05.05.1986

„Kein Bauer mit 'ner Kuh wählt heut noch CDU“

Eine neue Agraropposition bekämpft die Bonner Landwirtschaftspolitik *
Wann immer Ignaz Kiechle in deutschen Landen um Verständnis für die Bonner Politik werben will, muß er damit rechnen, ähnlich begrüßt zu werden wie von den rund tausend Teilnehmern einer Veranstaltung des Kreisbauernverbandes in Fulda - mit Preßluftfanfaren, Trompeten und Transparenten: "Mit Kohl, Kiechle, Heereman fing bei uns die Pleite an."
In Fulda mußte Kiechle den böse brodelnden Saal durch eine Hintertür betreten. In Dithmarschen, wo schon in den zwanziger Jahren Bauern mit Bomben gegen Bonzen protestiert hatten, wurde der Minister mit Morddrohungen empfangen. Eine Kiechle-Rede vor 1500 Landwirten in der Husumer Kongreßhalle ging, wie Lokalreporter notierten, zeitweise in "infernalischem Lärm" unter.
Wo immer der Allgäuer die Agrarpolitik des Kohl-Kabinetts präsentieren will, hat er schon vor seinem Auftritt verloren. Ganz gleich, ob Kiechle, wie in Dortmund, fast weinerlich um Gehör bittet ("Ich bin doch selbst Bauer") oder ob er genervt raunzt: "Es nützt doch keine Tute und keine Sirene, wenn das Geld ausgeht" - ruhigstellen kann er seine Bauern nicht mehr.
Für Unruhe sorgen neuerdings, innerhalb wie außerhalb der traditionellen Verbände der Landwirtschaft, Gruppen und Grüppchen rebellischer Bauern, die sich selber als Teil einer bundesweiten "Agraropposition" verstehen.
Vor allem kleinere und mittlere Landwirte sehen sich durch die Bonner und Brüsseler Agrarpolitik, von der Milchquotenregelung bis hin zur Flurbereinigung, in ihrer Existenz bedroht. Sie fühlen sich weder durch die CDU/CSU noch durch den Deutschen Bauernverband vertreten, an dessen Spitze mit dem Gutsherrn Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck ein Unionschrist den Ton angibt.
Schon vor den schleswig-holsteinischen Kommunalwahlen hatten Agraroppositionelle deutlich gemacht, wie zerrüttet mittlerweile das Verhältnis zwischen Bauernschaft und Union ist - eine Beziehung, die lange Zeit einer Musterehe glich.
In der Kieler Ostseehalle forderte Peter Johannsen, Vorsitzender des Jungbauernverbandes, unter dem Beifall von 9000 Landwirten den Rücktritt des Bonner Finanzministers Gerhard Stoltenberg vom CDU-Landesvorsitz. Der Bauer Herbert Heuer, Sprecher einer "Interessengemeinschaft für eine gerechte Milchmengenverteilung", befand, die Milchpolitik der Bundesregierung gleiche einer "Wahlempfehlung von Landwirtschaftsminister Kiechle gegen seine eigene Regierung und gegen die Union".
Jetzt, vor der Niedersachsen-Wahl, verheißen Transparente demonstrierender Landwirte der Union ebenfalls wenig Gutes. Typischer Text: "Kein Bauer mit ''ner Kuh wählt heut noch CDU." In Bauernversammlungen ernten regelmäßig diejenigen Beifall, die für Wahlabstinenz werben.
In Dickel bei Diepholz nahe Bremen kamen jüngst sechzig Hofbesitzer zusammen, um durch einen "Aufruf zum Wahlboykott 1986" in Niedersachsen "politischen Druck auszuüben". Die agraroppositionelle Zeitschrift "Bauernblatt" kommentierte: "Ein Wahlboykott wäre ein wichtiger, bewußter Schritt, nicht mehr alles mitzumachen. Was spricht dagegen, diesen Schritt zu machen?''
