10.03.1986

SPIEGEL EssayDer Betrug an Palästina

Keine der großen Befreiungsbewegungen des nachkolonialen Zeitalters wurde so ausdauernd und schamlos betrogen wie die palästinensische. Keine arbeitete so verbissen an der eigenen Zerstörung. Keine war so wenig erfolgreich, obschon sie so reich war.
Die gutsituierten arabischen Brüder beruhigten ihr schlechtes Gewissen gegenüber Palästina mit Gaben von insgesamt wohl zwölf Milliarden Mark, eine phantastische Summe, wenn man denkt daß sie überwiegend zum Kauf von Waffen, zur politischen Propaganda und zur Vermögensanlage im Ausland verwendet wurde, während die palästinensischen Flüchtlingslager erhalten blieben.
Doch auch das Doppelte und Dreifache hätte nicht ausgereicht, die Palästinenser dem Ziel ihrer kollektiven Sehnsüchte näherzubringen, die sich selbst winzig kleine Völker erfüllen konnten: Sie möchten ihren eigenen Nationalstaat haben - aber sie werden ihn schwerlich bekommen.
Die Palästinensische Befreiungsbewegung (PLO) des Jassir Arafat berauscht sich schon längst nicht mehr an dem Hochgefühl, daß an die 100 Staaten sie als alleinige Vertretung der Palästinenser anerkannt haben. Schon lange war klar, daß eine widernatürliche Koalition sie zur Strecke bringen wurde: Von den Israelis militärisch geschlagen und in alle Winde zerstreut, von den Syrern organisatorisch zerstört von dauerndem Richtungsstreit innerlich zermürbt, die PLO ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Am 19. Februar 1986 stieß König Hussein von Jordanien, bislang letzter in der Reihe der scheinheiligen PLO-Schutzherren" sie ins rechtliche Nichts. Er forderte die Palästinenser öffentlich auf zu bedenken, ob sie die PLO noch als ihre einzige legitime Vertretung anerkennen könnten, wie der Arabergipfel zu Rabat 1974 beschlossen hatte.
Da die große Zeit der PLO so sichtbar zu Ende geht, ist zu fragen, wer schuld hat an dem Debakel. Hätte ein zündender Charismatiker wie Fidel Castro oder ein harter Revolutionär wie Ho Tschiminh oder auch nur ein standhafter Dulder wie Nelson Mandela größere Siegeschancen gehabt als der wendige Weltenwanderer Arafat?
Gewiß zählt Arafat nicht zu den anziehenden Gestalten unter den Führern der arabischen Welt. Hinter revolutionärem Gehabe versteckt er den Zauderer. Und doch konnte kein noch so inspirierter Politiker, kein noch so waghalsiger Kriegsheld hoffen, der politischen Fata Morgana Palästina je durch Kampf näherzukommen. Dazu hätte es einen Märtyrer gebraucht, wie ihn Ägypten in Anwar el-Sadat fand.
Schon die Ausgangsbedingungen waren in Palästina widriger als andernorts in der Dritten Welt: Die palästinensische Nationalbewegung mußte mit der zionistischen um dasselbe Territorium kämpfen - aber die zionistische hatte durch ihre Staatsgründung ein Fait accompli geschaffen, das nur durch einen zweiten Holocaust zu beseitigen gewesen wäre. Den konnte trotz ihres herzhaften antizionistischen Wortgetöses nicht mal die Sowjet-Union wollen.
Diese Einsichten in die Unumkehrbarkeit historischer Abläufe vermittelte den Palästinensern jedoch niemand, im Gegenteil. Fast 40 Jahre lang überboten die Mitglieder der Völkergemeinschaft einander in Lippenbekenntnissen zu einem Heimat- und Staatsgründungsrecht der Palästinenser, dessen Anerkennung eben deshalb zum Nulltarif gegeben werden konnte, weil seine Durchsetzung unmöglich war.
Ein Volk ohne Staat hat ein Recht, sich einer Utopie zu verschreiben, so wie es die europäischen Zionisten der Gründerzeit taten. Den Palästinensern ist deshalb der geringste Vorwurf zu machen, wenn sie die Bekundungen von Solidarität - in Wahrheit: von Bigotterie - als ehrlich ansahen.
