03.03.1986

SCHRIFTSTELLERTage der Tränen

Bestseller-Autorin Marguerite Duras ("Der Liebhaber") veröffentlicht nach 40 Jahren ihre wiedergefundenen Aufzeichnungen über das „wichtigste Ereignis meines Lebens“. *
Paris, im April 1945. Die Stadt ist seit acht Monaten befreit, die Deutschen sind geschlagen, das Kriegsende steht unmittelbar bevor. Am Bahnhof Orsay treffen Heimkehrer aus deutscher Kriegsgefangenschaft ein, dann auch Zwangsarbeiter und Überlebende aus den Konzentrationslagern.
Unter den Menschen, die am Bahnhof auf die Rückkehr von Verwandten und Freunden warten - oft ohne Gewißheit, daß diese überlebt haben -, ist eine junge Schriftstellerin. Sie wartet auf ihren Mann, der als Mitglied der Resistance 1944 von der Gestapo verhaftet und nach Deutschland deportiert worden war.
Die Frau, auch sie im Widerstand aktiv gewesen, wartet fast ohne Hoffnung. Sie wird von Schreckensbildern ihrer Phantasie gepeinigt, sieht ihren Mann immer wieder als KZ-Opfer leiden und sterben. Zuspruch und Hilfe eines Freundes bewahren sie knapp vor dem körperlichen Zusammenbruch.
Dann kommt Robert doch aus Dachau zurück - fast verhungert, todkrank durch Ruhr. Die Frau bringt den Mann, der nur noch 37 Kilo wiegt und dessen Anblick sie kaum ertragen kann, in qualvollen Pflegewochen durch. Als er wiederhergestellt ist, sagt sie ihm, daß sie sich scheiden lassen und
künftig mit jenem Freund zusammenleben will.
Die Frau war Marguerite Duras, damals 31 Jahre alt und als Schriftstellerin noch weithin unbekannt.
Über das Warten auf ihren Mann, über Roberts Rückkehr aus dem KZ, über die Wochen, in denen sie ihn ins Leben zurück pflegte, hat sie - in jenen Tagen oder bald danach - Aufzeichnungen gemacht. Sie hat das Manuskript dann abgelegt, schließlich vergessen und erst vier Jahrzehnte später wiederentdeckt. 1985 hat sie es in einem Buch mit dem Titel "La Douleur" in Paris veröffentlicht, jetzt erscheint es in deutscher Übersetzung: "Der Schmerz" _(Marguerite Duras: "Der Schmerz". ) _(Deutsch von Eugen Helmle. Carl Hanser ) _(Verlag, München; 208 Seiten; 26 Mark. )
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Im Vorwort berichtet die Autorin, wie sie "dieses Tagebuch in zwei Heften in den blauen Schränken von Neauphle-le-Chateau wiedergefunden" habe, in ihrem Landhaus nahe Paris. Sie hatte "keine Erinnerung daran, es geschrieben zu haben", die Lektüre nach so vielen Jahren wirkte zunächst verstörend: "Ich stand vor einer phänomenalen Unordnung des Denkens und des Fühlens, an die ich nicht zu rühren wagte und der gegenüber ich die Literatur als beschämend empfand."
So unklar es bleibt, wann die junge Marguerite Duras diese Aufzeichnungen wirklich zu Papier gebracht und wie stark die alte Schriftstellerin sie nun für die Veröffentlichung überarbeitet hat, so gewiß ist doch "Der Schmerz" ein Stück Literatur, dessen sie sich nicht zu schämen braucht. Das Buch kann sich neben ihren Romanen und Erzählungen wie auch neben ihrem späten autobiographischen Bestseller "Der Liebhaber" (SPIEGEL 47/1984) gut behaupten.
Bewegend, faszinierend liest sich darin nicht nur die mit unsentimentaler Härte und ohne Schonung der eigenen Schwächen erzählte Geschichte ihres Wartens auf "Robert L.", seiner Krankheit und ihres Abschieds von ihm. Interessant ist "Der Schmerz" auch durch den kritischen Blick der Zeitgenossin Duras auf die gesellschaftliche und politische Szene jener Tage im befreiten Paris.
Die Wartende beobachtet, wie sich im Zeichen der "liberation" nationaler Pomp restauriert. Die Halle des Bahnhofs Orsay wird zur "Ehrenhalle" ernannt, in der die heimkehrenden Kriegsgefangenen und Deportierten von Ministern, Offizieren und eleganten Damen empfangen werden.
Irritiert fragt sich Marguerite Duras, "wo alle diese Leute herkommen, diese tadellosen Kleider nach fünf Jahren Besatzung, diese Lederschuhe, diese Hände, dieser hochmütige, schneidende, immer verächtliche Ton". Ihr Freund "D." sagt es ihr: "Was Sie da sehen, ist das gaullistische Personal, das seine Plätze einnimmt. Die Rechte hat den Krieg überstanden und sich im Gaullismus wiedergefunden. Sie werden sehen, daß sie gegen jede Widerstandsbewegung sein werden, die nicht unmittelbar gaullistisch ist. Sie werden Frankreich besetzen ..."
Etwas später notiert sie: "Am 3. April hat de Gaulle diesen kriminellen Satz gesagt: ''Die Tage der Tränen sind vorbei. Die Tage des Ruhms sind zurückgekehrt.'' Wir werden nie verzeihen."
