10.03.1986

WÄHRUNGDritte Säule

Bundesbanker streiten darüber, ob das Europa-Geld Ecu in der Bundesrepublik neben der Mark zugelassen werden soll. *
Burckhard Doempke, deutscher Dolmetscher in Brüssel, bekommt sein Gehalt von der Europäischen Kommission in Ecu überwiesen. Das neumodische Europa-Geld habe "viele Vorteile", lobt Doempke. Der Ecu sei stabil und überall in Devisen eintauschbar - "leider nur nicht in der Bundesrepublik".
Das soll bald anders werden. Wirtschaftsminister Martin Bangemann hält "jetzt den Zeitpunkt für gekommen", die europäische Währung auch hierzulande zuzulassen. Da deutsche Firmen und Banken sonst "Wettbewerbsnachteile erleiden" würden, regte der Minister an, die Frankfurter Bundesbank solle dem Europa-Geld neben der Mark Geltung verschaffen.
Bangemanns Wunsch bringt die Notenbankiers in Verlegenheit. Im Zentralbankrat, der letzten Instanz in Geldfragen, ist über die Rolle des Ecu ein heftiger Streit entbrannt.
Die Mehrheit der Räte, angeführt von Vizepräsident Helmut Schlesinger, meinte bisher, der Ecu sei überhaupt
keine Währung. Deshalb dürften Firmen wie Private auch keine Schulden in Ecu machen, Banken keine Ecu-Einlagen annehmen. Auch Ecu-Konten privater Kunden sind in der Bundesrepublik verboten.
Verwunderlich ist das schon. Ausgerechnet die Deutschen, die sich sonst so gern als Muster-Europäer aufputzen, die lautstark ihren liberalen Kapitalmarkt loben, sperren das europäische Geld rigoros aus - als einziger EG-Staat.
Dabei ist der Ecu beinahe eine deutsche Erfindung. Unter dem Kanzler Helmut Schmidt wurde 1978 das Kunstgeld geschaffen, um eine einheitliche Verrechnungsbasis innerhalb der EG zu haben. Es entstand eine Art Geldkorb, angefüllt mit inzwischen zehn Währungen von EG-Staaten. Ecu steht dabei als Kürzel für die englische Bezeichnung European Currency Unit (siehe Graphik Seite 76).
Bald schon erfreute sich die neue Währung auch einer regen Nachfrage auf den privaten Kapitalmärkten. Banken und Firmen, Sparer und Staaten entdeckten von Irland bis Italien, von Kanada bis China die Vorteile des Währungskorbs: Der Wert des Ecu schwankte weniger als die einzelnen Währungen und brachte ordentliche Zinsen.
Der Ecu stieg "mit rasanter Geschwindigkeit" in der Gunst eines weltweiten Publikums, weiß Werner Lutz von der Europäischen Sparkassenvereinigung. "Kaum ein Bankgeschäft läuft heute noch ohne Ecu." Der Ecu könnte, ergänzt der ehemalige Präsident der EG-Kommission Roy Jenkins, neben Dollar und Yen zur "dritten Säule" im Weltwährungssystem werden.
Im internationalen Handel mit Anleihen hat sich das Geschäft beispielsweise in nur zwei Jahren auf 18 Milliarden Ecu (rund 39 Milliarden Mark) fast verzehnfacht. Zu den Kunden zählen große Konzerne wie Ford und Fiat, Rank Xerox und Thomson-Brandt oder die skandinavische Fluglinie SAS.
Die Regierung von Österreich, die Stadt Kopenhagen und die Bank von Tokio besorgen sich Geld über europäische Ecu-Anleihen. Sogar die amerikanische Federal Home Loan Bank, ein Regierungs-Institut, hat schon eine Ecu-Anleihe aufgelegt.
