10.03.1986

„Wir sind der arme Mann Europas geworden“

SPIEGEL-Report über den Niedergang der Industrienation Großbritannien Ausgeweidete Fabriken, stillgelegte Bahnhöfe, verlassene Werften: Von Nord nach Süd ist Großbritannien, einst erste Industrienation der Erde, eine riesige Industrieruine geworden. Londons City und die Monarchie sind noch intakt, doch dem Land droht eine ungewisse Zukunft ohne ausreichende Produktionsbasis. *
Wo einst die Kriegsschiffe der Royal Navy mit Geschützen bestückt wurden, die auf allen Meeren der Welt von der Größe des Empire kündeten, spiegelt sich heute der Himmel in tiefen Pfützen: Aus der Waffenschmiede Armstrong an der Scotswood Road in Newcastle upon Tyne ist eine riesige Ödfläche geworden, bedeckt von Millionen zerbrochener Ziegelsteine.
Die Hafenanlagen am Ufer des Clyde in Glasgow, wo zu Beginn des Jahrhunderts die Schiffbauer ein Viertel der Welt-Tonnage ablieferten, stehen einsam und leer. Ausstellungen, Bars und Restaurants sollen die verlassenen Dockgebäude beleben. Das Gelände der Parkhead Forge, früher die größte Panzerplattenfabrik Europas, lag brach, bis sich zwei Warenhauskonzerne dafür interessierten.
In Bristol, im Südwesten Englands, entstehen Wohnsiedlungen und Museen im alten Hafen, der einst den Sklavenschiffen der Stadt als Basis diente. Unweit des Rathauses wird ein stillgelegter Güterbahnhof von den Angestellten der Stadt als Parkplatz genutzt.
Kilometerweit säumen Werkshallen den Aire River in Leeds; doch die Schornsteine rauchen nicht mehr. Nur hier und da hat sich eine Werkstatt oder ein kleiner Betrieb in den leeren Gebäuden eingenistet. Von den vielen großen Textilfabriken, die einst zum Reichtum der Stadt beitrugen, überlebte nur eine.
Im Jahre 1837 hatte ein Besucher über Leeds berichtet: "Schon eine Meile vor der Stadt gerieten wir unter eine schmutzig-braune Decke, gebildet durch den Ausstoß von hundert Schmelzöfen, die das Licht des Himmels und den Atem des Sommers ausschloß. Knapp 150 Jahre danach steht die Wintersonne klar und hell über Leeds. Der Tod der Fabriken hat wenigstens den Schmutz in der Luft beseitigt. Leeds hat nun seinen blauen Himmel - aber nicht mehr genug Arbeit.
Quer durch Großbritannien zieht sich die trostlose Spur der Industrieruinen: verlassene Werke, verödete Dockanlagen, aufgegebene Werften, ausgeweidete Güterbahnhöfe. Wo im 18. Jahrhundert die industrielle Revolution begann, droht nun der Rückfall in eine Zeit ohne Industrie, in eine Zukunft ohne Produktionsbasis - mit beklemmenden Folgen.
Erstmals seit Menschengedenken führte der Industriestaat Großbritannien im Jahr 1984 mehr Industrieprodukte ein, als er exportierte. Vor Jahren schon hatte Professor Ralf Dahrendorf, damals Direktor der renommierten London School of Economics, in einem Rundfunkvortrag der BBC gewarnt: "In der Tabelle der entwickelten Länder befindet sich Großbritannien in der Abstiegszone, ständig in Gefahr, in die Zweite Liga abzusteigen."
Was der Deutsche noch höflich verbrämte, drückte der britische Thronfolger Prinz Charles, vor Geschäftsleuten in Edinburgh drastischer aus: "Wir müssen
die Regeneration der Industrie in diesem Lande mit einer gewissen Dringlichkeit betrachten ... sonst werden wir als viertklassiges Land enden."
Tatsächlich scheint der Abstieg unabwendbar. In der Rangliste der Industriestaaten, gemessen am Bruttosozialprodukt pro Kopf, ist das Land auf Platz 17 abgerutscht (siehe Graphik Seite 171). Was die alten Industriestaaten des Kontinents nur regional getroffen hat - die Ruhr, Lothringen, Wallonien - stellt sich in Großbritannien als landesweite Katastrophe dar: Die Heimat der industriellen Revolution hat sich auf erschreckende Weise entindustrialisiert. In den vergangenen zehn Jahren ging die Beschäftigung in der Industrie um 25 Prozent zurück. Nur die Exporterlöse aus den Ölquellen in der Nordsee 1984/ 85 insgesamt 12,6 Milliarden Pfund - verschafften dem Land noch ausreichende Devisenreserven, bis die dramatisch stürzenden Ölpreise in den letzten Wochen auch dieses Polster gefährdeten.
