03.03.1986

AIDSEpidemie der Angst

Auch wer mit einem Aids-Kranken dasselbe Handtuch benutzt und vom selben Teller ist, läuft keine Gefahr, sich anzustecken - Ergebnis einer gründlichen Studie in New York. *
Jawohl, Schwimmbad und Sauna könne man bedenkenlos besuchen; ja, Händeschütteln und Umarmungen seien ebenfalls ungefährlich. Und natürlich, auch weiterhin könne man sich in der Peepshow und auf dem öffentlichen Abort ohne Risiko erleichtern.
Wohl an die 50mal in der Woche muß Dr. Thomas Dettke am Aids-Telephon der Hamburger Gesundheitsbehörde solche Panikfragen nach möglichen Infektionsquellen beantworten. "Es ist erschreckend", so Dettke, "wie weit die Aids-Angst vorgedrungen ist."
Obwohl Mediziner, Gesundheitspolitiker und Aids-Hilfegruppen dem Volk seit Monaten mittels Aufklärungs-Broschüren, an Info-Ständen und bei zahlreichen Veranstaltungen klarzumachen versuchen, daß Aids nur durch Blut oder durch innigen Schleimhaut-Kontakt beim Sexualverkehr übertragen werden kann - die Botschaft kam bislang offenbar nicht an: "Kann man", fragte ein Anrufer am Hamburger Aids-Telephon, "von Onanieren Aids bekommen?"
Solchen diffusen Ängsten kann jetzt auch eine Studie des Montefiore Medical Center in New York entgegenwirken, die Anfang letzten Monats im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde: Selbst bei engem, langdauerndem nichtsexuellen Kontakt mit Aids-Kranken, zum Beispiel in der Familie, so das Fazit, "ist eine Ansteckungsgefahr so gut wie nicht gegeben".
Über sieben Monate hinweg hatten die Forscher das Zusammenleben von 39 Aids-Patienten mit ihren Familienangehörigen beobachtet - insgesamt 101 Kontaktpersonen, von der Oma bis zum Baby, die mindestens drei Monate lang in ein und demselben Haushalt mit dem Kranken zusammengelebt hatten. Penibel zählten die Wissenschaftler, wie viele Familienmitglieder den Kranken jeweils umarmt hatten (im Durchschnitt 79 Prozent), wie viele ihn auf die Wangen (83 Prozent) oder auf die Lippen (17 Prozent) geküßt hatten.
Die meisten der untersuchten Familien lebten in finanziell und räumlich bedrängten Verhältnissen im New Yorker Stadtteil Bronx, entsprechend war es um die häusliche Hygiene bestellt: Mehr als ein Drittel der Familienangehörigen benutzten jeweils dasselbe Handtuch wie der Aids-Patient, nahezu jeder zweite aß mit ihm vom selben Teller und trank aus demselben Glas.
Trotz des engen Umgangs mit dem Kranken in ihrer Mitte infizierte sich nur eine der 101 beobachteten Kontaktpersonen mit Aids - doch auch dieser Fall klärte sich auf: Bei dem Opfer handelte es sich um die Tochter einer aidskranken Fixerin, die Fünfjährige war wahrscheinlich schon im Mutterleib infiziert worden.
"Wenn Aids sogar bei solch nahem Kranken-Kontakt wie bei den beobachteten Familien nicht übertragen werden kann, ist es wesentlich unwahrscheinlicher, daß man sich in Schulen, Büros Restaurants und Kirchen anstecken kann", kommentierte Harold Jaffe, der Aids-Experte des US-Seuchenamtes in Atlanta, das Ergebnis.
Die Familien-Studie aus der Bronx, meinte auch der amerikanische Mediziner Merle Sande in einem Editorial des "New England Journal of Medicine", liefere "ein starkes Argument, um der verbreiteten Angst vor Ansteckungsgefahr entgegenzutreten" und Diskriminierungsversuche gegen Angehörige der Risikogruppen "zu durchkreuzen".
In den USA verlieren Aids-Infizierte häufig Arbeitsplatz und Wohnung, aidskranke Kinder werden aus der Schule gewiesen - wie etwa vor über einem Jahr der 14jährige Ryan White aus Kokomo (Bundesstaat Indiana). Erst seit vorletzter Woche darf er wieder, nach vielen Protesten, am Unterricht teilnehmen.
Jeder zweite US-Bürger, so ergab jüngst eine Umfrage, befürwortet eine Quarantäne für Aids-Patienten; 15 Prozent der Amerikaner wollen ihnen ein Warnmal, gleichsam einen Aids-Stern, an gut sichtbarer Stelle eintätowieren lassen. Aids sei, so Sande, "eine Epidemie der Angst geworden".
Nur zu oft genügt schon ein Gerücht, um "die gesellschaftliche Maschinerie der Verfolgung" in Bewegung zu setzen,
wie Gerald Friedland vom Montefiori Medical Center konstatierte. So wurde der 34jährige Englischlehrer Mark Carter - nachweislich aidsfrei, verheiratet und nicht homosexuell - letzten Herbst krankheitshalber beurlaubt, als an seiner Schule in Fairhaven (Massachusetts) bekannt wurde, daß er wegen einer Blutkrankheit in Behandlung sei. Die Kündigung folgte zum ersten Januar.
Ähnlich hysterische Reaktionen melden Ärzte und Aids-Helfer auch aus der Bundesrepublik. So wurde ein junger Altenpfleger in Berlin, nur weil er sich offen zum Schwulsein bekannt hatte, von seinem Arbeitgeber zwangsbeurlaubt und aufgefordert, sich beim Betriebsarzt aufs Aids-Verdacht (Ergebnis: negativ) untersuchen zu lassen.
In die Rubrik "Hysterie" gehört wohl auch die Reaktion hessischer Justizwachtmeister, die (nach US-Vorbild) Gefangene nur noch mit Gummihandschuhen anfassen wollen. Anfang Januar wurden 2000 Paar Schutzhandschuhe, mit überlangem Schaft, extra reißfest, das Stück für 21 Pfennig, angeschafft.
Dabei ist selbst das Pflegepersonal in Aids-Stationen, das täglich mit verseuchtem Blut umgeht, weniger gefährdet als bisher angenommen. Entsprechende Untersuchungen kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß das Infektionsrisiko von Krankenschwestern und -pflegern (soweit sie nicht zur Risikogruppe der Homosexuellen und Drogenabhängigen gehören) nur um etwa 0,1 Prozent gegenüber der Gesamtbevölkerung erhöht ist.
Eindeutig dokumentiert in der medizinischen Literatur ist lediglich der Fall einer britischen Krankenschwester, die sich nach einer Arterienpunktion bei einem Aids-Patienten mit der blutbehafteten Nadel gestochen hatte. "Daraus kann man ersehen", so Sande, "daß selbst die Intensiv-Pflege von Aids-Kranken keine hochriskante Tätigkeit ist."
Dem widerspreche auch nicht der erste bekanntgewordene Fall einer "Kind-Eltern-Übertragung", über den das Bundesseuchenamt in Atlanta Anfang Februar berichtete: Ein Kind, nach einer Bluttransfusion an Aids erkrankt, hatte seine Mutter angesteckt. Diese Infektion sei freilich insofern "höchst ungewöhnlich", so Jaffe, da die Mutter unvorsichtigerweise ständig in Kontakt mit dem Kindesblut gekommen war.

DER SPIEGEL 10/1986
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