10.03.1986

SCHWEDENUnschuld verloren

Zahlreiche Pannen behinderten die Fahndung nach dem Palme-Mörder. *
Vergeblich mühte sich die Polizei, aus dem Tatort wieder ein gewöhnliches Stuck Stockholm zu machen. Anfang vergangener Woche entfernte sie die Absperrgitter von jener Stelle, an der Olof Palme hinterrücks erschossen worden war, und räumte den dicken Blumenteppich ab.
Doch immer noch pilgern die Schweden zu der Kreuzung Sveavägen und Tunnelgatan, um ihren toten Ministerpräsidenten mit stillem Gedenken und einem Blumengruß zu ehren. Vor einem Bild Palmes hielten Vertreter der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften Ehrenwache mit der Fahne in der Hand.
Gleich nach der Nachricht von dem Attentat hatten sich die Schweden überall zu spontanen Trauerkundgebungen versammelt. Die Bewohner ganzer Dörfer zogen im Schein lodernder Fackeln durch die kalte Winternacht hinauf auf einen Hügel, zu einem Denkmal, zum "Haus des Volkes oder zur Kirche.
Staatstrauer brauchte nicht verordnet zu werden. "Ohne Ansehen von Person und Partei", so die Regierung, übten die Schweden bereits "Volkstrauer".
In den Demonstrationen spiegelte sich nicht nur die Betroffenheit der Schweden über den Tod des Menschen Olof Palme, sondern auch der Schock über das Verbrechen an ihrem Staat. "Schweden hat seine Unschuld verloren", kommentierte das Fernsehen.
Bis zum Anschlag auf Palme wähnten sich die Schweden in einer Art von politischem Paradies, in dem Gewalt und Irrationalität keinen Platz hatten. Das letzte Attentat auf einen Staatsvertreter liegt 200 Jahre zurück: 1792 wurde König Gustav III. auf einem Maskenball in der Oper erschossen.
Das "Volksheim" des von den Sozialdemokraten errichteten und von Palme weiterentwickelten Wohlfahrtsstaates sollte auch die Ärmsten und Schwächsten in Geborgenheit und frei von Not leben lassen. Soziale Erschütterungen und Unruhen blieben der schwedischen Gesellschaft erspart.
Für Bewunderer und Anhänger symbolisierte Palme das im einstigen Armenhaus Europas gezimmerte schwedische Modell. Für seine Gegner verkörperte er in gleicher Weise all das, was sie daran verabscheuen: die von öffentlichen Einrichtungen
praktizierte und verwaltete Anteilnahme am Wohl des einzelnen, die sie als Entmündigung und Bevormundung des Bürgers ablehnen.
Zwar gab es politisch motivierten Terror auch in Schweden - aber er wurde von Ausländern gegen Ausländer geübt. So besetzte ein Kommando westdeutscher Terroristen 1975 die Botschaft der Bundesrepublik und ermordete zwei Bonner Diplomaten. Vier Jahre zuvor hatten Exilkroaten in Stockholm kaltblütig den jugoslawischen Botschafter hingerichtet.
Schwedens Regierende taten jedoch so, als könnten sie weitgehend auf den Einsatz von Leibwächtern verzichten. Gewiß wurde auch Palme von Beamten der Sicherheitspolizei bewacht, wenn er morgens zu Fuß in den Regierungssitz Rosenbad oder ins Parlament eilte. Doch blieben die Wächter 20 bis 30
Meter hinter ihm zurück: Der Ministerpräsident mochte keinen Bürger abschrecken, der ihn auf der Straße ansprechen wollte.
Nach Feierabend verzichtete er am liebsten auf jeden Schutz. Er pochte auf sein Bürgerrecht, ein freies und unbeobachtetes Privatleben zu führen. Für Palme war dies das Gütesiegel für eine "offene Gesellschaft und Demokratie".
Sein Nachfolger, der 51jährige Ingvar Carlsson, der zur Zeit schwer bewacht wird, hofft, schon bald wieder ohne Leibwächter in die Stadt oder auf den Fußballplatz gehen zu können, weil er, wie er sagt, "geschlossene Türen zwischen Politikern und Bürgern" ablehne.
