05.05.1986

Gut fürs Ego

Wenn der Mäzen Pleite macht, ist oft auch der Verein am Ende. Manchmal springen Sponsor-Firmen ein. Aber sie erwarten Gegenleistung. *
In guten Tagen war Heinrich Steinkamp, Millionär aus der Geschenkartikel-Branche, ein Bilderbuch-Mäzen von der grellen Sorte: Da feuerte er eigenmächtig einen Trainer, mit dem der Vizepräsident des FC Gütersloh eben handelseinig geworden war. Dann stellte er dem Verdutzten einen Blankoscheck aus: "Für Reisekosten und verlorene Zeit."
Da zahlte er einem abgehalfterten Fußballprofi, dem Ex-Bielefelder Volker Graul, für sein Mitwirken beim FC in der Amateur-Oberliga, in Fachkreisen "Nettoliga" genannt, 15000 Mark netto monatlich. Denn Gütersloh sollte nach oben, in die Zweite Bundesliga.
Die 13 Stammspieler seines Vereins belohnte er für ihr braves Gekicke mit 13 neuen BMWs. Vier Millionen Mark, so schätzt man vor Ort, steckte Gönner Steinkamp insgesamt in den FC Gütersloh. Für soviel Großzügigkeit allerdings verlangte der "Big Spender" (Klubjargon) absolute Unterwürfigkeit. "Gegen den", so Borussia Dortmunds Präsident Reinhard Rauball, "war Ludwig XIV., der Sonnenkönig, ein Waisenknabe."
Im vergangenen Jahr hat Big Spender Steinkamp mit seiner Firma Pleite gemacht und einige Millionen Mark Schulden hinterlassen. Beim FC Gütersloh ist der Traum vom Profifußball vorerst ausgeträumt.
Der Fall Steinkamp stieß dem deutschen Sport als ganz normaler Betriebsunfall zu. Schon seit Jahren, so der Hamburger Sportsoziologe Professor Klaus Heinemann, "ist der Sport ohne Mäzenatentum nicht mehr lebensfähig". Doch in den publikumswirksamen Spielen wie Fußball, Eishockey, Hand- und Basketball haben sich Einkauf und Unterhalt einer erfolgversprechenden Mannschaft inzwischen so verteuert, daß die Privatschatullen vieler Möchtegern-Mäzene nicht mehr ausreichen.
Manch einer von ihnen versuchte in den vergangenen Jahren, diese Kluft zwischen Können und Wollen auf seine Weise zu überbrücken und sein Ego als großer Gönner weiterzupflegen.
Finanzmakler Winfried Heyn wollte 1976 den maroden Traditionsklub Wormatia Worms mit viel Geld, manchmal "bündelweise aus der Hosentasche" (so ein Vereinsfunktionär), in die Fußball Bundesliga hieven. Als die zusammengekaufte Wormser Truppe sich in der Zweiten Liga ganz oben etabliert hatte, kam heraus, daß Heyn sich 1,5 Millionen Mark an Darlehen erschwindelt hatte. 1983 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Wormatia spielt wieder bei den Amateuren.
Anlageberater Jochen Erlemann, Spitzname "Spezialitätendoktor", stieg 1979 beim Kölner Eishockey-Club aus. Er hatte den Verein mit mehreren Millionen Mark subventioniert. Doch um Millionen hatte er auch Anlagkunden (und den Fiskus) geprellt.
Häufig erkennen Mäzene auch rechtzeitig die Gefahr, sich mit ihrer Wohltäterrolle zu übernehmen, und steigen freiwillig aus. Für die Ambitionen des unterstützten Vereins ist dann die Trennung meist ebenso fatal wie die Zwangsscheidung durch den Staatsanwalt.
Als Musterbeispiel gelten Aufstieg und Fall von TuS Nettelstedt. Mäzen Hans Jürgen Hucke, Textilfabrikant, investierte große Summen und brachte den Klub innerhalb von sechs Jahren von der Kreisklasse in die Bundesliga. Er machte ihn 1981 sogar zum Handball-Europapokal-Sieger.
Doch Anfang der achtziger Jahre traf Unternehmer Hucke die Rezession in der Bekleidungsbranche. Er stellte sein Engagement beim Handballklub ein. TuS Nettelstedt stieg wieder ab.
Nur selten, so Heinemann, finde man heute noch Personen, die finanziell den langen Atem und außerdem die nötige Sportbegeisterung mitbringen. Prototyp dieser "Fossilien unter den Sponsoren" ist der Kölner Fußballjeck Jean Löring (siehe Seite 200). Löring, Ende der fünfziger Jahre selbst Spitzenfußballer, möchte seine Fortuna Köln unbedingt wieder in der Bundesliga spielen sehen. Dafür opfert er fast seine gesamte Freizeit und sehr viel Geld.
An die Stelle sentimentaler großer Jungs wie Löring oder auch bankrottierender Paradiesvögel wie Erlemann treten immer häufiger kühle Geschäftsleute, die als Sponsoren berechenbare Gegenleistung vom unterstützten Verein erwarten: sportlichen Erfolg, der sich in Werbung niederschlägt.
"Dreieinhalb Stunden waren wir 1981 im Fernsehen, als wir Meister und Pokalsieger wurden", sagt Fritz Waffenschmidt, "dreieinhalb Stunden Saturn, Saturn, Saturn." Waffenschmidt gründete die Schallplatten- und HiFi-Firma Saturn. Er sponsert jährlich mit mehreren hunderttausend Mark den Basketballklub BSC "Saturn" Köln. Waffenschmidt gilt als Sponsor mit Herz, weil er seine Spieler immer wieder mal zu sich nach Hause an die Kaffeetafel einlädt.
Doch zentral ist für ihn und andere Mäzene moderner Prägung die Medienpräsenz des unterstützten Vereins. "Jägermeister" Günter Mast, der seit Jahren die Profi-Elf von Eintracht Braunschweig mit Millionenbeträgen finanziert und sich - erfolglos - um eine Namensänderung in "Eintracht Jägermeister Braunschweig" bemüht hatte, räumt sein totales Desinteresse am Fußball offen ein. Doch: "Die PR ist gar nicht zu bezahlen."
Die Entpersönlichung des Verhältnisses von Sponsor und Verein wird noch
weitergehen. "Großkonzerne haben die Bedeutung des Sports als Werbeträger in den letzten Jahren voll erkannt", sagt Professor Heinemann.
So kauften sich die Firmen "Commodore", "BP", und "Daimon" als Trikotwerber bei den Bundesligaklubs in München, Hamburg und Köln für siebenstellige Summen ein, ohne zu den Vereinen die geringste Beziehung zu haben - außer der zu einem Werbeträger mit günstiger Kosten-Nutzen-Analyse.
Der Chemie-Konzern BASF, der auch Videokassetten produziert, will sich als Sponsor des deutschen Daviscup-Teams engagieren, weil, so ein Firmensprecher, "bei den Videofans, von denen die Tennisübertragungen mitgeschnitten werden, sich der Name BASF festsetzen soll". Das Unternehmen das auch den Ski-Weltcup sponsort, läßt schon heute durch die Fachfirma media control auf die Sekunde genau ermitteln, wie lange sein Emblem während einer Übertragung deutlich für Millionen TV-Zuschauer zu sehen ist.
Konkurrent Bayer leistet sich sogar Bundesliga-Klubs mit Millionen-Etats unter seinem Firmennamen. Bayer Uerdingen und Bayer Leverkusen qualifizierten sich für den Fußball-Uefacup, im Basketball stellt Bayer Leverkusen den Deutschen Meister, im Frauen-Handball schon zum zehntenmal.
Mäzenen alter Prägung, die mit dem Herzen an ihrem Verein hängen, bleiben auf die Dauer lediglich minder publikumswirksame und daher weniger werbeträchtige Randsportarten. Sie bewegen mit vergleichsweise wenig Geld viel: im Ringen zum Beispiel.
Schon in der zweiten Generation sponsert die Familie Olsberger die Ringerstaffeln des siebenmaligen Deutschen Mannschaftsmeisters KSV Witten. Emil Olsberger, 74, ist seit 65 Jahren Vereinsmitglied. Sein Sohn Emil Olsberger ist den Ringern "bei der Arbeitsplatzsuche, der Finanzierung des Führerscheins oder eines neuen Autos" behilflich. "Letztes Jahr haben wir für 8000 Mark zwei Polen zum KSV geholt." Reklame über den Verein, so Olsberger jr., mache er nicht. "Unsere Firma ist in der Verpackungsbranche tätig. Da lohnte sich Werbung auch nicht."
Oder die Gönner bescheiden sich in Kernsportarten wie Fußball mit einer lokalen Rolle und streben nicht, koste es, was es wolle, den Aufstieg in die Profiligen an. "Auf niedrigerem Niveau wird auch im Fußball der Mäzen überleben", sagt Professor Heinemann, "und lokalpolitisch hat der starke Mann hinter dem FC Kleckersdorf ja durchaus handfeste Vorteile.
Das Gefühl, ein guter, da spendabler Mensch zu sein, habe der Sponsor unabhängig von der Größe der zugeschossenen Summe. Heinemann: "Mäzene sind wie Blutspender oder Katastrophenhelfer: Es hilft ihrem Ego, wenn ihre Hilfe anderen etwas bringt.

DER SPIEGEL 19/1986
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