Die Linke, die Resistance-Aktivistin, die Schriftstellerin Marguerite Duras ist nicht auf der Seite solcher Sieger. Sie hat Mitleid auch mit den aus Deutschland heimgekehrten Französinnen vom "Freiwilligen Arbeitsdienst", die zerlumpt und verängstigt in einer Ecke der "Ehrenhalle" auf dem Boden hocken, von den Frauen der Kriegsgefangenen als Verräterinnen geschmäht und von einer Frau Oberst, frisch onduliert und am Revers das Lothringerkreuz, schrill zurechtgewiesen werden - Arbeiterinnen zumeist, zwei Schwangere darunter, zwei sind offenbar Prostituierte, aber auch "ihre Hände sind schwarz vom Öl der deutschen Maschinen". Die Frau Oberst herrscht sie an: "Glaubt ja nicht, daß ihr so davonkommt ..."
Marguerite Duras schildert eine französische Jüdin, die wider jede Wahrscheinlichkeit
auf die Rückkehr ihrer deportierten körperbehinderten Tochter wartet, deren zurückgelassene Kleider wäscht, flickt und bereit legt - "Madame Kats fordert Gott heraus".
Aber sie denkt in ihrem "Schmerz"-Tagebuch auch "an die deutsche Mutter des kleinen, sechzehnjährigen Soldaten, der am 17. August 1944 allein, auf einem Steinhaufen am Quai des Arts liegend, mit dem Tod rang, sie wartet immer noch auf ihren Sohn".
Und mitten unter ihren die Befreiung und den Sieg feiernden Landsleuten, noch auf ihren verschleppten, gemarterten Mann wartend, widerspricht sie aller nationalen und ideologischen Selbstgerechtigkeit. Zu groß, zu schrecklich erscheint ihr, was geschehen ist "auf unserem Boden", im sogenannten Abendland: "Dort geschieht das, in Europa, wo wir zusammen eingeschlossen sind im Angesicht der übrigen Welt ... Wir gehören zur Rasse derer, die in den Krematorien verbrannt werden und zu den Vergasten von Maidanek, wir gehören auch zur Rasse der Nazis."
Wer aus den Nazigreueln "ein deutsches Schicksal macht und nicht ein Kollektivschicksal", so schreibt die Duras des Jahres 1945, der schränke das Unheil unzulässig ein: "Die einzige Antwort, die sich auf dieses Verbrechen geben läßt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen. Ebenso wie die Idee der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Um es zu ertragen, um die Vorstellung davon auszuhalten, das Verbrechen teilen."
Vielleicht gehören auch diese Sätze zu der "phänomenalen Unordnung des Denkens und des Fühlens", die Marguerite Duras vier Jahrzehnte später in ihrem vergessenen Tagebuch wiederentdeckt hat. Sicher gehören dazu einige andere alte, wiedergefundene Texte, die sie in das Buch "Der Schmerz" mitaufnahm.
Einer schildert ihre heikle Begegnung mit einem Gestapo-Mann, der sich als Kunstliebhaber zeigte, ihr auf leicht verklemmte Art den Hof machte und Informationen über die Widerstandsbewegung entlocken wollte. Nach der Befreiung lieferte sie den Untergetauchten der französischen Justiz aus. Im Prozeß bezeugte sie, daß er mehrere Juden vor der Deportation bewahrt habe - und wurde vom Staatsanwalt wütend des Saales verwiesen, "der Saal war gegen mich".
Eine andere Geschichte berichtet, wie sie zusammen mit jungen Resistance-Kameraden einen Kollaborateur folterte, um ihm das Geständnis seiner Denunzianten-Dienste für die Gestapo abzupressen. Die Autorin hat sich hier zur Figur "Therese" objektiviert, die lakonische Erzählung bleibt dennoch ein bewundernswert schonungsloses Selbstbekenntnis.
Ein dritter Text porträtiert einen gefangenen faschistischen Milizionär, einen schönen, naiven Jüngling, mit dem Therese "gern schlafen möchte". Und auch in diesem Fall gilt, was die Autorin schon der Folter-Geschichte vorausgeschickt hat: "Therese, das bin ich."
Marguerite Duras nennt den aus der Vergangenheit aufgetauchten, die "Unordnung" von damals nicht verleugnenden "Schmerz" ihr "wichtigstes Buch", das darin geschilderte Drama um die Rückkehr ihres Mannes aus dem KZ "das wichtigste Ereignis meines Lebens".
Daß bei diesem Ereignis ein Zeitgenosse eine wichtige Rolle spielte, der die Autorin an Prominenz übertrifft, macht sie in ihrem Buch ohne besondere Hervorhebung, ganz beiläufig bekannt.
Unter dem Datum des 24. April 1945 notiert sie den Telephonanruf eines Resistance-Kameraden, der ihr die Nachricht übermittelt, ihr Mann Robert sei noch vor acht Tagen lebend gesehen worden.
Der Anrufer war dann auch einer von mehreren Freunden, die den todkranken Robert aus dem besiegten Deutschland nach Paris heimholten. Marguerite Duras nennt diesen hilfsbereiten Genossen bei dem Decknamen, den er in der Widerstandsbewegung trug: "Morland". Und beim richtigen Namen: Francois Mitterrand.
Marguerite Duras: "Der Schmerz". Deutsch von Eugen Helmle. Carl Hanser Verlag, München; 208 Seiten; 26 Mark.

DER SPIEGEL 10/1986
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