10.03.1986

PHILIPPINENSteine in den Windeln

Aquino-Regierung und US-Behörden suchen nach den versteckten Milliarden des geflohenen Diktators. *
Die 89 Filipinos, die vorletzten Mittwoch auf dem Luftwaffenstützpunkt von Oahu (Hawaii) aus dem C-141-Transportflugzeug kletterten, machten einen erschöpften Eindruck. Ihre Kleidung war ausgebeult und zerknittert. Die Pappkartons und Plastiktüten die sie mit sich schleppten, rundeten das Bild von einem Flüchtlingstreck.
Der von Ausländern wegen seiner Unnachsichtigkeit gefürchtete US-Zoll sorgte dafür, daß Ex-Diktator Ferdinand Marcos samt Familie und Getreuen unbeanstandet passieren konnte. Auf den Zollerklärungen hatten alle Mitglieder der Reisegruppe versichert, nicht mehr als die nach US-Gesetz zulässigen 5000 Dollar Bargeld bei sich zu haben. Die zügige Abfertigung erklärte die US-Regierung später als "Akt der Höflichkeit".
Doch den Beamten wurde rasch klar, daß sie eine Binde von Schmugglern ins Land gelassen hatten. Im Handgepäck der Exilanten befanden sich Bargeld und Aktien, Bankauszüge von Nummernkonten und Goldbarren. In einem Karton mit "Pampers"-Wegwerfwindeln, den eine der Marcos-Töchter dabei hatte, waren die schönsten Edelsteine aus der Schmucksammlung der philippinischen Ex-First-Lady Imelda versteckt.
Einen Tag später brachte ein zweiter C-141-"Starlifter" (Ladefähigkeit: 40 Tonnen) den Rest des Umzugsgutes. US-Soldaten hatten die Güter verladen, ohne dem philippinischen Zoll Einblick zu gewähren. "Es war gegen Ende einer Situation, die sich sehr schnell entwickelte", lautete letzte Woche die Entschuldigung aus dem Washingtoner Außenministerium für das Versäumnis.
Dafür guckte der US-Zoll auf Hawaii diesmal um so genauer hin. Die Beamten fanden 22 Kisten, randvoll gefüllt mit druckfrischen philippinischen Banknoten im Wert von 26 Millionen Pesos (umgerechnet fast drei Millionen Mark). Die gesamte Ladung nahm der Zoll daraufhin unter Verschluß.
Daß Marcos, so ein hoher Beamter des US-Außenministeriums, "bei seiner Flucht eine Menge mitnimmt", war absehbar, doch nicht, daß es auf so plumpe Art geschehen würde. Aufgescheucht durch die Veröffentlichung über die Reisemitbringsel verwies die Reagan-Regierung darauf, dem Ex-Diktator "sichere Passage ins Asyl" (Flugkosten: 80000 Dollar) garantiert zu haben. "aber nicht Immunität": Marcos soll sich jetzt wegen Verstoßes gegen die Zollbestimmungen verantworten.
Dabei hätte der entmachtete Diktator auf die paar Millionen im Fluchtgepäck wahrlich verzichten können. Wie "mittelalterliche Raubritter", so ein Banker in Manila, hatten die Marcos-Familie und deren engste Vertraute sich zu Lasten des philippinischen Volkes persönlich bereichert und ein Milliardenvermögen ins Ausland geschleust.
Jovito Salonga hat als Vorsitzender der von Corazon Aquino eingesetzten "Kommission für eine gute Regierungsführung" den Auftrag erhalten, "den versteckten Reichtum" der Exilanten ausfindig zu machen und möglichst wiederzubeschaffen. Nach einer überschlägigen Sichtung der Unterlagen, die Marcos bei seiner Flucht zurücklassen mußte, bezifferte Salonga Anfang letzter Woche den Gesamtwert des illegalen Marcos-Vermögens auf "irgendwo zwischen fünf und zehn Milliarden Dollar".
Mindestens zwei bis drei Milliarden dürften sich nach Schätzungen des amerikanischen Geheimdienstes getarnt im Ausland befinden, weltweit angelegt in Immobilien und Aktien, Kunstschätzen, Bergwerken oder deponiert bei Banken auf den Bahamas und in Brasilien.
