30.12.1985

FRAUENAuf Extratouren

In mehreren Städten soll ein neues Verkehrsmittel Frauen vor Vergewaltigung schützen: das Nacht-Sammeltaxi. *
Auf den Theaterbesuch in Freiburg hatte sich die Schülerin Anna Huber _(Name von der Redaktion geändert. )
aus Emmendingen schon lange gefreut. Doch nach der Vorstellung kam es zum Streit. Ihr Freund fuhr allein mit dem Auto nach Hause. Weil der letzte Bus schon weg war, blieb der 18jährigen nichts übrig, als zu trampen.
Anna mußte nicht lange warten. Schon bald hielt am Stadtrand ein junger Mann. Doch anstatt das junge Mädchen nach Hause zu bringen, lenkte der Fremde seinen Wagen in ein Waldstück, wo er mit vorgehaltenem Messer die Schülerin zum Oralverkehr zwang.
Die Vergewaltigung der Theaterbesucherin aus Emmendingen war alles andere als ein Einzelfall. Fast täglich, schätzt die örtliche "Notrufgruppe für vergewaltigte Frauen", werde in Freiburg eine Frau sexuell belästigt oder mißbraucht. Vor allem junge Mädchen, die wegen der schlechten Verkehrsbedingungen in Freiburgs Umgebung nach dem Kneipen- oder Disco-Besuch heimtrampen, fallen Gewaltverbrechern in die Hände.
Viele Frauen, etwa die Freiburger Rechtsanwältin Maria Viethen, ziehen es
daher vor, nach Einbruch der Dunkelheit zu Haus zu bleiben - eine Selbstbeschränkung, die bald überflüssig ist, wenn es nach den Vertreterinnen der Grünen und der SPD im Gemeinderat ginge: Um ihre Geschlechtsgenossinnen vor Anmache und Vergewaltigung zu schützen, fordern die Kommunalpolitikerinnen einen speziellen Taxi-Service für Frauen.
Die Damen-Droschken sollen in den Abend- und Nachtstunden zum Billigtarif von Haustür zu Haustür fahren und Frauen so zu neuer Beweglichkeit verhelfen. Die Differenz zum regulären Fahrpreis soll die Stadtkasse übernehmen.
Nicht nur in Freiburg, auch in vielen anderen Städten und Gemeinden der Bundesrepublik, so in Mainz, Frankfurt, Göppingen, Reutlingen oder Nürnberg, verlangen Frauen-Funktionärinnen neuerdings mehr Sicherheit vor nächtlichen Übergriffen. Vor allem Kommunalpolitikerinnen der Grünen und der SPD vereinzelt aber auch, wie in Ulm oder im schwäbischen Göppingen, CDU-Politikerinnen nerven ihre männlichen Kollegen und die Stadtverwaltungen mit Forderungen nach einem sogenannten Anruf-Sammeltaxi.
In rund einem Dutzend Städten der Bundesrepublik, unter anderem in Fulda, in Neuwied oder in Vellmar bei Kassel, gibt es solche Spezialtransportmittel bereits. In Hameln verkehren ab 20 Uhr zu festgelegten Abfahrtszeiten Personenwagen, die einen oder mehrere Passagiere für 2,50 bis sechs Mark bis vor die Haustür fahren. In Frankfurt können Bus- und Bahnbenutzer ein Taxi an die Endhaltestelle ordern.
Nach Ansicht der Frauentaxi-Verfechterinnen aber haben alle bisherigen Modelle einen gravierenden Nachteil: mitfahren dürfen auch Männer. Allein deren "physische Präsenz", meint die Freiburger Frauenbeauftragte Ursula Knöpfle, nehme mancher Frau die Lust am Einsteigen.
Außerdem dienen die Sammel-Droschken in vielen Städten als Ersatz für unrentable Buslinien, verkehren also nur zu bestimmten Zeiten und von festen Sammelpunkten oder Einstiegszonen aus. Gerade das Warten an den oftmals abgelegenen Haltestellen, argumentieren die Kritikerinnen, sei gefährlich.
Vorstöße der Frauenschützerinnen für einen exklusiven Damen-Taxidienst von Haus zu Haus jedoch scheitern in aller Regel an geballtem männlichem Widerstand. Erst kürzlich lehnte der Nürnberger Stadtrat einen Antrag der Grünen auf ein Frauen-Nachttaxi ab. Finanzexperten der CSU und der SPD hatten behauptet, solche Extra-Touren seien unbezahlbar.
Auch in Reutlingen blitzten Vertreterinnen der Grünen und einer Frauenliste mit ihrem Wunsch nach mehr Sicherheit ab. Nicht einmal ein Kompromißvorschlag der parteilosen Frauen, auch Manner sollten mitgenommen werden fand Zustimmung. "Da werden Millionen für neue Parkhäuser ausgegeben", ereifert sich die Reutlinger Stadträtin Susanne Hubberten, "und für so was ist kein Geld da."
Erfolg hatten die Frauentaxi-Verfechterinnen bislang nur in zwei Studentenstädten: in Gießen wo SPD und Grüne gemeinsam die meisten Stimmen haben, und in Tübingen, wo die Grünen als stärkste Fraktion zusammen mit den Sozialdemokraten, der DKP und einer Freien Liste über eine sichere Mehrheit im Stadtparlament verfügen. Außerdem fand die Taxi-Forderung in diesen beiden Städten, anders als anderswo, auch den Beifall von Männern. "Es gibt bei uns Gebiete", räumt der Gießener SPD-Fraktionsvorsitzende Burkhard Schirmer ein, "die sind bei Nacht von Frauen tatsächlich nicht mehr zu begehen."
