10.03.1986

ZEITGESCHICHTESchieber am Schornstein

Schon vor einem halben Jahrhundert wollte Konrad Adenauer die Großstädte entgiften. Doch seine Patentlösung wurde abgelehnt, weil „die Wirtschaftlichkeit nicht erwiesen“ sei. *
Wann immer einst graugelber Smog über London waberte, schnellten in der Stadt die Totenzahlen hoch - Schwache und Kranke, Alte und Säuglinge wurden Opfer der dicken Luft.
Als jedoch in den sechziger Jahren die bis dahin üblichen offenen Kamine durch umweltfreundliche Heizungen ersetzt wurden, blieb der Smog plötzlich aus- und mit ihm die sogenannte Übersterblichkeit. "Seither", sagt der Saarbrücker Arbeits- und Sozialmediziner Hermann Beckenkamp, "ist am Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung, Krankheit und Tod prinzipiell nicht mehr zu zweifeln."
Was vom Himmel hoch an Schwefeldioxid, Stickoxiden und Stäuben herniederkommt, greift "das Epithel der Atemwege an", wie der Darmstädter Kliniker Ulrich Wemmer weiß, "das Bronchialsekret staut sich, die Durchblutung der Schleimhäute ist vermindert. Und kaum mehr Zweifel weckt mittlerweile die These, daß auch das sogenannte Krupp-Syndrom häufig umweltbedingt ist.
Das "Deutsche Ärzteblatt" berichtete kürzlich über neueste US-Studien, denen zufolge der Würgehusten Kleinkinder in Belastungsgebieten "eineinhalb bis dreimal" so häufig befällt wie in Regionen mit niedrigen Schadstoffkonzentrationen - laut Ärzteblatt ein "Beleg für den
Zusammenhang zwischen Krupp-Syndrom und Luftverunreinigungen. Der Kieler Toxikologe Professor Otmar Wassermann fürchtet sogar, eine "chronische Belastung des Menschen durch schleimhautreizende Luftschadstoffe" bereite "die Ausgangsbasis für die Entwicklung eines Lungenkrebses".
Die politische Konsequenz liegt auf der Hand: Die "Fernhaltung der Abgase aus der Luft" müßte "ein mit allen Mitteln zu erstrebendes Ziel" sein.
Diese Forderung ist, anders als die Befunde der Mediziner, fünfzig Jahre alt: Formuliert hat sie damals, in einem Vier-Seiten-Papier, niemand anders als der spätere Kanzler Konrad Adenauer.
Nachdem er 1933 von den Nazis aus seinen politischen Ämtern - Oberbürgermeister in Köln und Präsident des Preußischen Staatsrates - gejagt worden war, widmete sich Adenauer, wie erst jetzt ausgewertete Dokumente belegen, dem Umweltschutz, der damals noch nicht so hieß.
Am 29. Oktober 1936 meldete der Tüftler beim Berliner Reichspatentamt eine Erfindung mit dem Titel an: "Verfahren und Einrichtung zur Verhütung der Verunreinigung der Luft durch die Abgase, den Ruß usw. der Feuerstellen." Adenauer zahlte 25 Reichsmark an Gebühren, der Vorgang bekam das Aktenzeichen: A 80913 V/24 i.
Die heute verblüffend aktuell anmutende Problematik war schon damals nicht mehr neu. Bereits gegen Ende des letzten Jahrhunderts hatten Wissenschaftler entdeckt, wer schuld war am Waldsterben etwa im Harzer Revier: "schweflige Säure" aus Hütten-Schloten.
In jenen Jahren befaßten sich Wissenschaftler, wie Zeitgenossen berichten, "unausgesetzt mit der Frage, wie sich Abgase entschwefeln lassen, diskutiert wurde etwa die "Bindung der schwefligen Säure durch Kalk". Denn, wohl wahr: "Nicht nur die Gegenwart hat ein Recht, die Beseitigung des Schadens zu erstreben, sondern vielleicht noch in höherem Maße die Zukunft.
