03.03.1986

WERBUNGMagische Formel

Verstärkt nutzen Parteien und Politiker in aller Welt das Know-how amerikanischer Wahlkampf-Experten. *
Die kleine Insel vor der Küste Venezuelas, nicht einmal halb so groß wie Bremen, ist vor allem berühmt für ihre feinen weißen Strände und die warme Sonne der Karibik.
67000 Menschen leben auf Aruba, das 350 Jahre lang als Teil der Niederländischen Antillen von Holländern regiert wurde - woran auch heute noch die schmucken Häuser und eine von einer anderen Ex-Kolonie importierte kulinarische Spezialität erinnern, die indonesische Reistafel.
Bis zum vorigen Sommer lebten die 67000 vor allem vom Tourismus und für den Tourismus - und sie lebten keineswegs schlecht damit.
Doch dann standen Wahlen ins Haus: Aruba hatte einen neuen, halbwegs unabhängigen Status erhalten. Seither ist nichts mehr so, wie es einmal war auf Aruba.
Da gab es plötzlich Meinungsumfragen auf der Insel, politische Werbung im Fernsehen und sogar modernste Himmelsschreiber, die den Slogan "Für ein neues Aruba" in die Luft malten.
Das war die Parole der AVP, der Aruba-Volkspartei, bis dahin stets abgeschlagene Nummer zwei in der Inselpolitik. In den letzten zehn Tagen vor der Wahl schickte die AVP den 42440 Wählern obendrein noch insgesamt 75000 Werbebriefe ins Haus, alle mit dem
Kernsatz, nur die AVP verfüge über ein "Team zur Rettung der Insel".
Wer da vor wem gerettet werden sollte, blieb offen - und ebenso die Frage, wie sich wohl das "neue Aruba" vom alten unterscheiden werde. Aber die Slogans hatten Erfolg. Die AVP blieb zwar Nummer zwei, wurde aber so stark, daß sie gemeinsam mit drei Splitterparteien den Auftrag zur Regierungsbildung erhielt.
Das Geheimnis für den Erfolg war importiert - aus dem Branchenfernsprechbuch der US-Hauptstadt Washington. Dort hatten die Führer der AVP nach einem geeigneten "political consultant" gesucht, einem Vertreter jenes Berufsstandes, der seine Erfüllung darin findet, den Wählern Politiker jeglicher Couleur schmackhaft zu machen und zu verkaufen.
Das politische Beraterwesen ist in den vergangenen neun Jahren prächtig gediehen. Die Zahl der in Washington offiziell registrierten Lobbyisten ist von 3420 im Jahre 1976 auf derzeit 8800 hochgeschnellt.
Das blühende Gewerbe (geschätzter Jahresumsatz der Beraterbranche: mehr als anderthalb Milliarden Dollar) ist auch für Ausländer leicht erreichbar. Auf den "Gelben Seiten" waren die AVP-Vertreter auf John Rendon gestoßen, der einst das Produkt Jimmy Carter an den Mann gebracht und für den Präsidenten Carter 1980 auch die Democratic Convention, den lärmenden Parteitag der Demokraten in New York gegen den damaligen Herausforderer Edward Kennedy organisiert hatte.
Rendon war gerade frei und gegen gutes Honorar auch bereit gewesen, sein Know-how in den Dienst der AVP zu stellen.
Siebenmal flog er nach Aruba und machte dort Wahlkampf auf amerikanisch - mit einem Wahlparteitag für die AVP, mit Werbung per Brief, die auf jede Wählergruppe besonders eingeht, vor allem aber mit dem Himmelsschreiber. Rendon: "Das war so neu, daß die Leute auf der Insel drei Tage lang über nichts anderes geredet haben."
Ähnliche Erfahrungen wie das derart umgarnte Wahlvolk von Aruba haben die Wähler auch in Kolumbien und Venezuela, in Panama, in Nigeria, auf den Philippinen und auf der Sonnen-Insel Bermuda gemacht: In zunehmendem Maße nutzen die Washingtoner Handelsreisenden in Sachen Politik die Flaute zwischen den Wahlen daheim, um zum Geldverdienen in überseeische Länder auszuschwärmen.
Zu ihren Klienten zählen sogar Politiker und Parteien aus solchen Ländern, die sich sonst durchaus etwas auf ihre eigenen PR-Künstler zugute halten oder, zumindest nach außen, Distanz zu den Amerikanern wahren.
In Großbritannien etwa, das sich zuweilen als Mutterland der Public Relations versteht, heuerte die 1981 gegründete Social Democratic Party (SDP) den Amerikaner Matt Reese an. Reese hatte vor über 25 Jahren mitgeholfen, John F. Kennedy den Weg ins Weiße Haus zu ebnen.