Niemand habe bisher einen überzeugenden Vorschlag machen können, so schrieb kürzlich der Londoner Kolumnist Peter Jenkins über die Zeit nach dem Öl, "wie wir es uns werden leisten können, die Lebensmittel und die Rohstoffe zu importieren, die wir brauchen, um zu essen und zu arbeiten.
Schon sehen Pessimisten für die 90er Jahre, wenn sich die britischen Ölvorräte der Nordsee nach heutigen Erkenntnissen erschöpfen werden, eine folgenschwere Veränderung der Lebensumstände voraus: Mit schwindenden Deviseneinnahmen werde das Inselreich nicht mehr in der Lage sein, alle seine Bürger angemessen zu ernähren. Wer nicht gerade in der Londoner City oder einigen intakt bleibenden Restbereichen der Wirtschaft sein Geld verdiene, müsse entweder hungern oder auswandern.
Diesem Schrecknis sei allenfalls zu begegnen, indem auf den Inseln wieder eine intensive Landwirtschaft eingeführt und somit die Versorgung der Bevölkerung wenigstens mit Grundnahrungsmitteln sichergestellt werde
Ironie der Geschichte: Der industrielle Niederbruch trifft ein Land, das vor 80 Jahren ein Drittel des Welthandels tätigte und über ein Viertel der Weltbevölkerung herrschte. Das erste industrialisierte Land der Welt wäre zugleich auch das erste, das in den Status eines unterentwickelten, quasi frühindustriellen Landes zurückfiele.
Zwar meinen viele Beobachter, daß es so weit wohl nicht kommen werde. Doch die Verfechter der Gegenthese - daß nämlich die Industrie durch eine Dienstleistungsgesellschaft bei gleichbleibendem oder gar wachsendem Lebensstandard für die Bevölkerung abgelöst werden könne - haben in den vergangenen Monaten zurückstecken müssen.
So hat die Bank von England in einer ausführlichen Expertise vor der Erwartung gewarnt, daß Dienstleistungen den Schrumpfungsprozeß in der verarbeitenden Industrie wettmachen könnten.
Ein Ausschuß der britischen Wirtschaft kam zu dem gleichen Ergebnis: "Diese Gewerbe werden nicht imstande sein, den Verlust an Arbeitsplätzen und die Einbußen an Deviseneinnahmen auszugleichen, die mit dem Niedergang der verarbeitenden Industrie ... verbunden sind.
Eine Kommission des Oberhauses sagte den unaufhaltsamen
wirtschaftlichen Abstieg des Landes voraus, gekoppelt mit stagnierender Produktion, steigender Inflation und ständig zunehmender Arbeitslosigkeit - sofern sich die Haltung der Nation gegenüber Handel und Produktion nicht ändere, wie der Vorsitzende Lord Aldington erklärte.
Und der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission, Roy Jenkins von den britischen Sozialdemokraten, ließ seiner Untergangsstimmung freien Lauf: "Ich verliere die Hoffnung für ein Land, das sich so entindustrialisiert hat wie wir."
Besucher Südenglands und der Hauptstadt werden den industriellen Niedergang des Landes nur schwer ausmachen können. Denn in diesem Teil zeigt England immer noch das Antlitz der reichen Metropole des Empire, dem die unermeßlichen Schätze Indiens und Südafrikas zur Verfügung standen.
Unverändert ist die City von London Europas wichtigster Finanz- und Bankplatz, weltweit nur übertroffen von New Yorks Wall Street.
Angeknackst zwar, doch immer noch ungefährdet ist die Führungsrolle der Premierministerin Margaret Thatcher, die Britanniens Industrie "schlanker und fitter" machen wollte, tatsächlich aber mit Rekordzinsen bis zu 17 Prozent und einem hohen Pfundkurs den industriellen Ausverkauf über lange Zeit noch beschleunigt hat.
Und über dem Elend der britischen Gegenwart thront nach wie vor ein Königshaus, dem die Mehrheit der Briten die Treue hält, wie groß auch Armut und Arbeitslosigkeit, wie zahlreich die Eskapaden von königlichen Familienmitgliedern sind. Umfragen haben ergeben, daß 90 Prozent der Bevölkerung für die Beibehaltung der Monarchie sind, nur fünf Prozent möchten das Königshaus mit Elizabeth II. an der Spitze abschaffen.