Frühzeitig bereits warnten Experten auch vor Gebäudeschäden durch Schwefelgase. Dem Kunsthistoriker und Konservator Paul Clemen kamen die "ersten zerstörten Fialen" des Kölner Doms vor wie die "Armstummeln von Leprakranken". Und er nannte auch die Ursache beim Namen: Rauchgase aus einem "unübersehbaren Heer von Schornsteinen", die "mit der sich niederschlagenden schwefeligen Säure" auf den Dom wie ein "zerstörendes Gift" wirkten.
Als Adenauer knapp zehn Jahre später mit der theoretischen Aufarbeitung seiner Erfindung begann und Fachliteratur suchte, nannte ihm der Dresdner Hygieneprofessor Karl Süpfle diverse Untersuchungen zum Thema "Einwirkung der Heizgase auf die Großstadtluft": "Aufsätze sind in den allerverschiedensten Zeitschriften veröffentlicht worden", meldete Süpfle, sogar ein Spezialblatt gebe es, Titel: "Rauch und Staub". Süpfle war Fachmann. Im Jahre 1911 hatte er in der "Klinisch-therapeutischen Wochenschrift" einen einschlägigen Aufsatz ("Die Rauchplage") veröffentlicht und festgestellt, "Rauch und Ruß" könnten "die Widerstandsfähigkeit der Lungen herabsetzen, so daß eine Prädisposition für akute Lungenkrankheiten entsteht und den Verlauf der Tuberkulose beschleunigt".
Adenauer selber hatte nach überstandener Tuberkulose immer wieder Schwierigkeiten mit den Bronchien. Und dem Tüftler, der bereits so unterschiedliche Dinge wie einen Wurstersatz aus Sojamehl, ein innenbeleuchtetes Stopfei und einen Gießkannenkopf mit verschieden einstellbarem Wasserstrahl entwickelt hatte, war klar, worauf es bei seinem Umweltprojekt ankommen mußte - nämlich zu verhindern, daß die Schadstoffe aufsteigen und die Atemluft verderben.
Adenauer wußte, wie eine von ihm verfaßte Notiz ausweist, daß schon mehrfach der Vorschlag gemacht worden war, "die Abgase durch ein Rohrnetz zentral abzusaugen". Aber: _____" In die Wirklichkeit übertragen worden ist der Gedanke " _____" der zentralen Absaugung unter Schaffung eines Rohrnetzes " _____" in nennenswertem Umfange nicht. Die Kosten erschienen " _____" insbesondere durch das Anlegen eines Rohrnetzes zu hoch. " _____" Auch wollte man den Straßenkörper nicht noch mit der " _____" Anlage eines weiteren Rohrnetzes von nicht unerheblichen " _____" Dimensionen belasten. "
Auf eine Lösung aber war vor Adenauer noch niemand gekommen: die gefährlichen _(Kraftwerk Oberspree (1929). )
Gase einfach in die bereits vorhandene Kanalisation zu leiten.
Adenauer hatte in einer Berliner Doktorarbeit ("Über die Reinhaltung der Stadtkanäle") gelesen, das unterirdische Abwassersystem sei "im allgemeinen so dimensioniert", daß es nur "zur Hälfte gefüllt" werde - Platz war also genügend da.
"Bei vorhandenen Häusern", formulierte Adenauer in seinem Schreiben an das Reichspatentamt, "werden die Schornsteine oben geschlossen, unten werden sie an die Abwässerkanalisation angeschlossen." Bei Neubauten sei es "nicht mehr nötig, Schornsteine über Dach hochzuführen", weil die "Feuerstellen durch Rohren" direkt mit der Abwässerkanalisation verbunden werden".
"Für den Notfall", argumentierte er weiter, könnten Schornsteine und Kanalanschlüsse mit Schiebern versehen werden, um kurzerhand den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen - etwa dann, wenn die Kanäle nach starken Regenfällen randvoll sind.
