10.03.1986

KURIERDIENSTETonnen von Schecks

Die internationalen Kurierdienste, die eilige Sendungen blitzschnell an jeden Ort der Welt schaffen, machen glänzende Geschäfte. *
Tennisstar Boris Becker hatte zum Australian-Open-Turnier nach Melbourne die falschen Tennisschuhe mitgenommen. Kein Problem: Beckers Reisebüro rief die Mannheimer Niederlassung des internationalen Kurierdienstes DHL an. Kurz darauf holten die DHL-Leute die richtigen Schuhe in Leimen ab und händigten sie 36 Stunden später in Melbourne an Becker aus.
Wegen einer technischen Panne hatte eine Brauerei in Guayaquil, Ecuador, einen Totalausfall; das nötige Ersatzteil konnte nur eine Maschinenfabrik in Freising liefern. Kein Problem: Um 14 Uhr wurde das Teil von der Firma World Courier abgeholt. Am nächsten Tag um 11.30 Uhr war es in Guayaquil.
Für den Vertragsabschluß zwischen einer deutschen und einer amerikanischen Bank wurden in New York wichtige Unterlagen benötigt. Abends um 18.00 Uhr holte ein Kurier die Schriftstücke in einem Hochhaus der Frankfurter City ab. Am nächsten Morgen um 9.00 Uhr waren sie in Manhattan. Der Vertrag konnte unterzeichnet werden.
Fälle wie diese sind für die internationalen Kurierdienste nichts Besonderes.
Sie sind darauf spezialisiert, eilige Sendungen wie Vertragspapiere, Ersatzteile oder Warenproben so schnell wie möglich an jeden Ort der Welt zu schaffen.
So verspricht zum Beispiel die Firma World Courier, daß sie Dokumente, die bis 18.00 Uhr abends in ihren Händen sind, noch vor Geschäftsbeginn am nächsten Morgen in London, Paris oder New York ausliefert. Marktführer DHL garantiert, daß Sendungen in Europas Hauptstädte oder nach Nordamerika meistens am nächsten Vormittag, spätestens aber nach zwei Tagen beim Empfänger eintreffen.
Nur Post für exotische Länder dauert etwas länger. Wer etwas nach Mauritius, auf die Kapverdischen Inseln oder nach China schicken will, muß bei DHL eine Laufzeit von drei, vier oder fünf Tagen einkalkulieren. Singapur und Hongkong dagegen erreicht DHL in zwei Tagen.
Die Kurierdienste sind so fix, weil sie sich ein eigenes Transportnetz aufgebaut haben. Sie setzen je nach Bedarf Motorräder, Pkws oder Charterflugzeuge ein und lassen Bordkuriere auf Linien- sowie Frachtmaschinen mitfliegen.
World Courier etwa, der als der teuerste und feinste Dienst gilt, läßt an fünf Tagen in der Woche einen Kurier an Bord der Lufthansa-Frachtmaschine Frankfurt-New York mitfliegen. Der Mann achtet darauf, daß die World-Courier-Sendungen vor allen anderen ausgeladen und abgefertigt werden.
Frachtsendungen, die nicht von einem Bordkurier begleitet werden, beschleunigt der Dienst auf andere Weise. Er hat mit den Fluggesellschaften vereinbart, daß seine gelben Plastiksäcke stets in jene Fracht-Compartments verladen werden, die nach der Landung als erste geöffnet und entladen werden.
Die meisten Sendungen werden allerdings nicht als Fracht, sondern als Passagiergepäck befördert. Ein Kurier wuchtet die Säcke mit eiligen Dokumenten am Abfertigungsschalter auf die Waage und deklariert sie als Begleitgepäck. Nach der Landung kommen die Gepäckstücke dann erheblich schneller durch den Zoll als die übliche Luftfracht.
Auf Strecken, auf denen die Flugverbindungen schlecht sind, setzen die Kurierdienste eigene Flugzeuge ein. DHL etwa, der mit 730 Stationen und 15000 Mitarbeitern größte Kurierdienst der Welt, verfügt in Europa über 16 eigene Maschinen der Typen Beechcraft und Cessna. Die Flugzeuge verbinden das DHL-Umschlagzentrum in Brüssel mit nahezu sämtlichen europäischen Hauptstädten und gewährleisten so den "Overnight-Service" von DHL.
Der DHL-Dienst wurde 1969 in San Francisco von den drei Jurastudenten Dalsey, Hillblom und Lind gegründet, um Geschäftspapiere von Kalifornien nach Hawaii zu bringen. Das Unternehmen
verschickte 1985 allein von der Bundesrepublik aus mehr als eine Million Sendungen.
Zur Klientel der Kurierdienste zählen so gut wie alle Unternehmen, die blitzschnell etwas von einem Land zum anderen schaffen müssen. An der Spitze stehen exportorientierte Handelshäuser, Maschinenbau-Unternehmen, Konstruktionsbüros. Computerfirmen und Versicherungen. Als, die besten Kunden gelten die Banken, die es stets besonders eilig haben. Sie sind vor allem am schnellen Transfer von Schecks interessiert. Die müssen nach wie vor im Land ihrer Herkunft eingelöst werden. Jeder Tag, der dabei gewonnen wird, ist für den Empfänger bares Geld.
So läßt zum Beispiel die Dresdner Bank zweimal am Tag von DHL Schecks, die US-Bürger in Europa ausgestellt haben, zur Einlösung nach New York fliegen. Um ja keine Zeit zu verlieren, wird die in blaue Beutel verpackte Bankfracht vom Kennedy-Flughafen aus per Hubschrauber ins Bankenviertel an der Wall Street geflogen.
Vor allem im Sommer hat der DHL-Bankenservice Konjunktur. Dann nämlich arbeitet DHL hauptsächlich für italienische und spanische Banken. Pro Tag, so DHL-Manager Luke Weihs, befördere der Dienst Tonnen von Eurocheques nach Frankfurt, die deutsche Touristen an der Adria oder auf Mallorca ausgestellt haben.
Für die Banken lohnt sich das. Sie zahlen für ein Kilo Schecks, das DHL von Frankfurt nach New York transportiert, 157 Mark. Der Zinsgewinn liegt in der Regel weit darüber.
Auch die Kurierdienste machen ein gutes Geschäft. Die in der Bundesrepublik etablierten Unternehmen wie DHL. World Courier, TNT Skypak oder XP Express Parcel Systems verzeichneten in den vergangenen Jahren zweistellige Zuwachsraten.
Das rasche Wachstum, an dem in erster Linie die Deutschland-Filialen der internationalen Dienste teilhaben, lockt ständig neue Anbieter. Vor allem die heimischen Transporteure wollen in der profitablen Sparte mitmischen. So gründete die Spedition Haniel den Air Haniel Express Service. Danzas richtete den Dienst Eurapid ein, und die Bundesbahn-Tochter Schenker bietet seit Herbst 1984 ihren Dienst Euro Speed an. Sogar die Deutsche Bundespost stieg mit Datapost in die schnelle Truppe ein.
Vor den elektronischen Kommunikationsmitteln haben die Manager der internationalen Kurierdienste keine Angst. Sie halten es zwar für möglich, daß der Dokumentenversand in einzelnen Fällen durch die Telekommunikation ersetzt wird. Insgesamt jedoch werde der Bedarf an schnellen Direkttransporten noch weiter wachsen. "Wir haben", vermutet DHL-Mann Weihs, "bis heute noch nicht einmal die Hälfte des Marktes erschlossen."

DER SPIEGEL 11/1986
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KURIERDIENSTE:
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