30.12.1985

RECHTSRADIKALETürken fertigmachen

Zum zweitenmal binnen fünf Monaten haben ausländerfeindliche Skinheads in Hamburg einen Türken erschlagen. *
In der Gaststätte "Landwehr" im Hamburger Stadtteil Hohenfelde appellierte der Wirt an seine Gäste: "Also, Leute, wenn ihr friedlich bleibt, kommen wir gut miteinander aus."
Den Anlaß für die kleine Ansprache drei Tage vor Heiligabend, hatten die Zecher zuvor selbst geliefert. Mit Bierflaschen und einem Barhocker hatten sie drei Türken aus der Kneipe geprügelt, der Wirt fürchtete offenbar um sein Mobiliar.
Doch die Standpauke hielt nicht lange vor. Drei Stunden später schnappen sich die "Landwehr"-Gäste drei andere Türken, die in der Nähe auf einen Bus warten. Als die Ausländer vor den Angreifern flüchten, fliegen ihnen Bierflaschen hinterher, ein Schuß fällt. Dann geben die Verfolger scheinbar auf.
Doch an der nächsten Haltestelle, zu der das Trio gelaufen ist, tauchen die Schläger wieder auf, diesmal mit einem VW Golf und bewaffnet mit Ketten Baseball-Schlägern, Axtstielen und Knüppeln. Zwei Türken erreichen gerade noch den Bus. Den dritten, den arbeitslosen Bauarbeiter Ramazan Avci 26, fahren die "Landwehr"-Leute über den Haufen.
Dann steigen sie aus und schlagen ihr Opfer bis zur Bewußtlosigkeit. Heiligabend erliegt der Türke auf der Intensivstation des Hamburger Krankenhauses St. Georg seinen Verletzungen. Die Verfolger hatten ihm außer Beinen, Becken und Rippen auch den Schädel eingeschlagen.
Nur wenige Minuten nach dem Überfall nahmen Hamburger Polizisten drei Verdächtige in Gewahrsam. Sie alle waren, so Innensenator Rolf Lange, "der Polizei bekannt und konnten deshalb auch so schnell festgenommen werden".
Die Tatverdächtigen gehören zu einer gesellschaftlichen Randgruppe, die schon durch ihr Äußeres in den Zentren westdeutscher Großstädte auffällt. Ihre Mitglieder tragen umgekrempelte Jeans, Knobelbecher der Marke "Dr. Martens" sowie graugrüne Bomberjacken und haben kahlgeschorene Köpfe - Skinheads.
Rund 2000 gibt es bundesweit, in Hamburg 150. Und Ramazan Avci war schon der zweite Türke, den Skinheads innerhalb von fünf Monaten in der Hansestadt umgebracht haben.
Im Juli hatten drei Skins einen 29jährigen Bauarbeiter erst zusammengeschlagen und in ein Gebüsch gezerrt. Einer der Täter zerschmetterte dem Türken mit einer zentnerschweren Betonplatte den Schädel. "Wir wollten", gab ein Beteiligter hinterher zu Protokoll, "den Türken fertigmachen."
Nun geht bei den Türken die Angst um. "Unsere Landsleute", gibt der türkische Generalkonsul Mehmet Nuri Ezen die Stimmung nach den beiden Morden wieder, "fühlen sich unsicher in Hamburg." Sie müßten "jeden Tag in Bussen, S-Bahnen oder auf der Straße" damit rechnen, "daß auch ihnen etwas passiert".
Zwar versuchten Hamburger Politiker sogleich, die Tat als unpolitisch darzustellen. Innensenator Lange (SPD) erklärte, der Mord an Avci sei "ein Einzelfall". Oppositionsführer Hartmut Perschau (CDU) mochte "nicht an eine gezielte Aktion gegen einen Ausländer" glauben: "Aus Aggressionen entstandene Aktionen", versuchte sich der Parlamentarier als Kriminologe, forderten "eher zufällige Opfer".
Türken, die in Hamburg wohnen, haben andere Erfahrungen gemacht. Der Schüler Asir Öker und seine Freunde beispielsweise kennen die Mordverdächtigen schon seit Jahren - "weil jeder von uns schon mit Autos von denen überfallen wurde".
Türken, erzählt Öker, hätten gegen einen der Täter schon mehr als 30 Anzeigen erstattet, unter anderem wegen Körperverletzung und Vergewaltigung. Einmal seien Skins "mit Baseball-Schlägern und allen möglichen Waffen" sogar in Ökers Schule gekommen. Der Türke habe sich gerade noch ins Lehrerzimmer flüchten können.
Öker: "Bei uns wird fast jedes Wochenende ein Türke zusammengeschlagen. Die fahren mit dem Auto rum, Nummernschild weiß die Polizei, jeder von uns kennt die Autos. Dann wird angehalten, auf einen los, zusammengeprügelt und weggefahren. Und Anzeige wird gemacht, aber es kommt nichts dabei raus."