Im Lande tummeln sich Hunderte von Vereinigungen, die vom Abzug der amerikanischen Marschflugkörper bis zum Verbot der Jagd auf Dachse alle nur denkbaren Forderungen vertreten - die Liquidierung der Monarchie gehört nicht dazu. Glückliches England.
Die teuren Geschäfte in den feinen Einkaufsstraßen Londons können immer noch die ausgefallensten Wünsche befriedigen. In den luxuriösen Kaufhäusern drängt sich die Kundschaft aus aller Welt. Das Bentley Centre in der Berkeley Street offeriert in seinem Schauraum einen gebrauchten 84er Bentley Mulsanne Turbo, 10000 Meilen gefahren, für etwa 200000 Mark.
In der von Arabern bevölkerten Park Lane am Hyde Park bietet ein Händler fahrtüchtige Mini-Nachbauten des Lamborghini Countach S und des Ferrari 308 GTS für die lieben Kleinen zum Preise von jeweils fast 30000 Mark an.
Die Londoner "Times" informierte in einer Sonnabendbeilage ihre Leser über die unter den Edlen und Reichen des Landes beliebten Fuchsjagden. Die schickste Jagd veranstalte der Herzog von Beaufort; dort sei nur "altes Geld" vertreten, und von keinem der Jagdteilnehmer könne gesagt werden: "Der hat seine Möbel tatsächlich gekauft."
Das Blatt verriet auch, wo die feine Welt ihre Jagdstiefel maßarbeiten läßt: für 400 Pfund (etwa 1300 Mark) bei Maxwell in der Bond Street. Und wie diese am besten gepflegt werden: mit einer Mischung aus Champagner und Aprikosenmarmelade.
Natürlich ist nicht ganz England eine industrielle Wüste. So hat sich entlang der Autobahn M 4, die von London nach Westen führt, ein Mikrochip-Korridor von Hochtechnologie-Unternehmen entwickelt, der freilich, wie Professor Robert Pinker von der London School of Economics feststellt, "nicht so viel Wohlstand und Arbeitsplätze entstehen ließ, wie wir erhofft hatten".
Von den in der letzten Dekade verlorengegangenen 2,3 Millionen Arbeitsplätzen
im Produktionssektor konnte das Dienstleistungsgewerbe nur etwa 1,4 Millionen wieder ausgleichen.
Nordöstlich von London, in East Anglia um die Städte Norwich und Ipswich, haben sich gleichfalls neue wirtschaftliche Zentren entwickelt - nahe an der Hauptstadt, ohne deren Verkehrsprobleme, zugleich auch dem Festland zugewandt, dem die Insel in der Europäischen Gemeinschaft nähergerückt ist.
Im Norden des Landes geht es nur der Hafenstadt Aberdeen an der schottischen Ostküste wirtschaftlich richtig gut. Seit das Nordseeöl vor zehn Jahren zu fließen begann;, wurden mehr als 51000 neue Arbeitsplätze in der Stadt geschaffen; bis 1996 sollen nach dem Willen der Stadtväter noch einmal knapp 19000 dazukommen.
Aberdeens Hafenbecken sind voll von Versorgungsschiffen, die hier aufnehmen, was die Hunderte von Kilometern entfernt im Meer liegenden Bohr- und Förderinseln an Nachschub brauchen. Den Personenverkehr wickelt der Flughafen ab, der am schnellsten wachsende internationale Airport des Landes und eine der geschäftigsten Helikopter-Drehscheiben der Welt.
Rund um die Stadt liegen die Verwaltungs- und Reparaturzentren der großen internationalen Ölgesellschaften, die draußen vor der Küste arbeiten.
Zwar gibt es selbst in der schottischen Boom-Town noch 6,6 Prozent Arbeitslose - doch der Durchschnitt beträgt in Schottland 15 und im gesamten Königreich 13,3 Prozent: 3,2 Millionen Menschen.
Sogar noch mitten in Aberdeen, wegen der meist aus hellgrauem Granit errichteten Gebäude "Silver City" genannt, gibt es jene trostlosen Straßen, deren verlassene Häuser mit Brettern vernagelt sind. Aus den Dachrinnen scheint das Gras nach unten zu wachsen.
In der Hadden Street ist den verwitterten Holztafeln nur mit Mühe zu entnehmen, daß hier einmal "Zena''s Fish Cafe", John Robertsons Tapeten- und Farbenladen sowie die "Union Bar" zu Hause waren. Auf dem regennassen Kopfsteinplaster spiegelt sich nur das Licht des Pubs von Willie Miller. Denn in Schottland haben die Kneipen den ganzen Tag offen, können die Einheimischen jederzeit ihr Bier trinken.
