20.01.1986

Alles mit ganzem Herzen, aber nichts ganz

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Arbeitsminister Norbert Blüm *
Daß die Fenster seines Arbeitszimmers nicht mit Sandsäcken verbarrikadiert sind, und sei es nur als Schallschutz, verwundert angesichts des feindlichen Getümmels, von dem sich der Minister allüberall umbrandet weiß.
Gegen Lüge, Hetze, Aufwiegelung muß er sich wehren. Verteufelung, Verleumdung und Verdrehung setzen ihm zu. Gemecker, Geraune und Genörgel machen ihm zu schaffen. Mißtrauen, Haß und Verbalradikalismus vergällen ihm das Leben. Schon hat er sich öffentlich gefragt, ob er träume, wache oder gar spinne. Zum Glück ist er aber zu dem Ergebnis gekommen: Er nicht, nicht Norbert Blüm.
Man soll es ihm ansehen. Mag auch die Welt voll Teufel sein, er ist, verdammt noch mal, ganz ruhig. Daß sein runder Schädel gerötet ist, liegt an der Sonne Südamerikas, wohin er über die Jahreswende gejettet ist, nicht an der Hitze der Schlacht um den leidigen Streikparagraphen 116. "Schlacht" ist Blüms Wort, darunter tut er es normalerweise nicht.
Aber nun hat er zwei Wochen Abstand gehabt; Feuerland ist vom Druck der deutschen Straße verhältnismäßig unberührt geblieben. Bevor er am letzten Dienstag mit markigen Worten vor der eigenen Fraktion den Wiedereintritt in die aufgeheizte Atmosphäre probt, zeigt er die Restbestände seiner reisend gewonnenen Gelassenheit her. Mit gebührendem Staunen darf man den notorischen Motoriker Blüm bei einer Vorführung von Nachdenklichkeit bewundern.
"Selbstimmunisierung gegen Beifall und Pfiffe", nennt er das. Plötzlich merkt man diesem kraftstrotzenden Mannesbübchen seine 50 Jahre an. Sein Ton ist moderat und mollgetönt. Verbitterung und Ungeduld deckt er mit einer ungewohnt zögerlichen Sprechweise zu. Der oft penetrant fröhliche Norbert lacht kaum, er lächelt mit Trauerrand.
"Mit der gleichen Kraft, mit der sie mich bekämpfen, könnten sie mich auch lieben", sagt er. Sie, das ist "die Truppe, aus der ich komme", das sind die Gewerkschaften und auch seine Hausmacht, die Sozialausschüsse der Union (CDA). Aller Undank dieser Welt hat sich auf den Arbeiter-Hiob Blüm konzentriert. Wie kann das nur sein?
Er grübelt. Aber er grübelt so, daß kein Mißverständnis möglich ist. Auf dem Rückzug befindet sich Kohls Arbeitsminister nicht, o nein: "Aus meiner Sicht muß das durchgezogen werden." Einlenken würde er als Kneifen empfinden, als Fahnenflucht auch. Sein Vokabular wird immer pathetisch pubertär, wenn er den Kerl herauskehrt.
Norbert Blüm will aber auch nicht ganz so uneinsichtig scheinen, wie er ist.
Daß er prophylaktisch, in einer Art Selbstschutzhaltung, vielleicht mal ein bißchen sehr vereinfache- daß er sich allzu kleinlich ins Detail verkralle, um dem Vorwurf des kessen Sprüchemachers zu begegnen; daß er Kompromisse etwas zu auftrumpfend als "Alles" verkaufe, bevor die anderen "Nichts" sagen können; ja sogar daß nicht allein böser Wille und kalkulierte Demagogie die Gewerkschaften leite, sondern auch "eine Empfindlichkeit aus geschichtlicher Erfahrung" - das alles geht Norbert Blüm, wenn auch fast tonlos, an diesem Morgen über die Lippen.
