03.03.1986

HANDBALLGern unter Leuten

Trotz der enormen Fortschritte, die Joachim Deckarm seit seinem schweren Unfall vor sieben Jahren gemacht hat: Der einstige Handball-Star wird für immer ein Pflegefall bleiben.
Die riesigen Hände liegen ausgestreckt auf dem Eßtisch. "Joachim", sagt der Betreuer Werner Hürter, "zieh mal die Finger an." Angestrengt bewegt Joachim Deckarm die Fingerkuppen, ballt die rechte Hand zur Faust. "Jetzt den Mittelfinger nach oben." Langsam hebt er den Finger, Hürter lobt: "Ja, so ist es gut. Und nun führ die Hand zum Mund."
Der Arm zittert ein wenig, die Hand sucht vorsichtig das Ziel - geschafft. Die Anspannung weicht aus dem Gesicht, die Augen blicken wieder klar und nicht gehetzt wie zuvor. Er lächelt.
Es ist sicher einfacher, Joachim Deckarm, 32, zu begegnen, wenn man ihn früher nicht gekannt hat. Mit der rechten Hand, die nun mühsam einen Eßvorgang simuliert, warf Deckarm einst den knapp 500 Gramm schweren Handball so zielsicher auf das gegnerische Tor wie kaum ein anderer Spieler in der Welt.
Bevor er am 30. März 1979 beim Europacupmatch seines Vereins VfL Gummersbach in Tatabanya mit einem Spieler der Ungarn zusammenkrachte und kopfüber auf den Zementboden stürzte, war Deckarm der Star seiner Branche. "Eine Ausnahmeerscheinung, sportlich und menschlich", so Handball-Manager Heinz Jacobsen.
In 104 Länderspielen hatte er 396 Treffer erzielt. Nachdem die Bundesdeutschen 1978 erstmals Hallenhandball-Weltmeister geworden waren, dankte der damalige Bundestrainer Vlado Stenzel seinem besten Torschützen überschwenglich: "Ohne ihn hätten wir das nie geschafft. Deckarm ist der perfekteste Handballspieler, den es gibt."
Seit fast sieben Jahren ist er ein Pflegefall, gezeichnet von den erlittenen schweren Verletzungen: Doppelter Schädelbasisbruch, zehn Zentimeter langer Riß der Hirnhaut. Erst 131 Tage nach dem Sturz von Tatabanya war Deckarm aus dem Koma erwacht.
Alle Zeitungsberichte, die eine Genesung des Sportlers suggerierten, gingen an der Realität vorbei. Deckarm wird zeitlebens auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein, wie seine Schicksalsgefährten auch. Nach Angaben des Bundes Deutscher Hirngeschädigter erleiden pro Jahr 5000 Westdeutsche bei Unfällen Dauerschäden im Kopfbereich; _(Am 5. Februar 1978 in Kopenhagen beim ) _(WM-Finale gegen die UdSSR. )
doch man diskreditiert Deckarms Fortschritte in der täglichen Rückeroberung eines weniger behinderten Alltags, wenn man ihn immer noch an dem einstigen Modellathleten mißt. Der Maßstab ist seine Hirnverletzung, dafür ist er erstaunlich weit.
Zwei Jahre verbrachte das Unfallopfer in Rehabilitationskliniken. Hernach empfahlen die Ärzte den Eltern, ihn in ein Pflegeheim zu geben. Aber Ruth und Rudolf Deckarm holten den Sohn in ihr Saarbrücker Reihenhaus, obwohl er anfangs meist apathisch im Sessel saß und unfähig war, auch nur für Sekunden allein zu stehen.
Deckarm mußte gefüttert werden, er konnte kaum sprechen, weder lesen noch schreiben. "Ganz ehrlich", gesteht der pensionierte Polizist Werner Hürter 66, einst Deckarms Jugendtrainer beim 1. FC Saarbrücken, bei der ersten Begegnung "mit diesem menschlichen Wrack" im Schwimmbad der Landessportschule habe er gedacht: "Es wäre besser, der Joachim wäre tot."
Hürter überwand den Schock. Nach dem Tod von Vater Deckarm vor drei Jahren wurde er neben Mutter Ruth zu Joachims wichtigster Bezugsperson. Hürter kümmert sich beinahe täglich, und es macht ihn stolz, daß sein Patient in Unterhaltungen längst mehr als ein unverständliches Lallen zuwege bringt.
"Joachim, Vokalatmung", verlangt er. Während Hürters Hände den Rücken kneten, hat Deckarm die Augen geschlossen und stößt mit Baßstimme immer wieder hervor: "A - I - O - U - E." Selbst die schwierigen Worte Rokokokommode oder Titicacasee spricht er dann ohne Anstrengung aus.
