10.03.1986

DDRGroße Brüderschaft

In Gesprächen mit der SPD verblüfften Honeckers Vordenker: Zusammenarbeit der Systeme statt Weltrevolution. *
Erhard Eppler, Präsidiumsmitglied der SPD, traute seinen Ohren nicht: "Habe ich richtig verstanden?"
Was den Vorsitzenden der Grundwertekommission in Erstaunen versetzte, war in der Tat nicht alltäglich. Da saßen, in einem Schwarzwald-Hotel, neun SED-Professoren aus dem Braintrust des DDR-Vorstehers Erich Honecker mit Eppler und acht Mitgliedern seiner SPD-Kommission an einem Tisch und beschworen die große Brüderschaft zwischen Ost und West.
"Die Menschheit", verkündete Professor Harald Neubert von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, "kann nur noch gemeinsam überleben oder muß gemeinsam zugrunde gehen."
Und sein Kollege Rolf Reissig, Chef des Instituts für wissenschaftlichen Kommunismus der Partei-Akademie, leitete daraus ab: "Wir sind Partner für das Überleben. Wir müssen lernen, miteinander zu leben und gut miteinander auszukommen."
Zwei Tage lange bemühten sich am vorletzten Wochenende in Freudenstadt Politiker und Theoretiker aus Ost- und Westdeutschland um Grundsätzliches: einen Prinzipiendisput zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten - erstmals sogar öffentlich. Die DDR-Seite hatte nach einigem Zögern akzeptiert, daß einige Journalisten als Zuhörer dabei waren, westliche, versteht sich.
Die Marschroute der Vordenker Honeckers war eindeutig. Sie versuchten die Mitglieder der sozialdemokratischen Grundwertekommission von einem neuen Denken und einer neuen Politik der ostdeutschen Einheitssozialisten zu überzeugen. Danach hat die Friedenssicherung absoluten Vorrang vor der ideologischen Abgrenzung und machtpolitischen Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus.
Die Gespräche zwischen der Grundwertekommission der SPD und den Einheitssozialisten laufen bereits seit Frühjahr 1984, auf Initiative der SED. Viermal trafen sich die demokratischen und die real existierenden Sozis bislang, jeweils abwechselnd im Gästehaus des Zentralkomitees am Scharmützelsee bei Berlin und in der Fritz-Erler-Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Freudenstadt - Begegnungen von historischem Rang: Seit sich die deutsche Arbeiterbewegung 1918 in Sozialdemokraten und Kommunisten spaltete, hat es solche Grundsatzgespräche zwischen den verfeindeten Parteien noch nie gegeben.
Wie wichtig die SED sie nimmt, zeigt die hochkarätige Besetzung: Beim vierten Treffen in Freudenstadt gehörten zur Delegation Otto Reinhold, Rektor der ZK-Akademie, und Erich Hahn, beide Mitglieder des ZK der SED, dem nach _(Mit SED-Chef Erich Honecker (vorn) und ) _(Politbüromitglied Hermann Axen (5. v. ) _(r.); links Brandt-Ehefrau Brigitte; 1985 ) _(in Ost-Berlin. )
dem Politbüro zweithöchsten Führungsgremium der ostdeutschen Staatspartei.
Reinhold ist erfahren in politischen Missionen, so war er der ständige Begleiter Willy Brandts, als der im vergangenen Jahr die DDR besuchte. Hahn ist als Direktor des Instituts für Marxistisch-Leninistische Philosophie an der Akademie eine Art Chefideologe der SED.
Wozu die Grundsatzgespräche nützlich sind und wozu die SED sie nutzt machten die Vordenker der ostdeutschen Staatspartei in Freudenstadt sehr klar. "Bei Ihnen", belehrte Rudi Weidig von Honeckers Denkschule die Gastgeber, "besteht ein gewisser Nachholbedarf, Entwicklungen im real existierenden Sozialismus zur Kenntnis zu nehmen." Nachhilfe erteilten die SED-Wissenschaftler so ausführlich wie locker. Sie hatten zum Tagungsthema "Koexistenz" ein 24 Seiten starkes Thesenpapier dabei (die Sozialdemokraten brachten es nur auf fünf Blatt).
Tenor der SED-Thesen: Die Verteidigung des Weltfriedens hat angesichts der möglichen Menschheitsvernichtung durch einen Atomkrieg heute "eine Eigenwertigkeit, eine neue historische Rangordnung". Fortschritte auf dem Gebiet der friedlichen Koexistenz sind "nicht denkbar als Erfolge der einen Seite auf Kosten der anderen".
Diese neue Realität setzt neue Maßstäbe "für die Auseinandersetzung und für Zusammenarbeit zwischen Sozialismus und Kapitalismus." Ideologische Auseinandersetzung wird künftig einer anderen Maxime untergeordnet: Sie darf "der angestrebten Zusammenarbeit nicht zuwiderlaufen".
So bemerkenswert schon diese Aussagen zur Position einer Partei sind, die weiß, daß der Klassenfeind täglich übers Fernsehen die eigenen Bürger infiltriert, und die deshalb besonders auf ideologische
wie politische Abgrenzung bedacht sein muß - in der zweitägigen Diskussion in Freudenstadt gingen die SED-Vordenker noch weiter.