Vom nächsten Frühjahr an, so hat die rot-grüne Mehrheit entschieden, wird daher in Gießen das erste echte Frauentaxi der Bundesrepublik verkehren. Die Miet-Droschke soll von sieben Uhr abends bis zum frühen Morgen unterwegs sein und pro Fahrt nur zwei Mark kosten. Männliche Passagiere sind nur in Ausnahmefällen zugelassen - wenn sie das 14. Lebensjahr nicht überschritten haben.
Daß der neue Frauen-Service womöglich gegen geltende Personen-Beförderungsbestimmungen verstößt, stört die Gießener Ratsherren und -damen offenbar wenig. Nach der Rechtsprechung dürfen Fahrgäste nur dann vom Transport ausgeschlossen werden, wenn sie an ansteckenden Krankheiten leiden, betrunken sind oder Schußwaffen tragen - nicht aber, wenn sie das falsche Geschlecht haben.
Auch in Tübingen hatte sich die rotgrüne Mehrheit im Gemeinderat vergangenen Sommer schon auf die Einführung eines Frauentaxis geeinigt. Doch unglückliche Zufälle und Verfahrenstricks der etablierten Parteien verwandelten die Damen-Droschke im letzten Moment doch noch in einen Zwitter: Im sogenannten Nacht-SAM, einem "Sammel-Anruf-Mietfahrzeug", dürfen nun seit dem 1. September auch Männer mitfahren.
Trotzdem erfüllt das Gefährt eine wichtige Forderung der Frauentaxi-Bewegung, den Haus-zu-Haus-Transport. Wer außerhalb der Tübinger Innenstadt wohnt, kann sich ab neun Uhr abends jeweils 15 Minuten vor und nach jeder vollen Stunde einen Wagen der Firma "minicar" vor die Wohnung bestellen. Steuert er eine Wohnung oder ein Lokal innerhalb der verwinkelten Tübinger Altstadt an, wird er an einer von vier zentralen Haltestellen abgesetzt, sonst direkt vor dem Fahrziel.
Zu jeder halben und vollen Stunde starten die SAM-Cars außerdem an einem der gut ausgeleuchteten und belebten Sammelpunkte in der Altstadt, um Nachtschwärmer zum nächsten Sammelpunkt in der Innenstadt oder nach Hause zu fahren. Auf Wunsch bringt der Fahrer weibliche Gäste sogar bis zur Schwelle. "Manche trauen sich nicht zu fragen", erzählt SAM-Chauffeur Axel Orlamünder, "deshalb biete ich es jeder
beim Aussteigen an. Trotz der individuellen Betreuung kostet die Fahrt im Tübinger Nachttaxi nur 2,60 Mark. Besitzer einer Monatskarte zahlen lediglich eine Mark. Den Rest, im Schnitt 3,70 Mark pro Fahrgast, schießt die Stadt zu.
Kein Wunder, daß sich das billige und komfortable Transportmittel in kürzester Zeit zum Nahverkehrsrenner entwickelt hat. Stiegen im September erst 1100 vorwiegend weibliche Passagiere zu, waren es im Dezember über 4000 Fahrgäste, darunter zunehmend Männer. "Wenn Großveranstaltungen sind", weiß Nahverkehrsreferent Helmut Schwanke, "rast neuerdings schon kurz vor Schluß alles zum Telephon, um einen Wagen abzubekommen."
Auch Schichtarbeiter haben das neuartige Gefährt für sich entdeckt. Da das Nacht-SAM, ein Novum in der Bundesrepublik, bis sechs Uhr morgens unterwegs ist, schlafen clevere Frühaufsteher neuerdings eine halbe Stunde länger und lassen sich per Taxi zu den ersten Vorortzügen Richtung Stuttgart an den Bahnhof bringen.
Unzufrieden sind nur die Erfinderinnen des neuen Nahverkehrsmittels, die Mitglieder der Tübinger Frauentaxi-Initiative. "Mit unserer Forderung", stellten die Feministinnen in einem Flugblatt klar, "hat das SAM nichts zu tun". Noch vor der Jungfernfahrt trugen die enttäuschten Frauen ihre Idee daher symbolisch zu Grabe, mit einem Trauerzug durch die Tübinger Innenstadt, untermalt von den Klängen der alternativen Blasmusikkapelle "Trotzblech".
Die Initiatorinnen lehnen das Zwitter-SAM nicht nur aus ideologischen Bedenken ab. Auf Grund des gemischten Verkehrs, argumentiert die SAM-Gegnerin Susanne Maurer, werde miesen Männern das Geschäft noch erleichtert: "Wer eine Frau anmachen will", meint die Tübinger Feministin, "setzt sich einfach ins Sammeltaxi. Dann weiß er, wo die Frau wohnt, und kann gleich mit ihr aussteigen."
Gemäßigte Nachttaxi-Anhängerinnen wie die Reutlinger Stadträtin Susanne Hubberten werfen den orthodoxen Verfechterinnen dagegen Egoismus und unsoziales Verhalten vor. Umfragen in der Reutlinger Innenstadt und in anderen Städten haben nämlich ergeben, daß nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch ältere Männer Angst vor Überfällen haben; daher soll auch ihnen das Nacht-SAM zur Verfügung stehen.
"Ein junges Mädchen", unterstützt der Wuppertaler Nahverkehrsexperte Joachim Fiedler diesen Vorschlag, "kann bei einem Überfall eher noch wegrennen, der alte Mann nicht."
SAM-Gegnerin Susanne Maurer hält solche Vorschläge freilich schlichtweg für naiv. "Männer", belehrt die Feministin ihre Geschlechtsgenossinnen, "sind doch nicht automatisch harmlos, nur weil sie alt sind."
Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 1/1986
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