10.03.1986

„Die Banken sollen sich raushalten“

Das neue Vielfronten-System der Deutschen Bank in den Medienkonzernen *
Jahrelang führte Gerd Mark, 42, Vorstandsreferent bei der Gütersloher Bertelsmann AG, Buch über innerbetriebliche Geschäfte: 26000 Mitarbeiter und Pensionäre wickelten über sein Büro in aller Stille den Handel mit ihren Belegschaftsanteilen, sogenannten Genußscheinen, ab. Mitte Dezember war es mit der Ruhe vorbei.
An der betriebsinternen Börse wurde hitzig spekuliert, der Kurs der 100-Mark-Papiere schnellte auf das Dreifache hoch. Rund 9000 Interessenten wollten Bertelsmann-Genußscheine im Nennwert von 78 Millionen Mark kaufen, im Angebot aber waren nur Papiere für acht Millionen. Auch Betriebsfremde durften, nachdem Bertelsmann entsprechende Beschränkungen vor zwei Jahren aufgehoben hatte, von der Hausse profitieren. Wegen der Übernachfrage machte der Unternehmensbeirat die Hausbörse dicht.
Sie wird nicht wieder geöffnet. Anlaß für die hektischen Geschäftsabschlüsse war die Gütersloher Entscheidung gewesen, die Bertelsmann-Papiere am Montag kommender Woche an der Börse einzuführen.
Vorgemacht hatte es der Axel Springer Verlag. Seine Aktien, letztes Jahr an der Börse zugelassen, kletterten in der damaligen Hausse auf das gut Zehnfache des Nennwerts (derzeitiger Kurs: 400 für 50 Mark).
Bertelsmanns Börsenaktion gibt Antwort auf eine Frage, auf die Eigentümer Reinhard Mohn letztes Jahr noch die Auskunft verweigerte: wie er es mit der Deutschen Bank halten wolle. Das Frankfurter Geldhaus, seit anderthalb Jahrzehnten Bertelsmanns Hausbank, war damals gerade bei Springers Aktienausgabe tätig gewesen, und überraschend hatte Vorstandssprecher Friedrich Wilhelm Christians einen Aufsichtsratssitz bei der Axel Springer AG übernommen.
Darüber, erfuhr das Vorstandsmitglied eines Verlagskonzerns, seien die Bertelsmänner gar "nicht glücklich". Und ein Manager des Verlags Gruner + Jahr (G+J), einer Bertelsmann-Tochter, in deren Aufsichtsrat ebenfalls ein Deutsche-Bank-Vertreter sitzt, gab zu bedenken, die Deutsche Bank müsse entweder ihren Sitz bei Springer wieder aufgeben oder "natürlich aus unserem Aufsichtsrat ausscheiden".
Auf die Anfrage, ob das auch für den Bertelsmann-Aufsichtsrat gelte, in dem ebenfalls ein Deutschbankier vertreten ist, ließ Mohn seinen Vorstandsvorsitzenden Mark Wössner im August letzten Jahres antworten: "Sie werden sicher verstehen, daß wir zu solch einer Fragestellung keine Auskunft geben möchten."
Die Börseneinführung der Bertelsmann-Genußscheine gibt die Antwort: Die Deutsche Bank ist Konsortialführerin. Sie bleibt die Gütersloher Hausbank, und sie ist nun in den Aufsichtsgremien von vier Pressebetrieben vertreten - eine neue Medienmacht. *___Vorstandssprecher Christians amtiert zugleich im ____Berliner Springer-Aufsichtsrat und im Aufsichtsgremium ____der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", dem Kuratorium ____der "Zeit"-Stiftung; *___Vorstandsmitglied Horst Burgard ist stellvertretender ____Aufsichtsratsvorsitzender der Bertelsmann AG in ____Gütersloh; *___Ex-Vorstandsmitglied Robert Ehret, der Deutschen Bank ____weiter als Aufsichtsratsmitglied verbunden, sitzt auch ____weiterhin, wie schon seit 1973, _(In der 1984 eröffneten ) _(Springer-Zeitungsdruckerei in Ahrensburg ) _(bei Hamburg. )
im Aufsichtsrat des Hamburger Zeitschriftenkonzerns Gruner + Jahr.
