10.03.1986

CHINASchmerzlicher Schlag

Nachdem deutsche Reaktorbauer in China nicht zum Zuge kamen, ist völlig offen, wie es mit Pekings Atomplänen weitergeht. *
Die 48 roten Aktenordner im Zimmer 2657 des Pekinger "Minzu"-Hotels haben seit vergangener Woche nur noch dokumentarischen Wert: Das Milliarden-Projekt der bundesdeutschen Kraftwerk Union (KWU), das dort auf Tausenden von Seiten in allen technischen Details beschrieben ist, haben Chinas Wirtschaftsplaner aus Kapital- und Devisenmangel überraschend gestrichen.
Bei dem bislang größten deutsch-chinesischen Atom-Projekt ging es um den schlüsselfertigen Bau zweier Kernkraftblöcke mit jeweils 1000 Megawatt. Die chinesische Absage sei "ein schmerzlicher Schlag", meint Werner Henschel, der Pekinger Repräsentant der KWU. Die Siemens-Tochter hatte bereits über zehn Millionen Mark in das Projekt investiert.
Im vergangenen Sommer waren die Außenminister Wu Xueqian und Hans-Dietrich Genscher unter den zufrieden lächelnden Blicken von Bundeskanzler Helmut Kohl und Premier Zhao Ziyang in Bonn übereingekommen, daß die Deutschen insgesamt vier Atommeiler liefern sollten. Schon vor zwei Jahren hatte die Bundesrepublik mit der Volksrepublik ein "Abkommen über Zusammenarbeit auf'' dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie - geschlossen. "Nuklearenergie ist sicher, sauber und eine fortschrittliche Energiequelle", schwärmte damals Vizepremier Li Peng.
Bis 1990 sollten drei bis vier große und mittlere Atomkraftwerke gebaut werden; bis zur Jahrhundertwende wollte Peking mit zehn Atomkraftwerken über eine Gesamtkapazität von 10000 Megawatt verfügen. Im Jahr 2000, so Schätzungen, würde Atomstrom dann etwa vier Prozent des gesamten chinesischen Elektrizitätsverbrauchs ausmachen.
Von den ehrgeizigen Planen wird nach der jüngsten Entscheidung nicht viel übrigbleiben. Vorläufig sollen nur zwei Kernkraftwerke gebaut werden.
Der Atommeiler Qinshan in der Provinz Tschekiang soll 1986 mit 300 Megawatt ans Netz gehen. Das Kraftwerk wird vor allem die 126 Kilometer nördlich gelegene 10-Millionen-Stadt Schanghai versorgen. Der Qinshan-Meiler, nach der veralteten Technik des US-Kraftwerkbauers Westinghouse konstruiert, wird als erste einheimische Entwicklung gepriesen. Weiter betrieben wird auch der Bau des Atomkraftwerks Dayabay in der Südprovinz Kuangtung, das mit einer Kapazität von 1800 Megawatt den Strom für gute Devisen ins nah gelegene Hongkong verkaufen wird.
Auch hier hatte die KWU ihr Angebot abgegeben - ohne Erfolg. Die Chinesen verhandelten mit Briten und Franzosender Vertrag ist noch nicht perfekt. Anfang März, so heißt es, soll der endgültige Zuschlag an General Electric und Framatome gehen.
Um so härter hatten die deutschen Kraftwerksbauer dann bei dem jetzt gestoppten Projekt verhandelt. Bis zu 40 Mann starke Delegationen hatten Ende 1985 in Peking und in Wuxi, in der Nähe des geplanten Standorts, alle Einzelheiten für den Bau der ersten zwei Druckwasser-Reaktoren mit den Chinesen besprochen. Noch Anfang März verhandelte KWU-Vorstand Hans Frewer in Peking. "Die Technik war 100 Prozent klar", sagt KWU-Repräsentant Henschel. "wir hatten Hoffnungen."
Es fehlte zwar an Geld, aber auch das schien kein Hindernis. Die Partner hatten den devisenknappen Chinesen aus Zugeständnissen und Kompensationsangeboten eine goldene Brücke gebaut. Das kompliziert geschnürte Bündel sah vor, die Hälfte der sechs Milliarden Mark teuren Anlage mit der Lieferung von Metallen zu begleichen. Die Deutschen wollten den Chinesen überdies Getreide, Erdöl und Steinkohle sowie 6000 Tonnen Natur-Uran abkaufen. Vorgesehen war auch die politisch umstrittene Endlagerung von 150 Tonnen abgebrannter Brennelemente in China.
Daß nun aus dem Geschäft doch nichts wird, hängt mit der Sorge der Chinesen vor zu vielen Schulden und politischer Abhängigkeit zusammen. Peking will die Reformpolitik "Öffnung nach außen und Belebung nach innen", die 1985 zu illegalen Importen von Luxusgütern, zu Wirtschaftskriminalität, Korruption und überhitzter Konjunktur führte, durch eine konservative Haushaltspolitik konsolidieren.
So kam KWU-Vorstand Frewer aus Peking lediglich mit einer unverbindlichen Absichtserklärung zurück: Beide Seiten wollten die Zusammenarbeit bei der Kernenergie fortsetzen.
Die Chinesen mochten nicht einmal mitteilen, ob denn überhaupt die anderen geplanten Atommeiler gebaut würden. Die Frage werde noch beraten.
Alle Interessenten für eventuelle neue atomare Großprojekte werden inzwischen auf den nächsten Fünf-Jahres-Plan vertröstet: Da kämen sie vielleicht zum Zuge. Der Plan aber beginnt erst mit dem Jahr 1991. _(Mit Ministerpräsident Zhao Ziyang ) _(und Kanzler Helmut Kohl am 10. Juni 1985 ) _(in Bonn. )
Mit Ministerpräsident Zhao Ziyang und Kanzler Helmut Kohl am 10. Juni 1985 in Bonn.

DER SPIEGEL 11/1986
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