Dann ist es aber auch genug. Der Minister holt ein DGB-Schreiben, das er triumphierend wedelt und aus dem er mit erhobener Staatsanwaltsstimme zitiert. Fazit: "Drei Lügen in zwei Sätzen. Da wirste doch verrückt."
Da atmet man auf, die Erde hat ihn wieder. Denn er hätte gar nicht darauf verweisen müssen, wieviel Lustgewinn er daraus zieht, daß er von Zeit zu Zeit in völlig unterschiedlichen Rollen auftritt und seine Mitmenschen verblüfft. Wer ihn kennt, ist ohnehin vorsichtig. Norbert Blüm liebt die Maskerade, sein Leben ist immer auch Theater.
Mißtrauen wäre angesichts seiner unerwarteten Friedfertigkeit auch angebracht gewesen, hätte er nicht ausdrücklich darauf verwiesen, daß für ihn Politik Kampf bedeute. Reibereien und Auseinandersetzungen beleben ihn, seine Marschrichtung ist "gegen den Strich". "Für einen Streit bin ich immer zu haben." Das hat er wiederholt nicht nur gesagt, auch bewiesen.
Zorn und Rauflust also regen sich unter dem dünnen Mäntelchen der Gelassenheit noch kräftig. Vergeblich sucht man jedoch nach Anzeichen des Triumphs, die auch nicht unverständlich wären. Denn ist Norbert Blüm, der von den Sozis geprügelte, nicht ein Held im eigenen Lager? In der Bonner Fraktion sind sie fast alle auf seiner Seite, nicht nur mit Worten, auch "mit dem Herzen", wie einer sagt. "Die emotionale Wärme der Solidarität", die er von seinen früheren Freunden entbehrt, wird ihm jetzt reichlich aus der Wendekoalition angeboten. Der Minister ist nicht länger Führer eines unbequemen linken Außenseiterflügels, sondern Aushängeschild für den ganzen Verein. Wirtschaftsrat, Mittelstandsvereinigung, CSU und FDP inklusive.
In den Spitzengremien der Partei, glaubt ein CDU-Vorständler, gehört Blüm inzwischen wie im Kabinett zu jenen fünf oder sechs Figuren, deren Wort zählt. Auf wen muß man achten? Wer hat Mut? Wer bewegt was? Norbert Blüm.
Franz Josef Strauß, einst ein Lieblingsraufpartner Blüms, hat dem Minister die Aufnahme "in den Verein für deutliche Aussprache" angetragen. Schon ist er als Fraktionsvorsitzender im Gespräch, auch als Spitzenkandidat und Landesvorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen. Einige beginnen sich sogar mit dem Gedanken an einen Kanzler Norbert Blüm zu befreunden.
Warum also nur Moll? Warum keine Andeutung einer Siegerpose, nicht mal der Versuch oder die Versuchung, diese Rolle auszuprobieren? "Vollkommene Heuchler gibt es ja nicht", sagt der Minister, wenn man ihn fragt, wo denn der richtige Norbert Blüm hinter all seinen Maskeraden zu finden sei. "Man kann ja nur das überzeugend spielen, was man auch ein bißchen ist. In jeder Rolle scheint was Wahres durch."
Im Klartext heißt das: Er fühlt sich nicht eine Spur als Sieger. Dafür haben seine Nachdenklichkeit, die kaum verhohlene Trauer und Verletzung einen wahren Kern. Norbert Blüm, der immer "Heimat in Sichtweite" braucht, fühlt sich ausgestoßen.
"Ich komme aus der Arbeiterschaft. Ich werde nie vergessen, woher ich komme", hat er gelobt. Nun verweigert sich ihm sein Milieu. Selbst seinen Kameraden vom eigenen CDA-Flügel, die ihn schätzen, kann er sich nicht verständlich machen. Norbert Blüm, er spricht es aus, leidet unter "Liebesentzug".
Aber da ist mehr im Spiel als eine schmerzhafte Kränkung. Für einen Mann, der nie in seinem Leben von einer vorhergehenden Etappe Abschied genommen hat, schon gar nicht von seiner Herkunft, für einen, der sozusagen an einer langen Nabelschnur in der Welt herumturnt und bei Bedarf mutterwarme Geborgenheit nachtankt, reicht dieser Bruch an den Kern der Persönlichkeit. Norbert Blüm fühlt sein Überlebenskonzept bedroht. "Das geht bei mir ins Innerste", hat er Freunden anvertraut.
Stets hat Blüm behauptet - mal kokett, mal herausfordernd, mal defensivsein Platz in der Politik sei zwischen den Stühlen. "Das ist zwar eine Sitzgelegenheit, die vor politischer Erstarrung schützt, aber auf die Dauer unbequem ist", so beschrieb er diese Position am Beispiel der Sozialausschüsse. Gleichwohl schützt sie vor Vereinnahmung. "Zwischen den Einseitigkeiten" sieht er auch die christliche Soziallehre: "Individualismus und Kollektivismus, Kapitalismus und Sozialismus haben je eine Teilwahrheit für das Ganze erklärt."
CDA und christliche Soziallehre sind aber nur willkommene Vehikel für Norbert Blüm. In Wahrheit ist "zwischen" sein eigenes Schlüsselwort. Mit hilfloser Halsstarrigkeit hält er an ihm im Streit um den Paragraphen 116 fest.
"Wir sitzen in der Tat zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften", hat er vor Weihnachten in das Hohngelächter der Opposition im Bundestag hineingerufen. Der Satz, den er hinzufügt, geht über die aktuelle Debatte hinaus, er ist eine Art Selbstbeschreibung: "Ich muß sagen, wenn schon kein Konsens, dann ist mir diese Zwischenstellung lieber, als mit einer Seite identisch zu sein."
Nun ist die "Zwischenstellung" des Norbert Blüm keine statische Position, sondern die Umschreibung für einen dialektischen Prozeß, der alle Äußerungen seiner Person prägt. In seiner quirligen Widersprüchlichkeit erscheint er wie ein Mann, der sich mit zwei entgegengesetzten Marschbefehlen auf den Lebensweg gemacht hat: Sei lieb und bleib daheim, könnte einer lauten. Der andere: Box dich durch und erobere die Welt.
Norbert Blüm hat mit beträchtlichem Erfolg versucht, beides zu leben. Die Treue zu Familie, Glauben, Heimat und Herkunft ist dem "lieben Norbert", wie er sich gern selbst nennt, so selbstverständlich wie ein abenteuerliches Wanderleben, feucht-fröhliche Junggesellenausflüge und Clownerien, sportliche Kraftakte, philosophische Herausforderungen und politische Hochseilakte.
Andere wären von den widerspruchsvollen Aufträgen gelähmt worden. Der energiegeladene und vielseitig begabte Schlossersohn aus Rüsselsheim bezieht aus der Spannung zwischen den Polen die Energie für eine wechselvolle, kräftezehrende, risikoreiche Lebenslaufbahn: Werkzeugmacher und Doktor der Philosophie, Redakteur und Funktionär. Gewerkschafter und Minister, alles mit ganzem Herzen, aber nichts ganz.
Geplant habe er in seinem Leben eigentlich nichts, sagt Blüm, sondern Gelegenheiten genutzt, die sich boten. Daß er bei Opel in Rüsselsheim lernte, ergab sich durch den Vater, der dort als Kraftfahrzeug-Schlosser arbeitete. An die Politik geriet der katholische Pfadfinder als Vorsitzender der Betriebsjugendvertretung. Abendgymnasium und Studium begann er, als er von seinem Arbeiter-Wanderleben quer durch Europa "die Schnauze voll hatte".