Im Süden, in England, ist das alles schwieriger. Da sind die Pubs nur über Mittag und dann erst wieder am frühen Abend geöffnet, bis gegen 22.30 Uhr.
Was einst den Werktätigen zur Erhaltung der Arbeitskraft verordnet worden war, schont nun die schmalen Finanzen vieler Pub-Kunden. In fast allen Großstädten liegt die Arbeitslosenquote doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt, in Liverpool etwa bei über 25 Prozent.
Die Heimat der Beatles ist das traurigste Beispiel für den Verfall einer Stadt. Das einst blühende Industrierevier ist zu einer gigantischen Trümmerhalde heruntergekommen, zum größten Schrottmarkt der Insel. Wichtigster Exportzweig ist der Verkauf abgewrackter Fabrikanlagen, die Arbeitsplätze der Liverpooler werden nach Tonnen verhökert - 1984 waren es 750000.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind 300000 Menschen aus der Stadt geflüchtet, 70 Prozent der verbliebenen 500000 beziehen in irgendeiner Form staatliche Unterstützungsgelder. Demolierte Industriegebiete und verslumte Wohnviertel verunstalten die Stadt, auf ihren Müllhalden balgen sich die Armen um verwertbaren Abfall.
Im Großraum Newcastle sind etwa 20 Prozent ohne Arbeit, und selbst im prosperierenden Bristol, wo British Aerospace zu Hause ist und der Überschall-Airliner "Concorde" gebaut wurde, haben fast 12 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung keinen Job.
Die Stellen schwanden vor allem in den "alten" Industrien, wie das Beispiel der Schotten-Metropole Glasgow deutlich macht. Seit 1971 wurden dort über 40 Prozent der Arbeitsplätze in der Werftindustrie und in verwandten Gewerbezweigen vernichtet. In der Metallverarbeitung gingen gar 80 Prozent verloren,
in der Elektroindustrie 48 Prozent, im Transportwesen und in der Fahrzeugherstellung jeweils 31 Prozent. Jetzt steht Schottlands einziges verbliebenes Stahlwerk zur Schließung an.
Gewiß fielen die traditionellen Industrien vor allem jenen Faktoren zum Opfer, die auch den herkömmlichen Unternehmen in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten zu schaffen machten: steigenden Produktionskosten und. Konkurrenz einer oft technologisch überlegenen, in jedem Fall aber preiswerteren Industrie in asiatischen Ländern.
In Großbritannien kommt indes noch hinzu, was Prinz Charles so beschrieb: Die potentiellen Kunden glauben nicht daß wir ihnen einen Service bieten können. Wir liefern unsere Waren nicht pünktlich und wir liefern nicht die Waren, die sie haben wollen".
Schlechtes Marketing, mangelhafte Qualität, fehlender Service, hohe Preise, ständige Streikgefahr - es gibt genug Gründe, keine britischen Produkte zu bestellen. Altväterliche Betriebsstrukturen, eingefleischte Arbeitsgewohnheiten und das Gegeneinander der Gruppen einer extrem unsolidarischen Klassengesellschaft führten zu blamablen industriellen Fehlleistungen.
So entschied sich Ende vergangenen Jahres das amerikanische Verteidigungsministerium zum Ankauf eines französischen Fernmeldesystems für die U.S. Army zum Preis von etwa elf Milliarden Mark. Das konkurrierende britische System Ptarmigan wurde zwar von den Experten höher eingeschätzt, sollte aber knapp acht Milliarden Mark mehr kosten.
Der Stolz der britischen Handelsflotte, der Luxusliner "Queen Elizabeth 2", wird seine Grundüberholung und den Einbau einer neuen, sparsameren Maschinenanlage nicht auf einer Werft der Insel erhalten, sondern bei der Lloyd-Werft in Bremerhaven. Was die Deutschen für 300 Millionen Mark bieten, konnten oder wollten die Briten nicht leisten.
Nachdem die Produktion des neuen Sturmgewehrs für die britische Armee bereits angelaufen war, stellte sich heraus, daß Linkshänder die Waffe nur unter erheblicher Verletzungsgefahr benutzen konnten. Ihnen flogen die leeren Patronenhülsen ins Gesicht.
In einem Leserbrief an die Londoner "Times" beschrieb kürzlich ein Augenzeuge, wie der englische Flugzeughersteller de Havilland vor vielen Jahren der damals noch jungen deutschen Lufthansa ihre Düsenmaschine vom Typ "Comet III" zu verkaufen suchte. Während des Probefluges floß deutscher Wein in Strömen. Doch schon bald stellte sich ein peinliches Versäumnis heraus: Der Comet-Prototyp verfügte über keine Toilette.
