10.03.1986

Das perfekte Rätsel oder Onkels Nachtgesang

Rudolf Augstein über die Wehner-Kompilation von Knut Terjung *
Ob der SPIEGEL Knut Terjungs Interview mit Herbert Wehner auch gedruckt hätte. Vorausgesetzt er hatte es haben können? Kann sein, kann auch nicht sein. Hinterher ist man immer etwas moralischer, wenn eine Traube zu hoch gehangen hat.
Mit dem SPIEGEL und mit mir will Wehner seit dem Tage nichts mehr zu tun haben, als ich geschrieben hatte: Man müsse sich nun entscheiden, wolle man Willy Brandt weiterhin zum Kanzler haben, müsse man ihm diesen Zuchtonkel vom Halse schaffen. Es ist nicht so, daß wir uns seitdem nicht unablässig bemüht hätten, mit ihm wieder ins Gespräch zu kommen, mit oder ohne Interview. Er spricht ja immer noch Klartext.
Das jetzt im Buch "Der Onkel" gedruckte Interview zwischen dem langjährigen Onkel-Gehilfen Terjung und dem 80jährigen Wehner ist ohne Zweifel authentisch. Es trägt manche Altersmerkmale des Schiffbruchs und des Verfalls, ist aber Originalton Wehner. Er verstellt sich nicht, auch wenn er seinen Lebens- und Selbstbetrug in diesem Schlußackord auf die Spitze treibt.
Wer jenen Herbert Wehner in Erinnerung hat, der Adenauer erbittert bekämpfte; jenen, der beim Godesberger Programm 1959 in letzter Minute auf den fahrenden Zug sprang (er sieht das heute anders) und der sich der Adenauerschen Außenpolitik als einer der letzten, und darum nur desto wirkungsvoller, beugte; jenen Wehner, der mit der CDU/CSU am liebsten bis ans Ende der Welt gegangen wäre, nur um die SPD und sich selbst salonfähig zu machen; jenen, der im Bundestag als Waffenmeister der Koalition Brandt/Scheel ("diese beiden Gigolos, die die Bundesrepublik regieren") das Wort hervorstieß: "Wir brauchen die Opposition nicht: Diesen Wehner wird man in seiner letzten Selbstdarstellung nicht durchweg wiederfinden.
Statt dessen aber einen, der sich treu geblieben ist, auch und erst recht in seinen Irrtümern, alles pyramidenartig zugespitzt, weil das Alter von ihm Besitz ergriffen hat.
Außer ihm gibt es keinen, der immer recht gehabt hat, jedenfalls keinen Sozialdemokraten. Lobende Worte findet er für die Kommunisten Wilhelm Pieck und Georgi Dimitroff wie auch für den Verlierer Rainer Barzel. Kaum jemand hat ihn gut behandelt, wo er doch bekannt war für seine liebenswerte Art, mit auch nur potentiellen Konkurrenten umzuspringen.
Er war es, der die SPD an die Macht gebracht hat, so denkt er, er allein. Dies mag man für überzogen halten, aber daran ist ja etwas. Seine eingefleischte Eigenschaft, auch die engsten Kompatrioten über seine Ziele im unklaren zu lassen, hatte Format und Erfolg. Ohne ihn wär''s vielleicht auch gegangen, aber wer weiß.
Nimmt man zu seinen bisherigen umfänglichen Äußerungen dies letzte Alters-Interview hinzu, so hat man das Rätsel Wehner perfekt. Neues steht nun nicht mehr zu erwarten. Wie will er, daß man ihn sieht? Wie wurde er Kommunist, und warum hat er die Kommunisten verlassen, wenn er sie denn überhaupt freiwillig verlassen hat? Wir erfahren es nicht.
Wehner ist ja damals keinem Irrtum aufgesessen, keiner "Jugendsünde", wenn man ihn abklopft. Hatten Kommunisten und Sozialdemokraten in der Weimarer Republik zusammengearbeitet, und wären sie nur, dies ein Lieblingsspruch Wehners, "aufeinander zugegangen", so hätte die Hitler-Katastrophe ja vielleicht vermieden werden können. Er hatte also auch als Kommunist recht, bis Hitler kam, und desto mehr, nachdem er gekommen respektive gegangen war.
Hier begegnen wir der Wehnerschen Lebenslüge. Eine Sozialdemokratie, die sich der KPD des Josef Stalin angebiedert hätte, wäre noch hoffnungsloser in die Minderheit geraten. Sie hätte den alten und etablierten Mächten noch weniger Paroli bieten können. Schließlich war die KPD eine von Moskau gelenkte Partei.
Wie sieht Wehner seine Rolle in der Politik? Er hat der Arbeiterbewegung helfen wollen, sich zu organisieren, er hat sie organisiert.
