10.03.1986

TRINKWASSERAuf den Kopf

Ein neues Gesetz zwingt Hunderte von Städten und Gemeinden, den Anteil des Babygifts Nitrat im Trinkwasser zu senken. Die Verbraucher sollen dafür zahlen. *
An jedem ersten Dienstag im Monat betreten in dem württembergischen Weinort Grantschen bei Heilbronn 14 Familien das blaßgelbe Versammlungszimmer im alten Rathaus, um sich beim Ortsvorsteher einen braunen Pappkarton abzuholen. Inhalt: zehn Plastiktüten mit Trinkwasser.
Rund 700 Liter Wasser verteilt die Stadtverwaltung jeden Monat an Familien mit kleinen Kindern. Abgefüllt wird das Naß bei den Technischen Werken der Stadt Stuttgart. Einmal im Monat bringt ein Laster aus der 60 Kilometer entfernten Landeshauptstadt die Tüten in die 600-Seelen-Gemeinde. Der Wassertransport
soll verhindern, daß die Säuglinge und Kleinkinder der Gemeinde einer Art Brunnenvergiftung zum Opfer fallen: Im letzten Herbst hatten die örtlichen Wasserwerker festgestellt, daß die beiden Trinkwasserbrunnen der Gemeinde mehr als 90 Milligramm Nitrat pro Liter enthalten.
Speziell im Körper von Säuglingen und Kleinkindern verwandelt sich Nitrat in das Blutgift Nitrit, das die roten Blutkörperchen blockiert und zur Erstickung ("Blausucht") führen kann. Aber auch Erwachsenen können die Nitrate aus dem Grundwasser gefährlich werden, weil sie im Körper krebserzeugende Nitrosamine bilden.
Krebsangst hat in dem idyllischen Landflecken Grantschen Zwietracht entstehen lassen. Empörte Eltern beschuldigen jetzt die örtlichen Weinbauern, ihre Reben allzu üppig mit nitrathaltigen Düngemitteln gepäppelt zu haben, die nach und nach ins Grundwasser gespült werden.
Die Weingärtner wiederum, erzählt Monique Windisch, Mutter von zwei Kindern, "werfen uns vor, wir würden die ganze Sache aufbauschen.
Krach wie in Grantschen steht den Bürgern vieler westdeutscher Gemeinden noch bevor - insbesondere in Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung oder mit Spezialkulturen wie Wein-, Tabak- oder Spargelanbau, wo mit Düngemitteln nicht gegeizt wird.
Weil überschüssiger Stickstoffdünger eine ungewisse Zahl von Jahren braucht, um alle Bodenschichten zu durchdringen, kann es in diesen Gebieten jederzeit zu einem unerwarteten "Nitratsprung" kommen, wie Fachleute das Emporschnellen der Schadstoffwerte im Grund- und Trinkwasser nennen.
Schon heute werden etwa im Main- und im Moseltal, im Rhein-Neckar-Kreis und in Nordbaden regelmäßig extrem hohe Nitratkonzentrationen gemessen. In einigen Problemregionen Baden-Württembergs, zum Beispiel in den Landkreisen Biberach, Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald, Ludwigsburg, Heilbronn und im Main-Tauber-Kreis, mußte bereits jedes achte Wasserwerk schließen. Die Gemeinde Eppelheim bei Mannheim erwägt gar, eine erst vor zwei Jahren in Betrieb genommene Anlage dichtzumachen.
Im bayrischen Mammendorf wurde im November letzten Jahres die gesamte Bevölkerung vorübergehend mit Trinkwasser aus Tanklastern versorgt. Zwei Flachbrunnen, aus denen die Stadtwerke ihr Wasser pumpten, wiesen mehr als 100 Milligramm Nitrat pro Liter auf. In den bayrischen Orten Schondra und Volkach kletterten die Werte im Sommer letzten Jahres auf 176 beziehungsweise 172 Milligramm.
Fast 600000 Bundesbürger, schätzten Experten, müssen Wasser trinken, das pro Liter mehr als 90 Milligramm Nitrat enthält. Und sechs Millionen Menschen beziehen Wasser mit einer Nitratbelastung von mehr als 50 Milligramm - obgleich bei Säuglingen schon zehn Milligramm als bedenklich gelten.
