03.03.1986

Schützt die Raucher!

Von Art Buchwald Buchwald, 60, ist regelmäßiger Kolumnist zahlreicher amerikanischer Zeitungen. *
Gegen das anhaltende Trommelfeuer der Anti-Zigaretten-Propaganda schlägt die Tabakindustrie jetzt zurück.
Laut "Wall Street Journal" hat "Philip Morris" eine machtvolle Kampagne gegen die Diskriminierung der Raucher gestartet. Eiferer der Anti-Raucher-Front, so erklärt die Firma, belästigten in zunehmendem Maße die Raucher und verletzten deren Bürgerrechte.
Außerdem behauptet ein Firmensprecher, die Berichterstattung der Medien zum Thema Rauchen sei grob unfair und unterstütze "Randgruppen, die eine Veränderung amerikanischer Verhaltensweisen anstreben, um sie ihrer eigenen Vorstellung von Utopia anzugleichen".
Mir wäre es lieber gewesen, der Sprecher hätte von "einigen Medien" gesprochen. Ich nämlich glaube, daß in diesem Land jeder, der rauchen möchte, das auch dürfen soll. Ich lehne es ab, mit Eiferern oder Mitgliedern von Randgruppen in einen Topf geworfen zu werden. Als wiedergeborener ehemaliger Zigarrenraucher würde ich niemals zwischen den tapferen Menschen, die das Rauchen aufgegeben haben, und den schwachen, erbärmlichen Wichten, die dieser schmutzigen Gewohnheit immer noch frönen, Partei ergreifen.
Aufgabe des Journalisten ist es, jede politische Frage fair und unparteiisch zu behandeln, sei es Tabak oder Oberst Gaddafi.
Deshalb will ich mich zuerst den Argumenten für das Rauchen zuwenden. Die meisten Menschen, die rauchen, sind wandelnde Zeitbomben kurz vor dem Losgehen, und die Zigarette ist das einzige, was sie vor der Selbstzerstörung bewahrt. Unser Land besitzt nicht genug Kliniken, um all die Neurotiker zu versorgen, die eingeliefert werden müßten, wenn sie nicht rauchen dürften.
Raucher gehören zu unseren größten Steuerzahlern. Mit der Tabaksteuer subventionieren sie Schulen, Kläranlagen und die Krankenhäuser, in die sie kommen, wenn sie vom Rauchen krank werden. Rauchen fördert die US-Volkswirtschaft. Zigarettensüchtige werden eher ihren letzten Dollar für ein Päckchen Glimmstengel ausgeben, als ihn wegzuwerfen für Brot oder Milch.
Eines der beredtesten Gesundheitsargumente für das Rauchen ist, daß heute mehr Frauen rauchen denn je. Sie würden's nicht tun, wenn es nicht gefahrlos wäre, denn rauchende Frauen sind ja nicht dumm.
Je mehr die Leute Angst haben, sich eine anzustecken, desto mehr werden sie von Nichtrauchern tyrannisiert. Die eifernden Nichtraucher rechtfertigen ihre Roheit mit der Behauptung, der Qualm mache sie schwindlig. Das ist ein Witz. Es ist ein bekanntes medizinisches Faktum, daß Tabakrauch für Nichtraucher nicht schädlicher sein kann als ein Glas warmes Wasser aus dem East River.
Dies ist die größte Befürchtung der Tabakindustrie: Wenn man dem Anti-Raucher heute die Verfolgung des Rauchers erlaubt, wird er morgen Lastwagen verfolgen und nächste Woche die Schornsteine der Stahlindustrie. Also kämpft jeder Raucher nicht nur für seine eigenen Rechte, sondern für die Rechte von allem, was raucht in Amerika.
Nun wollen wir aber auch zu der anderen Seite fair sein. Die Nichtraucher sind Waschlappen, die den ganzen Tag herumsitzen und auf einen Raucher warten, der eine Zigarette herausholt. Sie sind intolerante, selbstsüchtige Leute. Fragt man sie, warum sie gegen jemanden protestieren, der ein paar Züge aus seiner Filterzigarette genießen will, ist alles, was sie vorbringen können, ein lahmes "Ich habe Asthma", was nun wirklich kein vernünftiger Grund ist.
Außer den Waschlappen gibt es unter den Nichtrauchern eine große Zahl bekehrter Paffer, die das Kraut aufgegeben haben und jetzt alle anderen dazu bringen wollen, es ihnen gleichzutun. Diese Typen sind unerträglich, weil sie die Raucher nicht nur zum Auslöschen ihrer Zigaretten auffordern, sondern ihnen auch stundenlang klarmachen, warum Zigaretten schädlich sind.
Da haben Sie sie also, die beiden Parteien, jede mit ihrer eigenen Wahrheit: Die eine besteht aus Rauchanbetern, die andere betet ständig um frische Luft.
Wir sollten beide Parteien tolerieren - die, die an ein langes Leben glaubt, und die, der das wurscht ist. Keine hat die Wahrheit gepachtet. Es gibt nur eines, worin wir alle übereinstimmen können: Aufgabe der Tabakindustrie kann es nicht sein, für unsere Gesundheit zu sorgen.
Von Art Buchwald

DER SPIEGEL 10/1986
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DER SPIEGEL 10/1986
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