02.06.1986

KERNKRAFTLiebe, lache, kämpfe

Kernkraftwerke sollen, nach Tschernobyl, auf ihre Sicherheit überprüft werden, Brokdorf geht vorerst nicht ans Netz. Atomgegner rüsten zu neuem Protest in der Wilstermarsch. *
"Elektrizität - aus Kernenergie", verklart Westdeutschlands zweitgrößte Stromfirma PreußenElektra in bunten Informationsschriften ihren Kunden, "beleuchtet Wohnungen, heizt und kocht, treibt Motoren und Maschinen"; kurzum, der Atomstrom "hilft dem Menschen, leichter und schöner zu leben".
Doch von dem strahlend-schönen Leben haben, seit dem Super-GAU von Tschernobyl, die meisten Bundesbürger genug: 83 Prozent sind, nach einer Emnid-Umfrage für den SPIEGEL, gegen den Bau weiterer Kernkraftwerke (SPIEGEL 22/1986). Die PreußenElektra, die bereits zu 70 Prozent Strom aus Atommeilern liefert, gerät unter Druck, und Politiker der Altparteien suchen, kommende Wahlen fest im Blick, nach Korrekturen des Kernkraftkurses: *___In Hessen will die rot-grüne Landesregierung das von ____der PreußenElektra geplante Atomkraftwerk in Borken ____verhindern; *___in Niedersachsen soll der von Kernkraftgegnern so ____genannte Schrottreaktor in Stade, der älteste ____Atommeiler der PreußenElektra und der Hamburgischen ____Electricitäts-Werke (HEW), nach dem Willen der SPD in ____Hannover und Hamburg abgeschaltet, auf seine Sicherheit ____getestet und möglichst für immer stillgelegt werden; *___in Schleswig-Holstein darf, so beschloß die ____CDU-Landesregierung das gerade fertiggestellte ____Kernkraftwerk Brokdorf (PreußenElektra und HEW) nicht, ____wie geplant, am Freitag, dem 13. Juni, ans Netz.
Kiels Ministerpräsident Uwe Barschel geht mit dieser Entscheidung weiter als alle anderen CDU-Landeschefs. Er will Brokdorf erst dann einschalten lassen, wenn überprüft worden ist, ob nach Tschernobyl für den Reaktor und die im Lande bereits laufenden Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel "weitere sicherheitstechnische Auflagen erforderlich sind".
Während in Bonn und anderswo aber die atomare Wiederaufarbeitung, den Schnellen Brüter und damit auch über
den Ausstieg aus der Plutonium-Wirtschaft gestritten wird, will die Freiburger CDU nun keinen Atommeiler mehr in Wyhl am Rhein. Und könnte die sozialdemokratisch regierte bayrische Stadt Schweinfurt allein entscheiden, würde das nahe Kraftwerk Grafenrheinfeld für immer abgeschaltet.
Im Mittelpunkt der Kritik allerdings stehen nun die vier norddeutschen Reaktoren. Brokdorf ist seit Baubeginn, nach zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten, ein bundesweites Symbol für den Widerstand gegen Atomanlagen. Auch die Kernkraftwerke Brunsbüttel, Stade und Krümmel sind umstritten.
Kritiker bezeichneten die größten westdeutschen Siedewasserreaktoren in Brunsbüttel (770 Megawatt) und Krümmel (1260) von Anfang an wegen der
speziellen Technik als besonderes Sicherheitsrisiko. Im Kraftwerk Brunsbüttel, das 1976 seinen Betrieb aufnahm, gab es einige Dutzend Schnellabschaltungen des Reaktors, weil immer wieder Pannen aufgetreten waren.
Vor acht Jahren wäre es in dem Meiler an der Unterelbe sogar fast zu einer Katastrophe gekommen: Drei Stunden lang strömte damals radioaktiver Dampf aus; die Bedienungsmannschaft hatte absichtlich die Sicherheitsabschaltung des Atomreaktors außer Betrieb gesetzt.
Führungspersonal in Brunsbüttel wurde ausgetauscht, und der Pannenreaktor, der mehrere Jahre lang überhaupt keinen Strom produzierte, wurde für mehrere hundert Millionen Mark technisch nachgerüstet. Erst vergangenes Jahr wurde ein sogenanntes unabhängiges Notstandssystem eingebaut - ein eingebunkerter Unterstand, hundert Meter neben dem Reaktor. Von dort soll im Ernstfall die Kühlung des durchgehenden Meilers gesteuert werden.