Nun stimmt es, daß Wehner bei den kleinen Funktionären in SPD und Gewerkschaften, die ihn persönlich meist nicht kannten, mehr Vertrauen genossen hat als irgendwer. Er war auch ein taktischer und ein strategischer Führer. Nur ist er als Organisator nicht gerade erfolgreich hervorgetreten.
Das Wort "organisieren" steht bei ihm für fehlende Inhalte. Wehner zu Terjung: _____" Ich kann (der SPD) nur sagen, organisiert das " _____" Zusammenwirken, das Miteinander-Sprechen, das " _____" Einander-reifer-Machen für organisierende Arbeit. "
Hier kommt, wie bei Fritz Reuters "Onkel Bräsig", die Armut von der großen Powerteh. Auch mit den Gewerkschaften ist ja heute kein Staat zu machen, sie werden zu "sogenannten" degradiert. Da gibt es dann also keinen Steinkühler, keinen Rappe, keinen Hans Mayr. Wehner: _____" Zunächst müssen anständige Sozialdemokraten die Kraft " _____" aufbringen, wieder systematisch " _(Mit Redakteuren Wirtgen, Augstein im ) _(Fraktionssaal der SPD. Im Hintergrund ) _(Wehners Stieftochter Gretel Burmester, ) _(heute seine Frau. ) _____" mit den sogenannten Gewerkschaften wirklich " _____" zusammenzuwirken, die ja zur Zeit kaum eine Rolle spielen " _____" und nicht sehr eindrucksvoll sind. "
Anständige Sozialdemokraten, anständige Gewerkschaften: In die SPD müssen neue Leute hinein. In der SPD müssen Leute an die Spitze, "die sich wirklich um die Arbeiterschaft, um die Angestellten kümmern. Er muß das wissen, schließlich hat er die Schumachersche SPD, die offenbar nicht mehr existiert, aufgebaut.
Er gibt sich bescheiden, und er lebt bescheiden, aber er ist, was seine Selbsteinschätzung angeht, keineswegs bescheiden. Er hätte auch keinen Grund dazu.
Nur verwundert es doch, daß er auf Menschen setzt, die es nicht gibt und die offenbar erst geboren werden müssen, die es auch zu seiner Zeit nicht gegeben hat, siehe den Geld- und Koffer-Funktionär Alfred Nau, siehe den geschäftigen Onkel-Bediensteten Karl Wienand, siehe den unordentlichen Kanaler-Chef Egon Franke.
Er hat auch kein Konzept, kein Programm, keinen Königsgedanken. SPD und Gewerkschaften müssen sich erneuern, und das dauert zehn Jahre. Und dann muß die SPD mehr Stimmen kriegen als die von Wehner nun wieder freimütig so benannte Bourgeoisie, bestehend aus CSU, FDP und CDU. Die Grünen sind dann längst wieder weggeputzt. ("Sie", hat er mich einmal angeblafft, "Sie sind ja auch nur ein Mitglied der herrschenden Klasse.")
Blickt man zurück, so hatte allerdings auch Herbett Wehner nur einmal einen Königsgedanken. Da die von ihm, wie er ja meint, geschaffene und geführte Partei gegenüber der "Bourgeoisie" keine Mehrheit erringen konnte, betrieb er seit 1959/60 die Junior-Partnerschaft unter einem Bourgeoisie-Kanzler. 1966 kam sie zustande. Sie hätte, wäre es 1969 nach ihm gegangen, weitere vier Jahre dauern sollen.
Dann wäre die FDP durch ein neues Wahlrecht weggeputzt gewesen, und ... ja was und? Es hätte ein Zwei-Parteien-System gegeben, mit der SPD als Dauer-Opposition. Alles Aufeinander-Zugehen, alles Organisieren, alle Arbeiterbewegung hätte da nichts geholfen. In einem Land, wo ein Teilstaat von Kommunisten regiert wird, ist die SPD allein nicht mehrheitsfähig. Das wollte der frühere Kommunist Herbert Wehner nie kapieren.
War er der große Stratege? Das kann offenbleiben. Schließlich säuselt es auch ohne ihn im Unterholz der beiden großen Parteigruppierungen. Und was säuselt da? Wieder, wie ehedem, Junior-Partnerschaft der SPD in einer Großen Koalition. Diesmal nicht, um den Onkel und seine Arbeiterbewegung salonfähig zu machen, sondern aus purer Not.
Das liefe dann auch so, ohne die Männer aus "Urgestein".
Mit Redakteuren Wirtgen, Augstein im Fraktionssaal der SPD. Im Hintergrund Wehners Stieftochter Gretel Burmester, heute seine Frau.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 11/1986
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