Verhindert werden müsse allerdings eine zu starke Aufheizung der Abwässer. Adenauer hatte eine "mittlere Abgastemperatur von 150 Grad Celsius" vorausgesetzt. Die Gase ließen sich jedoch mit einfachsten Mitteln abkühlen: "Man kann in das Verbindungsstück zwischen Schornstein und Kanal durch dort anzubringende Öffnungen Luft von normaler Temperatur einströmen lassen." Oder, schlauer noch: "Man kann das Verbindungsstück aus einem Material und in einer solchen Form herstellen, daß eine erhebliche Abgabe von Wärme an die das Verbindungsstück umgebende Luft stattfindet.
Die Abgase "industrieller Feuerungen" wollte Adenauer vorerst in seiner Patentanmeldung nicht berücksichtigen. Es stehe freilich "nichts im Wege", bemerkte er, "auch sie anzuschließen". Am Ende des Kanals, außerhalb der dichtbesiedelten Großstädte, sollte ein leistungsstarker Ventilator, angetrieben von mehr als 2000 Pferdestärken, die Abgase absaugen und gegebenenfalls einer Rauchgasreinigungsanlage zuführen.
Ein Sachverständiger aus Hamborn vom Reichspatentamt befragt, lobte in seiner Expertise den Adenauer-Vorschlag: "Der Gedanke, das Kanalisationsnetz für die Absaugung der Rauchgase zu verwenden, ist an sich gut". Immerhin würde sich ein Versuch lohnen." Nur die Frage, "wie die Rauchgase bei vollgefüllten Kanälen einen sicheren Abzug durch die alte Kaminanordnung" erhalten könnten, schien dem Fachmann nicht gelöst.
Die Berliner Behörde indes maß der Erfindung zwar "einen theoretischen, aber keinen praktischen Wert" zu, weil "die Wirtschaftlichkeit nicht erwiesen" sei. Ein Spezialist rechnete nach, daß technische und personelle Investitionen in einer 100000-Einwohner-Stadt pro Kopf "jährlich RM 5,00 besondere Kosten" verursachen würden - viel zuviel: "In einer vierköpfigen Familie können hierfür etwa 15 Zentner Kohlen beschafft, werden."
Außerdem sei das System zu unsicher: "Wenn der Saugzug ausfällt, monierte das Amt, "so besteht die
Gefahr, daß die Abgase durch die vorhandenen Kaminfeuerungen in die Wohnungen austreten", zum Teil explosiv. Adenauer hielt dem entgegen: "Die Temperatur ist nicht so hoch", daß Explosionen "zu befürchten wären.
Während der Hamborner Gutachter meinte, die Erfindung "würde sich am besten eignen für Kurorte, Villenstädte und Siedlungen, wo besonderer Wert auf eine Reinhaltung der Luft gelegt wird", wollte das Reichspatentamt einen gesundheitlichen Effekt nicht gelten lassen. "Statistisch sei ''festgestellt'', teilte die Behörde mit, "daß in Großstädten, wo angeblich schlechte Luft herrscht, weniger Lungenkranke vorhanden sind als auf dem Lande mit einer ozonreichen Luft". Eine Quelle für diese Erkenntnis gab der Schreiber nicht an.
Am 23. Juni 1937 wies das Reichspatentamt Adenauers Anmeldung zurück. Auch die Londoner Patenthüter, denen er die Erfindung angeboten hatte, zeigten kein Interesse.
Daß die Berliner Ablehnung neben sachlichen auch politische Gründe hatte, ist denkbar: Adenauer war im Hitler-Deutschland ein vielgehaßter Mann. Nachdem Adenauer Beschwerde eingelegt hatte, lehnte es das Amt im Januar 1938 zum zweitenmal ab, der Erfindung ein Patent zu erteilen.
Wieder wurde der Antragsteller auf den Weg des Einspruchs ("20 RM Beschwerdegebühr") hingewiesen. Doch Adenauer verzichtete.
Kraftwerk Oberspree (1929).

DER SPIEGEL 11/1986
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