03.03.1986

THEATERKörperlich geschunden

Mit Einar Schleefs monomanischem Antiken-Projekt „Mütter“ wollte das gebeutelte Frankfurter Schauspiel seine Reputation auffrischen. Das Unternehmen mißlang. *
Im Jahre 1926 errang eine thüringische Sportlerin namens Gertrud Schleef die Jugendmeisterschaft im 100-Meter-Lauf. Dieser Umstand mag heute nicht mehr sonderlich gewichtig erscheinen, doch auf wundersame Weise hat auch er dazu beigetragen, daß dieser Tage Frankfurter Theaterbesucher strapaziert werden wie lange nicht mehr.
"Gertrud" nannte ihr Sohn Einar sein zweibändiges 896-Seiten-Werk (1980/ 84), in dem er das Kunststück fertigbrachte, Mama einen langen Monolog über ihr Leben und Jahrhundert sprechen zu lassen, und in dem es doch immer wieder nur um eines geht: um Einar Schleef, 42, und seine Obsessionen.
"Mütter" nennt Schleef nun denn auch seinen Versuch, zwei Dramen gleich zweier griechischer Klassiker (Aischylos und Euripides) zu einem Bühnenwerk zu verschmelzen. Sie handeln vom Bruderkrieg um die Stadt Theben und dessen Folgen, das Opus mithin vorgeblich von dem laut Schleef im wesentlichen von Müttern verschuldeten kriegerischen Weltengang, in Wirklichkeit aber doch wieder nur von Einar Schleef. Als monomanischen Ego-Trip im Stil einer Sport-Schau durfte er es am Frankfurter Schauspiel inszenieren.
Dieses "Antiken-Projekt", bei dem Schleef und sein Co-Autor Hans-Ulrich Müller-Schwefe auch noch die beiden Dramen chronologisch auf den Kopf stellen, ist das ehrgeizigste Vorhaben des neuen Intendanten Günther Rühle. Nach der Affäre um Fassbinders Drama "Der Müll, die Nacht und der Tod" sollte das "Mütter"-Genesungswerk seiner Bühne zu Reputation verhelfen. Schleef, auch als Bühnen- und Kostümbildner aktiv, erhielt vier Monate Probenzeit, fünf Regie-Assistenten, einen Umbau des Zuschauerraums und Darsteller in großer Schar.
Ein Treppenlaufsteg steigt mitten durchs Publikum an. Mädchen in roten Tuniken und schwarzen Arbeitsstiefeln rennen truppweise heulend und kreischend, klagend und singend treppauf, treppab und rundherum, der thebanische Kriegerkönig Eteokles in Tanga-Slip und mit Mishima-Stirnband immer voran, hinterdrein oder mittendrin. Demokraten-König Theseus dagegen trägt Frack und Flatter-Turnhose.
Dreieinhalb Stunden lang, ohne Pause, stürzen sich rasende Chorfrauen, brüllende Mannskinder über Rampe und Bühne - ein Marathon im Sprint-Tempo, das die "Süddeutsche Zeitung" mal an die Spartakiade, mal an Dada erinnerte.
Vor allem aber läßt Schleef Frauentruppen aufmarschieren - neben 14 Jungfrauen sieben klagende, tanzende, rangelnde Weiber; dazu sechs Kinder erst im Konfirmandenanzug, dann im Battle-dress (Symbol kapiert?), dazu rund 30 Weiber im schwarzen Witwen-Gewand, die er aus Opernstatisterie und Laien rekrutiert hat, gut ein Drittel Ausländerinnen. Denen, sagt Schleef, falle rhythmisches Sprechen im Chor noch leicht, da sie die deutsche Fremdsprache ja "bewußt" sprechen müßten.
Den Einar Schleef verfolgt eine Art Schmerz: Seit er, kurz nach seinem Weggang 1976 aus der DDR, in West-Berlin eine Frauendemonstration erlebt habe, sei ihm deren rhythmisches Geschrei nicht mehr aus dem inneren Ohr gegangen. In Frankfurt hat er sich den Sprechlärm aus dem Kopf exorziert - die zentrale "Rolle" im "Mütter"-Werk haben die Chöre. Diese Idee, seit den sechziger Jahren zu Recht von der Bühne gedrängt, hatte bei Schleefs Massenveranstaltungen fatale, weil höchst dissonante Folgen.
Um den Chören die gewünschte Wucht zu geben, sah der "außer Kontrolle geratene Fahnenjunker" ("Süddeutsche Zeitung") Schleef nur einen Weg: gnadenloser Drill und erbarmungslose Probenarbeit - schon bei der Vorpremiere erhielt er eine Quittung.
Lauthals protestierte der an der Aufführung nicht beteiligte Schauspieler Edgar M. Böhlke gegen Schleefs "Machtmißbrauch". Böhlke, Dozent an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, ist irritiert darüber, daß Schleef seine Spielerschar nicht vor "Selbstentblößungen" auf der Bühne geschützt und Laiendarsteller öffentlich den Profis gegenüber gerühmt hat. Zudem seien zwei seiner Schülerinnen "körperlich geschunden" und "mit kaputter Stimme" nach Schleef-Proben bei ihm erschienen.
Auf die Schinderei von Laien und Spielern folgte die des Publikums. Denn gnadenlos auch gegenüber dem eigenen Werk hat Schleef seine Sprache von den Massenchören zerhacken, synkopieren und sinnentstellend zerreißen lassen, was zwar einen gewissen "Sound" (Schleef), aber wenig Verständlichkeit hervorbrachte.
"Stöhn heul kreisch blök krächz jaul stotter murmel" überschrieb "Die Zeit" ihre Rezension des "bizarren Laienspiels" und fühlte sich an "Militärparaden, Karnevalssitzungen" sowie "Polizeisportfeste" erinnert. "Flatternden Dilettantismus" ortete die "Frankfurter Rundschau", "Eurhythmie und Ringelpietz" die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
"Der Intendant sitzt still auf den Stufen", wunderte sich der Kritiker der "Zeit" bei der Premiere, "und die Mütter blicken stumm auf dem ganzen Tisch herum."
Dann, letzter verzweifelter Gedanke: "Auch von den bewährten Frankfurter Bühnenbesetzern fehlt jetzt, wo man sie wirklich einmal gebraucht hätte, jede Spur." _(Mit Martin Wuttke und Eva-Maria Strien. )
Mit Martin Wuttke und Eva-Maria Strien.

DER SPIEGEL 10/1986
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