Albrecht muß solche Stimmen ernst nehmen. Denn ähnlich wie die Boykottwerber denkt offenbar eine wachsende Zahl von Bauern. Schon im Dezember letzten Jahres meldete die Fachzeitschrift "top agrar", daß sich jeder zweite Landwirt von keiner politischen Partei richtig vertreten fühle. Fast jeder vierte _(Am 14. April in Welze bei Hannover. )
Landwirt wolle das nächste Mal gar nicht wählen.
Immer häufiger nehmen sich die ländlichen Protest-Lyriker den Christunionler Kiechle persönlich vor. "Ignaz Kiechle dick und rund - die Höfe sind nicht mehr gesund" klingt es da oder, aggressiver noch: "Kiechle, setz dich durch in Brüssel, sonst gibt''s was auf den Rüssel."
Selbst dem christdemokratischen Bauern-Präsidenten von Heereman gelingt es nicht mehr, das Landvolk auf Unionslinie zu halten. Im Gegenteil: Gerade an der Figur des Freiherrn, der aus der Sicht seiner Widersacher vor allem die Interessen der agroindustriellen Großbetriebe und der Großchemie verfolgt, entzündet sich zunehmend Kritik.
In Gütersloh hielten Landwirte im Februar ihrem Präsidenten Anzügliches vor die Nase: "Bauern und Bayer Leverkusen - man kann doch nicht mit beiden schmusen." Und vor 400 Bauern im Rendsburger Hotel "Conventgarten" fragte Siegfried Bienemann, einer der eifrigsten Organisatoren der Bauernopposition im Norden, ob er denn "mal vorlesen soll, wo der Heereman überall seine 22 Posten hat". Die holsteinischen Landwirte munterten ihn auf: "Ja, dat mok man."
Bienemann zitierte eine Lange Liste, die unter anderem Heeremans Aufsichtsratsposten bei Bayer, der Deutschen Genossenschaftsbank, der Handels- und Privatbank und bei Klöckner-Humboldt-Deutz verzeichnet. Als Bienemann geendet hatte, fragte einer der Zuhörer, wo der Freiherr von Heereman "denn seine Schwielen hat - an den Händen oder am Hintern?" Broder Ingwersen, jahrelang Funktionär des holsteinischen Bauernverbandes, nun im Lager der Opposition, erklärte die Heeremansche Amterhäufung kurz zum "Verrat am Berufsstand".
Wachsenden Unmut bekommen auch die Bauernfunktionäre überall in den Regionalverbänden zu spüren. Um ihren Kredit an der Basis nicht völlig zu verspielen, machen sich manche Vertreter den Zorn des Landvolks zu eigen. Der saarländische Bauernverband etwa forderte Kiechle wegen dessen "agrarpolitischer Rat- und Konzeptlosigkeit" schon zum Rücktritt auf.
Allerorten sehen sich die - zumeist unionsnahen - Verbandsoberen in einem politischen Dilemma: Geben sie dem Druck der Basis nach, droht Zoff mit der Regierungspartei: begegnen sie den verbandsinternell Kritikern mit Rausschmiß, verlieren sie vollends den Einfluß auf die Agraropposition.
Beispiel Niedersachsen: Statt den bäuerlichen Unmut aufzugreifen, versuchten die Verbandsoberen dort die Unruhestifter loszuwerden. Wie riskant diese Strategie ist, zeigte sich im Herbst letzten Jahres im Ostfriesischen.
Zu den Landwirtschaftskammerwahlen im Bereich Weser/Ems trat dort erstmals eine oppositionelle Liste "Arbeitskreis Praktischer Landwirte" an, mit lediglich zwei Wahlaussagen: "1. Wir sind gegen die Milchquotenregelung. 2. Der Bauernverband lügt."
Als die Rebellen auf Anhieb fast ein Drittel der Stimmen erhielten, warf das _(In der Dortmunder Westfalenhalle. )
"Landvolk", die niedersächsische Gliederung der Heereman-Organisation, den Stimmführer Siegfried Sander aus dem Verband. Nun zählt Sander zu jenen Landwirten, die am lautesten zum Wahlboykott aufrufen.
