig neu festzulegen. Neben Mexiko könnten sich Argentinien und Brasilien sowie weitere acht Staaten zu einem solchen Vorgehen entschließen. Sie verlangten am Freitag vergangener Woche auf einer gemeinsamen Schuldenkonferenz in Punta del Este (Uruguay), die Gläubiger müßten anerkennen, daß die Völker Lateinamerikas die Lasten nicht mehr verkraften können.
Mexikos Finanzminister Silva Herzog mahnte unterdes die Bankenszene: "Wir durchleben eine Notsituation, die, wenn nicht sofort und klug gehandelt wird, zu Turbulenzen führen kann, denen gegenüber der Krisensommer 1982 eine Windstille war." _(Vergangene Woche; stehend: Uruguays ) _(Präsident Julio M. Sanguinetti. )
Vergangene Woche; stehend: Uruguays Präsident Julio M. Sanguinetti.

DER SPIEGEL 10/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHULDENKRISE:
Roßkur ohne Erfolg

Video 02:56

Dartford bei London Der Wahlkreis, der immer recht hat

  • Video "Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt" Video 00:45
    Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt
  • Video "Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab" Video 01:16
    Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab
  • Video "Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt" Video 01:30
    Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"
  • Video "Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa" Video 00:38
    Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Video "Frust vor Großbritannien-Wahl: Keiner von denen sagt die Wahrheit" Video 01:24
    Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Video "Greta Thunberg beim Klimagipfel: Man rennt sofort los und rettet das Kind" Video 01:52
    Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • Video "Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: Ich war ein Idiot" Video 01:25
    Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: "Ich war ein Idiot"
  • Video "Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung" Video 01:26
    Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Video "Vertikale Stadt: Öko-Wohnzylinder fürs Emirat" Video 02:00
    "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video "Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug" Video 00:50
    Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Video "Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?" Video 02:06
    Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Video "Nach Vulkanausbruch auf White Island: Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt" Video 02:10
    Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit" Video 01:41
    Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit
  • Video "Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus" Video 01:27
    Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Video "Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat" Video 02:56
    Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat