03.03.1986

„Wie ein mächtig schwingender Orgelton“

SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger über den neuen Wolkenkratzer-Boom in USA *
John Raskob stellte einen dicken Kinderbleistift auf den Schreibtisch. Fragend blickte er auf seinen Architekten William Lamb. "Bill", sagte er, "wie hoch kannst du bauen, ohne daß es umfällt?"
New York 1929. Schlechte Zeiten für Unternehmer. Doch ein paar Straßen weiter hatte ein Mensch aus Detroit angefangen, sich mit dem höchsten Bauwerk der Welt ein Denkmal zu setzen: Der Automobilmagnat Walter Chrysler zog sein Chrysler Building hoch; 77 Geschosse plus Turm: 319 Meter.
Da vergaß auch Spekulant Raskob jedes Kalkül. Er nahm die Herausforderung an - wider jede Vernunft, gegen jeden Widerstand, auch in der Rezession.
"Bill" Lamb baute das Empire State Building, überbot mit 102 Geschossen eine erste magische Zahl und sicherte seinem Bauherrn mit einer Höhe von 381 Metern über vier Jahrzehnte die Weltbestmarke. (Und es fiel auch nicht um, als im Juli 1945, an einem nebligen Sonnabendmorgen, ein "B-25"-Bomber in 305 Meter Höhe gegen die Stockwerke 78 und 79 prallte; 14 Tote, geringer Sachschaden.)
Zu Beginn der siebziger Jahre erlebte Amerika ein neues Duell der Giganten: Kaum hatte das World Trade Center in New York seine 412 Meter erreicht, türmte das Versandhaus Sears sein Hauptquartier in Chicago noch um 30 Meter höher.
Solche Schmach konnte auf Dauer die ehrgeizigen Bauunternehmer in New York nicht ruhen lassen, schon gar nicht das Großmaul der Branche, den rüden Senkrechtstarter Donald Trump, 39.
Dreimal innerhalb eines Jahres kündigte der ungestüme Baulöwe den höchsten Wolkenkratzer aller Zeiten an: einen ersten mit 582 Metern auf einer Landaufschüttung im East River, dann einen mit 477 Metern am Central Park. Beidemal scheiterte er am Widerstand von Behörden und Bürgervereinen.
Doch dann ließ er sich vom "schnellsten Colt im ganzen Westen", dem deutschamerikanischen Architekten Helmut Jahn, einen 509 Meter hohen Obelisken zeichnen, der eine "Television City" am Hudson krönen soll - "zum Ruhme New Yorks", wie das Gespann posaunt, denn "das höchste Gebäude der Welt gehört ganz einfach nach New York".
Während Trump sich noch mit Ausschüssen der Stadtverwaltung und Initiativen aus der Nachbarschaft herumschlagen muß, holen Bauherren und Architekten in Chicago vorsorglich zu einem neuerlichen Konter aus, mit Superskyscrapern, die sie für ein World Trade Center am Michigansee bis auf 701 oder auch 762 Meter Höhe treiben wollen.
Daß solche "Stratosphärenkratzer" technisch machbar sind, ist auf dem Papier bewiesen; doch die Probleme bei Bau und Betrieb einer vertikalen Stadt sind gewaltig, die Kosten schwindelerregend, die vermuteten Auswirkungen auf die Nachbarschaft verheerend.
Wozu also?
"Wir sollten erhabenere Ziele haben als eine Penthouse-Suite im 500. Stock", sagt Kritiker Douglas Davis und meint: gesündere Städte. _(Vor dem Modell der "Television City". )
Er predigt tauben Ohren. Die Städte in den Vereinigten Staaten bleiben marode, verlottern, während überall neue Wolkenkratzer entstehen: Amerika erlebt einen Hochhaus-Boom wie seit den dreißiger Jahren nicht. Von Dallas bis Philadelphia, von Pittsburgh bis Los Angeles verdunkeln architektonische Exzesse den Himmel - in den Augen vieler Bürger ein frivoles, anarchisches, zerstörerisches Monopoly.
"Wer Sonne will, soll nach Kansas ziehen" - so fertigte Der Scutt, Architekt des parvenühaften Trump Tower an New Yorks Fifth Avenue, die Kritiker ab. "Signale einer hochfahrenden Arroganz" hatte schon die Autorin Sabina Lietzmann wahrgenommen, als sie vor zehn Jahren die Downtown von Manhattan beschrieb. Was aber treibt die Amerikaner nun in immer neue, neuerdings unwirtschaftliche Höhen - zur gebauten Unvernunft?
Generationen von Deutern haben Vermutungen über diesen Bau-Trieb angestellt, vom Egotrip bis zum Machismo, von der Sensationslust bis zur Machtdemonstration. Der Psychologe Howard Kogan vermutet einfach Potenzprotzerei und erinnert an den "Schwanzvergleich" Pubertierender unter der Turnhallendusche. Die New Yorker Zeitung "Village Voice" nennt Trumps neues Vorhaben eine "150-Stock-Erektion".
Als alles anfing, war davon nicht die Rede. Im 19. Jahrhundert verstanden die Amerikaner unter einem "Skyscraper" einen besonders hohen Zylinderhut. Ein Leser des Fachblattes "American Architect" führte die Vokabel in die Architektur-Sprache ein, er schrieb 1883: "Amerika braucht hohe Häuser. Amerika braucht Skyscraper."
Technische und industrielle Revolution kamen dazu gerade recht: Der Fahrstuhl war bereits erfunden; nun sorgte auch die Stahlproduktion für standfeste wirtschaftliche Konstruktionen. 1885 war in Chicago das Home Insurance Building fertig - mit 52 Metern das erste Bürohochhaus der Welt. Den "Ausdruck eines Zeitalters von Dampf, Strom und Gas" sah Architekt John William Root an diesem Bau.
Roots Kollege Louis H. Sullivan pries, 1896, die Höhe als "erregendes Merkmal", rühmte die "Anmut jener höheren Formen, die sich über die niedrigen Leidenschaften erheben"; er verglich das Bürohochhaus mit einem "mächtig schwingenden, aufrufenden Orgelton". Sullivan schrieb auch die Forderung fest, daß ein Hochhaus der klassischen Säule nachzubilden sei, bestehend aus Basis, Schaft und Kapitell. Nicht alle hielten sich daran, vor allem der Einbruch der Moderne führte später zur banalen Glaskiste: ohne Sockel, ohne Abschluß - austauschbare Container, Meterware, weltweit.
Vielen gilt das Woolworth Building von 1913 mit einer Höhe von 260 Metern als der erste wahre Skyscraper. Im Chrysler Building mit seinem Art-deco-Turm und im Empire State Building mit seinen noblen Proportionen sehen Amerikas Kritiker noch immer die schönsten und eindeutigsten Wolkenkratzer - Gebäude, die "nicht dem Boden, sondern dem Himmel angehören", wie es der Architekt Cesar Pelli einmal umschrieb.
Die Wolkenkratzer von Manhattan wurden zu einer Quelle nationalen Stolzes; Gott und die Welt mußten herhalten, ihnen zu huldigen.
Als Frank Woolworth, der "Napoleon der Groschenläden", im Jahre 1913 sein Gebäude einweihte, knipste Präsident Woodrow Wilson per Knopfdruck vom Weißen Haus in Washington aus 80000 Glühbirnen in dem Turmbau an.
Den lieben Gott hatte schon Sullivan bemüht, als er schrieb, der Hochhausbau sei "eine der wunderbarsten, herrlichsten Gelegenheiten, die der Herr der Natur in Seiner Güte dem stolzen Menschengeist jemals dargeboten" habe. Die Gegenseite, die den himmelwärts strebenden Bauwerken Widerstand leistete, suchte gleichfalls Beistand beim Herrn. "Das Unheil wird über uns kommen, wenn New York weiterhin den Bau von Hochhäusern gestattet", sagte der große Erfinder Thomas Edison 1926, im Alter von 79 Jahren.
Doch erst in den sechziger Jahren fand die Widerstandsbewegung gegen die Wolkenkratzer stärkeren Zulauf und mehr Gehör auch bei den Behörden - vor allem unter dem Eindruck der öden Schachtelarchitektur.
Enormen Auftrieb bekamen die Gegner des Hochbau-Wahns durch die Ankündigung der Superskyscraper - die würden Amerikas Innenstädten den Rest geben, meinen die Bürgerrechtler. Die beiden Türme des New Yorker World Trade Center gaben einen Vorgeschmack; mit 50000 Beschäftigten und täglich 80000 Besuchern, die in insgesamt 198 Aufzügen mit einer Geschwindigkeit von 400 Metern pro Minute (entsprechend 24 km/h) rauf- und runtersausen, gerieten die Zwillingstürme zum Organisationsproblem und zu einer Belastung für die ganze Umgegend.
Noch höhere Gebäude würden nicht nur die geliebte Skyline ruinieren, so die Kritiker, und vielen anderen den Rest von Aussicht auf den Himmel verbauen; sie würden die gesamte Nachbarschaft zerstören - durch Stoßverkehr, Verschattung und stürmische Winde am Fuße der Bauwerke.
Doch die Herausforderung, eine vertikale Stadt in einem Stück zu bauen, mit eigenem Kraftwerk, eigenem Klärwerk, eigener Postleitzahl - diese Provokation ist für Konstrukteure und Immobilien-Tycoone so verlockend, daß der "Mount Everest der Architektur" gewiß auch gebaut wird.
Bereits der Bau, zumal inmitten einer City wie New York oder Chicago, erfordert ein so hohes Maß an Logistik und Management, daß erstklassige Generalstabsarbeit geleistet werden muß.
Die Konstruktionen für die Vorhaben in New York und Chicago sind neuartig - _(Ungesichert auf einem Träger stehend, ) _(beim Bau des Empire State Building 1931. )
denn mehr noch als gegen die Schwerkraft müssen die Riesenbauten nun gegen den Staudruck der Winde abgesichert werden. Die Gerüste bestehen aus Rahmen und Röhren und kreuzweisen Verstrebungen; ein Chicago-Modell hat in verschiedenen Höhen riesige Windlöcher (denn, Faustregel, um mehr als einen Meter sollte ein Gebäude in 450 Meter Höhe nicht schwanken).
Die Liftanlagen werden ganzen Eisenbahnsystemen gleichen, mit Expreß- und Bummelzügen, Doppeldeckern (um den Schachtraum besser auszunutzen), zahlreichen Umsteige-Lobbys. Höchste Steig- und Sinkgeschwindigkeit: 36 Kilometer in der Stunde - das ist die Grenze des Erträglichen im Vertikalverkehr.
Die gesamte Haustechnik erfordert lauter Innovationen. Zum Beispiel: *___Druck- und Temperaturunterschiede zwischen außen und ____innen, oben und unten werden so groß sein, daß der Bau ____möglichst hermetisch abgeschlossen und mit einem ____eigenen komplizierten Druck- und Klimasystem ____ausgestattet sein muß. *___Die moderne Büro- und Computer-Technik macht den Riesen ____zu einem beispiellosen Energiefresser - für die ____Stromversorgung muß ein neuartiges Kabelsystem ersonnen ____werden. *___Das gleiche gilt für die Wasserversorgung - die ____Leitungen werden, um das Naß in die Höhe zu schaffen, ____einem siebenmal stärkeren Druck ausgesetzt sein als ____herkömmliche Rohre. *___Eines der größten Probleme ist der Feuerschutz, denn ____der gestapelten Menschenmasse hilft kein Sprinkler; ____auch schnelle Evakuierung ist ausgeschlossen. So werden ____- außer Extralifts, Treppen und mächtigen Rauchabzügen ____- in verschiedenen Höhen Schutzbunker installiert sein, ____rauchsicher, mit eigenem Klimagerät.
Schöne neue Welt.
Und: Je höher, desto teurer. Denn das stand schon für vergleichsweise konventionelle Wolkenkratzer fest: Vom 100. Geschoß an verdoppelt sich der Baupreis, im 132. Stock hört der Profit auf. Zudem wird der Schuldendienst, bei einem Rohbautempo von zwei Etagen in der Woche, mörderisch. Bislang beziffern die Unternehmer die Kosten für ihre Riesen nur vage mit "Milliarden".
Auf einem Symposium wurde unlängst vorgerechnet, daß es doppelt so lange dauert und doppelt so teuer wird, einmal über 150 Stockwerke zu bauen als dreimal nur 50 Stock hoch, bei gleichem Raumangebot.
Bruce Graham, Designer eines Superskyscrapers für Chicago, über die Finanzierung seines Projekts. "Bezahlen kann das nur der König von Saudi-Arabien." Er glaubt: "Wir werden die Leiter wohl Schritt für Schritt hinaufklettern."
Doch sein eigener Ingenieur Hal Iyengar spricht bereits vom "kilometerhohen" Bau. Sein Kollege William LeMessurier meint, man könnte heute schon "so hoch bauen, wie man will". Überhaupt sind die Ingenieure ganz cool in ihrem Job. Leitsatz: "Die Grenze ist der Himmel."
Genügend Snobs werden sich auf dieser Welt als Mieter immer finden, auch für die höchsten Etagen über den Wolken und für den teuersten Zins.
Der wahre Snob freilich würde sich wohl im Erdgeschoß einmieten wollen.
[Grafiktext]
HÄUSER WACHSEN IN DEN HIMMEL Von Weltrekord zu Weltrekord: das Jahrhundert der Wolkenkratzer 1 1885 Home Insurance Building Chicago Höhe: 52 Meter 2 1908 Singer Building New York Höhe: 187 Meter 3 1909 Metropolitain Life Tower New York Höhe: 213 Meter 4 1913 Woolworth Building New York Höhe: 260 Meter 5 1930 Chrysler Building New York Höhe: 319 Meter 6 1931 Empire State Building New York Höhe: 381 Meter 7 1973 World Trade Center New York Höhe: 412 Meter 8 1974 Sears Tower Chicago Höhe: 442 Meter 9 geplant Television City New York Höhe: 509 Meter 10 geplant World Trade Center Chicago Höhe: 762 Meter
[GrafiktextEnde]
Vor dem Modell der "Television City". Ungesichert auf einem Träger stehend, beim Bau des Empire State Building 1931.
Von Karl-Heinz Krüger

DER SPIEGEL 10/1986
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