Während die Bauernschaft zur Union mehr und mehr auf Distanz geht, verlieren sich, mit verblüffender Geschwindigkeit, überkommene Berührungsängste gegenüber jenen gesellschaftlichen Gruppierungen, die lange Zeit als Erzfeinde der Landwirte hingestellt wurden: Sozis, Verbraucherverbände und sogar Naturschützer - eine "grün-grüne Front" ist im Entstehen.
Öko- und Konsumentenverbände gelten den Agraroppositionellen aus gutem Grund als die besten Verbündeten. Denn die in Brüssel und Bonn betriebene Landwirtschaftspolitik - Motto: Wachsen oder weichen - vernichtet aus Sicht der Bauernopposition nicht nur die kleinen Familienbetriebe, die offizielle Förderung von Flurbereinigung und Großbetrieben, Intensivproduktion und Chemisierung zerstöre zugleich das ökologische Gefüge der Agrarlandschaft und beeinträchtige die Qualität landwirtschaftlicher Produkte.
Solche Einsichten haben in Bayern zu einer erstaunlichen Koalition geführt. "Zum ersten Mal" in der Geschichte der deutschen Agrarpolitik fand letzten Monat, wie der Bund Naturschutz in Bayern das Ereignis würdigte, "eine große gemeinsame Kundgebung von Bauern, Verbrauchern und Naturschützern" statt.
Mit einem "Oberpfälzer Bauerntag" stellte sich in Schwandorf die "Bayerische Agraropposition" - der Öffentlichkeit vor, ein "loser Zusammenschluß" des einflußreichen bayrischen Naturschutz-Bundes (65000 Mitglieder), der Katholischen Landjugend, einer "Aktionsgruppe Bauern und Verbraucher, einer "Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft sowie diverser Gruppen von Protest-, Nebenerwerbs- und Öko-Bauern.
Der Agrarprotest, der sich in Schwandorf artikulierte, nimmt sich gänzlich anders aus seine Vorläufer in den fünfziger und sechziger Jahren. Damals gaben sich die Protestierer strikt ständisch, und viele waren anfällig für rechtsradikale Parolen. Noch Ende der sechziger Jahre rief der damalige Bauernpräsident Edmund Rehwinkel zur Wahl der NPD auf.
Das Klischee des bornierten, rückständigen Bauern ist mittlerweile überholt. Bauernprotest heute wird wesentlich bestimmt von gut ausgebildeten, oft diplomierten Junglandwirten, deren Blick auf die agrarpolitische Landschaft nicht am eigenen Weidezaun endet. Das Betriebsergebnis ihres Hofes ist ihnen zwar nach wie vor wichtig, aber nicht mehr einzige Bestimmungsgröße der Kalkulation - aufgehen soll möglichst auch die ökologische Gesamtrechnung.
Vom Erscheinungsbild her passen viele der Bauern, die heute in Bewegung sind, eher auf eine Friedensdemonstration als auf eine Fronleichnamsprozession. Die Parolen erinnern an Sprüche demonstrierender Studenten, etwa das Motto des Oberpfälzer Bauerntages - "Power to the Bauer" - oder der bundesweite Kampfruf der Agraroppositionellen: "Bleibt auf dem Lande und wehret euch täglich."
Harter Kern des neuen Bauernprotests sind eine Fülle von Selbsthilfeorganisationen, die zum Teil seit Jahren schon gegen amtliche Pläne zur sogenannten Flurbereinigung kämpfen. Von der Landschaftsbegradigung, argumentieren die Protestbauern, profitierten vor allem die Großbetriebe; die Flurbereinigung beschleunige daher das Bauernsterben.