Bundesweit zum Politikum wird das Thema Nitrat spätestens im Herbst. Denn während die Trinkwasser-Verordnung bislang noch 90 Milligramm Nitrat pro Liter zuläßt, gilt vom 1. Oktober an auch für Westdeutschlands Wasserwerke ein neuer Höchstwert, der nach einer EG-Richtlinie eigentlich schon seit August vergangenen Jahres hätte verbindlich sein sollen: 50 Milligramm.
"Erhebliche Sanierungsmaßnahmen", schwant der Bonner Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, kämen nun auf die Wasserwerke zu. Allein in Baden-Württemberg überschreiten rund 150 von 2600 Betrieben die neue Toleranzschwelle. In Rheinland-Pfalz liegen knapp 60 von 1600 Versorgungsbetrieben jenseits der kritischen Grenze. Im bayrischen Bezirk Unterfranken wurden letztes Jahr in 81 von 535 Anlagen mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter registriert.
Dicht machen müssen gleichwohl nur wenige Wasserwerke. Denn die Bonner haben großzügige Sonderregelungen beschlossen, die nach Auffassung des SPD-Europa-Abgeordneten Gerd Walter die EG-Richtlinien glattweg "auf den Kopf" stellen.
Während die EG Ausnahmen vom neuen Höchstwert nur in Notfällen und bei besonderen geographischen Bedingungen gestatten wollte, darf der Grenzwert in der Bundesrepublik bereits überschritten werden, "wenn die Versorgung nicht auf andere Weise sichergestellt werden kann", wie es in der neuen Verordnung heißt, oder wenn "keine akute Gesundheitsgefährdung" der Bevölkerung zu befürchten ist.
Immerhin aber müssen Gemeinden, die eine Sondergenehmigung beantragen, zugleich ein Sanierungskonzept präsentieren, in dem sie darlegen, wie sie langfristig die Versorgung sichern und den neuen Grenzwert unterschreiten wollen. "Wir kommen mit der Arbeit gar nicht mehr nach, erklärt Professor Heinrich Sontheimer vom Engler-Bunte-Institut der Universität Karlsruhe, der die Wasserwerke wissenschaftlich berät.
Die meisten derzeit entwickelten Anti-Nitrat-Strategien haben einen entscheidenden Nachteil: Die Zeche muß, über den Wasserpreis, fast immer der Verbraucher _(Familie bei der Wasserausgabe in ) _(Grantschen. )
bezahlen, so gut wie nie der Verursacher.
So haben im bayrischen Augsburg und in Margetshöchheim bei Würzburg die Wasserwerke für teures Geld bestes Ackerland aufgekauft, um es aufzuforsten oder in Grünflächen umzuwandeln und so vor Überdüngung zu schützen. Die Augsburger Konsumenten kostet dieser Beitrag zum Umweltschutz zwanzig Pfennig pro Kubikmeter Wasser.
Andere Gemeinden begnügen sich mit einem billigen Trick: Sie mischen nitrathaltiges Wasser aus eigenen Quellen mit weniger belastetem Naß aus Nachbargemeinden. Solche Mixgetränke servieren zum Beispiel die Kommunen Denkendorf bei Esslingen oder Ladenburg im Rhein-Neckar-Kreis ihren Bürgern.
Zwar läßt sich mit dieser Methode der Nitratgehalt senken. "Langfristig aber, kritisiert Uwe Lahl, Wasserexperte und Berater der Bonner Grünen-Fraktion, "ist das wie beim Waldsterben - man rennt vor dem eigentlichen Problem davon."
Andere Orte wollen ihre Wasserversorgung ganz aufgeben und sich an ein Fernversorgungssystem anschließen. So erhält Grantschen vom Sommer an sein Trinkwasser aus dem rund 200 Kilometer entfernten Bodensee.
Auf diese Weise wird die Wasserversorgung in der Bundesrepublik immer stärker zentralisiert - zu Lasten einiger weniger Regionen, zum Beispiel der von Grundwasserabsenkung bedrohten Lüneburger Heide, dem Harz oder dem hessischen Rieds. "Auch der Bodensee", warnt Günter Schmolz, Amtsarzt beim Gesundheitsamt Heilbronn, "ist nicht unerschöpflich."