Eine denkwürdige Konstellation: Die Presse-Imperien von Springer (Jahresumsatz: 2,4 Milliarden Mark) und Bertelsmann (Jahresumsatz: rund 7,5 Milliarden Mark) sind scharfe Konkurrenten auf dem Markt und Gegner in der Weltanschauung.
Der erzkonservative Axel Springer hatte deshalb, vor gut 15 Jahren, eine Drittel-Beteiligung von Bertelsmann an seinem Konzern zurückgekauft - das liberale Gütersloher Sortiment, "vom Propagandajournal der Linken bis zur konservativen Zeitung" (Springer), paßte ihm nicht.
Die Deutschbankiers aber sitzen nun hüben wie drüben mit am Tisch. Sie überwachen die Bilanzen von"Bild" und "Welt" bei Springer, von "Stern" und "Capital" bei Gruner + Jahr, der "Verkehrsrundschau", der "Bauwelt" oder der "Münchner Medizinischen Wochenschrift" bei Bertelsmann. Sie beobachten die Geschäfte der vielen Großdruckereien, die Beteiligungen beim Privatfernsehen "Sat 1 (Springer) und "RTL Plus" (Bertelsmann/Gruner + Jahr), die Buch- und Taschenbuchverlage Ullstein (Springer-Beteiligung: 50 Prozent) und C. Bertelsmann/Goldmann/Blanvalet/Steinhausen/Knaus/Siedler/Mosaik.
Damit nicht genug. Der neue Springer-Aufsichtsrat Christians wahrt die Interessen der konservativen Wochenzeitungen "Welt am Sonntag" (Auflage: 323700) sowie "Bild am Sonntag" (2,3 Millionen) und wacht zugleich über die "Zeit"-Stiftung. Die wiederum soll laut Statut die liberale "Linie" der "Zeit" (Auflage: 433200) garantieren.
"Es mag ja gang und gäbe sein", sagt der Geschäftsführer eines anderen Verlagshauses, "daß eine Bank über ihre Aufsichtsratsmitglieder zum Beispiel zwei konkurrierende Maschinenbaufirmen kontrolliert. Aber mit allem Respekt, bei Presseverlagen ist das doch etwas anderes." Die Presse, meint auch Geschäftsführer Hans-Wolfgang Pfeifer von der konservativen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"), sei ein "Gebiet, aus dem die Banken sich wirklich raushalten sollten".
Die Frankfurter Bankiers wiegeln ab, sie selbst hätten gar keine Verlagsanteile erworben, aber der Bitte um Rat und Tat könne man sich ja nicht verschließen. Die Aufsichtsräte in den Verlagskonzernen fühlten sich dem allgemeinen Wohl des Unternehmens verpflichtet.
"Kein vernünftiger Mensch kann glauben", hielt "FAZ"-Mitherausgeber Jürgen Eick dagegen, daß Christians bei Springer "als Privatier im Aufsichtsrat" sei.
Geschäftliche Transaktionen oder Beteiligungen der Verlagshäuser, berichten Branchenkenner denn auch, erfreuten sich bei den Deutschbankiers in den Aufsichtsräten "allergrößter Aufmerksamkeit, da sind alle Antennen auf Empfang geschaltet".
Die Erfahrungen, die schon Ludwig Poullain, früher Vorstandschef der Westdeutschen Landesbank, bei einem Bank-Engagement im Pressewesen machte, müssen skeptisch stimmen. Ein Pressefinanzier, sagte Poullain, gerate "zwischen Geist und Geschäft, Politik und Kapital in die Zwickmühle".