So ist er nach eigener Darstellung "fast unmerklich" in die Politik geraten. Während des Studiums schon engagiert er sich bei den CDU-Sozialausschüssen, nach der Promotion über ein sozialphilosophisches Thema "ging ich dahin zurück, weil ich die kannte". Als wortgewaltiger Programmatiker und listiger Pragmatiker zugleich pendelte er sich dann mit viel kämpferischem Hin und Her und unkonventionellem Gehabe bis in den Ministersessel hoch.
Er ist ehrgeizig, aber nicht karrieresüchtig. "Karriere ist mir scheißegal", hat er einmal gesagt. Typisch Blüm freilich ist der Ausspruch nur mit dem Zusatz: Aber um Einfluß nehmen zu können, "braucht man halt Positionen".
So ungeplant dieser Aufstieg mit Bodenhaftung auch sein mag - eine gewisse Systematik, wohl eher instinktiv eingehalten, läßt sich dennoch erkennen. Immer ist Norbert Blüm darauf bedacht gewesen, seine "Zwischen"-Position durchzuhalten, sich weder von einem Lager vereinnahmen zu lassen noch mit dem anderen zu brechen:
Er bleibt Arbeiter, freilich ein studierter. Als Akademiker kehrt er dafür den Proleten heraus: "Ich weiß, wie Arbeit riecht." 1949 tritt er in die IG Metall ein, ein Jahr darauf in die Union. Bei den Roten stänkert der katholische Christ gegen den sozialistischen Gleichschritt, in der Christenunion sorgt der "Herz-Jesu-Marxist" für Ärger.
Als Chef der Christdemokratischen Arbeitnehmer beschränkt er sich keineswegs auf Sozialpolitik. Er ist Aufmüpfer auch bei den Ostverträgen und in der Affäre Filbinger. Dafür setzt er den Linken mit seinen gut katholischen Positionen zum Paragraphen 218 zu und nervt sie mit seiner "neuen Mütterlichkeit" .
Immer ist Norbert Blüm sozusagen als querulatorische Vorhut des einen Lagers im anderen umtriebig zugange. Festlegungen, klare Grenzen - er nennt sie Mauern - und verhärtete Fronten rennt er ein, redet sie weg oder umgeht sie. So bringt er 1981 das Kunststück fertig zu gehen, um zu bleiben: Er tritt in den Berliner Senat ein, für den er dann in Bonn residiert.
Was Norbert Blüm zur Erhaltung seiner "Zwischen"-Rolle tut, erscheint nach außen oft als doppelgesichtig. Auf der Bonner Bühne war er daher immer ein irritierendes Unikum. Ihm gefällt das. Er mopst sich nicht wenig, daß er in keine Schablone passen will, weil er zumeist auch sein eigenes Gegenteil ist.
Er ist ein Einzelkämpfer der sich in ein Team einfügen kann, und ein Mannschaftsspieler, der am liebsten alles selber macht und sich zudem zu riskanten Soli versteigt. Er ist zugleich beweglich und beharrlich, hart, ja aggressiv in der Sache, aber zumeist freundlich in der Form. Charmant und durchsetzungsfähig, ernsthaft und blödelnd, offen für neue Mitkämpfer wie loyal zu alten.
Weil Treue und Beharrlichkeit ebenso Blüm-typische Eigenschaften sind wie eine latente Unberechenbarkeit, wuchs der Respekt vor dem kleinen Dauerbrenner trotz aller Wechselbäder. Wie er sich aus Niederlagen wieder hochzuarbeiten wußte, wie er zu Kollegen stand, die unter Druck gerieten, wie er Vertraulichkeit wahrte, das verschaffte ihm Achtung.
Selbst die reichlich brutale Art, mit der er "als eine Art Kamikaze-Flieger" (Blüm heute) seinen früheren Chef Hans Katzer abservierte, trug letztlich zu seinem Ansehen bei. Zwar hoben sich nicht wenige Bonner Augenbrauen, aber nicht alle tadelnd. Sieh da: Ein spaßiger Mann läßt nicht mit sich spaßen.