Aber jene Staaten, die Jahr für Jahr in der Uno ihre feierlichen Palästina-Resolutionen faßten, die Außenminister, deutsche eingeschlossen, die ihre handsamen, wohlfeilen und nichtssagenden Rezepte zur Lösung der Palästina-Frage auf die Betroffenen herabrieseln ließen, sie hätten sich ihrer Unredlichkeit irgendwann bewußt werden können. Oder wußten sie und heuchelten?
Jedenfalls taten sie alles, den Palästinensern vorzugaukeln, daß ihr Selbstbestimmungsrecht alsbald realisierbar sei, und versüßten ihnen die Wartezeit durch Attribute einer Scheinstaatlichkeit, die den Leichnam Palästina adrett einbalsamierte: diplomatische Vertretungen der PLO, Konferenzdelegationen, Uno-Auftritte die Menge.
Aus dem Füllhorn glitzernder Gefälligkeiten quoll es in den 70er Jahren schier unerschöpflich, als die Araber ihre Ölwaffe für die palästinensische Irredenta in Stellung zu bringen schienen. Die Angst vor dem Niedergang der energiegefräßigen Industriegesellschaft trieb die wortreichen Engagements für die PLO auf die Spitze.
1980 verlangten dann schließlich auch die Außenminister der EG in ihrer Erklärung von Venedig den palästinensischen Staat - ohne freilich zu präzisieren, wo sie das Phantom zwischen den real existierenden Staaten Israel und Jordanien auf der Landkarte unterzubringen gedachten.
Aber dann zeigte sich, daß das sogenannte schwarze Gold der Opec eben doch kein Gold war, und schon kam ans Licht, wie aufrichtig der Westen seine Palästina-Schwüre gemeint hatte. Mit schwindender Abhängigkeit vom Opec-Öl wurden sie wieder flauer, wie in den guten alten Tagen vor Ausbruch der Ölangst.
Den ganz großen Betrug an den Palästinensern aber begingen die arabischen Brüder. Obwohl im Grunde nur einer von ihnen - Algerien - seine Eigenstaatlichkeit einem klassischen Befreiungskrieg verdankt, redeten sie den Palästinensern ein, daß nur die Selbstbefreiung mit der Waffe in der Hand ihrer würdig sei. Dabei hatte ein Guerillakrieg gegen Israel in dem vergleichsweise hochentwickelten, dichtbesiedelten, vegetationsarmen Land von Anfang an keine Chance. Palästina war nie Vietnam.
Wie konnten die Araber so lange verbreiten, der imaginäre Nationalstaat der Palästinenser sei durch Krieg oder Guerillakrieg zu gewinnen? Wie konnten sie so lange an dem Trug festhalten, sie wenigstens wollten diesen Staat wirklich?
Die meisten arabischen Völker genießen ihre Eigenstaatlichkeit erst seit so kurzer Zeit, daß sie mit dem Verhältnis von Staat und Nation noch nicht zu Rande kommen.
Gewiß gibt es eine arabische Nation, aber sie ist eine auf Geschichte, Sprache, Schrift und Religion gegründete Kulturnation, deren Teile längst nationalstaatliche Interessenpolitik betreiben, meist gegeneinander, weil sie Nachbarn sind, und oft durch Krieg. Wie sollten sie gelernt haben, was die Deutschen erst durch zwei verlorene Weltkriege lernten: daß Staats- und Kulturnation nicht identisch sein müssen.
Die arabischen Staaten kämpften allzeit ihre Fantasia für den palästinensischen Staat und doch hatte zu keinem Zeitpunkt irgendeiner von ihnen im Sinn, dem palästinensischen Volk bei dessen Errichtung wirklich zu helfen.
Im Krieg gegen Israel versuchten die arabischen Regierungen vielmehr, ihre eigenen Ziele durchzusetzen, die nicht illegitim waren, sondern nur egoistisch: Sie wollten ihre Gebiete wiedergewinnen, die sie durch eigenes Unvermögen an Israel verloren hatten.
Man kann den Araberstaaten diesen Lernprozeß in Realpolitik gar nicht verübeln, höchstens, daß sie ihn hinter den dichten Weihrauchschwaden ihrer Bekenntnisse zu einer nichtexistierenden panarabischen Staatsnation zu vernebeln suchten.
