03.03.1986

NACHRUFOLOF PALME †

Unter Europas Regierungschefs fand er seinesgleichen nicht: Unprätentiös und machtbewußt, weltläufig und hausbacken, ausgestattet mit einem untrüglichen Sinn für das Populäre und das Gerechte, für die Probleme der Unterprivilegierten und der Ausgenutzten, wurde Schwedens Premier Olof Palme in den letzten Jahren seiner langen Politikerlaufbahn zu einem Markenzeichen für rationale Politik.
Wenn es um Fragen der Friedenspolitik oder eine faire Haltung gegenüber der Dritten Welt ging, wenn Schwedens Neutralität mit politischem Gehalt aufzufüllen war, wenn irgendwo sozialistische Genossen Rat und Hilfe brauchten: Auf Olof Palme, setzte kaum einer vergebens.
In den letzten Monaten seiner Amtszeit schaffte seine Regierung sogar etwas, was den deutschen Sozialdemokraten trotz erfolgversprechender Ansätze am Ende versagt blieb: eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik.
Den Start in seine glanzvolle politische Karriere hatte der aus bürgerlich-konservativem Elternhaus stammende Palme gleich nach dem Studium in Schweden und USA geschafft, als der damalige Ministerpräsident Tage Erlander ihn zu seinem persönlichen Sekretär ernannte. Der 27 Jahre alte Sozialdemokrat wurde - von seinem Mentor zielstrebig aufgebaut - rasch so etwas wie die graue Eminenz in der Stockholmer Regierungskanzlei. 1957 gelang ihm als jüngstes Parlamentsmitglied der Sprung in den Reichstag, sechs Jahre später machte Erlander ihn zum Minister. Als Anfang Oktober 1969 Erlander den Parteivorsitz niederlegte, war Palmes Aufstieg Formsache: Er wurde einhellig zu seinem Nachfolger nominiert, als Chef der Regierungspartei rückte er automatisch und ohne Wahlen auch zum Premierminister auf.
Als Regierungschef blieb Palme lange Zeit umstritten. Er galt als Parteikarrierist, als eine Reizfigur, die bei Popularitätsumfragen immer schlechter abschnitt als seine Partei. Im Parlament brüskierte er seine Widersacher oft mit arroganter Polemik.
Eine Vaterfigur wie seine drei sozialdemokratischen Vorgänger wurde Palme nie. "Ich bin in der Oberschicht geboren, aber ich gehöre zur Arbeiterbewegung", sagte er über sich selbst.
Bei den ersten Wahlen im September 1970, denen Palme sich stellen mußte, verloren die Sozialdemokraten ihre absolute Mehrheit. Nur mit Hilfe der Kommunisten konnte sich der Ministerpräsident im Amt behaupten.
Weltweites An- und Aufsehen gewann Palme durch seine außenpolitischen Aktivitäten, vor allem durch seine Kritik am amerikanischen Vietnam-Krieg, den er als einer der ersten Regierungspolitiker des Westens schon in den sechziger Jahren geißelte. Was in Vietnam geschehe, sei "eine Form der Tortur", erklärte er und verglich die amerikanischen Bombenangriffe mit dem Grauen von "Guernica, Babi Jar, Lidice, Oradour und Treblinka". Die Attacken bewogen Richard Nixon, seinen Missionschef aus Stockholm abzuberufen.
Als einer der ersten unterstützte er die Ostpolitik der Bonner sozialliberalen Koalition seines Freundes Willy Brandt. Doch mit außenpolitischen Themen ließen sich in Schweden keine Wahlen entscheiden.
1976 unterlag Palme der bürgerlichen Koalition unter dem populären Zentrumsführer Thorbjörn Fälldin - zum ersten Mal seit 1932 mußten die Sozialdemokraten wieder in die Opposition, sechs Jahre lang.
Palme engagierte sich intensiv in der Sozialistischen Internationale. Er arbeitete in Brandts Nord-Süd-Kommission mit, betätigte sich im Uno-Auftrag als Vermittler im Golfkrieg zwischen Iran und Irak und leitete die nach ihm benannte Abrüstungskommission.
Die bürgerliche Regierungskoalition, in sich zerstritten und unfähig, die Wirtschaftskrise halbwegs zu meistern, blieb nur eine Episode, wie Palme es immer wieder vorausgesagt hatte. Im September 1982 schaffte Palme sein Comeback. Gestützt auf die Kommunisten, konnte er wieder eine Minderheitsregierung bilden. Beim letzten Wahlkampf im Spätsommer vorigen Jahres verteidigte er seinen Kurs gegen die Angriffe der Bürgerlichen - und wurde vom Wahlergebnis bestätigt.
Am Freitagabend vergangener Woche, auf dem Heimweg vom Kino "Grand", ging er zu Fuß durch die Stockholmer Innenstadt - wie üblich ohne Leibwächter. Ein Taxifahrer fand den 59jährigen Regierungschef auf der Straße liegend, tödlich verletzt von zwei Bauchschüssen.

DER SPIEGEL 10/1986
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