Auch der traditionelle Eigensinn britischer Arbeiter fordert nicht gerade die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. In der staatlichen Marinewerft in Devonport stellten Prüfer kürzlich fest, daß morgens um acht Uhr, dem offiziellen Schichtbeginn, noch nicht ein einziger Arbeiter erschienen war.
Die intellektuelle Elite des Landes ist für den Abstieg der Industrie mitverantwortlich. Denn für die Absolventen der Spitzen-Universitäten gilt eine Karriere in der Wirtschaft noch immer nicht als wünschenswert - sowenig wie zu den glorreichen Zeiten der Queen Victoria. Sie streben in die Wissenschaft, in den Staatsdienst, vielleicht in die Banken- und Finanzwelt, kaum aber in die Chefetagen der britischen Industrie, was sich, wie die "International Herald Tribune" feststellte, "in der Qualität der britischen Manager widerspiegelt".
Warum haben die Engländer den Anschluß an die internationale Entwicklung verloren; warum mißlingt ausgerechnet ihnen, was auf dem Kontinent nicht nur den Westdeutschen, sondern auch den Franzosen und den Italienern zu gelingen scheint: ihre Wirtschaft den veränderten Bedingungen einer neuen industriellen Umwelt anzupassen?
Margaret Thatchers Politik des knappen Geldes, die über lange Zeit Zinsen sowie Pfundkurs in die Höhe trieb und damit Investitionen und Exporte erschwerte, hat sicherlich dazu beigetragen. Ebenso die archaische Zersplitterung der britischen Arbeitnehmerschaft in 485 Einzelgewerkschaften, die alle zufriedengestellt werden müssen, soll der Arbeitsfrieden erhalten bleiben.
Wichtiger freilich ist der Eindruck, der sich allenthalben aufdrängt: daß die Briten mit dem Verlust des Empires ihre Dynamik verloren und ihre Kraft verbraucht haben. Die Motivation zur Leistung hat verbreiteter Resignation Platz gemacht; viele ziehen ein entspanntes, gepflegtes Leben dem ökonomischen Erfolg vor und vertrauen darauf, daß England es schon irgendwie schaffen werde.
Ein deutscher Diplomat in London führt das auf eine - sympathische, aber unproduktive - Selbstgenügsamkeit der Briten zurück: "In Deutschland wollen die Leute nach oben und mehr Geld verdienen. Das ist hier anders; hier reicht es den meisten, wenn sie ihr Auskommen haben."
Der Niedergang der industriellen Tätigkeit in Großbritannien hat aber auch eine neue soziale Unterklasse hervorgebracht, die gegenüber den Mittelschichten immer weiter zurückfällt.
140000 Menschen, so schätzen Sozialarbeiter, haben gegenwärtig in Großbritannien keine Unterkunft und müssen auf Kosten der Gemeinden in Herbergen oder Privatzimmern untergebracht werden. Die Zahl der Obdachlosen, die in
Bahnhöfen oder verlassenen Gebäuden übernachten, ist unbekannt.
Prinz Charles fand das Problem so bedrückend, daß er im Spätsommer vergangenen Jahres des Nachts eine Tour durch Obdachlosenquartiere der Hauptstadt machte. Der Prinz, so sickerte in die Öffentlichkeit, habe die Befürchtung, dereinst als Monarch eine geteilte Nation übernehmen zu müssen.
Die soziale Kluft ist schon so tief, daß Professor Pinker ein deutsches Wort aus dem vergangenen Jahrhundert bemüht, um die Lage der Unterschicht zu beschreiben: das Wort vom "Lumpenproletariat gewinnt wieder Leben." Sein Kollege David Donnison aus Glasgow bestätigt den Eindruck: "Wir werden eine immer ungleichere Gesellschaft."
So werden die Sozialkonflikte in England mit unerbittlicher Härte ausgetragen. Die Bergarbeiter hielten ihren verzweifelten Streik gegen die beabsichtigte Schließung vieler Kohlezechen fast ein Jahr durch, obwohl sie ihre Familien kaum noch ernähren und die Raten für Haus, Auto und Fernseher nicht mehr bezahlen konnten. Bereitwillig ließen sie sich von ihrem Volkstribun Arthur Scargill in Straßenschlachten gegen die Polizei führen; am Ende dieses Teil-Bürgerkriegs mußten sie schmählich zu Kreuze kriechen. Seit dem Ende des Streiks im März 1985 wurden bereits 35 Zechen geschlossen oder zur Stillegung bestimmt.
