03.03.1986

„Streckenweise allzu romantisch“

Franz Alt über Dietmar Schönherrs Reisetagebuch „Nicaragua, mi amor“ *
Dieses Buch ist keine Liebeserklärung an die sandinistische Regierung, aber eine Liebeserklärung an die leidgeprüften Menschen in dem geschundenen Nicaragua. Es erscheint in einer Situation, die verworrener kaum sein könnte - hier und dort.
Nicaragua - das ist der Stoff, aus dem derzeit die Träume der Ideologen sind, links wie rechts. Man muß immer bei der eigenen Regierung anfangen: Die Bonner Regierung gibt keine Entwicklungshilfe, weil in Nicaragua keine demokratischen Verhältnisse herrschen. Sind aber China, Äthiopien oder El Salvador Demokratien?
Die Gründe sind so einfach, daß sich jeder Deutsche schämen müßte: Wir geben nichts, weil die US-Regierung es nicht will. Als die US-Regierung dasselbe Ansinnen an Österreich stellte, hat dessen Kanzler Fred Sinowatz gesagt, niemand habe zu bestimmen, wem Österreich helfe. Warum pilgern so viele konservative Politiker in das große China, aber trampeln auf dem kleinen Nicaragua herum? Chinas Menschenrechtsverletzungen oder gar Chinas Massenmorde und imperialistische Politik in Tibet waren nie ein Thema für Deutschlands Konservative, die bis heute zu feige waren, den Dalai Lama zu empfangen, weil Chinas Botschafter etwas dagegen hat.
Wer Menschenrechtsverletzungen toleriert, weil es ihm ins Geschäft paßt, kann nicht ernst genommen werden, wenn er Menschenrechtsverletzungen beklagt, wo nichts zu holen ist. Warum hat die Bundesregierung nur dann Mut zu einer von Washington unabhängigen Politik, wenn Gaddafi sein großes Maul aufreißt, schweigt aber zu den von den USA mitzuverantwortenden Mordaktionen der "Contras" in Nicaragua? Wie will denn Bonn Einfluß nehmen auf die Entwicklung Nicaraguas zu demokratischen Verhältnissen, wenn es entwicklungspolitisch das Feld der Sowjet-Union, Kuba und der DDR überläßt?
Wieder einmal treiben Washington und seine treuesten Vasallen ein armes, kleines, um einen dritten Weg ringendes Land in die Arme des Ostblocks. Die USA haben in Nicaragua so wenig verloren wie China in Tibet oder die Sowjet-Union in Afghanistan. Andererseits verharmlosen die linke "taz" die Menschenrechtsverletzungen in Nicaragua ebenso wie einige SPD-Politiker oder Nicaragua-Solidaritätsgruppen, die sich hier so sandinistisch gebärden, daß es vielen Sandinisten in Nicaragua schon peinlich ist.
Die Idealisierung weitentfernter Revolutionen in einem Land, in dem nie eine Revolution stattgefunden hat, scheint eine typisch deutsche Kinderkrankheit zu sein. Linke Projektionen helfen Nicaragua so wenig wie konservative Feindbilder oder nordamerikanische Schwitzkastenpolitik.
Mitten in dieser aufgeregt ideologisierten Hoch-Zeit wirkt Dietmar Schönherrs "Tagebuch einer Reise", deren Ziel es war, ein konkretes Hilfsprojekt zu starten, geradezu befreiend und ermutigend. Schönherr beschämt die kleinkarierten Nicaragua-Ideologen. Er liebt die Menschen, aber übersieht nicht, daß die Hühner Nicaraguas ihre Eier in russische Munitionskisten legen. Solange Moskau die elektrischen Glühbirnen liefert, politisiert der Schauspieler aus Wien, komme die Erleuchtung eben aus dem Osten. Nach der Logik der Verantwortlichen in Bonn sollten die Bauern in Nicaragua lieber gar keine Glühbirnen haben als russische. Schönherr hat mit offenen Sinnen und wachem Verstand beobachtet und will jetzt denen helfen, die der Hilfe ganz besonders bedürfen: Waisenkindern auf der Flucht vor "Contras" und nordamerikanischen Waffen.