So mußten die Palästinenser den falschen Eindruck gewinnen, die Gesamtheit
der 150 Millionen Araber zwischen Atlantik und Tigris stehe hinter ihnen. Was konnte da schiefgehen? So fühlte sich die PLO beflügelt, sich vorweg schon etwas von dem zu nehmen, was ihr doch so vollmundig versprochen worden war: ein Stück Staatlichkeit in Eigenregie, und sei es auch bei den arabischen Brüdern.
Dadurch aber geriet die PLO zum unkontrollierbaren Störpotential in einer Staatenwelt, deren Mitglieder auch über ihre Kriege, einschließlich der mit den Juden, nach eigenem Gusto befinden wollten. Die Palästinenser wurden in gewissem Sinne nicht nur die "Juden der Israelis", sondern auch die "Juden der Araber".
1970, als die PLO Jordanien per Staatsstreich zu übernehmen versuchte kartätschten Husseins Beduinen-Soldaten sie erbarmungslos nieder und entließen die Reste als Drachensaat in den Nachbarstaat Libanon.
Dort, im Dorado der Milizen und in der Tristesse der Lager, wucherte seither ein üppiger PLO-Staat, dessen Dynamik das Seine zur Zerstörung des alten Libanon beitrug. Die libanesischen Christen rächten sich blutig, Israelis und Syrer bereinigten die Lage militärisch - natürlich auf Kosten der PLO, auch wenn beide Staaten aus den politischen Treibsänden des Libanon nicht ungeschoren wieder herausfanden.
Die moralischen Normen des Nahost-Konflikts scheinen unmenschlich und unverrückbar. Für die Israelis ist ein getöteter Jude Fortsetzung des Holocaust, ein getöteter Araber aber fast kein getöteter Mensch. Für die Araber zeugt ein von Israelis getöteter Araber für die lauthals beklagte Brutalität der Zionisten, ein von Arabern getöteter Araber aber zählt nicht. Kann für die Palästinenser etwas so deprimierend sein wie die Tatsache, daß die sogenannten arabischen Brüder bedeutend mehr Palästinenser umbrachten als der zionistische Feind?
Die beiden historischen Fehler der arabischen Staaten in der Behandlung der Palästina-Frage wiegen so schwer, daß man meinen könnte, sie seien mit Vorsatz begangen worden.
Die Araber hätten den für die Palästinenser günstigen Uno-Teilungsplan von 1948 akzeptieren müssen - dann wäre ein aus zwei getrennten Gebieten bestehendes Mini-Israel geboren worden, das großen Teilen der jüdischen Diaspora kaum als Erfüllung des zionistischen Traums erschienen wäre.
Und sie hatten auf ihre militärische Katastrophe von 1967 nicht mit den trotzigen "drei Nein" von Khartum antworten dürfen: Nein zu Verhandlungen mit Israel, Nein zum Frieden mit Israel, Nein zur Anerkennung Israels.
Die Europäer, die Deutschen zumal mit ihrer unschlagbaren Bilanz an politischer Verblendung, brauchen sich über Mangel an Araber-Augenmaß allerdings nicht zu erheben. Daß das europäischamerikanische zionistische Implantat aus dem Boden des Orients wieder entfernt werden könnte, mochte zumindest in der frühen Nachkriegszeit in den Augen von Arabern als realistisch erscheinen.
Und es war auch schwerlich abzusehen - selbst viele Israelis glaubten nicht an diese Perversion -, daß in ihrem Staatswesen mit seinem tief humanen Daseinsgrund je ein gelernter Terrorist wie Menachem Begin an die Macht kommen könnte, ein alttestamentarischer Rachegeist, der Politik eschatologisch betrieb und gierige Landnahme auf religionsgeschichtliche Rechtstitel gründete.
Er machte, daß der Faktor Zeit, bei dem die Palästinenser in all ihrem Unglück stets Trost gefunden hatten, nun zugunsten der Juden wirkte.
Durch privatrechtlichen Erwerb und Besiedlung brachten die Israelis inzwischen rund 50 Prozent des 1967 eroberten arabischen Gebietes an sich, ohne daß es einer staatsrechtlichen Annexion bedurft hätte. Der israelische Beitrag zum großen Betrug an den Palästinensern ist diese schleichende Expansion.