"Wir machen", betonte Harald Lange vom Ost-Berliner Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW), "unsere Gesellschaftsordnung nicht zum allgemein gültigen Maßstab." IPW-Direktor Max Schmidt: "Es ist Teil unseres neuen Denkens" auch Teile der kapitalistischen Gesellschaft zu gewinnen für das Gut-miteinander-Auskommen."
An gutem Willen, so die SED-Leute, lasse der Osten es nicht fehlen. Reinhold beteuerte: "Eine Expansion der Revolution ist heute nicht mehr möglich." Neubert versicherte "Die Veränderung der kapitalistischen Länder ist nicht denkbar als Expansion der sozialistischen Länder diese Veränderung muß aus den kapitalistischen Ländern selbst kommen."
Beflügelt, so schien es in Freudenstadt, wurden die Theoretiker der ostdeutschen Staatspartei bei ihren ideologischen Exkursen von dem neuen Mann in Moskau. Von Michail Gorbatschow erwarten die SED-Intellektuellen viel. Dessen Rede vor dem Parteitag der KPdSU hatten sie stapelweise dabei, zitiert wurde der Satz, nützlich sei "ein unvoreingenommenes gegenseitiges Kennenlernen von Positionen und Standpunkten".
Am weitesten wagte sich Rolf Reissig vor mit seinem Konzept eines sozialistisch-kapitalistischen Wettbewerbs. Ost und West stehen danach auf lange Dauer in einer Art Idealkonkurrenz zueinander; die Meßlatte: "Welches System hat die besseren Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für die Menschen zur Bewältigung der anstehenden Probleme?" In diesem Wettbewerb der Systeme, sagte Reissig, sei die SED auch "zu jeder Diskussion" über Demokratie und Menschenrechte bereit.
SPD-Eppler zeigte sich vor soviel Bereitwilligkeit tief beeindruckt: Er nannte Reissigs Statement einen "vorwärtsweisenden Beitrag" mit "positiven utopischen Elementen", den "wir so vor drei Jahren nicht gehört hätten".
SED-Reinhold wiegelte bescheiden ab: Reissigs Thesen seien "so neu nicht", sie seien nur "die logische Konsequenz aus der Erkenntnis, daß es heute ganz andere objektive Bedingungen der Koexistenz gibt". Sein ZK-Genosse Hahn setzte das Tüpfelchen drauf: Beim Dialog über die Menschenrechte, räumte er ein, "müssen wir uns entkrampfen".
Was solche Aussagen für die politische Praxis bedeuten, die nach Marx der Prüfstein jeder Theorie ist, bei dieser Frage wurden die Einheitssozialisten in Freudenstadt allerdings arg wortkarg.
Der Altsozialdemokrat Richard Löwenthal hielt den SED-Apologeten vor: "Wir haben von der friedlichen Koexistenzpolitik der Sowjet-Union, die Sie so überzeugend vorgetragen haben, nichts
gesehen." Löwenthal verwies auf Moskaus Interventionspolitik in Afrika.
Seine Parteifreundin Susanne Miller, Vorsitzende der Historischen Kommission der SPD, erinnerte an Afghanistan und die Verhaftungen von Mitgliedern der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR: "Solche negativen Erfahrungen machen es uns schwer, in der Öffentlichkeit Partnerschaft zu vertreten."
Peter von Oertzen attackierte die Ost-Sozis: "In keinem der Länder des realen Sozialismus könnte ich frei forschen und lehren und die Ergebnisse meiner Arbeit offen und frei diskutieren."
Doch die SED-Leute ließen sich, ganz auf Harmonie gestimmt, auf solche Vorhaltungen nicht ein und wichen aus. Reinhold konterte Löwenthals Kritik an den Sowjets mit der Binse: "Natürlich kann man streiten, ob diese oder jene Maßnahme glücklich war." Neubert wollte "auf dieses Thema nicht weiter eingehen - nicht, daß ich mich dieser Diskussion nicht stellen will, aber es würde hier doch zu weit führen".
Zu Afghanistan und zur ostdeutschen Friedensbewegung schwiegen die redegewandten SED-Professoren ganz. Als sie sich schließlich doch in die Niederungen der Praxis wagten, ging es schief.
"Der Wettbewerb der Systeme", fordere Richard Löwenthal, "fängt auf dem Gebiet der Informationspolitik an."
Da habe, konterte Otto Reinhold, die Bundesrepublik aber einen deutlichen Nachholbedarf: "Wir machen gern eine Umfrage, was die DDR-Bürger über die BRD wissen und umgekehrt." Da würden seine Landsleute weit besser abschneiden.
Zwischenruf Löwenthal: "Ja, dank Westfernsehen."
Mit SED-Chef Erich Honecker (vorn) und Politbüromitglied Hermann Axen (5. v. r.); links Brandt-Ehefrau Brigitte; 1985 in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 11/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DDR:
Große Brüderschaft

  • Disziplinierte Demonstranten in Honkong: So geht Rettungsgasse!
  • Nach Ladendiebstahl: Polizeiübergriff gegen Familie in Phoenix
  • Sturzflug durch die Alpen: "Jetman" schwebt über den Dolomiten
  • Stressfreier Arbeitsweg: Die Paddel-Pendlerin