10.03.1986

KRIMINALITÄTWut im Bauch

Ein von Bonn unterstützter Verein bewahrt jugendliche Straftäter vor Verurteilung. *
Der siebzehnjährige Jürgen, Lehrling in einer Autowerkstatt, hatte aus einer Garage im württembergischen Bad Urach einen vollen Benzinkanister geklaut. Der Eigentümer notierte das Kennzeichen am Mofa des Diebs und zeigte den Täter an.
Der fünfzehnjährige Realschüler Walter wollte im Gedränge des Reutlinger Wochenmarkts einer alten Frau die Handtasche entreißen. Er wurde nach kurzer Verfolgung erwischt.
Beide Burschen kamen, obwohl vom Staatsanwalt angeklagt, nicht vor Gericht. Das verdanken sie einem einmaligen Modell: dem von Bonn geförderten "Projekt Handschlag", an dem sich Juristen, Sozialarbeiter, Wissenschaftler und Pädagogen beteiligen.
Die Gruppe arbeitet seit April letzten Jahres im Bezirk des Amtsgerichts Reutlingen-Urach; Ziel der rund hundert Mitglieder des gemeinnützigen Trägervereins "Hilfe zur Selbsthilfe": Ausgleich zwischen Täter und Opfer.
Die Organisation, gegründet von Karola Bloch, der Witwe des Philosophen Bloch, nutzt den Ermessensspielraum der Justiz: Nach den Paragraphen 45 und 47 des Jugendgerichtsgesetzes kann unter bestimmten Bedingungen von der Strafverfolgung junger Täter abgesehen oder, wenn schon Anklage erhoben ist, das Verfahren eingestellt werden. Statt Bußen werden, wenn Richter und Staatsanwalt den Ausgleich gebilligt haben und Täter wie Opfer einverstanden sind, Auflagen verfügt. Voraussetzung: Der Jugendliche muß einsichtig und geständig sein.
Gibt die Justiz einen Fall für das "Projekt Handschlag" frei, bemühen sich der Sozialarbeiter Gerd Delattre, 33, und die Soziologin Anne Kuhn, 31, um Vermittlung. Das Handschlag-Paar, dessen Gehalt zu 85 Prozent vom Bundesfamilienministerium bezahlt wird, ermuntert die Jugendlichen zu einem klaren Tatbekenntnis, auch die Eltern werden verständigt.
Dann treffen die Täter in einer Reutlinger Teestube mit den Opfern zusammen. "Die Geschädigten", so Delattre, kommen oft mit "Angst oder Wut im Bauch", straffällig gewordene Jugendliche "mit Scham oder Reue".
Das Sühne-Modell funktioniert. Mehr als dreißig "Handschlag"-Fälle wurden erfolgreich abgeschlossen. Delattre: "Mit einer Ausnahme waren alle Opfer zu einem Gespräch bereit, und unsere Ausgleichsvorschläge wurden immer angenommen."
Mit einem "bißchen Arbeit in der Stadtgärtnerei" (Delattre) kommen die Jugendlichen in der Regel nicht davon. Der Geschädigte soll direkten Nutzen, die Sühne Sinn für den Täter haben.
So müssen die Jugendlichen Sachschäden selber begleichen. Das Geld können sie beim Trägerverein des Projekts, etwa beim Bau eines Jugendhauses, verdienen - Stundenlohn: sieben Mark.
Oder sie werden, wie ein sechzehnjähriger Arbeitsloser, direkt zu ihrem Opfer geschickt. Der junge Mann durfte in einer Kneipe, in der er Mobiliar und Geschirr demoliert hatte, als Gläserspüler und Hilfskellner den fälligen Schadenersatz abarbeiten. Gutes Ende: Inzwischen _(Im Gespräch mit Täter und Opfer. )
arbeitet er dort gegen regulären Lohn.
Happy-End auch in einem anderen Fall. Ein Siebzehnjähriger hatte ein gleichaltriges Mädchen mehrmals von hinten angegrapscht, wollte sie an den Busen fassen und fragte dabei: "Hast du Lust zum Bumsen?" Die Eltern zeigten den jungen Mann wegen sexueller Belästigung an. Er mußte, so die Auflage der Projekt-Betreuer, auf eigene Kosten einen Kurs über "Recht im Alltag" an der Volkshochschule besuchen. Dem Mädchen imponierte die tätige Reue Täter und Opfer trafen sich. Delattre: "Jetzt gehen sie sogar miteinander."
Andere straffällige Jugendliche werden oft zu häuslicher Dienstleistung bei ihren Opfern eingesetzt. Putz- oder Gartenarbeit, eine Einladung auf Kosten des Täters, ein sinnvolles Geschenk, eine ehrliche Entschuldigung - "das alles", so Soziologin Anne Kuhn, "ist besser als ein Arrest-Wochenende". Und die Opfer profitieren auch davon.
Das Sühne Modell, das den Jugendlichen Vorstrafen erspart, gibt keinen Freibrief: Ausgenommen vom Täter-Opfer-Ausgleich sind Delikte, bei denen das Opfer eine juristische Person ist, etwa bei Ladendiebstahl in Kaufhäusern oder Sachbeschädigung an öffentlichem Eigentum. Auch bei Straftaten wie Drogenhandel, Vergewaltigung. Totschlag, Unfallflucht oder vorsätzlicher schwerer Körperverletzung kann das "Projekt Handschlag" nicht helfen.
Doch Richter und Staatsanwälte überlassen der Initiative, die sich derzeit um weitere elf Jugendliche kümmert, Fälle von leichter Körperverletzung, Diebstahl, Betrug, Sachbeschädigung, Beleidigung, Hausfriedensbruch und Urkundenfälschung. Der Chef der Staatsanwaltschaft Tübingen-Reutlingen, Siegfried Herrmann: "Wir wollen möglichst flexibel sein, wenn wir dadurch weitere Straffälligkeit und mögliche Kriminalisierung verhindern können."
Inzwischen findet das "Projekt Handschlag" Echo: Juristen und Vereine in anderen Städten, wie etwa in München, wollen das Modell übernehmen - auch ohne staatlichen Zuschuß.
Im Gespräch mit Täter und Opfer.

DER SPIEGEL 11/1986
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KRIMINALITÄT:
Wut im Bauch