Andere Schlachtfelder für die aufgestauten Aggressionen sind die Fußballstadien des Landes. Nirgendwo in der Welt prügeln die zumeist jugendlichen Fans so brutal aufeinander ein, fließt soviel Blut wie auf der Insel - dabei galten doch die Briten einmal als tolerant und großherzig selbst dem besiegten Gegner gegenüber.
Am niederdrückendsten ist die soziale Not des Landes in den Zentren der Städte wahrzunehmen, in den "inner cities". Hier verdichten sich die Probleme, denen Großbritannien fast hilflos ausgeliefert scheint: Rassenkonflikte, Armut, Arbeitslosigkeit und eine Jugend ohne Perspektive.
In Teilen von London, Birmingham Bristol und Liverpool hat die Londoner "Times" Gegenden ausgemacht, "wo sich nur Naive, Kriminelle und die Polizei auf die Straße trauen". Hier seien Ansätze eines "no-go Britain" entstanden: "Weitgehend kontrolliert von jungen arbeitslosen Schwarzen, die sich so weit von der staatlichen Autorität entfernt haben, daß jeder Versuch, dem Gesetz Geltung zu verschaffen, der Funke sein kann, (diese Gegenden) in städtische Schlachtfelder zu verwandeln".
Was sich in den Augen der Londoner City als kriminelle verhaltensweise Asozialer darstellt, ist in der Sicht der Betroffenen schwerste Diskriminierung. Der 51jährige Doug Thorpe etwa kam 1951 aus Barbados in die Industriestadt Leeds, um hier "nach dem Krieg das Mutterland aufbauen zu helfen".
Er kam in den Bombenjahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Briten überall in der Karibik und in Asien Arbeitskräfte für die heimische Wirtschaft anwarben. Doch als die Rezession in den 60er Jahren einsetze, "wurden wir", so der gelernte Mechaniker Thorpe, "nicht mehr beachtet."
Im Wohnzimmer seines Reihenhauses im Stadtteil Chapeltown, 1981 Schauplatz von Straßenschlachten und Plünderungen, hängt über dem Gaskamin ein Heiligenbild mit drei Kreuzen und dem Spruch "Father forgive them, for they know not what they do".
Von seinen neun Kindern weiß er: "Was wir uns hier alles gefallen ließen das tun die nicht mehr." Und für ihn ist auch klar, wer an den Straßenschlachten der Vergangenheit schuld ist: die Polizei. Besonders die jungen Polizisten nutzten angeblich jede Gelegenheit, um die Farbigen mit Schimpfworten wie "Nigger" und "schwarze Bastarde" zu provozieren. Da sei es nur verständlich, so Thorpe, "daß die Kids zurückschlagen".
Der gewiß nicht radikale "Economist" bestätigte: "Die Viertel, in denen die erwachsenen Kinder der Westinder leben, neigen dazu, auf wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit nicht mit der stumpfen Apathie der Leute vom Tyne oder der Bengalen zu reagieren, sondern mit aktiver Revolte."
Sie züngelt in jenen Elendsvierteln der Städte, über die - als "Gewissen der Nation" - die anglikanische Staatskirche Anfang Dezember einen alarmierenden Bericht veröffentlichte. Danach sind manche Unterkünfte so schlimm, "daß es Leute gibt, die ihre Wohnungen lieber in Brand setzen als dazu verdammt zu sein, auf unbestimmte Zeit weiter darin zu wohnen".
Die 18 Mitglieder der kirchlichen Untersuchungskommission, die 41 Städte inspiziert hatten, kamen zu einem vernichtenden Urteil über die Regierung Thatcher: Ihre Wohnungspolitik werde "auf dem Rücken der Armen" betrieben, und ihre Städtebaupolitik gleiche einer "Erste-Hilfe-Maßnahme", wo eigentlich eine "Behandlung auf der Intensivstation" notwendig sei.
Das Elend nistet vor allem in jenen meist zweistöckigen Reihenhaussiedlungen aus den Anfangsjahren des Jahrhunderts, die wie Legebatterien das ganze Land überziehen und oft so aussehen, als seien sie seitdem nie renoviert worden. Sanitäre Anlagen, die heute zur Standardausrüstung gehören, gibt es dort nicht - die technische Zivilisation hat zur Unzivilisation geführt, so daß der "Economist" feststellte: "Werden Leute in Schweineställe gesteckt, dann benehmen sie sich oft auch schweinisch."
Den Slums aus fernen Tagen haben britische Architekten in den sechziger Jahren noch moderne Elendsquartiere beigesellt. Überall in den Städten zogen sie Wohngebäude mit 15 und noch mehr Stockwerken aus vorgefertigten Betonbauteilen hoch.