Und so stellt er sich die Ein-Mann-Entwicklungshilfe vor: _____" Hier muß man schnell helfen. Stromanschluß, Nahrung, " _____" Wasser, Werkzeug - Material - ein Lastwagen - " _____" medizinische Versorgung - ein Arzt vielleicht - Helfer, " _____" wie die Brigadisten, eine Schule etc. Zweite Stufe: Die " _____" Waisenkinder, die huerfanos, die in die Familien " _____" integriert werden, wenn man einmal zur Ruhe gekommen ist. " _____" Das muß das Ziel sein. "
"La Posolera" heißt des Österreichers entwicklungspolitischer Traum in Nicaragua. Er hat es verinnerlicht: "Wenn ich diesen 200 Kindern dort nicht helfe, werden 60 bis 70 von ihnen bald sterben. Wenn dir das klar wird und du bereit bist, daraus Konsequenzen zu ziehen, dann hat sich dein Leben verändert." Dietmar Schönherr will für diese Kinder sein Haus in Wien verkaufen. "Mir reicht ein Zimmer."
Die gutgemeinte Hilfe wird ihm nicht leichtfallen. Denn die gnadenlose Politik Washingtons einerseits und Moskaus Einmischungspolitik andererseits hinterlassen ihre Spuren im heutigen Nicaragua. Das ideologisch unverdächtige Notärzte-Komitee "Cap Anamur" hat soeben ein Entwicklungsprojekt abbrechen müssen, weil es auch von der ideologisch verdächtigten Jungen Union finanziert worden war. Daß der Junge-Union-Vorsitzende Christoph Böhr die Unterstützung
für dieses Projekt ausdrücklich auch als Kritik an der Bonner Nicaragua-Politik verstanden wissen wollte, nahm eine verängstigte Bürokratie in Managua nicht zur Kenntnis.
Eine ideologische Verbohrtheit zeugt die andere: Berührungsängste auf beiden Seiten. Auf Kosten derer, die Hilfe bräuchten.
Schönherrs "Nicaragua, mi amor" ist mir streckenweise zu romantisch geraten, andererseits aber birgt es auch etwas von jener inneren Kraft, die der Entwicklungshelfer Dietmar künftig brauchen wird, um an den ideologischen Kleingeistern hier und dort nicht zu verzweifeln. Ich wünsche ihm die innere Souveränität und politische Klarsicht Rupert Neudecks, der trotz Scheitern des Notärzte-Projekts im Norden Nicaraguas sagt: "Kritische Solidarität ist gerade jetzt nötig. Die Bundesregierung sollte endlich die Entwicklungshilfe für ganz konkrete Projekte zugunsten der Ärmsten in Nicaragua wiederaufnehmen."
Private westeuropäische Entwicklungshilfe in Nicaragua hat es 1986 nicht nur mit politischen Spießern in Bonn und ängstlichen Bürokraten in Managua, sondern vor allem auch mit "Contras" zu tun. Über sie, die für Ronald Reagan "Freiheitskämpfer" sind, sagt ein Campesino, der weiß, wovon er redet, zu Dietmar Schönherr: "Sie morden Kinder, vergewaltigen Frauen, bringen alte Leute um. Sie haben vor überhaupt nichts Respekt. Einem meiner Jungen haben sie die Zunge herausgeschnitten, dem anderen die Augen ausgestochen. Sie haben ihm die Gedärme herausgerissen. Es war grauenhaft, meine Kinder so zu sehen. Ich heiße Francisco."
Den Bürgerkriegsalltag schildert Schönherr in seinem Tagebuch ohne Pathos, aber mit Anteilnahme. Die Militarisierung Nicaraguas hatte längst begonnen, bevor ernsthaft von einer äußeren Invasion gesprochen werden konnte. Und die Sandinisten hatten schon vor drei Jahren, als ich mit Günter Graß und Johano Strasser im Lande war, wenig Verständnis für die Sorgen, die deshalb ihre unmittelbaren Nachbarn hatten. Es gibt nach jeder Revolution Revolutionäre, die sich nur schwer vorstellen können, daß Frieden, Versöhnung und Kompromiß das Ziel einer Revolution sein sollen. Ronald Reagan macht es ihnen so leicht, wie sie es ihm leichtmachen.
