10.03.1986

ÖSTERREICHMann ohne Eigenschaften

Enthüllungen über seine Nazi-Vergangenheit machen dem früheren Uno-Generalsekretär und jetzigen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim zu schaffen. *
Wie eine "Inszenierung am Burgtheater" werde die Kampagne ablaufen. So wurde es dem Chefredakteur des österreichischen Nachrichtenmagazins "Profil", Helmut Voska, im vergangenen Oktober von Informanten vertraulich zugetragen.
Akt für Akt werde die Vergangenheit des ehemaligen Uno-Generalsekretärs Kurt Waldheim, jetzt Kandidat der Konservativen für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten, ins Scheinwerferlicht gerückt. Und auf jedes Dementi werde eine neue Enthüllung in einer internationalen Zeitung folgen.
Der letzte Akt, eine "Reinwaschung" im Sommer 1986, werde für den Kandidaten zu spät kommen - er hätte dann bereits die Wahl und sein Ansehen gänzlich verloren.
"Profil", darauf aus, die Verleumdung vorzeitig zu enttarnen oder, "wenn an den Vorwürfen etwas dran ist, die Geschichte selbst zu schreiben" (Voska) begann zu recherchieren.
Gerüchte, Waldheim sei Nazi oder gar SS-Mitglied gewesen, waren zwar bei fast jedem Karriereschritt des gelernten Juristen und späteren Diplomaten aufgetaucht, wurden aber bislang nie genau überprüft. Waldheim überstand als Uno-Generalsekretär auch Nachforschungen von Amerikas CIA.
Ein Hinweis aus einem österreichischen Ministerium brachte die "Profil"-Journalisten in den letzten Wochen auf die Spur alter Wehrstammbücher aus der Zeit des Dritten Reiches. Statt die Dokumente wie vorgesehen Anfang des Jahres nach 40jähriger Sperre der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, übersandte das Kriegsarchiv in Wien sie dem Staatsarchiv - das sie im Tresor unter Verschluß hielt.
Offensichtlich ohne die Brisanz der verborgenen Akten zu ahnen, genehmigte Waldheim dem Magazin auf Anfrage den Einblick. Der Journalist _(Mit einem italienischen und zwei ) _(deutschen Offizieren in Podgorica. ) _(Rechts: SS-General Artur Phleps. )
Hubertus Czernin wurde fündig: In einer beigehefteten "Wehrstammkarte"wurde der 1918 in der Nähe von Wien geborene Waldheim seit 1938 als Mitglied der SA und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes geführt. Bis dahin hatten der Lehrersohn und seine Familie nur als Anhänger des autoritären christlich-sozialen Schuschnigg-Regimes gegolten.
Waldheim dementierte sofort. "Ich habe keiner der Organisationen angehört", die Eintragungen konnte er sich nur damit erklären, daß er "während der Studienzeit vereinzelt an Reitsportveranstaltungen der Konsularakademie in Wien teilgenommen" habe. Es sei nicht auszuschließen, daß Reiterkameraden bei der SA gewesen seien und er versehentlich auch dazugezählt worden sei. Waldheims Wahlkampfbüro streute, die Daten seien gefälscht.
Doch bei seinem Entnazifizierungsverfahren hatte Waldheim den Gerichtsbehörden am 23. Januar 1946 zu Protokoll gegeben: "Für Aufnahme in den Gerichtsdienst erforderlich, daher als ehemaliger österreichischer Kavallerist zur SA-Reiterstandarte gekommen."
Vergangenen Dienstag begann der zweite Akt. Die "New York Times" beschäftigte sich mit Waldheims Wehrmachtszeit. Schlagzeile auf der Titelseite: "Akten beweisen - Kurt Waldheim diente unter einem Kriegsverbrecher".
Waldheim war von März 1942 bis fast zum Kriegsende dem Luftwaffengeneral Alexander Löhr als "Ordonnanz- und Dolmetschoffizier" zugeteilt. Löhr, ab 1943 Oberbefehlshaber auf dem Balkan, wurde 1947 wegen Kriegsverbrechen von den Jugoslawen hingerichtet.
Waldheim hatte zunächst dem Armeeoberkommando 12 (später Heeresgruppe E) als Italienisch-Dolmetscher in Jugoslawien und Albanien gedient. Zu dieser Zeit, schrieb die "New York Times", hätten auf Löhrs Befehl deutsche und italienische Einheiten "Dörfer vernichtet, in denen Titos Partisanen vermutet wurden".