Vor allem aber war Norbert Blüm deshalb eine glaubwürdige Figur, weil er in seinem persönlichen Lebensstil ohne staatsmännische Attitüden echt wirkte und weil er an seinem Engagement für die Schlechtweggekommenen der Gesellschaft nie Zweifel aufkommen ließ.
Doch die Voraussetzungen änderten sich 1982 mit seinem Eintritt in die Wende-Regierung. Nichts deutet darauf hin, daß er selbst seinen "Zwischen"-Status in Gefahr sah. Er, "der immer die Fähigkeit hatte, sich etwas einzureden und es dann auch zu glauben", wie sein CDA-Kollege Heribert Scharrenbroich sagt, glaubte an die Fortsetzung seiner alten Politik in neuer Umgebung.
Voll satten, manchmal übersteigerten Selbstbewußtseins und scheinbar bestätigt in seiner Eigenschaft als selbständige politische Einheit, sah sich auch der Arbeitsminister Helmut Kohls als Vermittler zwischen den sozialen Lagern. "Ich habe mich immer als Anwalt der Schwächeren in dieser Regierung gefühlt",
sagt Blüm. Er behauptet es noch heute.
Ob er sich nun aus Überheblichkeit oder Naivität verschätzte oder ob er aus Opportunitätsgründen die Augen verschloß vor der Realität - sein immer schriller vorgetragener Anspruch geriet zunehmend in ein am Ende absurdes Mißverhältnis zur Wirklichkeit. Seine bescheidenen, aber glaubwürdigen Schritte in die richtige Richtung - Vorruhestandsregelung, Anrechnung eines Erziehungsjahres auf die Rente etwa - machte er in einem Zug, der mit Hochgeschwindigkeit in die Gegenrichtung brauste. Er wollte es nicht sehen.
Norbert Blüms Konzentration auf die "Sache" erschien nicht nur den Betroffenen zunehmend als Flucht. Die typische Bonner Bunkerautomatik nahm ihren Lauf. Nach etwa einem Jahr im Amt, sagt heute der SPD-Abgeordnete Wolfgang Roth, war mit dem einst so kommunikationsfreudigen Norbert Blüm "kein seriöses Gespräch mehr möglich. Der hatte sich eingeigelt".
Bald spielte es für seine Kritiker, auch für ihm einst wohlgesinnte, kaum eine Rolle, ob Blüm noch in gutem Glauben handele oder nicht. CDA-Freunde warnten ihn vergeblich davor, sich allzusehr in die Kabinettsdisziplin nehmen zu lassen, Kohls Entscheidungs-Zumutung hinzunehmen. An seiner Loyalität zu dem Mann, der ihn einst in den Bundestag geboxt hatte, ließ Blüm nicht rütteln: "Das ist die Geschäftsgrundlage. "
Gewiß, er widersprach dem Kanzler intern, aber nach außen hin versuchte er, seine eigenen Überzeugungen und den Regierungskurs zu vereinbaren: "Ich bin der Repräsentant der ''kleinen Leute'', und die Opferbereitschaft der ''kleinen Leute'' ist größer, als wir alle glauben, unter der Bedingung, daß sie nicht die einzigen sind, die sparen ... Es wird eine neue Musik gespielt, und die heißt Bescheidenheit."
Weil aber Blüm die neue Weise allein und allzu zaghaft intonierte, stand er nicht nur als naiv da, sondern auch als zynisch, angesichts einer Sparpolitik, die vor allem das ärmste Drittel der Bevölkerung zur Kasse bat. Nur zu gut paßten überdies seine eigene Lebensphilosophie der Risikobereitschaft und seine Predigten gegen die "mausgraue Gesellschaft" der Allzu-Gleichen in das Konzept des Wendekabinetts. "Der redet wie Kohl, nur witziger", findet die SPD-Sozialexpertin Anke Fuchs. Auch auf seiten seiner Kritiker wurde der Ton verletzender, manchmal bösartig.