In den sechziger Jahren hatte Poullain versucht, mit Hilfe von Reinhard Mohn bei Bertelsmann und Springer die verlegerische "Einzelmacht zu entzerren. Springer wollte seinerzeit verkaufen, Poullains Bank finanzierte den Bertelsmännern damals den Erwerb eines Konzern-Drittels, auch eine Schachtelbeteiligung der Westdeutschen Landesbank bei Bertelsmann war im Gespräch.
Die Bertelsmann/Springer-Anteile sollten dann von einem aktienrechtlich geführten, politisch neutralen Kapitalfonds übernommen werden, "um eine neue Paket- und Mehrheitsbildung zu vermeiden", so Poullain. Ein Fonds, erinnert sich der Planer, "wäre eine offene Sache gewesen, im Gegensatz zu heute, bei der Deutschen Bank, hier geschieht mehr im Hintergrund".
Doch das famose Projekt ging daneben, Poullain wurde, so erinnert er sich, _(Bertelsmann AG ist Mehrheitsaktionär bei ) _(Gruner + Jahr mit 74,9 % )
"von politischer Seite beschimpft und beschuldigt für Zeitungsinhalte, für Schlagzeilen und Kommentare, für die ich überhaupt nicht verantwortlich sein wollte. Springer kaufte seine Anteile bald darauf zurück.
Das Beispiel lehrt: In die Pressebeteiligung einer Bank spielen vielfältige politische Einflüsse und Tendenzabwägungen hinein. "Ich hätte Flagge zeigen müssen", weiß Poullain heute.
Der Bankeinfluß sekundiert "FAZ"-Manager Pfeifer, sei "nicht gut für die publizistische Vielfalt". Auf Dauer sei "eine gewisse Gleichförmigkeit im Handeln" zu befürchten, weil sich Bankiers von "wirtschaftlichen Gesichtspunkten" leiten ließen. Im Pressewesen gebe es "Dinge, die wirtschaftlich gar nicht vernünftig sind, aber notwendig für eine umfassende Information. Ein betont "wirtschaftliches Denken", so Pfeifer, sei "in Zeitungsbetrieben nicht in Ordnung".
G + J-Mitarbeiter argwöhnen seit langem, die Deutsche Bank wolle den "Stern" auf wirtschaftsfreundlicheren Kurs bringen. Sie sehen ein Sympathiebarometer darin, daß die Bank in Blättern des Axel Springer Verlags inseriert, auch in den wirtschaftsnahen G+J-Publikationen "Capital" und "Impulse", nicht aber im "Stern".
"Es ist ja bekannt", erinnert sich der frühere G + J Vorstandschef Manfred Fischer, daß Aufsichtsrat Ehret über "Niveau und Tendenz der wirtschaftlichen Berichterstattung des Stern nicht glücklich war".
Über Einzelheiten redet Fischer so wenig wie sein Nachfolger Gerd Schulte-Hillen. Fischer mag allerdings, im Gegensatz zu anderen Verlagschefs, nicht glauben, daß die Aufsichtsratsmitglieder der Deutschen Bank ihr Insider-Wissen über die Geschäftsgeheimnisse der Verlage "miteinander austauschen". "FAZ"-Pfeifer hingegen: "Die sind kraft Funktion doch im Zusammenhang zu sehen."
Eine Schlüsselrolle spielte das Mißtrauen gegen die Banker beim "Stern" als die Redakteure im Mai 1983 gegen die Berufung einer neuen Chefredaktion aufbegehrten. Nach dem Debakel um die falschen Hitler-Tagebücher war im kleinsten Kreis, von Aufsichtsrat Ehret sowie den Miteigentümern Gerd Bucerius und John Jahr, der konservative "Capital"-Herausgeber Johannes Gross nominiert worden, ein guter Bekannter des Deutschbankiers Wilfried Guth.
Die Herren schoben ihren Kandidaten nach vorn, nachdem die Verlagsführungen von Bertelsmann und Gruner + Jahr sich bereits auf den ZDF-Korrespondenten Peter Scholl-Latour verständigt hatten. Die "Stern"-Belegschaft rebellierte gegen den "Putsch von oben", die Gross-Berufung wurde verhindert.