Im Juli 1942 dekorierte der Nazi-Marionettenstaat Kroatien Waldheim mit dem Kronorden des Königs Zvonimir. Zwischen März und Mai 1943 befand sich Waldheim zumindest zeitweise in Saloniki - als von dort 43850 Juden nach Auschwitz deportiert wurden.
Die Argumente, mit denen sich Waldheim zu verteidigen suchte, klangen beängstigend vertraut: "Es ist wirklich das erste Mal, daß ich davon höre, daß solche Dinge passiert sind. Ich habe nie etwas davon gehört oder erfahren, als ich dort war."
Das mag nicht einmal Nazijäger Simon Wiesenthal, der Waldheim anfangs in Schutz nahm, gelten lassen. "Ein Drittel der Einwohner von Saloniki waren vor dem Krieg Juden." Wenn man sie verschleppt habe, müsse das einem intelligenten Menschen wohl aufgefallen sein.
Mitte Mai 1943 begann das "Unternehmen Schwarz", ein brutaler Vergeltungsschlag von Wehrmacht, Waffen-SS und Verbündeten gegen Partisanen in Montenegro. Ein Photo zeigt Waldheim zwischen einem italienischen Kommandeur und Waffen-SS-General Artur Phleps am 22. Mai auf dem Rollfeld von Podgorica, dem heutigen Titograd. In einem Nazi-Geschichtsbuch, das die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgsdivision bejubelt ("Vorwärts Prinz Eugen"), wird beschrieben, daß es "auf dem Flugplatz" zu einer heftigen "Auseinandersetzung" um die "Gesamtleitung des Unternehmens" gekommen ist.
Und da soll Dolmetscher Waldheim nicht gewußt haben, wie Partisanen bekämpft wurden?
Waldheim will immer nur "Routinegespräche" übersetzt und ansonsten lediglich "technische Arbeiten" verrichtet haben. Dazu zählt Waldheim aber offenbar auch, was er dem Wiener "Kurier" anvertraute: Er habe für den Stab feindliche Truppenbewegungen analysiert.
Seine Glaubwürdigkeit kann Waldheim jedenfalls nicht mit seiner Autobiographie "Im Glaspalast der Weltpolitik" untermauern. Ausführlich beschreibt er darin seine Kriegserlebnisse bis 1941. etwa: "Als ich aus der Narkose erwachte, sagte der Arzt zu mir in unverkennbarem Wiener Dialekt: "Burscherl, noch einen Tag und dein Fuß wäre weggewesen." Doch an die Jahre danach auf dem Balkan mochte er sich in dem Buch nicht erinnern.
Vielmehr müssen auch sorgfältige Leser den Eindruck gewinnen, er sei nach seiner Verwundung im Rußlandfeldzug bis 1944 nicht mehr im Krieg gewesen, sondern habe in Ruhe seine Dissertation über "Die Reichsidee bei Konstantin Frantz" geschrieben.
In einem SPIEGEL-Gespräch als Uno-Generalsekretär bestätigte Waldheim 1972: "Schon 1941 wurde ich verwundet und war fortan nicht mehr kriegsdienstverwendungsfähig." In der ganzen Welt glaubte man dem Diplomaten, dem "Mann ohne Eigenschaften", als den ihn nicht nur die Londoner "Sunday Times" beschrieb. Um so schwerer war jetzt der Schock.
Für den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, ist Waldheims Verhalten "eine der größten Enttäuschungen unserer Zeit". Es sei "unvorstellbar", daß Waldheim 1972 Uno-Generalsekretär geworden wäre, hätte man damals diese Tatsachen schon gekannt.
Dabei hat bisher niemand behauptet, geschweige denn bewiesen, daß Waldheim selbst an Greueltaten beteiligt gewesen sei. Der Präsidentschaftskandidat sieht sich als Opfer einer "Schmutzkampagne", findet es "interessant, daß diese Meldungen aus dem Ausland kommen" und fordert: "Wer diese Verleumder sind, sollen die Österreicher selbst herausfinden."
An seinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Mai zweifelt Waldheim dennoch nicht: "Mir wird die Kampagne wahrscheinlich helfen, weil ich auf die Intelligenz und das Beurteilungsvermögen meiner Landsleute vertraue."
Sein Wahlbüro will nicht einmal die Werbesprüche ändern. Als "offen, klar, unmißverständlich" wird der Kandidat in den Zeitungen angepriesen, und auf Plakatwänden prangt der Slogan: "Ein Österreicher, dem die Welt vertraut." _(Mit seinem sozialistischen ) _(Gegenkandidaten Kurt Steyrer. )
Mit einem italienischen und zwei deutschen Offizieren in Podgorica. Rechts: SS-General Artur Phleps. Mit seinem sozialistischen Gegenkandidaten Kurt Steyrer.

DER SPIEGEL 11/1986
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