Am Protest gegen die Flurbereinigung bildete sich zum Beispiel in der Fränkischen Schweiz vor zwei Jahren eine "Interessengemeinschaft Bayrischer Bauern". Zu der Gruppe zählten kampferprobte Streiter wie der Landwirt Hans Beck aus dem Dorf Dobenreuth. Wie die Baumaschinen der Flurbereinigungsbehörde angerollt kamen", erinnert sich Beck, "haben wir uns mit unseren Traktoren _(Bei einem Treffen in Kassel; mit Karl ) _(Friedrich Osenberg (3. v. l.) und Arnold ) _(Wesling (5. v. l.). )
in den Weg gestellt." Bei ihrem Kampf gegen die Agrarbeamten fanden die rebellischen Bauern häufig die Naturschützer an ihrer Seite - eine Erfahrung, die dazu beigetragen hat, daß mittlerweile fast ein Drittel der Mitglieder des Bundes Naturschutz in Bayern Landwirte sind.
Einmal in Bewegung, beschlossen die fränkischen Protestbauern, "den Erhalt der bäuerlichen Betriebe in den Mittelpunkt" zu stellen. "Die Agrarpolitik die uns Bauern zwingt, mit Hilfe immer modernerer Maschinen und mit immer mehr Chemie immer mehr zu produzieren", heißt es in einem Grundsatzpapier, "bringt uns den sozialen Abstieg."
Sprecher der fränkischen Bauern ist Fritz Memmert, 46, aus Marloffstein bei Erlangen, der auf seinem 42-Hektar-Hof Weizen und Klee anbaut und einige Pensionspferde hält. Wie viele seiner Mitstreiter ist Memmert eigentlich ein konservativer Mann. Um so deutlicher sitzt seine neue Erkenntnis: "Die CSU hat versagt. Franz Josef ist für die Industrie, aber gegen die Bauern."
Mehr noch als die umstrittene Flurbereinigung hat die Bonner Milchpolitik der neuen Agraropposition Anhänger zugetrieben - ein Thema, das wie kaum ein anderes das Landvolk erzürnt (siehe Kasten Seite 44).
Nachdem Ignaz Kiechle im Frühjahr 1984 den deutschen Landwirten zur Drosselung der Milch-Überproduktion eine Quotenregelung aufgedrückt hatte bekam er selbst in Leitartikeln des "Allgäuer Bauernblattes", an dessen Verlag der Minister beteiligt ist, Kritisches zu lesen: Die Regelung sei von einer selbstklugen Bürokratie in aller Eile zusammengeflickt worden und enthallte unglaubliche Mängel.
Ähnlich vernichtend urteilten Bauerninitiativen wie die holsteinische "Interessengemeinschaft für eine "gerechte Milchmengenverteilung", die schnell auf mehrere hundert Mitglieder wuchs: Es gebe keine Verordnung, "die mehr Dummheit, Willkür und Menschenverachtung enthält" als Kiechles Milchpapier.
Von der Bonner Quotenpolitik, so die Agraroppositionellen profitierten ausgerechnet die größeren Betriebe, die mehr als die anderen für die Überproduktion verantwortlich seien. Kleineren Bauern dagegen drohe ein "Tod auf Quoten".
Allein in Baden-Württemberg mußten in den letzten zwei Jahren 5000 Milchbauern aufgeben. In Westfalen wurde jeder vierte Milchbauer zum "Härtefall". "Anstatt die Milchmenge zu reduzieren", protestierten die Betroffenen, "reduziert Kiechle die Zahl der Bauern.
Die vor zwei Jahren von zwanzig Gründungsorganisationen gebildete "Schutzgemeinschaft gegen die Milchkontingentierung" hat mittlerweile sieben Beschwerden beim Bundesverfassungsgericht eingereicht.
Ihr Sprecher, der Landwirt Arnold Weßling, 37, aus Borgholzhausen in Westfalen, ist Mitglied und örtlicher Funktionär der CDU. Das hindert ihn aber nicht, deutlich zu werden. Mehr als einmal schon hat er als "Redner von _(Mit 40 Meter hohen Buchstaben aus ) _(blühenden Maispflanzen protestiert ein ) _(Landwirt gegen ein Straßenbau-Projekt. )
unten seinem Parteifreund Heereman den Spaß an Großveranstaltungen verdorben: "So manche uns gut bekannte Persönlichheit des Bauernverbandes", stichelt der Christdemokrat, "opfert die Interessen der Bauern zugunsten der Parteikarriere.
