10.03.1986

MANAGERSpezialisten gefragt

Nach Grete Schickedanz soll einiges anders werden: Ihr Nachfolger will den Quelle-Konzern neu organisieren. *
Zum Valentinstag schenkte Grete Schickedanz den sechs Vorstandsmitgliedern ihres Unternehmens ("meinen Männern") Krawatten. Doch die nette Geste konnte die Männer nicht hindern, die Chefin des Quelle-Konzerns mit harten Wahrheiten zu konfrontieren.
Nach 60 Jahren Arbeit bei Quelle will Grete Schickedanz - im Oktober wird sie 75 - im Februar nächsten Jahres die Führung des größten europäischen Versandhauses einem anderen überlassen. Dann wollte sie sich "noch intensiver um meine Kindergärten kümmern.
Doch ausgerechnet der von ihr ausersuchte Nachfolger an der Spitze der Quelle-Handelsgruppe wird viele ihrer wohltätigen Einrichtungen abschaffen, darunter auch die Quelle-Kindergärten. Klaus Zumwinkel, 42, seit Juli 1985 im
Vorstand des fränkischen Familienunternehmens, will Kosten drucken.
Seit der Schickedanz-Konzern nun im zweiten Jahr rote Zahlen schreibt, wird in Fürth an allen Ecken gespart. Der Verlust im Geschäftsjahr 1985 von rund 60 Millionen Mark wäre noch höher ausgefallen, hätte Zumwinkel nicht mit einem "Sofortprogramm" bei den Kosten "einen hohen zweistelligen Millionenbetrag" sparen können.
Es hatte sich einiges in der 1927 von Gustav Schickedanz gegründeten Firmengruppe angesammelt, was nun im harten Wettbewerb nicht mehr zu verkraften ist. Grete Schickedanz selbst, die als Teenager ihre Lehre in der Kurz-, Weiß- und Wollwarengroßhandlung ihres späteren Ehemanns machte, hatte in den Erfolgsjahren ihre Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern sehr ernst genommen.
Für manche Planstelle mußte eine zweite geschaffen werden. Grete Schickedanz, die 1977 nach dem Tod ihres Mannes die Führung des Unternehmens übernahm, konnte sich nur schwer von langjährigen Mitarbeitern trennen. Während andere Handelshäuser ihr Personal verringerten, blieb in Fürth auch zur Freude der Betriebsräte vieles beim alten. Der Neue an der Spitze hat nun alle Vollmacht, Versäumtes nachzuholen. Noch bis zum Jahresende will Zumwinkel die Kosten um weitere hundert Millionen Mark senken. In Fürth zweifelt niemand, daß er es schafft.
Zumwinkel war Direktor bei der Unternehmensberatungsfirma McKinsey, die auf Kostensparen spezialisiert ist Die Leitung der Schickedanz-Holding hatte McKinsey zunächst in den Vereinigten Papierwerken eingesetzt, 1984 kamen die Berater unter Zumwinkels Leitung auch ins Stammhaus, die Quelle.
Es werde "noch Jahre dauern", meint der erfahrene Sparkommissar, bis die Handelsgruppe, die auch künftig von den Gesellschaftern Grete Schickedanz sowie ihren Schwiegersöhnen Hans Dedi, 67, und Wolfgang Bühler, 53, beherrscht wird, wieder auf dem richtigen Kurs liegt. Mit der Schließung der Kindergärten, Entlassungen im Verwaltungsbereich und Rationalisierung im Versand allein ist es in Fürth nicht getan.
"Z", wie der künftige Vorstandsvorsitzende im Hause kurz und bündig genannt wird, muß der Quelle ein neues Verkaufskonzept verschreiben. Nur so kann der Verlusttrend der letzten Jahre abgefangen werden. Der Umsatz im Versand und in den 189 Niederlassungen lag 1981 noch bei neun Milliarden Mark, 1985 ist er auf 8,5 Milliarden Mark abgesackt.
Der studierte Betriebswirt Zumwinkel hat früher schon einmal bewiesen, daß er ein Gespür für neue Entwicklungen besitzt. Das war vor 15 Jahren, als er zusammen mit seinem Bruder zehn Warenhäuser und 50 Discountläden erbte.
Diese Handelskette, so erkannte Zumwinkel damals, könnte auf Dauer im ruinösen Wettkampf mit den Branchenriesen nicht überleben. Die Zumwinkel-Brüder verkauften an die Rewe.
Die Millionen hielten Zumwinkel nicht davon ab, sich als Arbeitnehmer zu verdingen. Er nahm ein Angebot an, das McKinsey ihm schon während seines Studiums an der Wharton School of _(Mit Hans Dedi, Wolfgang Bühler. )
Business Administration in Philadelphia gemacht hatte. Nach einem locker geführten Gespräch auf dem Schulhof überließen die Anwerber dem Deutschen die Wahl des Einsatzortes. Zumwinkel entschied sich für die Heimat
Nach fünf Jahren hatte es der Junior-Berater in der Deutschland-Zentrale zum Teilhaber von McKinsey gebracht. Seinem Team verdankt beispielsweise der Chemiekonzern BASF eine neue Organisationsstruktur, sein Spezialgebiet aber waren Handel und Marketing.
Die McKinsey-Teams aus Düsseldorf deckten die Schwachstellen beim drittgrößten Versandhaus Neckermann auf. Sie durchforsteten die Touristikfirmen NUR und ITS und rückten bei den Warenhäusern Karstadt, Hertie und Kaufhof ein. Der Kaufhof war Zumwinkels letzte Station vor Quelle.
