07.04.1986

Im Taumel der Triebe

Eine neue Generation artistischer Kletterer schockt die Alpinisten Als „kraftvolles Ballett“ verstehen die Anhänger des Freeclimbing, des Freiklettern“, ihren Sport. Ohne technische Hilfen steigen sie selbst senkrechte Felswände hoch. Klassische Bergsteiger sehen die Turnschuh-Konkurrenz mit Mißtrauen. Die Freizeitindustrie erhofft einen neuen Markt. *
Frei baumeln die Beine des Mannes in den knallbunten Balletthosen über dem Abgrund. Mit einer Hand hängt er an einem schmalen Felsvorsprung, mit der anderen greift er lässig in den Beutel voll Magnesiapulver hinten am Gürtel.
Zufällige Zuschauer, die am Fuß der bizarren Kalkfelsen von Buoux in Südfrankreich stehen, fröstelt es. Die Kenner, die Kletterstar Patrick Edlingers Tour beobachten, finden seine Pose allenfalls "cool". Denn sie wissen, dieser Griff an einem überhängenden Felsdach ist leicht zu halten.
Doch mit einarmigen Klimmzügen an winzigen Felsnasen, wie sie Edlinger für ein französisches Fernsehteam ohne Seilsicherung demonstrierte, läßt sich eine Sportart spektakulär der Öffentlichkeit nahebringen, die in den letzten Jahren Zuwachsraten wie wenige andere verzeichnen konnte: Freeclimbing- Freiklettern.
"Kraftvolles Ballett" nennt einer der ersten deutschen Profis, der Bayer Michael Kies, die Art der Spitzenkönner, senkrechte oder sogar überhängende Felswände ohne technische Hilfsmittel zu erklimmen, nur mit Händen und Füßen, oder besser mit Finger- und Zehenspitzen, unter Ausnutzung winziger Risse und Unebenheiten im Gestein.
"Die Wand wird zum Turngerät", sagt der Münchner Jakob Käsbauer über den Reiz von Freeclimbing, dem in Deutschland inzwischen mehr als 10000 Frauen und Männer erlegen sind. Das Herrenmagazin "Penthouse", neben Busen auch für Yuppie-Trends zuständig, sieht in der neuen Kraxelei schon die "Sportart der 80er Jahre", und das Branchenblatt "Sportartikel-Zeitung" stellt
die Frage, ob Freeclimbing als Modesport zum Nachfolger des Surfens wird.
Selbst die Funktionäre des Deutschen Alpenvereins (DAV), bis vor kurzem den schrägen Kletter-Vögeln in ihren hautengen Hosen herzlich abhold, lassen sie jetzt gelten. Vorsitzender Fritz März: "Uns bleibt nur die Flucht nach vorn, wenn wir nicht von einer Lawine überrollt werden wollen."
Ausgelöst wurde diese Lawine in den späten sechziger Jahren von amerikanischen Hippies. In Easy-Rider-Manier hatten sie die Freiheit im kalifornischen Yosemite-Nationalpark gesucht und dort riesige, glatte Granitfelsen gefunden, an denen sie - nur so zum Spaß - hochzuklettern versuchten.
Statt in die im Alpinismus üblichen klobigen Bergstiefel zwängten sie ihre Füße in einige Nummern zu kleine Turnschuhe mit griffigen Sohlen, deren Reibung sie sogar auf winzigen "Tritten", also Felsunebenheiten, Halt finden ließ.
Als ihre Klettertouren immer schwieriger wurden, fingen die frühen Freeclimber an, sich wie Geräteturner die Hände mit Magnesia einzureiben, um auch noch an erbsengroßen Griffen oder nur millimeterstarken Felsleisten fest zupacken zu können.
Angehörige der Pop-Kultur blieben sie weiterhin. Die ersten Europäer, die von ihren USA-Besuchen die neue Kletterei mit nach Hause brachten, behielten diesen Habitus bei.
Verschwunden ist heute aus der Welt der Freeclimber lediglich der Joint oder die Prise Kokain, mit denen die Veteranen dieses Sports ihr Freiheitsgefühl am Berg noch zu erhöhen glaubten. "Du mußt hellwach sein, wenn du eine Zehner-Tour machst", sagt Jakob Käsbauer, "außerdem ist das Kraxeln selbst manchmal fast wie ein Rausch." Zehn ist bisher, wie beim Geräteturnen, das Nonplusultra.
Geblieben aber sind poppige Sonnenbrillen, T-Shirts anstelle von Lodenjankern, der Walkman mit Dire-Straits-Musik als Bergbegleiter statt der Klampfe am abendlichen Biwakfeuer. Freeclimber lehnen rote Wadlstrümpfe und Kniebundhosen ebenso ab wie mit Ehrennadeln gespickte Filzhüte. Sie tragen bunte hautenge Balletthosen oder Boxershorts als Kletterkluft, manchmal verwegen geschlungene Kopftücher oder Punkfrisuren. Viele erscheinen zu ihren Touren mit der Ausrüstung in einem Plastikbeutel, aber ohne Allwetterrucksack.
"Für einen Freeclimber ist es wichtiger, über die Milchshakes Bescheid zu wissen, die gerade en vogue sind, als 'Wir lagen vor Madagaskar' singen zu können", sagt Ullrich Läntzsch, Kletterer und Fachjournalist.
Auch die Namen für durchstiegene Routen weichen bei den Freikletterern vom Herkömmlichen ab. Ihre Touren werden nicht nach Himmelsrichtungen und verdienten oder abgestürzten Bergkameraden benannt. Sie heißen etwa "Im Taumel der Triebe", "Götterhämmerung", "Totentanz der Fingerspitzen", "Startbahn West", "Mousse au Chocolat" oder "Kottan ermittelt". Kein Wunder, daß die Vertreter bierseliger Wadlstrumpf-Romantik in den Alpenvereinen auf diese Herausforderung der Turnschuhgeneration allergisch reagierten. Das Wort "Magnesia-Wichser" machte die Runde in den DAV-Berghütten. Die Freeclimber konterten mit "Erdferkel" für die Alpinisten, die sich ihrer Ansicht nach die Gipfelflanken mehr hochwühlten als hochkletterten, bewehrt mit Steigleitern und schweren Bohrhaken.
In der Pfalz, wo die deutschen Freikletterer zuerst auftraten, kam es 1978 zum "Hakenkrieg". Alpinisten und Freeclimber sägten und hämmerten sich gegenseitig Haken und Tritte aus den Buntsandstein-Wänden des Pfälzer Waldes. Man drohte sich sogar gerichtliche Schritte an.
Nicht nur das poppige Auftreten der Konkurrenz erregte die etablierten Bergkameraden. Sie sahen auch ihr Weltbild in Gefahr. 1968 hatte eine Konferenz von Alpenvereins-Vertretern aus 23 Ländern festgeschrieben, daß der Grad sechs plus für das Freiklettern "die absolute Grenze des Menschenmöglichen" sei. Darüber hinaus könne man nur noch mit ausgeklügelter Gerätschaft gelangen.
Schlagzeilen machte folgerichtig ein Jahr später ein japanisches Team, das
sich mit 1000 Kilogramm Material in 32 Tagen schwerer Schlosserarbeit unter Einsatz aller technischen Hilfsmittel, aber konsequenter Vermeidung jeder Freikletterei, die Eigernordwand hochnagelte.
In der Zwischenzeit hatten Freeclimber in den USA am El-Capitan-Felsen bereits ohne technische Hilfen den Schwierigkeitsgrad acht erreicht, waren also über die vom Alpenverein definierte "absolute Grenze" hinausgeklettert. Doch erst zehn Jahre später, 1979, erkannte die Internationale Vereinigung der Alpenvereine widerwillig den 7. Grad als machbar an: Da hatte der Freikletterer "Flipper" Fietz eben in der Fränkischen Schweiz eine Wand mit Schwierigkeitsstufe neun durchstiegen.
Am tiefsten aber beunruhigt die klassischen Alpinisten noch heute, daß die Neuen, die "anderen", auf die Gefahr als bergsteigerisches Leitmotiv pfeifen. Steinschlag, Lawinen, Wetterstürze, Gletscherspalten und Atemnot, die Freikletterer gehen all dem aus dem Weg. "Grenzbereich Todeszone" a la Reinhold Messner ist für sie kein Reiz.
"Man steht spät auf, frühstückt gemütlich und geht dann zum Klettern", sagt Profi Wolfgang Güllich. Dieses Klettern an sich, die Körperbeherrschung und die Überwindung der Schwierigkeit, sind Ziel und Zweck des Freeclimbing. Man kraxelt daher meist nicht im Hochgebirge, sturmumtost, sondern in Deutschland am liebsten in den Kalkfelsen des nicht einmal 700 Meter hohen Fränkischen Juras. Oder sogar in Norddeutschland am Bergstock des Ith, der immerhin Schwierigkeitsgrade bis Stufe neun aufweist.
Manchmal steigen Freikletterer auch - undenkbar für echte Gipfelstürmer - auf halbem Weg aus einer Wand ab, wenn, so Käsbauer, "der Rest der Strecke wegen zu geringer Schwierigkeit die Mühe nicht mehr lohnt". Geklettert wird außerdem nur bei schönem Wetter, deswegen sind etwa die Kalkklippen von Monaco so häufig besucht. "Bei Regen hat man einfach keinen Halt."
Wenn das Risiko zu groß wird, hört der Spaß auf. Daher steigen Freikletterer auch fast immer angeseilt und zu zweit in vertrackte Felswände ein. Doch das Nylonseil dient nur zur Sicherung, nicht wie im Alpinismus als Steighilfe, an der man sich hochhangeln kann. Es läuft meist nicht mehr als zwei Meter unterhalb des Kletterers über den letzten Haken. Wer abgleitet und abstürzt, fällt also gut vier Meter tief: zwei Meter bis zum Haken, dann zwei Meter Seillänge und dazu noch den halben Meter, den sich die Kunstfaser beim Auffangen des Körpergewichts dehnt.
"Ein- bis zweihundertmal haut es einen schon runter pro Saison", sagt Käsbauer, "aber wenn man merkt, daß man gleich abstürzt, stößt man sich von der Wand ab und geht mit den Armen vor dem Gesicht in die Hocke."
Bis heute hat es in Deutschland beim Freeclimbing noch keinen Toten gegeben, die Routine-Stürze gehen fast immer mit Hautabschürfungen und Prellungen ab.
Manchmal besteigen die Freeclimber auch Kirchtürme - , da kann man nur auf das Verständnis des Pfarrers hoffen (Läntzsch) - oder Denkmäler. Beliebt ist in Berlin das Standbild des preußischen Kriegsministers Roon wegen der beiden eingemeißelten "O" im Sockel: "Weil det schwierig is, da anzufassen, wa, in det Runde vom O", so Kenny, Berliner Freikletterer.
Im oberbayrischen Fürstenfeldbruck wurde eine fehlgeplante Eisenbahnbrücke, die neben der Bahnlinie steht, zur Kletterwand umfunktioniert. Und in München hat Freizeitausrüster Sport-Scheck schon 1979 eine Kletterwand im eigenen Haus errichtet, die über fünf Geschosse reicht.
Denn anders als die Traditionalisten aus der La-Montanara-Riege erkannten die professionellen Sportausrüster sehr schnell, daß mit Freiklettern ein Sport hochkam, für den sich Grüne, Aufsteiger und Ausflipper gleichermaßen begeistern konnten. Waren von ihm doch so verschiedene Begriffe wie Naturnähe, Leistungswille, Nonkonformismus abgedeckt.
Außerdem hatte er für Anfänger den Vorteil, daß der gesamte Kletter-Outfit - Seil, Sicherheitsgürtel, Hose, Kletterschuhe, Magnesiabeutel - für weniger als 1000 Mark zu haben ist.
Heute besitzt jedes größere Sportgeschäft seine Freeclimbing-Ecke mit geschulten Beratern aus der Szene. Heute tummelt sich auch in Deutschland bereits eine Handvoll Profis, die mit Werbeverträgen
der Ausrüsterfirmen "in Höhe eines Facharbeitergehalts" (Läntzsch) sich ihre Klettertouren finanzieren können - in exotischen Landstrichen wie den australischen Alpen oder den südkoreanischen Kreideklippen.
Und ein Star wie Patrick Edlinger, "der Zauberer des Kletterns, der Tänzer im leeren Raum" ("Paris Match"), bringt es vor allem mit spektakulären Exklusivtouren - oft ohne Seil - für Photomagazine und Illustrierte auf ein Jahreseinkommen von einigen hunderttausend Mark.
Spitzenkönner wie er trainieren mehrere Stunden täglich, mit Übungen wie für Ballettänzer: viel Gymnastik und viel Stretching. Ihr Gleichgewichtsgefühl verbessern Freeclimber mit einbeinigen Kniebeugen auf einem locker durchhängenden Drahtseil - eine gute Schulung, um sich in fast senkrechter Wand ohne Hilfe der Hände auf einem winzig kleinen Tritt aufrichten zu können.
Mit fast schon "pathologischem Eifer", so Läntzsch, üben die Freikletterer das Hängen an schmalen Leisten. Als schmal gelten Gesteinskanten von einer Breite unter einem Zentimeter. Gehalten nur von den Fingerkuppen, lassen sie ihren Körper minutenlang frei baumeln. Die Besten bringen aus dieser Position einen einarmigen Klimmzug zustande.
"Der Fingerbeuger ist der am schwierigsten zu trainierende Muskel überhaupt", sagt Güllich. Dieser Muskel sitzt nicht im Finger, sondern irgendwo zwischen Handwurzel und Ellbogen. Freeclimber haben daher meist keulenartige Unterarme. Die Mischung aus Kraft und Gewandtheit befähigt sie dann im Felsen zu artistischen Leistungen wie dem "foothook", dem Fußhaken, bei dem der Kletterer wie ein in der Wand festgenagelter Joga an den Zehenspitzen des über dem Kopf ausgestreckten Beins hängt.
Schwierigste Übung aber sei, so Güllich, das dynamische Klettern, im Fachjargon "Dynamo" genannt. Beim Dynamo fängt der Freeclimber, solange er noch mit beiden Händen festen Halt hat, an, rhythmisch auf und ab zu schwingen. Im Scheitelpunkt der Bewegung läßt er einen Griff los und faßt mit der freien Hand nach dem nächsten, höheren Halt. "Aber wenn du den nicht erwischst, dann geht's abwärts", sagt Jakob Käsbauer, "da kannst du soviel Magnesia an der anderen Hand haben, wie du willst."
Übers Magnesia, diesen "Kletterleim", mit dem sich die Freeclimber den Berg "hochmogeln" würden, starteten die Hardliner unter den Alpinisten die bis heute letzte Attacke gegen die ungeliebte Konkurrenz. Sie forderten eine wissenschaftliche Studie, angeregt durch die Behauptung eines Günter Schweißhelm, die 1978 in der Zeitschrift "Alpinismus" stand. Durch Magnesia an den Kletterhänden würden von den Felsen "natürliche Rauhigkeiten abgeschmirgelt". Der Alpenverein finanzierte die Untersuchung.
Ende letzten Jahres legte der Diplom-Geologe Dr. H. Aschauer sein Gutachten über die erhoffte umweltverheerende Wirkung des Kletterpulvers vor: Schweiß und Magnesia reagieren auf der Hautoberfläche, der Schweiß verliert dabei seinen Säuregehalt. Bei Nichtanwendung von Magnesia sei die Abnützungsgeschwindigkeit von Kalkstein fünfmal größer als bei Anwendung. "Seither fordern wir", so scherzen die Freeclimber, "die absolute Magnesiapflicht auch für Alpinisten."

DER SPIEGEL 15/1986
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