In Stadtteilen wie Bergedorf und Billstedt traue sich an Wochenenden "kein Türke mehr abends ab acht Uhr auf die Straße". Hamburger Skins betrieben eine regelrechte Türken-Jagd, "mit dem Auto, im Bus und in der U-Bahn".
Die Türken-Verfolgung ist keine Hamburger Besonderheit. Skinheads, die Ausländer anpöbeln und zusammenschlagen, gibt es in vielen westdeutschen Städten. Und so glimpflich, wie im Fall des Schriftstellers Günter Wallraff, der in der Rolle des Türken Ali bei einem Fußballspiel beschimpft und angespuckt wurde, geht es nicht immer ab.
In Reutlingen schlug ein Skin einen Italiener ohne Grund zusammen ("Du Kanake hast hier gar nichts zu sagen, du bist hier in Deutschland") und ließ ihn schwerverletzt vor einer Kneipe liegen. In Köln stach ein Unbekannter einer 22jährigen Türkin ein Messer in den
Unterleib. In Stuttgart schlugen vier Kahlköpfe zwei Jugoslawen krankenhausreif, die sie für Türken gehalten hatten; bei der Vernehmung nannten sie ihre Tat "Sachbeschädigung".
Was, genau, dahintersteckt, wenn Skinheads hinlangen, darüber sind sich Politiker, Polizisten und Verfassungsschützer uneins. Wissenschaftliche Untersuchungen über Herkunft und Motive dieser Randgruppe, die Ende der sechziger Jahre zuerst in englischen Arbeitervierteln Krawall machte, gibt es bislang nicht.
Allenfalls aus der Selbstdarstellung der Glatzköpfe läßt sich herleiten, daß Skin-Sein so etwas wie eine Weltanschauung ist: Skins halten mehr auf "Ordnung" und "Sauberkeit" als die Punks, mit denen sie sich oft und gerne herumschlagen. Sie singen bei Fußballspielen die erste Strophe des Deutschlandlieds, grüßen mit "Sieg Heil". Sie tönen "Deutschland den Deutschen" und "Ausländer raus".
Randale und Alkohol gehören zum Alltagsprogramm, beliebtestes Getränk ist der "Skinhead-Mix", eine Flasche Bier, gemischt mit einer Flasche Rum. Jede zweite Skinhead-Straftat, das ergab eine Fallauswertung der Frankfurter Kriminalpolizei, ist mit Gewalt verbunden.
Lust am Provozieren und dumpfer Fremdenhaß, die für Unterschicht-Jugendliche typischen Aggressionen und No-future-Bewußtsein - das alles ergibt offenbar eine Mischung, die Skins anfällig macht für Annäherungsversuche von Neonazis.
Der niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff (CDU) beispielsweise weiß, daß "viele 'Skinheads' in ihrer geistigen Grundhaltung tendenziell Berührungspunkte zu neonazistischem Gedankengut aufzeigen". Deshalb beteiligten sich solche Jugendliche "auf der Suche nach 'Randale'" auch an Neonazi-Veranstaltungen, "bei denen eine Konfrontation zu erwarten ist".
Beispiel Nordrhein-Westfalen: Verfassungsschützer beobachteten "enge Kontakte" von Skins zur "Aktionsfront Nationaler Aktivisten" (ANS) ebenso wie eine gemeinsame Geburtstagsfeier für den in Spandau inhaftierten, ehemaligen Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess mit der rechtsextremistischen "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei". Skins prügelten auf Demonstranten ein, die gegen eine NPD-Veranstaltung protestierten. Von den Nationaldemokraten ließen sie sich gelegentlich als Saalschutztruppe engagieren.
Daß Gewalttaten von Skins wie der Überfall auf Ramazan Avci in Hamburg Ausfluß einer politischen Grundstimmung sein könnten, davon allerdings wollte vergangene Woche kaum ein Kommentator etwas wissen. Ex-Kanzlersprecher Peter Boenisch verbreitete in "Bild", der "stumpfsinnige Terror" sei auf "unser Erziehungssystem" zurückzuführen. Auch der Chef der Staatsschutzabteilung der Berliner Polizei, Manfred Ganschow, mochte die Skins "nicht als politische Gruppierung mit politischen Zielen einordnen".
Die einzigen, die nun den Überfall mit Ausländerfeindlichkeit in Verbindung brachten, waren Hamburger Sozialdemokraten und Grüne.
Der Fremdenhaß, erklärte Innensenator Lange, gehöre "zum Programm der Skinheads", die er als "allgemein rechtsradikal" einordnet; einige seien "Neonazis".
Hamburgs Grün-Alternative Liste warnte, wer den "Terror" der Skinheads zur "Spinnerei fehlgeleiteter Jugendlicher" umdefiniere, trage zur "Verharmlosung" bei.

DER SPIEGEL 1/1986
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