Weßling, dem die Bauernrebellen-Pose gelegentlich noch etwas unheimlich ist, beruhigt sich und andere: "Wir kämpfen für ein redliches Ziel. Ich will nicht das System verändern. Ich will das System der bäuerlichen Landwirtschaft erhalten. Die Systemveränderer sind die anderen."
"Wenn wir uns jetzt nicht wehren, glaubt Weßling, "wird man uns in fünf Jahren gar nicht mehr fragen, weil es uns nicht mehr gibt". Ebenso wie die Flurbereinigungsgegner sich nicht mehr mit dem Kampf gegen die Flurbereinigung begnügen, kümmern sich die Quotengegner daher nicht mehr allein um die Milchpolitik.
In ihren Mitglieder-Rundbriefen fordert die Schutzgemeinschaft neuerdings auf zum Kampf für eine "grundsätzlich andere Politik". Und konsequenterweise erörtern die Mitglieder nun, ob sie ihre Organisation nicht umbenennen sollen - in "Schutzgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft".
Zulauf und Zuspruch verzeichnet die Agraropposition auch von einer Fülle von bäuerlichen Notgemeinschaften, die in vielen Teilen der Bundesrepublik landzehrende technische Großprojekte zu verhindern trachten. Bauern protestierten oder protestieren beispielsweise *___gegen die geplante nukleare Wieder aufarbeitungsanlage ____im oberpfälzi schen Wackersdorf (Parole: "WAA im Land ____heißt Bauernwiderstand") oder, unter anderem, mit einem ____"Gorleben-Treck mit 400 Treckern, gegen Atomprojekte im ____niedersächsi schen Kreis Lüchow-Dannenberg. *___gegen Kernkraftwerke wie im badi schen Wyhl oder im ____bayrischen Pfaf fenhofen (Motto: "Herr, schenk Du Fried ____dem Donauried und schütz dies Land vor Unverstand"), *___gegen die geplante Teststrecke des Autogiganten ____Daimler-Benz im württembergischen Boxberg der 614 ____Hektar "bestes Ackerland und schönste Wälder" zum Opfer ____fallen sollen.
So wie die Boxberger Bauern, die als Zeichen ihres Zorns auch schon mal die schwarze Bundschuhfahne aus der Zeit der Bauernkriege schwenken, haben viele Agraroppositionelle einen ausgeprägten Sinn für spektakuläre und symbolhafte Aktionen. Damit sollen sie bisweilen sogar die traditionellen Jubelfeiern des westdeutschen Nährstandes heim.
Der offiziellen "Grünen Woche" in Berlin ist schon vor einigen Jahren eine publikumswirksame Konkurrenz erwachsen: Naturschützer und Bio-Bauern laden zeitgleich zu einer - vom Umweltbundesamt heftig begrüßten - "Giftgrünen Woche" ein. Bevorzugtes Thema: Gift in Lebensmitteln.
Wenn die Veranstalter der Grünen Woche gelegentlich, um die kritischen Junglandwirte nicht vollends auszugrenzen, freimütig diskutieren lassen, sehen sie sich der Wut der Oppositionellen ausgesetzt. Zum Thema "Gentechnologie - Chancen und Gefahren" etwa mußten Kiechle und Heereman in diesem Jahr außer den üblichen Buhrufen und Pfiffen auch böse Reden junger Bauernsprecher über sich ergehen lassen: "Sie sind auf dem besten Weg, die bäuerliche Landwirtschaft kaputtzumachen."