Die PLO hätte spätestens angesichts dieser tödlichen Gefahr die längst überfällige Wende in ihrer politischen Strategie vollziehen müssen. Sie hätte sich unzweideutig zu der nie geklärten Grundsatzfrage ihres Staatsgründungsplans wie auch des gesamten Nahost-Konflikts äußern müssen, nämlich wo genau das von ihr beanspruchte Territorium liegen soll. Sie hätte klarstellen müssen, daß sie ihr Rückkehr- und Heimatrecht nicht auf das Gebiet des von der Uno anerkannten israelischen Kernstaates von 1948 bezieht.
Nur mit dieser Garantie in Händen hätten die USA ihre Schutzbefohlenen in Jerusalem guten Gewissens zur Herausgabe zumindest des größeren Teils der besetzten Gebiete zwingen können.
Hier liegt der Betrug, den die PLO an; ihrer eigenen Sache beging. Aus Angst, dann keine Trümpfe mehr gegenüber Israel in Händen zu haben - Trümpfe die ohnehin nicht stechen konnten - blieb die PLO im Grundsatz dem Maximalismus ihrer alten Besitzansprüche treu.
Und aus berechtigter Sorge, doch nur wieder eine Provinz im Beduinenreich des Palästinenser-Killers Hussein zu wer den, verweigerte sie sich dem Jordanier, bis ihr nach dem Debakel im Libanon keine Wahl mehr blieb, als sich dem kleinen, harten König doch wieder in die Arme zu werfen.
Das arabische Lügengespinst um den Kampf für ein unabhängiges Palästina war um diese Zeit längst zerrissen Ägyptens Sadat hatte den ewigen Scheinkrieg satt und holte sich gegen Frieden mit Israel ungeniert seinen Sinai zurück.
Der vorläufige Schlußakt auf dem Weg zur Klarlegung der traurigen Wahrheit über Palästina fand acht Jahre nach Sadats Abkehr vom Betrug an den Palästinensern statt: Ende Dezember 1985 traf sich erstmals seit sieben Jahren König Hussein wieder mit seinem Todfeind, dem syrischen Staatschef Assad.
Wochenlang blieb dunkel, zu welcher Gemeinsamkeit die beiden begnadeten Spieler wohl gefunden haben mochten. Schließlich erklärte Hussein seine Zusammenarbeit mit der PLO für beendet - und der Geist nationalstaatlicher Interessenpolitik wich nun zischend aus der Flasche: Die PLO müsse die Uno-Resolution Nummer 242 akzeptieren. Sie kennt keinerlei Staatsgründungsrecht der Palästinenser, sondern erniedrigt ihre Befreiungsbewegung zur "Flüchtlingsfrage".
Arafat hatte die Kröte schlucken wollen. Zwar hatte er dem Terror (außerhalb Israels) entsagt. Doch mehr konnte er den Radikalen in der PLO nicht zumuten, wenn er sie um des Alleinvertretungsrechts der PLO willen bei der Stange halten wollte.
Wie groß die Gefahr ist, die Arafat ohnehin schon in Kauf nahm, zeigte sich 1983, als Issam el-Sartawi, Arafats Vertrauter in Paris, von PLO-Radikalen ermordet wurde. Er hatte ausgesprochen, was Arafat denkt: "Vorgestern tagten wir in Amman und predigten Unsinn. Gestern tagten wir in Beirut und verkündeten Phrasen. Heute tagen wir in Algier und belügen uns immer noch. Wenn wir so weitermachen, werden wir morgen auf den Fidschiinseln tagen."
Wie Sartawi erging es Ende Februar 1986 dem Bürgermeister von Nablus, Safir el-Masri, einem gemäßigten Palästinenser. Er wurde von der Gruppe des PLO-Unterführers Georges Habbasch ermordet. Der ist gar nicht mal der rabiateste unter den Palästinenserführern, aber schon ihm kann Arafat nicht mehr befehlen.
Auf der anderen Seite warf Hussein dem PLO-Chef vor, er habe immer nur sein Recht gewollt statt seines Landes. Auf dem Grat zwischen Habbasch und Hussein konnte nicht mal der Seiltänzer Arafat erfolgreich turnen.
Arafat hätte die Radikalen in der PLO wohl frühzeitig absprengen müssen, wie er es mit dem Irrwisch Abu Nidal tat. Er wäre vermutlich ermordet worden, wie Sadat.
Aber allein Sadat hat bislang sein Land zurückerhalten.
Von Dieter Wild

DER SPIEGEL 11/1986
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