Keinen empörte es daher, daß Palme nach dem Kinobesuch seinem Mörder wehrlos und ungeschützt in die Arme lief. Um so heftiger ist jedoch die Entrüstung über das offensichtliche Ungeschick der Polizei nach der Tat.
Das sozialdemokratische "Aftonbladet" kritisierte: "Hinweise ... wurden nicht beachtet oder zumindest nicht mit dem notwendigen Ernst behandelt." Augenzeugen, die noch in der Mordnacht ihre Beobachtungen melden wollten, wurden von der Polizei abgewimmelt: "Wir haben jetzt keine Zeit."
Ein Taxifahrer, der den mutmaßlichen Mörder beim Einsteigen in das Fluchtauto beobachtet haben will und den die Fahndungsleitung hernach als einen der wichtigsten Zeugen einstufte, meldete sich dreimal vergeblich bei der Polizei, bevor er endlich befragt wurde.
Schon Absperrung und Untersuchung des Tatortes wurden dilettantisch vorgenommen. Nicht die Polizei fand die beiden Geschosse, die Palme getötet und seine Frau Lisbet verletzt hatten, sondern Passanten. Der erste Streifenwagen war zwar schon drei Minuten nach den Schüssen zur Stelle, ein Polizist verpaßte den fliehenden Täter nur um Sekunden. Doch eine systematische Fahndung setzte erst nach Stunden ein.
Bis drei Uhr morgens - da lag die Tat schon dreieinhalb Stunden zurück - wurden Streifen noch zu insgesamt 37 Bagatelleinsätzen losgeschickt, etwa zur Schlichtung von Schlägereien oder zur Festnahme von Betrunkenen. Ein hoher Polizeibeamter: "Die Aktion wurde tölpelhaft geführt. Die ganze Innenstadt hätte sofort abgesperrt werden müssen."
Fünf Tage nach dem Mord hatte die Polizei weder Palmes Nachbarn noch das Personal von Gaststätten, Würstchenbuden und bis spät in die Nacht geöffneten Lebensmittelläden rund um den Tatort befragt.
In keinem Land Europas werden die Einwohner in so vielen Computern, Registern und Dateien erfaßt wie in Schweden, für Forschungszwecke ebenso wie zur Kontrolle durch die Steuerbehörden. Doch bei der Suche nach Anhaltspunkten für die Herkunft der Tatwaffe war die Kripo auf Handarbeit angewiesen. Die Namen der in Stockholm registrierten 40000 Besitzer von Schußwaffen waren auf simplen Karteikarten eingetragen.
Für die Anfertigung eines Fahndungsbildes, das aus den Beobachtungen und Skizzen einer Porträtmalerin zusammengefügt wurde, mußten Gerät und Experten des Wiesbadener Bundeskriminalamtes eingeflogen werden. Fünf Tage nach der Tat, am Donnerstag vergangener Woche, war die Phantomzeichnung endlich fertig.
Das Porträt nährte die bei vielen Schweden ohnehin vorhandene Vermutung, daß Attentäter und Motive im Ausland zu suchen seien, möglicherweise in der bundesdeutschen Terrorszene oder bei einer in Schweden aktiven Gruppe türkischer Kurden, die zwei ihrer Mitglieder als angebliche Verräter getötet hatten. Die Mörder sitzen in Schweden ein, acht weitere Kurden dürfen ihre schwedischen Wohnsitzgemeinden nicht verlassen. Bekenneranrufe verschiedener Gruppen, darunter ein angebliches Kommando Holger Meins, tat die Polizei als unecht ab.
Bei dem Gedanken, daß ein Ausländer die Tat begangen haben könnte, ist den Verantwortlichen des Landes nicht wohl. Einem führenden Sozialdemokraten lief es gar "kalt über den Rücken". Denn schon jetzt manifestiert sich eine wachsende Feindseligkeit gegen die etwa, 800000 Einwanderer, die seit dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurden. Die Parole B.S.S. (Bevara Sverige Svensk - Haltet Schweden schwedisch) wird immer öfter in den Städten auf Mauern und Zäune gepinselt.
Ein hoher schwedischer Beamter: "Am besten wäre es wohl, wenn es ein verrückter Schwede getan hätte."

DER SPIEGEL 11/1986
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