So bringt der neue Quelle-Chef genau das mit, was für den Umbau des Unternehmens gebraucht wird: intimes Wissen über Strukturen und Strategien der Mitbewerber im Bereich Kaufhäuser, im Versand und in der Touristik. Die Quelle ist größter Aktionär des Reisekonzerns Touristik Union International (siehe Graphik).
Da McKinsey-Leute in aller Welt die Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen, kennt Zumwinkel zudem die Pläne von Sears, Roebuck & Co, in Chicago, dem größten Versender der Welt, von Warenhäusern in Spanien oder Australien. "Wenn zum Beispiel weltweit in einem halben Dutzend Handelskonzernen", so Zumwinkel, "die Do-it-yourself-Bereiche nicht gehen, dann müssen daraus Konsequenzen gezogen werden.
Bei der Quelle ist das schon passiert. Seit Monaten wird in den Verkaufsstellen das Heimwerker-Angebot verringert. Auch im Versandkatalog stehen diesem Bereich weniger Seiten zur Verfügung.
Die Entscheidung zum Wechsel nach Fürth war Zumwinkel leichtgefallen. Bei McKinsey hatte er die letzte Stufe der Karriereleiter erreicht. "Die neuen Aufgaben im Management, sagt Zumwinkel, der manchmal über sich wie über einen Fremden spricht, "reizen den Zumwinkel."
Gereizt hat ihn auch, es zwei Kollegen nachzumachen. Friedrich Schiefer war ein Jahr vor ihm als Finanzvorstand zum Versicherungs-Konzern Allianz gewechselt. Philip J. Purcell aus der "S-Zentrale heuerte als Vizepräsident bei Sears an. Er betreut dort den Bereich der finanziellen Dienstleistungen.
Von dem Sears-Manager weiß Zumwinkel, daß Quelle mit dem konsequenten Ausbau dieses Bereichs auf dem richtigen Weg ist. Über Katalog und Filialen vermittelt Quelle inzwischen Versicherungen, die hauseigene Noris-Verbraucherbank gewährt Konsumenten-Kredite und gibt Geldanlage-Tips.
Im Stammgeschäft will Zumwinkel andere Erfahrungen nutzen. Alle Studien hätten ergeben, daß es den "Einheitskunden nicht mehr gebe, folglich seien im Handel die Spezialisten gefragt.
Für seine Firma sieht Zumwinkel darin eine große Chance. Die Quelle habe gegenüber Konkurrenten gewaltige Informationsvorteile: Aus den zehn Millionen Telephonbestellungen pro Jahr und der Adressenkartei der Katalog-Bezieher müßten die Bedürfnisse der Kunden "segmentiert werden. "Wer am geschicktesten segmentiert", meint der Betriebswirt, "der gewinnt."
Der Neue hat bereits erkennen lassen, wie er das macht. Neben dem Hauptkatalog mit seinen 1052 Seiten verbreitet die Quelle-Gruppe nun noch mehr Spezial- und Sonderhefte, Beilagen und Prospekte, darunter auch einen neuen Möbelkatalog mit 300 Seiten.
Der Handel in den Quelle-Kaufhäusern, von den Versand-Managern stets als Anhängsel behandelt, soll künftig aufgewertet werden. Die zum Teil wahllos
mit Ladenhütern aus dem Versand vollgepackten Regale werden mit Waren bestückt, die vor allem die Laufkundschaft locken sollen.
Einige Filialen werden zu technischen Fachmärkten für Elektrogeräte umgerüstet. Andere Niederlassungen werden nur noch Textilien und Bekleidung verkaufen - die Quelle ist in diesem Bereich nach C & A und Karstadt der drittgrößte Anbieter. "Strategie", sagt Zumwinkel, "baut man immer auf Stärke auf."
Wie stark er selbst ist, um seine Ideen durchzusetzen, muß der Kandidat erst noch zeigen. Er wird es nicht einfach haben im eingespielten Machtgefüge des Familienunternehmens. Unter den Kollegen im Quelle-Vorstand hatten sich Herbert Bittlinger und Harald Schroff Hoffnungen auf den Chefposten gemacht. Sie wird er für sich gewinnen müssen. Allseits präsent bleibt auch Grete Schickedanz. Die agile Hauptgesellschafterin hat ihrem Günstling unmißverständlich bedeutet, daß sie auch nach dem Rückzug "aus der unmittelbaren Verantwortung den weiteren Weg der Firma zu begleiten und mitzugestalten" gedenke.
Der Nachfolger indes weiß ganz genau, warum er mit allen und allem klarkommen wird. "Die pekuniäre Unabhängigkeit des Zumwinkel", sagt Zumwinkel, "gibt ihm die innere Kraft, auch Kontroversen durchzustehen."
[Grafiktext]
IN FAMILIENHAND Aufbau der Schickedanz-Gruppe Zahlen an den Pfeilen= Beteiligungen in Prozent Familienstamm Louise und Hans Dedi drei Kinder Grete Schickedanz (persönlich haftende Gesellschafterin) Familienstamm Madeleine und Wolfgang Bühler; zwei Kinder und zwei Kinder aus erster Ehe Madeleines mit Hans Georg Mangold GGSH Gustav und Grete Schickedanz Holding KG 100% Quelle Handelsgruppe 100% Foto-Quelle 100% Vereinigte Papierwerke 95% Patrizierbräu 75% Noris-Verbraucherbank 12,5% TUI Touristik Union International
[GrafiktextEnde]
Mit Hans Dedi, Wolfgang Bühler.

DER SPIEGEL 11/1986
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