Mit dem offiziellen Präsidenten-Jahresgehalt von 5700 Dollar konnten Ferdinand und Imelda Marcos die Reichtümer schwerlich ansammeln. Die beiden hatten "entweder einen sehr guten Finanzberater", oder sie haben sich "die Millionen mit unlauteren Mitteln beschafft", sagt Stephen Solarz, demokratischer Abgeordneter im US-Kongreß.
Solarz ist Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses, der seit Herbst vergangenen Jahres das der Marcos-Familie zugeschriebene Vermögen in den USA zu erfassen sucht. Die Prüfungen konzentrierten sich vor allem auf Immobilien _(Oben: Shopping-Center, Bürogebäude ) _(in Manhattan; unten: Villa auf Long ) _(Island. )
im Großraum New York, darunter drei Bürogebäude in bester New Yorker Lage, ein neungeschossiges Shopping-Center in Manhattan sowie die Villa "Lindenmere" auf Long Island.
Als die Immobilien 1982 den Besitzer wechselten, verwendeten die Käufer viel Mühe darauf, die Eigentumsverhältnisse und die Geldgeber zu verschleiern. Die Unterlagen weisen obskure Holdinggesellschaften aus, die in karibischen Steuerparadiesen residieren. Aber an deren Spitze stehen jeweils Vertraute oder Verwandte des Ex-Präsidentenpaares.
Verwaltet werden die Gebäude von den auf den Philippinen aufgewachsenen Gebrüdern Ralph und Joseph Bernstein, denen die Makler- und Managementgesellschaft New York Land gehört.
Die Brüder bewiesen keine sehr glückliche Hand. Zwar ließen sie die Häuser mit großem Aufwand renovieren - das Crown Building an der Fifth Avenue etwa bekam für 15 Millionen Dollar ein goldenes Dach - doch Gewinn erzielten sie bislang nicht.
Profit aber war das vordringliche Unternehmensziel" vorgegeben von Imelda Marcos persönlich. Vor dem Solarz-Ausschuß berichtete Grundstücksmakler Victor Politis, die ehemalige First Lady der Philippinen habe ihm offenbart, sie wolle "bis 1987 aus den New Yorker Immobilien 70 Millionen Dollar ziehen".
Als Imelda Marcos ihre ertragsschwachen New Yorker Besitzungen jetzt losschlagen wollte, waren die Bernstein-Brüder wieder zur Stelle. Ende letzten Monats erklärten sie, die drei Gebäude für 250 Millionen Dollar, 100 Millionen unter dem Marktwert, gekauft zu haben.
Womöglich zu spät - auf Antrag der neuen Regierung in Manila verfügte ein New Yorker Richter, daß sämtliche Sachwerte, als deren Eigentümer die Marcos-Familie gelten könne, einschließlich der Immobilien in Manhattan vorerst nicht veräußert werden dürfen.
Derlei Widrigkeiten scheint die "Frau mit dem ausgeprägten Immobilienkomplex, so Schatzsucher Salonga über Imelda Marcos" vorausgeahnt zu haben. Offenbar versuchte sie in aller Eile, wenigstens einen Teil ihrer beweglichen Habe vor dem Zugriff der neuen Regierung in Manila in Sicherheit zu bringen. Als deren Beauftragte in die New Yorker Residenz der Marcos-Familie eindrangen, fanden sie zwar Ming-Vasen, goldene Badezimmerarmaturen und wertvolle Perserteppiche. Die Schmucckästen aber waren leer und die Wände kahl. Aus den hinterlassenen Schildern ging nur hervor, was dort gehangen hatte: Werke von Picasso, van Gogh und Breughel dem Jüngeren.
In der ausgespiegelten Disco unter dem Dach war ein Talisman der Hausherren zurückgeblieben: ein Kuschelkissen mit dem Sinnspruch "I Love Champagne, Caviar and Cash."
Oben: Shopping-Center, Bürogebäude in Manhattan; unten: Villa auf Long Island.

DER SPIEGEL 11/1986
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