10.03.1986

Spionage: „Der landet im Sarg“

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Mehr als vier Monate lang waren die Abwehr-Spezialisten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) sicher, einen sowjetischen Überläufer zu betreuen. Mittwoch letzter Woche aber, bei einem Treffen im Auswärtigen Amt, wechselte der Kaufmann und mutmaßliche KGB-Agent erneut die Front. Der Mann namens Schuwalow behauptete, BfV Mitarbeiter hätten ihn "gewaltsam festgehalten", und verlangte, "sofort" in die Heimat gebracht zu werden.
Obgleich ihm die Konsequenzen klargemacht wurden (ein Beamter: "Der landet im Zuchthaus oder im Sarg"), beharrte Schuwalow auf Rückkehr. Am Donnerstag, nach eingehenden Beratungen auf höchster Ebene - Bundeskanzler Helmut Kohl war eingeweiht -, gab die Regierung dem Sinneswandel nach. "Wir haben kein Recht", verteidigte ein Ministerialer die Entscheidung, "einen solchen Mann festzuhalten."
Der Fall hatte am 22. Oktober vergangenen Jahres in Köln begonnen. Schuwalow, leitender Angestellter einer sowjetisch-deutschen Handelsfirma mit Sitz im rheinischen Bergisch Gladbach, wurde auf einer Vorort-Kreuzung in einen Verkehrsunfall verwickelt und verletzt. Am Unfallort erklärte er Polizeibeamten, er fühle sich "bedroht". Offenbar glaubte Schuwalow, eigene Leute hätten die Karambolage inszeniert.
Noch am selben Tag übernahm das BfV die Ost-West-Angelegenheit, da Schuwalow, mittlerweile im Krankenhaus, "um Schutz und Betreuung" nachsuchte. Der Patient wurde später ins Koblenzer Bundeswehrlazarett verlegt.
Bis zum 5. März lebte Schuwalow in ständiger Obhut des BfV, Kontakte zu den Sowjets gab es in der Zwischenzeit offenbar nicht. Dann verlangte er, im Auswärtigen Amt mit einem Landsmann aus der Botschaft zu sprechen.
"Völlig überraschend" (ein AA-Beamter) zog Schuwalow ein Papier aus der Tasche und verkündete das Ende jeder weiteren Zusammenarbeit; später wiederholte er vor einem hohen Regierungsbeamten, er sei gegen seinen Willen festgesetzt worden. Da die Bundesanwaltschaft keine Chance einer Strafverfolgung wegen Agententätigkeit sah, wurde er seinen Landsleuten übergeben.
Die Affäre, die nach deutsch-sowjetischer Absprache streng vertraulich behandelt werden sollte, besitzt erstaunliche Parallelen zu den mysteriösen Ereignissen um den KGB-Obersten Witalij Jurtschenko, 49. Der Top-Agent, nach CIA-Angaben fünfthöchstes Mitglied des Moskauer Geheimdienstes KGB, war im Sommer letzten Jahres zu den Amerikanern übergelaufen. Später, in der Washingtoner UdSSR-Botschaft, erklärte Jurtschenko, er sei in Rom auf offener Straße entführt, betäubt und in die USA geschafft worden - und bat um Rückkehr in die Heimat.
Vergangenen Mittwoch verbreitete ein US-Sender der KGBler sei hingerichtet worden.
So etwas läge durchaus auf offiziellem Kurs. Vor den Delegierten des 27. Parteitages erklärte kürzlich KGB-Chef Wiktor Tschebrikow, "Renegaten" im Dienste "imperialistischer Geheimorganisationen" würden "aufgespürt" und "ihrer gerechten Strafe zugeführt".

DER SPIEGEL 11/1986
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