Schönherrs Antwort auf die selbstgestellte Frage nach dem Sinn dieses Bürgerkriegs: _____" Damit in der Wallstreet die Börse gut geht, damit die " _____" Geldwechsler gute Geschäfte machen und in Pochomil der " _____" weiße Rum durch die Kehlen gurgelt und die jungen " _____" Idealisten rufen PATRIA LIBRE O MORIR ein Irrenhaus ist " _____" es das Leben und die Frage ist nur ob du draußen bist " _____" oder drinnen Absurdo Absurdo und da steh ich ein " _____" altgewordenes Kind mit Flügeln wie Wackersteine "
Wie kommt ein 60jähriger, der die große Politik so verzweifelt nüchtern analysiert, dazu, in einem Buch für ein kleines Hilfsprojekt zu werben? Er hat in Nicaragua ein Stück Befreiungstheologie abbekommen. Während der Messe hört er das Evangelium vom Glauben, der winzig wie ein Senfkorn ist und doch eine so große Wirkung haben kann: "Und nichts wird euch unmöglich sein" (Mattäus 17, 20). Da hat es ihn erwischt.
Der in Europa wahrscheinlich lange keinen Gottesdienst mehr besucht, rennt im anscheinend gottverlassenen Nicaragua auf einem Berg herum und schreit seinen Begleitern immer wieder zu: "Und nichts wird euch unmöglich sein." Später träumt er diesen Satz. Den Ostergottesdienst 1985 in Nicaragua nennt er die "heiligste Stunde, die ich je erlebt habe". Gepackt hat ihn die lebensnahe Liturgie inmitten der Armen, aber noch mehr der Ruf einer alten Flüchtlingsfrau: "Man muß Hoffnung haben." Kind und Enkel dieser Frau waren kurz zuvor von "Contras" grauenhaft ermordet worden. Diese Stunde war des Schauspielers Damaskus, jetzt war er motivierter Entwicklungshelfer geworden. Theologie, die diesen Namen verdient, ist immer Befreiungstheologie.
Schönherr ist seiner abendländischen Kirche zumindest so weit entfremdet, daß er in seinem Buch ständig den Kar-Mittwoch mit dem Aschermittwoch verwechselt. Aber der Heilige Geist, dem so etwas schnuppe ist, sucht sich offenbar Landeplätze aus, wo immer er will. Uns Intellektuellen geht so etwas am allerwenigsten ins Hirn. Das halten wir im Kopf nicht aus. Schönherr hat es anderswo erwischt.
Dietmar Schönherr hat trotzdem ein zärtliches Buch geschrieben. Den schwierigsten Teil seines Weges als Entwicklungshelfer hat er vor sich. Wer nicht an Wunder glaubt, ist in Sachen Entwicklungshilfe bekanntlich kein Realist. Die Wunder-Erfahrungen, die Schönherr beschreibt, wird er künftig noch mehr brauchen. Dabei ist seine Vision für diejenigen, die vor den mordenden "Contras" fliehen, so einfach: "In Posolera sind wir 400. Zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse braucht man pro Person etwa zehn Mark monatlich. Findet man in Europa 400 Menschen, die bereit sind, ein Jahr lang pro Monat einen Fastentag einzulegen, dann hat man schon das ganze Geld zusammen." Wer bereit ist, kann zahlen - auf das Konto "Hilfe zur Selbsthilfe", Deutsche Bank/Mannheim, Konto 262626, BLZ 67070010. Für linke Revolutionskomplexe ist das natürlich viel zuwenig und für rechte Kommunismus-Komplexe bereits viel zuviel. An keinem anderen Beispiel wie an Nicaragua wird heute so deutlich, daß Ideologen viel wissen, aber nichts verstehen.
In und um Nicaragua tobt weltweit ein Kampf zwischen Ideologie und Humanität. Mit "Nicaragua, mi amor" und mit seinem Projekt Posolera hat sich Dietmar Schönherr auf die Seite der Humanitären gestellt. Den Satz, den er beim Abschied von seinen neuen Freunden immer wieder hörte, kann er nicht mehr vergessen: "Bis zum nächsten Mal, si no me matan, wenn sie mich nicht umbringen ..."
In diesen Tagen sehen sie ihn wieder. Er fuhr mit 100000 Dollar in der Tasche wieder nach Posolera.
Von Franz Alt

DER SPIEGEL 10/1986
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