Er versteht fast alle Fragen. Seine Antworten fallen meist kurz aus. Joachim ist kaum in der Lage, mehrere zusammenhängende Sätze zu bilden, doch den Sinn einer Unterhaltung begreift er sehr wohl. Die Kommunikation mit ihm ist zwar nicht fließend, sie wird es bei der Hirnschädigung auch nie sein. Aber sie ist auch nicht schwierig, sondern allenfalls gewöhnungsbedürftig.
"Was halten Sie denn von mir?" entgegnet Deckarm lächelnd, als er nach dem weltbesten Handballspieler gefragt wird. Er ist sehr interessiert an den Spielen der Handball-Weltmeisterschaft, die derzeit in der Schweiz stattfindet und der er ab Donnerstag dieser Woche auf Einladung des Deutschen Handball-Bundes beiwohnen wird.
Er glaube, so Deckarms Freund aus gemeinsamen glanzvollen Gummersbacher Handball-Tagen Heiner Brand, "der Jo kriegt viel mehr mit, als er ausdrücken kann". Er weiß offensichtlich, daß er behindert ist, will alles besonders gut machen, wenn Fremde zu Besuch sind. Das Bemühen führt zwangsläufig zu Verkrampfungen.
Lange Zeit mochte Deckarm von Restaurantbesuchen nichts wissen. Er fürchtete, so vertraute er Hürter an, ausgelacht zu werden. Diese Scheu hat Deckarm abgelegt, er ist nach eigenem Bekunden jetzt "gern unter Leuten" und trinkt "gern ein Bier".
Das Verhältnis der Umwelt zu ihm hat sich normalisiert, zumindest in Saarbrücken. Wenn Deckarm, gestützt von Betreuern, in der Szenekneipe "Das Journal" auftaucht, begrüßen ihn die Gäste längst nicht mehr mit verlegenem Schweigen.
"Am meisten hapert es noch beim Erkennen von Zusammenhängen", sagt Heinz Schuler, ein arbeitsloser Lehrer, der den ehemaligen Mathematikstudenten Deckarm im Rechnen trainiert. Schuler erklärt ihm logische Zusammenhänge anhand von Bildtafeln.
In einer Sportwelt, die nur die Sieger liebt, ist die Solidarität mit dem Dauerpatienten Deckarm fast schon anachronistisch.
So kommt der Psychologe Rolf Bindl zweimal wöchentlich zur Sprachtherapie ins Haus, und Deckarms frühere Volksschullehrerin übt mit ihm lesen und schreiben wie vor 25 Jahren. Reinhard Peters, ein Rektor der saarländischen Schulaufsichtsbehörde, nennt sich "Joachims Freund". Peters trainiert täglich Deckarms Körperfunktionen. Schon auf dem Rücken zu liegen und die Beine in der Luft kreisen zu lassen, kostet den unter Spasmen leidenden Kranken oft enorme Anstrengung.
Daheim bewegt sich Deckarm mittlerweile selbständig. Er braucht zwar eine Stuhllehne oder den Tisch als Stütze, doch ist er immerhin in der Lage, sich allein zu waschen oder anzuziehen.
Besondere Anschaffungen wie das Fahrradergometer oder die Spezialschreibmaschine mit Bildschirm und extra großen Tasten werden aus dem "Deckarm-Fonds" der Stiftung Deutsche Sporthilfe bestritten. Spenden und Einnahmen aus Benefizspielen ermöglichen eine großzügige Unterstützung.
Mit der Maschine, so erzählt Deckarm stolz, schreibt er die Briefe an "meine Brieffreundinnen in Oberhausen, Leverkusen, Freiburg". Für eine DIN-A4-Seite benötigt er eine Stunde, mit der Hand geht es nicht so gut. Seine Schrift ist ungelenk wie die eines Erstkläßlers. Lesen ermüdet ihn schnell. Meist liest ihm seine Mutter die Sportberichte aus den Zeitungen vor.
Seine alten Freunde hat Deckarm auch heute gern um sich, und er freut sich riesig, wenn ihn die Gummersbacher zum Besuch eines Bundesligaspiels abholen. Nur einen will er nie mehr sehen: Vlado Stenzel.
Der Mann, der ihm den WM-Sieg zu verdanken hat, habe sich seit dem Unfall "gar nicht um mich gekümmert".
Am 5. Februar 1978 in Kopenhagen beim WM-Finale gegen die UdSSR.

DER SPIEGEL 10/1986
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