Über die Sicherheit in Krümmel, seit 1983 in Betrieb, muß Mitte des Monats abermals das Oberlandesgericht in Lüneburg verhandeln. Sachverständige Kritiker und Kläger behaupten, der Reaktordruckbehälter sei nicht sicher (siehe Kasten). Ähnliche Bedenken gibt es gegen Stade: Der Druckbehälter ist versprödet, das Notkühlsystem wurde umgebaut und bietet, glauben Skeptiker, im Notfall keine Gewähr gegen einen Super-GAU (SPIEGEL 21/1986).
Aus Sorge um die Sicherheit beschloß der Hamburger Senat im Mai, Stade und alle anderen um Hamburg gruppierten Atomkraftwerke erneut überprüfen zu lassen; einzubeziehen seien dabei auch jene Wissenschaftler, von denen "die Sicherheit dieser Kernkraftwerke" begründet in Frage gestellt werde. Vergangene Woche lehnte Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann das Ansinnen ab: Die Bundesregierung sei nicht bereit, bei der Prüfung "kritische Wissenschaftler zu beteiligen".
Der heftigste Widerstand aber richtet sich nicht gegen die alten, sondern gegen das technisch modernste Atomkraftwerk, das noch gar nicht läuft: Gegen die Atomfabrik Brokdorf in der Wilstermarsch gab es ungezählte Demonstrationen, seit Baubeginn vor zehn Jahren streiten Politiker und Juristen über das Großprojekt.
Norddeutsche Sozial- und Freidemokraten standen gegen die Kernkraftbefürworter in der damaligen Bonner sozialliberalen Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt und in der Kieler CDU-Landesregierung. Einzelgewerkschaften votierten für und gegen den Meiler in der Marsch, und der Atomlobby aus Wirtschaft und Industrie schien nahezu jedes Mittel recht, Brokdorf eine strahlende Zukunft zu besorgen.
Dabei gibt es für den Strom aus Brokdorf (1300 Megawatt) keinen wirklichen Bedarf: Die HEW, die schon jetzt Hamburg zu 74 Prozent mit Atomstrom versorgen, verfügen über eine Kraftwerkskapazität ohne Atommeiler von derzeit 2600 Megawatt. Die Jahreshöchstleistung der Stromfirma betrug 1985 gerade 1864 Megawatt. Durch Brokdorf-Strom kann niemandem mehr ein Licht aufgehen.
Schleswig-Holstein, das mit der Inbetriebnahme von Brokdorf Elektrizität zu rund 90 Prozent aus Kernkraftwerken beziehen würde, hätte dann eine Kraftwerkskapazität von gut 3000 Megawatt; der höchste Stromverbrauch lag 1984 aber nur bei 1589 Megawatt. Den Nordland-Sozis reichte diese Energiebilanz, um am vergangenen Sonntag nahe Brokdorf mit vielen Prominenten zu demonstrieren: "Stoppt Kernkraft jetzt - Brokdorf nicht ans Netz."
Mit dem gleichen Ziel, doch womöglich mit anderen Methoden, soll am kommenden Samstag erneut gen Brokdorf gezogen werden: Grüne und Alternative, Bürgerinitiativen und Autonome rüsten zum womöglich letzten Gefecht. Nachdem in Hamburg ein Vorbereitungstreffen der bunten Gruppen am vorletzten Wochenende erst mal im Chaos endete, sollen nun alle "politischen Kräfte" gesammelt und an den Kraftwerkszaun geführt werden: "Diese neue atomare Zeitbombe", so die Grünen, "darf nie ans Netz gehen."
Verfassungsschützer fürchten, daß es dabei zu ähnlich rabiaten Aktionen kommt wie bei der Pfingstschlacht von Wackersdorf. Solange das "mörderische Atomprogramm weitergeführt" werde, heißt es etwa in einem Demo-Aufruf der Hamburger Grün-Alternativen Liste, "sind alle Formen des Widerstandes ... legitim und notwendig". Das heißt nichts anderes, als daß jeder, dem danach zumute ist, draufloshauen möge.
Autonome Gruppen - zumeist vorneweg, wenn irgendwo, aus welchem Grund auch immer Steine fliegen - wollen denn auch gleich "den Angriff gegen die herrschende Klasse" führen und das ganze Marschengebiet zumindest "zeitweise unregierbar machen". In Briefen an die alternative "tageszeitung" fordern anonyme Autonome etwa "Sabotage an AKW-Infrastruktur und militante Aktionen" unter der Parole "Hau weg den Scheiß".
Eine Hamburger "Susie Sunshine" bringt es auf ihren Nenner: "Liebe, lache, kämpfe."

DER SPIEGEL 23/1986
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