03.03.1986

ZUCKERLuxus der Könige

Kein anderes Nahrungsmittel war jemals so begehrt wie Rohrzucker - den Aufstieg des Zuckers zum Massenartikel hat ein US-Forscher beschrieben. *
Kreuzfahrer brachten erste Proben des exotischen Süßstoffs nach Mitteleuropa. Im fernen Morgenland hatten die Rittersleute dafür stolze Preise bezahlt.
Zu Hause, in ihren zugigen Burgen, erregten die Heimkehrer großes Aufsehen mit der orientalischen Köstlichkeit. Bis ins 11. Jahrhundert war Zucker nördlich der Alpen so gut wie unbekannt gewesen.
Eine Kostbarkeit, erschwinglich nur für die Reichen und Mächtigen, blieb Zucker noch lange. Erst vor rund 150 Jahren wurde das einst teure Luxusgut zu einer Massenware, die seither in immer
größeren Mengen zu Schleuderpreisen verramscht wird - ein Boom ohne Grenzen: Längst hängen die Industrienationen am Zucker wie Fixer an der Nadel.
Wie das Zucker-Zeitalter anfing, wie es mit Eroberungszügen und gewaltigen Menschenopfern vorbereitet wurde, das ist jetzt nachzulesen in einer Monographie des amerikanischen Anthropologen Sidney W. Mintz: In seinem Buch mit dem Titel "Sweetness and Power" beschreibt der Autor, Professor an der Johns Hopkins University in Baltimore, die Erfolgsgeschichte des Zuckers als eine Art Wirtschaftswunder, das seit Beginn der Neuzeit anhält. "Kein anderes Nahrungsmittel", konstatiert Mintz, habe "in der Weltgeschichte jemals eine vergleichbare Rolle gespielt" _(Sidney W. Mintz: "Sweetness and ) _(Power". Viking Penguin Verlag, New York; ) _(274 Seiten; 20 Dollar. )
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Drei Jahrhunderte lang, bis in die Zeit Napoleons, war die Kolonialware Zucker, laut Mintz, ein ähnlich stimulierender Wirtschaftsfaktor wie später etwa das Erdöl: Das Geschäft mit dem begehrten Süßstoff habe Kapitalströme in Gang gesetzt, Hochseeflotten entstehen lassen und teils freiwillige, teils erzwungene Völkerwanderungen ausgelöst. Im dynamischen, oft gewalttätigen Zuckerhandel sieht Mintz eine, sozusagen, wüste Vorform des modernen Weltwirtschaftssystems - gleichsam ein "Experimentierfeld", auf dem die europäischen Handelsherren ihre "terms of trade" entwickelten und durchsetzten.
Begonnen hat die Karriere des Zuckers schon in grauer Vorzeit. Eingeborene auf Neuguinea legten die ersten Zuckerrohrfelder an, in Indien wurden die frühesten Techniken der Zuckerherstellung erprobt. Von dort gelangte das Know-how der Süßwaren-Produktion in den südlichen Mittelmeerraum, wo sich um das Jahr 1000 die Araber damit abmühten, ohne großen Erfolg: Ihre künstlich bewässerten, von Sklaven beackerten Plantagen lieferten nur mäßige Erträge.
Besser prosperierten, um 1500, die Zuckerrohr-Farmen der Portugiesen und Spanier auf den Kanarischen Inseln, auf Sao Tome oder Madeira. Doch richtig in Schwung kam die Rohrzucker-Produktion erst nach der Entdeckung Amerikas. Nachdem Christoph Kolumbus, zwischen 1493 und 1504, die karibische Inselwelt aufgespürt, ausgeplündert und entvölkert hatte, entstanden auf Kuba, Haiti, Martinique, Jamaika, Barbados und Puerto Rico riesige Zuckerrohr-Plantagen.
An der Westküste Afrikas schlugen sich derweil die Sklavenjäger in die Büsche; sie fingen, eifriger denn je, schwarze Eingeborene ein, nun für die mörderische Knochenarbeit in der Karibik. Dreieinhalb Jahrhunderte pendelten fortan die Sklavenfrachter über den Atlantik; zwischen 1701 und 1810 wurden mehr als 900000 afrikanische Zwangsarbeiter allein nach Jamaika und Barbados geliefert.
Der Sklaven-Import in die Neue Welt, schätzt Autor Mintz, sei "der wohl größte Einzelbeitrag Europas zu seinem eigenen ökonomischen Wachstum" gewesen. Denn spätestens um die Mitte des 18. Jahrhunderts erwiesen sich die karibischen Zuckerfarmen, laut Mintz, als Motor für einen allgemeinen Wirtschaftsaufschwung in Europa: Britische und französische Unternehmer steckten immer häufiger Risikokapital in die überseeische Zuckerproduktion - eine Investition, die schnelle und überdurchschnittliche Gewinne abwarf, weil die Zuckernachfrage, trotz immer noch hoher Preise, permanent wuchs.