Sogar zum politischen Aschermittwoch im bayrischen Vilshofen, traditionell von der CSU bestritten, erschienen in diesem Jahr erstmals grün angehauchte Landwirte. Hias Kreuzeder, Bio-Bauer in Freilassing, referierte in einer Gegenveranstaltung zum Thema "Bauern, auf geht''s - wehren wir uns gemeinsam". Die Agrarexpertin der Grünen, Antje Vollmer, warb für einen "historischen Schulterschluß von Bauern und Verbrauchern.
An Verbündeten außerhalb der Landwirtschaft mangelt es den Agraroppositionellen schon jetzt nicht. Argumentationshilfe bekommen die Landrebellen
sogar aus dem Bonner Agrarministerium.
Noch unter Kiechles Vorgänger, dem Freidemokraten Josef Ertl, war 1979 eine Projektgruppe "Aktionsprogramm Ökologie" mit der Ausarbeitung eines ökologischen Gutachtens beauftragt worden. Im agrarpolitischen Teil der Expertise attestierte der Wissenschaftler-Zirkel Bonner Agrarpolitik Versagen auf der ganzen Linie - Landschaftszerstörung und Artenschwund durch Intensivproduktion, Grundwasserbelastung durch übermäßige und falsche Düngung. Bodenvergiftung durch Insektizide und Pflanzenschutzmittel, verminderte Nahrungsmittelqualität durch Intensivtierhaltung.
Die Ratschläge der wissenschaftlichen Gutachter sind nahezu identisch mit den Forderungen etwa der neugegründeten "Bayerischen Agraropposition": Förderung alternativer Anbauweisen, Reduzierung des Düngemitteleinsatzes, Verbot umweltschädlicher Pflanzenschutzmittel.
Selbst auf die Kirchen können sich die Kritiker der christdemokratischen Landwirtschaftspolitik berufen. In einer Agrar-Denkschrift hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 1984 für die Landwirtschaft ein "erneuertes Wertbewußtsein für Natur und Umwelt" gefordert sowie, zum Beispiel, eine "Einschränkung von Massentierhaltung". Kein Wunder, daß Mitglieder kirchlicher Landjugendgruppen sich bei den Agraroppositionellen durchweg besser aufgehoben fühlen als im Bauernverband.
Propagiert werden die Ansichten der kritischen Jungbauern von der Kampfpostille "Bauernblatt", die monatlich in einer Auflage von 6000 Exemplaren erscheint. Die "Zeitung von Bauern für Bauern" (Untertitel) hat sich mittlerweile zu einer Art Zentralorgan der bundesdeutschen Bauernopposition gemausert. _(Arbeitsgemeinschaft "Bauernblatt" (Hg.): ) _("Bleibt auf dem Lande und wehret euch ) _(täglich, Materialien und Meinungen. ) _(Zusammengestellt aus ) _("Bauernblatt-Aufsätzen". 10 Mark; Bezug: ) _("Bauernblatt, Nordrheda 3, 4840 ) _(Rheda-Wiedenbrück. )
Herausgegeben wird das Blatt von einer "Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft" (AbL), die 1973 aus einem "Arbeitskreis Junger Landwirte" entstanden ist. Nur ein kleiner Teil der AbL-Landwirte sind Bio-Bauern. Die meisten wirtschaften konventionell - der Verband will mehrheitsfähig bleiben.
In ihren Schriften wettert die AbL gegen "Agra-Business und Massentierhaltung", gegen "Überschußproduktion und Wachstumszwang". Die jungen Bauern sehen ihren Berufsstand fest im Griff der Düngemittel- und Landmaschinen-Industrie, beherrscht von Futtermittelimporteuren, Agrarbanken und "EG-Gewinnlern".
"Die deutsche Landwirtschaft", klagt AbL-Vorsitzender Karl-Friedrich Osenberg, 33, werde derzeit "auf dem Scheiterhaufen der Industriegesellschaft und der EG-Industrie verbrannt. Die Europäische Gemeinschaft, wettert der alternative Bauernführer, sei zum "Selbstbedienungsladen der Verarbeitungsindustrie _(Im März 1979; gegen den geplanten Bau ) _(von Atomanlagen im Landkreis ) _(Lüchow-Dannenberg. )
geworden ."Was aus Brüssel kommt, bedeutet Zerstörung".