Viele Firmen rechnen ihren Außenhandel in Ecu ab. Auch Staaten wie China, Indien und die UdSSR sind bereits dabei. Gabun möchte seine Öllieferungen künftig im stabilen Ecu, statt im schwankungsreichen Dollar, berechnen.
Ganz im Gegensatz zu der internationalen Begeisterung steht die mißtrauische Skepsis der Frankfurter Bundesbankiers. Sie fürchten, der europäische Währungs-Star könnte die Bedeutung der Mark und die Wichtigkeit der deutschen Notenbank schmälern.
Als jüngst Finanzminister Gerhard Stoltenberg in einer "Voranfrage" die Meinung der Bundesbank zur Einführung des Ecu testen wollte, blockten die Frankfurter Geldhüter ab. Das Direktorium beschäftigte gleich vier Hauptabteilungen erst einmal mit einem umfangreichen "Prüfungsauftrag".
Als die Prüfung fertig war, hatten sich die Nein-Sager um Schlesinger durchgesetzt. Derzeit, lautete die Botschaft nach Bonn, könnte mit einer Genehmigung, "nicht gerechnet werden".
Hinter den Kulissen war das Frankfurter Votum nicht so eindeutig. Die Hauptabteilung für internationale Währungsfragen des Bundesbankiers Leonhard Gleske sprach sich für den Ecu aus. Die Inlandsbanken, die von dem Geschäft mit Ecu ja ausgeschlossen seien, müßten sonst einen Wettbewerbsnachteil gegenüber ausländischen Banken hinnehmen. Auch könnte eine Freigabe dazu beitragen, "das negative Image der Bundesbank in der Europapolitik abzubauen".
Doch gegen das Gleske-Papier, dem auch Bundesbank-Chef Karl Otto Pöhl
zuneigt, steht Schlesingers Hauptabteilung Volkswirtschaft. Die deutsche Exportwirtschaft, so die Behauptung, habe gar kein Interesse am Ecu. Vor allem aber könnte eine Zulassung der Euro-Devise im Inland "breite Schleusen" öffnen: "Wehret den Anfängen."
Der Zwist zwischen Gleske und Schlesinger hat Tradition. Schon länger beharkten sich die beiden mit bankinternen Papieren. Ecu-Freund Gleske, in der Bank zuständig für Währungsfragen, kam bereits vor Monaten in einer 39 Seiten langen Analyse zu dem Ergebnis, daß die Bundesbank "ihre bisherige restriktive Haltung zur Zulassung von Ecu-Verbindlichkeiten aufgeben" solle, wenn Bonn danach frage.
Chef-Volkswirt Schlesinger hingegen wettert über "Euro-Monetaristen und "Propagandisten", die den Ecu "in den Rang einer vorherrschenden Währung in Europa" erheben möchten. Denn "mit der Einführung einer Parallelwährung, von diesem Gedanken können ihn auch seine Unions-Freunde in Bonn kaum abbringen, "geht die Autonomie der nationalen Geldpolitik unvermeidlich verloren".
Das aber kann Schlesinger nicht gefallen. Wenn nämlich der Ecu die Mark verdrängt und eine Europäische Zentralbank installiert wird, könnte die Bundesbank zu einer Art Zweigstelle degradiert werden.
Der karrierebewußte Vizepräsident hat noch viel vor. 1987 mochte er sich von den Bonnern als Pöhl-Nachfolger zum Präsidenten küren lassen Zweigstellenleiter will Schlesinger auf keinen Fall werden.
[Grafiktext]
EUROPÄISCHER EINTOPF Anteile der EG-Währungen an dem Ecu (European currency unit = Währungseinheit des Europäischen Währungssystems) 1 Ecu Mark (32,2%) Französische Franc (19,2%) Britische Pfund (14,3%) Lire (10,2%) Gulden (10,2%) Belgische und Luxemburgische Franc (8,6%) Dänische Kronen (2,8%) Griechische Drachmen (1,3%) Irische Pfund (1,2%) Kurs des Ecu in Mark 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 11/1986
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