Den Profit reinvestierten die Zucker-Spekulanten in heimische Industriebetriebe, die Schiffe, Waffen und Textilien an die Sklavenhändler lieferten. Europas Feudalherren, die dabei reichlich Steuern absahnten, gaben dem transatlantischen Dreiecksgeschäft gern ihren Segen und, notfalls, auch militärischen Schutz.
Um diese Zeit, notiert Mintz, sei der Zucker "vom Luxus der Könige zum königlichen Luxus der Bürger" geworden. Als Süßstoff allerdings fand er zunächst kaum Verwendung, eher als "Gewürz": Mit einer Prise Zucker würzten die Köche seit dem Spätmittelalter nicht nur die laffen Hirsegerichte, sondern
auch Fisch- und Fleischspeisen, die oft aus nicht mehr ganz frischen Zutaten bestanden.
Vor allem aber benutzten die Hofkonditoren Zucker als Rohstoff für dekorative Zuckerguß- und Marzipan-Kunstwerke, die bei Festmählern die Tafel schmückten. Für die Aristokratie modellierten die Zuckerbäcker Schlösser, Burgen oder Jagdszenen; die bürgerliche Kundschaft ließ sich Fabelwesen wie etwa die Sphinx oder auch chinesische Tempel formen.
Solange Zucker teuer war, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, galt er außerdem als Medizin, als eine Art Allheilmittel, das gegen Fieber wie Durchfall, Husten oder Gallenkoliken verordnet wurde. Zucker, in Wasser oder Milch aufgelöst, mit Kräutern vermischt oder zu Sirup verarbeitet, reinigte nach Ansicht der Ärzte Blut und Galle, Rachen und Darm. Die tropische Arznei wurde in die Haut gerieben, in die Augen geträufelt oder auf offene Wunden gestreut - nur Zahnkranke blieben von der Zucker-Kur verschont.
Einwände gegen die Zuckerheilkunde regten sich erst spät; überhaupt, berichtet Mintz, sei Kritik am Zuckerkonsum lange unterblieben: Stets habe sich die Zucker-Lobby erfolgreich durchsetzen können. Der ständig steigende Zuckerverbrauch in Europa, glaubt Mintz, sei von cleveren Marktstrategen angeheizt worden, die etwa im 18. Jahrhundert erreichten, daß in britischen Armenhäusern auf Staatskosten Süßigkeiten verteilt wurden.
Mit dem Beginn der Industrie-Ära wurde der Zucker, laut Mintz, gleichsam zum "Opium" fürs Proletariat - zu einem Seelentröster, der den Arbeitermassen den tristen Alltag versüßte und der ihnen zugleich schnell verfügbare Kalorien lieferte. Um die Jahrhundertwende bezog die britische Bevölkerung schon fast 20 Prozent ihres Kalorien-Inputs aus dem Zuckertopf.
Inzwischen ist dieser Prozentsatz in allen Industrieländern noch gestiegen. Dabei haben die Konsumenten längst jede Kontrolle über den Zuckerverbrauch verloren. Zwischen 50 und 60 Prozent aller industriell hergestellten Nahrungsmittel sind, wie Mintz zu berichten weiß, zuckerhaltig, auch wenn sie gar nicht süß schmecken: Gezuckert werden sogar Fisch- oder Fleischkonserven - der Süßstoff bleicht die Filets und versiegelt Brathähnchen gegen Geschmacksverluste.
Der gigantisch angestiegene Zuckerverbrauch, von den Medizinern mittlerweile als Teufelswerk angeprangert, hat den einstigen Sklavengesellschaften in der Karibik bis heute keinen Wohlstand beschert. Auch Reformern wie etwa Kubas Fidel Castro ist es nicht gelungen, die deformierte, fast ausschließlich von der Zuckerproduktion abhängige Wirtschaft der Region zu sanieren.
Amerikanische Mediziner überlegen unterdessen, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, Teile der Zuckerernte künftig in der Dritten Welt abzusetzen. Eine Zuckerportion im Wert von nur 20 Pfennigen, so haben sie unlängst errechnet, liefere einen Nährwert von 500 Kalorien, genug um einen Hungernden etwa in Südasien für einen Tag bei Kräften zu halten. Eventuelle Zahnschäden, meinen die Doktoren, könnten dabei getrost in Kauf genommen werden. _(Gemälde von 1852. )
Sidney W. Mintz: "Sweetness and Power". Viking Penguin Verlag, New York; 274 Seiten; 20 Dollar. Gemälde von 1852.

DER SPIEGEL 10/1986
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