In Griechenland versuchte der Consultant David Sawyer 1985 vergebens, die Rechte zum Sieg gegen Andreas Papandreou zu führen. Mehr Glück hatte Sawyer dagegen in Panama, wo er mit dem Präsidentschaftskandidaten Nicolas Ardito Barletta Vallarina erfolgreich war.
Ausgerechnet im nationalbewußten Frankreich engagierte Valery Giscard d'Estaing bei den Wahlen von 1974 den amerikanischen Oldtimer Joseph Napolitan als Berater.
Napolitan hatte als einer der ersten erkannt, daß es den eigenen Blick weitet, wenn man sich nicht immer nur mit den Wählerströmungen in Iowa oder Indiana befaßt. Napolitan behauptet, auf allen fünf Kontinenten als Berater zu dienen. Acht ausländische Staatschefs suchten seinen Rat, darunter auch - 1969 - Ferdinand Marcos auf den Philippinen.
Aber nirgends ging es so geheim und so vertraulich zu wie in Frankreich, wo Napolitans Job als Wahlkampfberater von Giscard erst Jahre später bekannt wurde. Jahrelang geheim blieb aber auch, daß sich Spaniens Premier Adolfo Suarez Ende der siebziger Jahre von einem Mitbewerber Napolitans, dem Amerikaner Bob Squier, im Wahlkampf helfen ließ.
Vor allem in den Ländern der Dritten Welt erwarten die Politiker wahre Wunder von den smarten Jungs aus USA. "Sie denken, wir hätten irgendeine magische Formel", sagt David Garth, einer der Angesehensten der Branche. "Aber das", so Garth, "ist nicht der Fall. Was wir anzubieten haben, ist unsere Erfahrung. Schließlich sind wir schon 25 Jahre in diesem Geschäft und haben mehr als genug Zeit gehabt, jeden erdenklichen Fehler zu machen."
Garth selbst hielt sich über Jahre fern vom Auslandsgeschäft - aus Angst, als "häßlicher Amerikaner" eingestuft zu werden. Dann aber übernahm auch er die ersten Auslandsaufträge - in Kolumbien etwa, in Venezuela und in Israel, wo er als Berater von Menachem Begin auftrat.
Als Helfer von Premier Schimon Peres ist in Israel auch David Sawyer aktiv: Nach Meinung seiner Konkurrenten ist er der rührigste unter den Polit-Beratern. Sawyer betreute den erfolglosen Präsidentschaftsbewerber John Glenn in den USA, ließ sich durch dessen Chancenlosigkeit aber nicht schrecken und wandte sich an Politiker in Nigeria, Kolumbien, Costa Rica und Venezuela.
In dem Ölstaat am Südrand der Karibik sind die Amerikaner offenbar besonders willkommen; fast jeder der namhaften Wahlhelfer aus den USA hat schon einmal für einen Venezolaner gewirkt. "Die Politiker dort", so Bob Squier, "sind stolz auf ihre Ausländer. Sie sagen:
'Dies sind meine Gringos. Wo sind deine?' Sie hören vermutlich sehr viel mehr auf den Rat der amerikanischen Consultants als die meisten unserer Politiker."
Auf Wunsch und gegen Dollars werden die Consultants für ihre ausländischen Klienten auch in Washington tätig. Jonas Savimbi etwa, Anführer der Unita-Guerillas gegen das marxistische Regime in Angola, sicherte sich die Dienste des Unternehmens Black, Manafort, Stone & Kelly.
Diese Lobby-Firma gilt in Washington als das "schickste Geschäft der ganzen Stadt" ("Time"), in dem so unterschiedliche Klienten wie das amerikanische Tabak-Institut, der erzkonservative Senator Jesse Helms oder philippinische Geschäftsleute politische Image-Politur einkaufen.
Im Sommer vorigen Jahres überwies Savimbi einen Betrag in Höhe von 600000 Dollar. Als Gegenleistung erwartete er eine professionelle Vorbereitung seines Besuchs in Washington.
Hatte Savimbi bei früheren Besuchen noch erhebliche Schwierigkeiten gehabt, selbst von untergeordneten Beamten empfangen zu werden, konnte er dank Black, Manafort, Stone & Kelly im vorigen Monat in der US-Hauptstadt von Termin zu Termin eilen. Alle wichtigen Politiker empfingen den Angolaner. Auch die Tür des Oval Office stand zu einem Gespräch mit dem Präsidenten offen.
Damit nicht genug: Wenige Wochen nach Savimbis Gesprächen in Washington sagte die Reagan-Regierung der Unita eine Militärhilfe in Höhe von 15 Millionen Dollar zu.

DER SPIEGEL 10/1986
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