Kritiker meinen, die Bankpräsenz sei der Unabhängigkeit von Presseverlagen abträglich, weil die Banker gerade in Schlüsselsituationen Tendenzeinflüsse erfolgreich geltend machen könnten - wenn ihnen nicht starke, eigenständige Eigentümer widerstehen, wie jüngst bei Bertelsmann. Dort hatte Christians vorgeschlagen, statt der Genußscheine regelrechte Bertelsmann-Aktien an die Börse zu bringen, die auch ein Stimmrecht begründen.
Mohn aber witterte sofort eine unerwünschte Öffnung des Medienhauses für "Außeneinflüsse", sperrte sich entschieden und bestand darauf, nur die stimmrechtslosen Belegschaftspapiere (derzeitiges Gesamtvolumen: 330 Millionen Mark) für die Börse freizugeben.
"Wir möchten hier auf diesem Weg keinen Einfluß auf das Verlagshaus entstehen lassen", bestätigt Bertelsmann-Vorstandsmitglied Hermann Hoffmann, deshalb sei eine Aktienlösung "nicht so optimal". Die Bankiers akzeptierten
schließlich den beharrlichen Widerstand des Bertelsmann-Inhabers. Burgard schloß sich, nach Art seines Hauses, dem einstimmigen Aufsichtsratsvotum an. Nur, sagen Insider: "Was geschieht, wenn ein Eigentümer geschwächt ist oder schwache Nachfolger hat?"
Was sich mit einer Aktienlösung alles erreichen läßt, führte Christians als Pate der Börseneinführung bei Springer vor. 49 Prozent der vinkulierten Anteile, deren An- und Verkauf jeweils vom Unternehmensvorstand genehmigt sein muß, wurden ganz nach dem Wunsch des Verlegers einem erlesenen Kreis konservativer Käufer zugeteilt, allein zehn Prozent dem Münchner Filmkaufmann Leo Kirch.
Im Aufsichtsrat nahmen neben Christians verläßliche Partner von Otto-Versand, Pharma-Schering und Daimler-Benz Platz. Dort halten sie nun, nach Springers Tod im September, den beiden Verlegern im Gremium, den Brüdern Frieder und Hubert Burda (24,9 Prozent), den Rücken frei.
Auf diese Weise hat die Deutsche Bank schließlich doch noch das Bundeskartellamt ausgetrickst, das den bestimmenden Einfluß der Burdas bei Springer verhindern wollte. Am Veto der Wettbewerbshüter schien die Verflechtung fast schon gescheitert, jedenfalls war sie auf eine reine Burda-Kapitalbeteiligung bei Springer geschrumpft.
Den versierten Bankern aber gelang es, den rechten Medienverbund zu stabilisieren, was selbst bei der konservativen "FAZ das "Unbehagen noch verfestigt hat. Geschäftsführer Pfeifer: "Jede Machtzusammenballung, ob durch Kapitalverflechtungen oder durch Personen ist schädlich für den Zeitungsmarkt und seine konstituierende Bedeutung für die freiheitliche Verfassung."
[Grafiktext]
PRESSEAUFSEHER DER DEUTSCHEN BANK AXEL SPRINGER VERLAG AG AUFSICHTSRAT Friedrich Wilhelm Christians Vorstandssprecher der Deutschen Bank BERTELSMANN AG AUFSICHTSRAT Horst Burgard (Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender) Vorstandsmitglied der Deutschen Bank GRUNER + JAHR AG & CO AUFSICHTSRAT Robert Ehret Ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Aufsichtsratsmitglied der Deutschen sank "ZEIT"-STIFTUNG KURATORIUM Friedrich Wilhelm Christians Vorstandssprecher der Deutschen Bank
[GrafiktextEnde]
In der 1984 eröffneten Springer-Zeitungsdruckerei in Ahrensburg bei Hamburg. Bertelsmann AG ist Mehrheitsaktionär bei Gruner + Jahr mit 74,9 %

DER SPIEGEL 11/1986
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