Die "stille Mehrheit der Bauern" weiß Osenberg auf seiner Seite, wenn er die aberwitzigen Folgen der EG-Politik anprangert: "Von jeder Mark, die aus Steuergeldern in die EG-Kasse wandert, kommen nur 30 Pfennig beim Bauern an."
Den "Bauernblatt" - Leuten laufen nach eigenem Bekunden empörte Landwirte zur Zeit "von selbst" zu. Bei der jüngsten Mitgliederversammlung im Speisesaal der Kasseler Jugendherberge klagten Vorstandssprecher: "Wir platzen organisatorisch aus allen Nähten." Einige der Agrarrebellen sahen schon den Zeitpunkt gekommen, einen "zweiten Bauernverband" zu gründen.
Doch obwohl Osenberg - rhetorisch - fragte: "Wer soll es tun, wenn nicht wir? Und wann sollen wir es tun, wenn nicht jetzt?", wagten die Alternativbauern noch nicht den direkten Anlauf gegen Heeremans Mammut-Organisation, in der immerhin 90 Prozent aller Höfe organisiert sind.
Erst einmal wollen die "Bauernblatt - Leute ihre eigenen Organisationsstrukturen ausbauen, nachdem sie in den vergangenen Jahren - aus basisdemokratischen Gründen - auf einen zentralen Apparat verzichtet hatten. Erfreut registrieren sie, daß ihr Einfluß seit langem stetig wächst.
Längst wird die AbL zu Hearings in Landtage und Fachausschüsse gebeten. Unlängst diskutierte gar, vor den Kameras des hessischen Fernsehens, Ignaz Kiechle mit Onno Poppinga, Professor an der Gesamthochschule Kassel und einer der theoretischen Köpfe der Bauernopposition.
In Hessen verzeichnete die "Bauernblatt" -Bewegung auch ihren bisher wohl bedeutendsten politischen Einsatz. In Wiesbaden saßen AbL-Mitglieder 1984 für die Grünen mit der SPD am Verhandlungstisch. Die Öko-Partei hatte sich, "weil zuwenig Ahnung", vor den Tolerierungsverhandlungen hilfesuchend an die "Bauernblatt -Leute" gewandt.
Sogar die Bauernverbandspresse, die lange Zeit die Agraroppositionellen totgeschwiegen hat, kommt nun nicht mehr darum herum, sie gelegentlich zu erwähnen - wenn auch zumeist zum Zwecke der Diffamierung. Von "Ohrwürmern" ist dann die Rede, die "den Bauern vor fremde Karren spannen" wollten, von "grünen Kommunisten und "Studenten".
Doch selbst die Kommunistenangst der Bauern scheint nicht mehr das, was sie früher mal war. Bei den jüngsten Demonstrationen jedenfalls machten westdeutsche Bauern ihrer Existenzangst mit einer Parole Luft, wie sie noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre.
"Lieber im Sozialismus ehrenvoll enteignet werden", verkündete da ein Transparent, "als sich im Kapitalismus kaputtzuschuften."
Am 14. April in Welze bei Hannover. In der Dortmunder Westfalenhalle. Bei einem Treffen in Kassel; mit Karl Friedrich Osenberg (3. v. l.) und Arnold Wesling (5. v. l.). Mit 40 Meter hohen Buchstaben aus blühenden Maispflanzen protestiert ein Landwirt gegen ein Straßenbau-Projekt. Arbeitsgemeinschaft "Bauernblatt" (Hg.): "Bleibt auf dem Lande und wehret euch täglich, Materialien und Meinungen. Zusammengestellt aus "Bauernblatt-Aufsätzen". 10 Mark; Bezug: "Bauernblatt, Nordrheda 3, 4840 Rheda-Wiedenbrück. Im März 1979; gegen den geplanten Bau von Atomanlagen im Landkreis Lüchow-Dannenberg.

DER SPIEGEL 19/1986
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