Zwar ist es technisch möglich, belastetem Trinkwasser das Nitrat zu entziehen. Doch die derzeit lieferbaren Denitrifikationsanlagen kommen nur für größere Städte in Frage; ihr Betrieb verteuert den Wasserpreis um fünfzig Pfennig bis zu einer Mark pro Kubikmeter.
Der Bonner Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die nachträgliche Denitrifikation nur als eine "Notlösung" wertet, rät in einem Sondergutachten statt der Wasserverbraucher lieber die Wasserverschmutzer zur Rechenschaft zu ziehen, vor allem die Landwirte.
In ihrer Expertise schlagen die Gutachter unter anderem eine Stickstoff-Abgabe vor, um die Bauern zu sparsamem Nitrat-Einsatz zu bewegen. Außerdem wollen die Agrarexperten das Ausbringen von nitrathaltiger Gülle auf die Felder radikal einschränken.
Der baden-württembergische Agrarminister Gerhard Weiser (CDU) möchte seine Bauern auf andere Weise zum Maßhalten bewegen: In den Regionen Bruchsal und Ladenbure werden Acker und Felder von diesem Jahr an nur noch von Spezialfirmen gedüngt.
Experten errechnen zuvor die für die jeweilige Frucht optimale Düngermenge - in der Regel viel weniger als bislang ausgebracht worden ist. Kontrollen bei badischen Spargelbauern etwa haben ergeben, daß die Züchter in Einzelfällen bis zu 500 Kilogramm Dünger pro Hektar und Jahr verstreuen, obwohl die Pflanzen nur 100 bis 130 Kilogramm verarbeiten können.
Noch größere Hoffnungen setzt der schwäbische Umweltminister auf den sogenannten Wasserpfennig: Als Ausgleich für Ertragseinbußen, die durch staatliche Auflagen bei der Düngung ihrer Äcker und Felder entstehen, sollen die Landwirte Finanzspritzen in Höhe von 500 Mark pro Hektar und Jahr erhalten (SPIEGEL 17/1985).
Daß die neue Abgabe von den Wasserverbrauchern aufgebracht werden
soll, stößt allenthalben auf Widerspruch. Der Weisersche Wasserpfennig verstoße, kritisiert der Baden-Württembergische Städtetag, "eklatant gegen das in allen Bereichen anerkannte Verursacherprinzip".
Der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft vergleicht die geplante Abgabe mit einer Entschadigung, die Fußgänger "zum Schutz vor potentiellen Temposündern zu zahlen hätten, damit diese sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten".
Nicht einmal die betroffenen Bauern halten viel von dem Reeierungsvorschlag. "Wie will man denn kontrollieren, ob einer sich an das Düngeverbot hält?" fragt Otto Bähr, Vorstand der Grantschener Weingärtner-Genossenschaft. Seiner Ansicht nach sollte der Agrarminister lieber Fachleute engagieren, die ihn und seine Kollegen vor Ort beim Einsatz von Chemiedünger beraten.
Weiser laßt sich auch nicht von der Aussicht abschrecken, daß sein Plan "eine Fülle von Prozessen heraufbeschwören" (Lahl) könnte. Der Wasserpfennig nämlich ist juristisch alles andere als wasserdicht.
Bisher schon sind die Landwirte gegenüber der Industrie privilegiert, weil sie das Grundwasser praktisch zum Nulltarif verunreinigen dürfen. Gewerbebetriebe dagegen, die Trinkwasser schädigen, haften für die Folgen ihrer Produktion. Auch für Umweltschutzmaßnahmen, die von den Wasserwirtschaftsämtern verlangt werden, hat die Industrie selber aufzukommen.
Außerdem, argumentiert der Bund der Steuerzahler, dürfe ein solcher Extra-Obolus laut Bundesverfassungsgericht nicht bei denen kassiert werden, die mit dem Anlaß für die Erhebung der Abgabe gar nichts zu tun haben. Deshalb, meinen die Steuerzahler-Anwälte, sei der geplante Wasserpfennig ebenso verfassungswidrig wie die 1983 eingeführte Zwangsabgabe für Besserverdienende.
Die damals kassierten Gelder mußte die Bundesregierung nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Herbst 1984 zurückzahlen.
Familie bei der Wasserausgabe in Grantschen.

DER SPIEGEL 11/1986
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