10.03.1986

ALBRECHTPack die Rübe

Eine Serie von Pannen begleitet den Wahlkampf der niedersächsischen CDU. *
Im Januar dieses Jahres bot der Wahlkampf der niedersächsischen Union den oppositionellen Sozialdemokraten, so erinnert sich ein Funktionär der Landes-SPD, zum erstenmal "Anlaß zu schallendem Gelächter".
Presseagenturen hatten ein Photo verbreitet, das nicht nur bei den Sozis Schadenfreude auslöste: Direkt neben einem Plakat, das mit dem Bild zweier Schornsteinfeger für den CDU-Spitzenkandidaten Ernst Albrecht warb, klebte der Slogan "Zieht die Flaschen aus dem Verkehr!"
Seit dem kuriosen Nebeneinander von CDU-Plakat und Anti-Alkohol-Appell hat die Wahlkämpfer der Union, so scheint es, das Glück verlassen. Panne auf Panne belastet ihren Versuch, den SPD-Kandidaten Gerhard Schröder daran zu hindern, bei der Landtagswahl im Juni den christdemokratischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zu kippen.
Pech brachten der Union sogar die Glücksbringer auf dem Albrecht-Wahlplakat mit dem Slogan "Niedersachsen wählt das Glück". Genüßlich enthüllte die SPD letzte Woche, daß die beiden Schornsteinfeger, die von der CDU mit den Worten "Es geht uns gut" zitiert werden, gar nicht in Niedersachsen leben, sondern im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen - einer gar im Wuppertaler Wahlkreis des SPD-Kanzlerkandidaten Johannes Rau.
Nicht nur, daß niedersächsische Zeitungen einen humorigen Brief Raus an den schwarzen Mann aus Wuppertal abdruckten ("Wir exportieren also nicht nur Stahl, Kohle, Umwelttechnologien und Kultur, sondern auch Glück") - Albrechts Schornsteinfeger-Import mobilisierte auch einheimische Kaminkehrer: Norbert Voltmer, Schornsteinfeger aus Otze bei Hannover, gründete flugs eine Initiative "Schornsteinfeger gegen Albrecht".
Vom Unglück verfolgt scheint der CDU-Spitzenmann auch bei seinen Bemühungen, die beiden wahlentscheidenden Zielgruppen im Lande zu umwerben: die Bauern und die Jungwähler.
Der Ausgang der schleswig-holsteinischen Kommunalwahl, bei der Landwirte zu Tausenden der CDU davonliefen, erscheint Unionsstrategen schon als böses Omen für die Wahlen im Bauernland Niedersachsen - zumal Albrechts agrarpolitische Initiativen eher Ungeschick verraten.
Zwar präsentierte der Ministerpräsident bereits einen Tag nach der Schleswig-Holstein-Wahl ein neues CDU-Agrarkonzept. Doch sein zentraler Vorschlag zur Sanierung der Landwirtschaft - Bauern sollen künftig Getreide und Rüben zur Herstellung von Bio-Alkohol anbauen - wurde von Experten sogleich total verrissen.
Oppositionspolitiker verwiesen darauf, daß Fachleute wie der Bonner Agrarwissenschaftler German Jeub jüngst errechnet haben, das Biosprit-Konzept erfordere noch erheblich höhere EG-Subventionen als die Bewältigung der derzeitigen Getreideüberschüsse. Bonns Forschungsminister Heinz Riesenhuber hatte die Produktion von Agrar-Alkohol bereits im vergangenen Jahr als "völlig unwirtschaftlich" abgelehnt.
Ökologen sehen in Albrechts "Schnapsidee", so der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), überdies neue Gefahren für den Naturhaushalt. Die Bioalkohol-Produktion werde, wie die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft urteilt, einen "neuen Zwang zur Intensivproduktion" auslösen und allenfalls den ohnehin begünstigten landwirtschaftlichen Großbetrieben nutzen.
Angesichts der Mängel des Konzepts "Pack die Rübe in den Tank" (BUND) monierte die SPD letzte Woche, Albrecht wecke mit seinen Alkohol-Versprechungen im Landvolk "unerfüllbare Hoffnungen". Die Grünen sprachen von "Bauernfängerei", der FDP-Landesvorsitzende Heinrich Jürgens nannte den Albrecht-Plan schlicht "unseriös".
Zu allem Überfluß brachte die vergangene Woche der CDU auch noch Ärger wegen eines weiteren Wahlplakats. Die um Jungwähler besorgten Parteiwerber hatten, wie CDU-Landesvorsitzender Wilfried Hasselmann stolz vor Journalisten erklärte, erstmals "eine ganze Klasse mit vollem Einverständnis auf ein Plakat bekommen". Hasselmann: "Daran hätten wir vor fünf Jahren nicht zu denken gewagt."
Den Sozialdemokraten freilich gelang letzte Woche der Nachweis, daß das Jugend-Plakat ("Klasse, unsere Chancen steigen") keineswegs eine ganze Schulklasse, sondern nur "einen Teil einer 11. Klasse" zeigt. Aufgefüllt worden sei das Photo durch "Schüler aus benachbarten Schulen".
Im übrigen, ermittelte die SPD, sei das "volle Einverständnis" der Pennäler auf zweifelhafte Weise zustande gekommen: Die Union habe die Zustimmung der Schüler regelrecht "erkauft" - durch "50 DM Handgeld, einen Tagesausflug auf Kosten der CDU nach Köln und das Versprechen eines Empfangs durch Ministerpräsident Albrecht".

DER SPIEGEL 11/1986
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