05.05.1986

LIBYENFührer der Revolution

Gaddafi sammelt neue Söldnerscharen - seine „Islamische Legion“ soll im Tschad kämpfen. *
Zu Hunderten zogen sie durch die vornehmen Golf Links, das Diplomatenviertel der indischen Hauptstadt Neu-Delhi - Landarbeiter, Arbeitslose, Slumbewohner. In der zweiten Aprilwoche zählten Anwohner an die 6000 oft nur in Lumpen gehüllte Besucher, die in langen Schlangen vor Nr. 22, dem libyschen "Volksbüro", ausharrten.
Angelockt hatte die oft von weither angereisten Interessenten eine verführerische Anzeige - in vier Wochen war fast ein durchschnittliches indisches Jahresgehalt zu verdienen.
Gagen von monatlich 833 bis 1666 Dollar offerierten Libyens Volksvertreter all jenen, die bereit waren, in Muammar el-Gaddafis "Islamischer Legion"die grüne Fahne des Propheten mit Waffengewalt in die Welt zu tragen. Daß der "Kampf gegen den US-Imperialismus" vielleicht tödlich für sie enden könne, schreckte die indischen Bewerber nicht. "Hier verhungere ich", meinte ein Söldnerkandidat. "Wenn ich in Libyen sterbe, haben wenigstens meine Kinder genug zum überleben.
Auf amerikanisches Drängen stoppte das indische Außenministerium die Aktion. Libyens Botschafter Omar Anid Hadallah el-Aunali wurde wegen des "für diplomatische Vertretungen unüblichen Treibens" zum Rapport bestellt.
Botschaftssprecher Abu Baka gab sich arglos. Die Inder hätten doch nur "ihre Solidarität" mit den von Washington gezüchtigten Nordafrikanern bekunden wollen. Außerdem: "In allen arabischen Ländern haben wir solche Anzeigen veröffentlicht."
Nicht nur dort. Vor allem in schwarzafrikanischen Staaten riefen von Libyen bezahlte Werbekampagnen Kämpfer zu Gaddafis Waffen. Gefragt sind vor allem ausgebildete Piloten und Armeeoffiziere. Notfalls reicht den Werbern, meist Botschaftsvertretern, auch der Nachweis früherer Militärdienstzeiten. Das Bekenntnis zum Islam hingegen wird den künftigen Glaubenskriegern nicht abverlangt.
In Ghana werden "Freiwillige" gesucht, "die bereit sind, für die Sache des Islam zu kämpfen". Aus einem Sammellager in der Nähe von Cotonou, Hauptstadt der Volksrepublik Benin, fliegt Moskaus Aeroflot jugendliche Flüchtlinge
aus dem Tschad zu Hunderten nach Tripolis. 500 Söldner aus Dschibuti und gar 2000 aus dem Sudan sollen schon zur Legion gestoßen sein.
Ende März ließ Gaddafi die Anwerbung von Glaubenskämpfern für den "Heiligen Krieg" auch international gutheißen. 302 Organisationen, Parteien, Befreiungsbewegungen und Revolutionskomitees aus aller Welt lud er zu einer Mammutkonferenz nach Tripolis.
Mehrheitlich wählten die 700 Delegierten der Unterdrückten-Internationale, darunter der radikale US-Schwarzenführer Louis Farrakhan, Kurdenchef Massud Barsani, KP-Vertreter mehrerer Länder und Kanaken-Sprecher aus Neukaledonien, den libyschen Obersten zum Führer "der Weltrevolution aller progressiven Kräfte". Die Konferenz-Kämpfer beschlossen den Aufbau einer "internationalen Revolutionsstreitmacht".
Mit Lohnkriegern hat Libyens Führer viel Erfahrung. 1974 suchte er schon einmal Rekruten für seine "Islamische Legion".
Bis zu 12000 Söldner heuerten libysche Werber seit Mitte der siebziger Jahre an. An Waffen herrschte kein Mangel. Von den Sowjets reich ausgestattet, verfügt Libyen über weit mehr Kriegsmaterial, als seine 73000-Mann-Armee einsetzen kann. 1400 von 2900 Kampfpanzern stehen eingemottet in Depots, 420 von 535 Kampfflugzeugen verstauben unbenutzt in Hangars.
Mit Kalaschnikows und sowjetischen Panzerfäusten RPG-7 gut gerüstet, mit Sprüchen aus Gaddafis "Grünem Buch" und islamischen Kampfparolen indoktriniert, wuchs die Legion heran. Doch Erfolge blieben aus.
1977 stürmten ägyptische Fallschirmjäger ein grenznahes Lager der Fremdsoldaten. Statt zu kämpfen, zogen viele Legionäre mit den Eroberern ins feindliche Kairo, baten um Asyl und arbeiteten fortan für die ägyptische Propaganda.
Seither handelt sich Tripolis stets Ärger ein, wenn Gaddafis Sendboten allzu ungeniert um Kämpfer werben. Der Senegal kündigte die diplomatischen Beziehungen auf. Selbst dem Libyer zeitweilig wohlgesinnte Regierungen, wie die von Niger und Mali, haben sich über "Umsturzversuche" beschwert.
Am meisten hat Libyen-Nachbar Tschad unter Gaddafis Sendungsbewußtsein zu leiden. Dort unterstützt der Libyer seit Jahren Ex-Präsident Gukuni Weddei gegen die Regierung in Ndjamena.
Daß die Legion im Tschad kämpfen soll, wird in den libyschen Rekrutierungsbüros meist nicht einmal verschwiegen. Wohlweislich verraten Gaddafis Werber aber nicht, was aus der Söldnertruppe geworden ist, die bislang im Nord-Tschad focht - sie wurde in den vergangenen Monaten bei schweren Kämpfen nahezu völlig aufgerieben. Den demoralisierten Rest entließ Gaddafi persönlich.

DER SPIEGEL 19/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LIBYEN:
Führer der Revolution