03.03.1986

Ein paar Nylons

Ein traditioneller Berufsstand der Sowjet-Union wird abgeschafft: die Aufpasser auf dem Hotelflur. *
Sie war eine Dame meist gesetzten Alters, die in allen Herbergen der Sowjet-Union die Staatsmacht vertrat.
Sie saß auf dem Hotelflur, in jeder Etage saß eine andere. Ihr Schreibtisch war strategisch ausgerichtet, zu einem Beobachtungsstand umfunktioniert.
Ihr offizieller Beruf ist es gewesen, dem Gast den Zimmerschlüssel auszuhändigen und vor der Abreise wieder abzunehmen - die Deschurnaja, zu deutsch Diensthabende.
Sie veranlaßte die üblichen Observationsmaßnahmen, wenn ihr vom KGB ein Gast mit dem Kürzel "OW" (osoboje wnimanije, besondere Achtung) annonciert wurde.
Sie leitete die Durchsuchungsbeamten diskret in die Zimmer, war der Gast aushäusig, oder hielt einen unvermuteten Heimkehrer so lange auf, bis die von ihr gewarnten Staatsschützer geflüchtet waren. Sie schickte allabendlich ihre Berichte.
Und schließlich folgte sie dem generellen Auftrag der prüden Staatspartei, auf die Moral zu achten. Die Deschurnaja galt als das Bollwerk wider vorbeischleichende Geschlechtsgenossinnen, die im Zimmer eines Fremden einen schnellen Rubel oder Dollar machen wollten. Daß aber eine Deschurnaja einen Dieb ertappt hätte, hat man nie gehört.
Doch mit ihren für den Bestand der Ordnung hochwichtigen Tätigkeiten ist es nun vorbei: Das Ministerium für Kommunalwirtschaft der Russischen Föderation - einem Bundesland der Union, das auch Moskau und Leningrad einschließt - hat die Beseitigung des ganzen Berufsstandes dekretiert.
Andere Bundesländer werden folgen, Kiew und der Kaukasus: Die Sowjet-Union wird modernisiert. Den Schlüssel gibt es nur noch bei den Empfangsdamen, die im Parterre sitzen, falls sie dort sitzen, und wenn sie nicht gerade langanhaltend per Telephon nach Einkaufsgelegenheiten forschen.
Das KGB braucht die Sichtkontrolle in den Zimmern nicht mehr, weil das Gepäck schon bei der Einreise geröntgt wird, und bei der Ausreise sowieso. Die Kontrolle von Besuchern der Ausländer findet seit drei Jahren schon am Hoteleingang statt.
Die Entlassung der Schlüsseldamen ist ein Verlust. Sie belehrten Zugereiste allein durch ihre Existenz nicht nur über den landeseigenen Vorzug der Kontrolle gegenüber dem Vertrauen, sie vermittelten dem ansonsten von einfachen Sowjetmenschen meist isolierten West-Touristen auch ein bißchen vom menschlichen Rußland. Man mußte sich nur gut mit ihnen stellen, wie etwa mit einer Concierge in Paris oder den Hauswartsfrauen in München.
Das war leicht (weshalb der Job schwarz gehandelt wurde): Eine Tafel Schokolade oder ein Paar Nylons galten als das mindeste, was ein Hotelgast als Maut entrichtete. Was er in seinem Zimmer zurückließ an Koffer-sperrendem Konsummüll, etwa versagenden Radio- und Rasiergeräten oder vergessenen Krawatten, fiel ihr zu. Ihr offizielles Gehalt war denn auch nicht einmal halb so hoch wie der sowjetische Durchschnittslohn.
Dazu kam die Provision jener weiblichen Besucher, denen der Zutritt verwehrt war. Für Sonderhonorare leisteten die oft sprachkundigen Deschurnajas Außergewöhnliches: besorgten rund um die Uhr frischen Tee, auch Mineralwasser und Gürkchen gegen den Kater, dazu eilige Auslandstelephonate und das rare Taxi, gar ein Frühstück auf dem Zimmer.
Wer einer Deschurnaja die nächtliche Langeweile in der 36-Stunden-Schicht vertrieb, wurde mit ausführlichsten Berichten aus dem russischen Volksleben belohnt. Auserwählte erfuhren gar echte Zuneigung seitens dieser Wachfrauen.
Während ihrer Abwesenheit vom Arbeitsplatz bot sich dann anderen angeheiterten Westlern Gelegenheit, den Sessel der Deschurnaja einzunehmen, nachfolgenden Gästen den Schlüssel auszuhändigen und dafür die Schokolade eines Osthändlers und auch die Ehrenbezeugung eines Sowjetgenerals entgegenzunehmen.
All das ist nun vorbei, amtlich bereits mit Wirkung vom 1. Januar 1986. Doch in Rußland braucht die Durchsetzung von Dekreten ihre Zeit. Im Moskauer "Hotel National" sitzen die Etagen-Wärterinnen noch am Pult.

DER SPIEGEL 10/1986
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DER SPIEGEL 10/1986
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