Der Minister, der von seinem Vermittlungsanspruch nicht lassen konnte, sah sich zunehmend umstellt von Böswilligen, Undankbaren und Dummköpfen. Je mehr er sich an Widerständen wundrieb, desto unnachgiebiger wurde seine Sprache, desto selbstgerechter sein Auftreten.
Kaum noch einmal war er zu jener selbstironischen Distanz fähig, die ihn einst im Kreis der Bonner Wichtigtuer zu einer sympathischen Ausnahme-Figur gemacht hatte. Übermüdung, Erschöpfung und Verdrossenheit schwächten seine Selbstkontrolle. Trotz allem aber fühlte sich Norbert Blüm so lange in seinem Element, wie er seine Amtsführung als "Streit nach allen Seiten" sehen konnte.
Diese Fiktion haben ihm die Gewerkschaften mit "dem Knall 116", wie der Streit um den Streikparagraphen im Ministerium heißt, jetzt endgültig zerstört. Blüm mag noch so sehr betonen, daß er "nicht der Liebling der Arbeitgeber" sei, einen der beiden Stühle, zwischen denen er sich wähnte, haben ihm seine früheren Freunde weggezogen.
Also nimmt Norbert Blüm mit der Bockigkeit eines beleidigten Kindes öffentlich eine Gegnerschaft an, unter der er jammervoll leidet. Seine Verstörung dringt in seine Rede: Bilder verrutschen ihm, die Grammatik gerät ihm durcheinander. Dabei hat er sich grimmig vorgenommen, seine Liebesbedürftigkeit nicht allzu deutlich erkennen zu lassen. Denn der erfahrene Politiker weiß: "Hinter einem angeschossenen Reh sind allzu viele Hunde her."
Aber Selbstzweifel nagen an ihm. Noch immer geht ihm der Satz nach, den der eher moderate Vorsitzende der IG Chemie, Hermann Rappe, vor Weihnachten im Bundestag gesprochen hat: "Es ist schlimm, die Aufgabe und den Verfall der Identität eines Mannes zu sehen, wie dies aus Ihrer Rede heute morgen erkennbar wurde."
Obwohl schon damals tief getroffen konterte Norbert Blüm im Plenum nur mit der lahmen Entgegnung das sei "eine Flucht aus der Sachdiskussion in persönliche Verleumdungen".
Fünf Wochen später brennt Rappes Vorwurf ärger denn je. "Eine Unverschämtheit" sei dessen Bemerkung gewesen, braust Blüm auf. Über Identitätsprobleme könne man sich unter vier Augen unterhalten, dazu sei er wohl bereit. Aber als Gegenstand von Bundestagsdebatten sei dieses Thema ungeeignet: "Das Podium des Parlaments ist keine Psychiater-Couch."
Nun ist Hermann Rappe weit davon entfernt, sich für einen Seelenkundler zu halten. Er hatte mit seiner Bemerkung vor allem die politische Identität des Linken Norbert Blüm im Sinn. Aber das trenne mal einer bei einem Menschen, dessen Lebenskonzept darauf beruht, klare Grenzen gefühlig zu überfluten. Norbert Blüm sieht in allem, auch der Identität, dialektischen Prozeß: "Identität heißt für mich stirb und werde. "
So lapidar und bündig, wie der Satz sich anhört, kommt er nicht heraus. Norbert Blüm spricht ihn zaghaft, fragend und horcht ihm dann fast erschrocken nach. Gestorben ist schon etwas in ihm. Was werden wird, wüßte er gern. _(Beim Besuch des Dortmunder Arbeitsamtes. )
Beim Besuch des Dortmunder Arbeitsamtes.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 4/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 4/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Alles mit ganzem Herzen, aber nichts ganz

  • "Sunset over Hollywood": Ruhesitz, aber mit Action!
  • Texas: Polizeiauto wird von Frachtzug erfasst
  • Europawahl in Großbritannien: Die Stunde des Mr Brexit
  • Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?