Diese Wohntürme sind gegen Kälte und Feuchtigkeit nur schlecht isoliert. Kriminelle und vandalisierende Banden haben unkontrolliert Zutritt und versetzen _(Vor schottischen Geschäftsleuten im ) _(November 1985 in Edinburgh. )
die Bewohner in Angst und Schrecken. "Zerstörungswut", so ein Beamter der Stadtverwaltung von Newcastle resignierend, "ist eben eine britische Eigenart.
Viele der Hochhäuser stehen inzwischen leer und sollen jetzt abgerissen werden. Trotz langer Wartelisten noch schlechter wohnender Briten wurden die Wohnungen von den Mietern nicht angenommen und schließlich von den Behörden mit Brettern verbarrikadiert.
Ihnen fehlte jenes Stückchen "defensible space", das etwa in Gestalt eines winzigen Vorgartens nach dem landläufigen Motto "my home is my castle" einen Fremden daran hindert, sich gegen den Willen des Eigentümers an ein Haus anzulehnen.
Auch kompliziertere Wohnanlagen mit unterschiedlich hoher Bebauung erwiesen sich als Fehlplanung, etwa Broadwater Farm Estate im Londoner Stadtteil Tottenham, ein unübersichtlicher Betondschungel, der Dieben und kriminellen Banden vorzüglichen Unterschlupf gewährte. Bei Straßenschlachten wurde hier im letzten Herbst ein Polizist mit Messern und Macheten zu Tode gehackt.
Der liberale Unterhaus-Abgeordnete Michael Meadowcroft aus Leeds über die Ursachen: "Wir haben Häuser mit einem Zuhause, Straßen mit Mobilität. Schulen mit Erziehung und Bildung verwechselt."
Zum Auftakt des neuen Parlamentsjahres hat Regierungschefin Margaret Thatcher Ende vergangenen Jahres die Parole Law and Order ausgegeben, ein Thema, das in ihren Augen die nächsten Unterhauswahlen entscheiden könnte. Seither ist unter den höheren Polizeiführern des Landes der Wunsch offenkundig geworden, Teile der traditionell weitgehend unbewaffneten britischen Polizei mit Plastikgeschossen auszurüsten, damit sie die Unruheherde wirkungsvoll bekämpfen kann.
"Die Konservativen und viele andere Bürger", so erklärt Professor Duncan MacLennan, Wohnungsbauspezialist an der Universität Glasgow, den Ruf nach mehr Ordnung, "haben einfach Angst. Diese Leute warten doch nur auf die Gelegenheit, Soldaten auf die Straße zu schicken." Und der Abgeordnete Meadowcroft fürchtet: "Wenn die Leute Angst haben, ziehen sie die Sicherheit der Freiheit vor."
Auch bei Richtern ist die neue Thatcher-Losung angekommen. Ein 25jähriger Fußball-Rowdy, der nach einem Chelsea-Spiel mitgeholfen hatte, den Geschäftsführer eines Pubs mit Glassplittern zu verstümmeln, wurde nur zwei Tage nach Maggies Warnruf zu lebenslanger Haft verurteilt - der bisher härteste Spruch gegen einen Hooligan. Ein etwa gleichaltriger Vater, der seine nur wenige Wochen alte Tochter zu Tode gequält hatte, erhielt dagegen von einem anderen Richter lediglich sechs Jahre Haft.
Wie Großbritannien aus dem Teufelskreis von Gewalt und Repression, Armut und Arbeitslosigkeit, Rassenkonflikt und industriellem Niederbruch herausfinden soll, wie der Rücksturz der einstigen Weltmacht in die industrielle Bedeutungslosigkeit verhindert und ein neuer Aufschwung des Landes eingeleitet werden könnte - Premierministerin Margaret Thatcher hat dafür offenbar kein Rezept.
So weit ist der Verfall industriellen Potentials schon fortgeschritten, daß die Briten nicht einmal mehr den Devisenbringer Nordsee-Öl ohne fremde Hilfe aus der Erde holen können: Rohre und Spezialstähle für die Ölförderung müssen aus Japan, Italien und der Bundesrepublik Deutschland importiert werden. Denn die Erzeugnisse der einst weltberühmten British Steel Corporation genügen den hohen Anforderungen nicht.
Das Heimatland so glorreicher Motorradmarken wie BSA, Triumph und Norton stellt nur noch wenige Maschinen her. Die Motorradstreifen der Londoner Polizei patrouillieren auf Krädern der Bayerischen Motoren Werke durch die Stadt.
Die Reifenmarke Dunlop, einst fast ein Synonym für das Produkt, kommt heutzutage aus Korea. Nur Tennis- und Golfbälle mit dem berühmten Namen werden noch in Großbritannien gefertigt.
In ihrer letzten Haushaltsrede bot Margaret Thatcher zur Rettung aus dieser Misere lediglich ein karges Programm an: öffentlich finanzierte Projekte, die in anderen europäischen Ländern längst erledigt sind. So soll mit der Elektrifizierung der britischen Staatsbahn "British Rail" begonnen werden - bis heute füllen Lärm und Gestank der Diesellokomotiven die Hallen der großen Bahnhöfe.
Die Wasserversorgung soll modernisiert werden - 30 Prozent des heute geförderten Trinkwassers versickern in uralten Rohrnetzen auf dem Weg zum Verbraucher. In fast allen Großstädten müßte das Abwässernetz dringend erneuert werden - die Stadt Manchester trägt den ironischen Titel "holy city", nicht "heilige", sondern "löchrige Stadt" wegen der häufigen Straßeneinbrüche über defekten Kanalrohren.
Zum ersten Mal in der modernen Wirtschaftsgeschichte sieht Professor
Peter Hall von der Universität Reading "Karl Marx redivivus". Denn in Großbritannien sind nicht nur Millionen aus dem Arbeitsprozeß geworfen, sondern zugleich als Konsumenten ausgeschaltet worden - ein verelendetes Proletariat.
Für die nun verödeten Industriegebiete seines Landes kann Hall in der Zukunft allenfalls eine Chance als "Denkmäler der industriellen Revolution" ausmachen. Oder als Gartenstädte - nachdem verlassene Fabrikviertel in Parks umgewandelt wurden.
"Nur noch London und einige weit entfernte Regionalzentren", meint der Professor, "haben in Großbritannien eine Zukunft."
Wie weit der Abstieg des Landes tatsächlich schon gediehen ist, enthüllte kürzlich die "Sunday Times". Das konservative Blatt verglich Großbritannien mit einem Land, das die Briten allenfalls als Urlaubsziel, nie jedoch als gleichwertigen Staat akzeptiert haben: Die Bewohner der Insel seien heutzutage im Durchschnitt ärmer als die Italiener mit ihrem notorisch armen, wirtschaftlich unterentwickelten, mafiadurchseuchten Mezzogiorno.
Nach dem Fußball-Desaster im Brüsseler Heysel-Stadion hatten Reporter desselben Blattes bereits den Lebensstandard in den Heimatstädten der beiden Mannschaften miteinander verglichen. Sie fanden deprimierende Unterschiede zugunsten der Südländer.
So kommt in Turin auf 2,14 Einwohner ein Auto, in Liverpool auf 6,2. In Turin kommt jedes 13. Baby unehelich zur Welt, in Liverpool jedes dritte. Und in der italienischen Stadt findet nur jeder neunte Arbeitnehmer keinen Job, in der britischen dagegen mehr als jeder vierte.
"Wir sind", gestand David Owen, Führer der britischen Sozialdemokraten und früher Labour-Außenminister, "der arme Mann Europas geworden."
[Grafiktext]
LÖWE IM SCHLAFROCK Großbritanniens Wirtschaft im internationalen Vergleich Durchschnittliches jährliches Wachstum der Produktivität 1950 bis 1983 in Prozent Japan 6,20 Bundesrepublik 3,95 Frankreich 3,81 Italien 3,73 USA 2,19 GROSS-BRI-TANNIEN 2,04 Produktivität Quelle: The Economist Durchschnittlicher jährlicher Anstieg der Verbraucherpreise 1950 bis 1983 in Prozent Italien 7,72 GROSSBRITANNIEN 7,28 Frankreich 6,82 Japan 5,95 USA 4,39 Bundesrepublik 3,30 Inflationsrate Quelle: The Economist GROSSBRITANNIEN Entwicklung des Anteils am Weltexport von Industriegütern in Prozent Exportanteil Quelle: House of Lords Bruttoinlandsprodukt 1984 pro Kopf zu jeweiligen Preisen in US-Dollar USA 15356 Schweiz 14002 Kanada 13285 Norwegen 13215 Schweden 11369 Australien 11178 Island 10723 Dänemark 10690 Finnland 10493 Japan 10264 Bundesrepublik 10025 Luxemburg 9235 Frankreich 8907 Österreich 8535 Niederlande 8534 Belgien 7697 GROSS-BRI-TANNIEN 7495 Quelle: OECD
[GrafiktextEnde]
Vor schottischen Geschäftsleuten im November 1985 in Edinburgh.

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