10.03.1986

„Bis zum Rand des Abgrunds“

SPIEGEL-Interview mit dem britischen Sozialdemokraten-Chef David Owen *
SPIEGEL: Dr. Owen, vor nicht langer Zeit war Großbritannien eine industrielle Supermacht. Heute ist das Land auf Platz 17 der Industrienationen zurückgefallen. Was ist der Grund für die schwache Leistung?
OWEN: Im Grunde sind wir nicht wettbewerbsfähig genug. Wir verkaufen unsere Guter nicht zu dem Preis und nicht mit dem Design, das die Leute haben wollen. Zum anderen hat sich unsere industrielle Basis dramatisch verkleinert. Das hat sich über einen längeren Zeitraum abgespielt.
SPIEGEL: Die Politik von Premierministerin Margaret Thatcher hat damit also nichts zu tun?
OWEN: Ich meine, daß die Jahre 1980/81 im wahrsten Sinne des Wortes unsere Industrie nahezu dezimiert haben; sie nahmen uns ein Zehntel unserer industriellen Kapazität. Frau Thatcher heizte die Inflation an, als sie 1979 die Mehrwertsteuer verdoppelte. Und dann entschied sie, fälschlicherweise wie ich denke, die Inflationsrate dadurch auszugleichen, daß sie den Pfundkurs hochhielt. Damit stand die britische Industrie vor einer ziemlich unlösbaren Aufgabe. Das war schon mehr als eine kalte Dusche, es hat in der Tat einen sehr erheblichen Teil der Industrie ertränkt. Dazu kam die Tatsache, daß wir der Industrie nicht im entferntesten genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben.
SPIEGEL: Zu der Zeit, als Sie in der Regierung saßen, gab es aber auch keine industrielle Strategie.
OWEN: In der Tat. Es macht keinen Sinn, wenn wir nur eine Partei dafür verantwortlich machen. Dieser Abstieg hat während vieler Regierungen stattgefunden. Aber ich bin Optimist und glaube, daß Großbritannien ihn wieder rückgängig machen kann. Unsere ganze Geschichte zeigt, daß wir immer bis zum Rande des Abgrunds kommen müssen. Es wäre sehr schön, wenn wir nicht darüber gingen.
SPIEGEL: Wie nahe sind Sie dem Abgrund?
OWEN: Das weiß man nicht genau. Im übrigen ist unser Niedergang relativ, die Leute bemerken ihn nicht wirklich. Der Lebensstandard der meisten Menschen erhöht sich jedes Jahr, aber er steigt weniger als in anderen Ländern. Für mich war 1985 ein wichtiger Wendepunkt, als Italien zum ersten Mal unseren Lebensstandard hinter sich ließ. In all meinen Reden habe ich darauf hingewiesen, aber ich kann nicht behaupten, daß es mir gelungen ist, die nahezu apathische Gleichgültigkeit zu durchbrechen, die dazu in Großbritannien besteht.
SPIEGEL: Vielleicht ist das eine Frage der Mentalität. In Großbritannien sind 70 Arbeitsstunden für die Herstellung eines Personenwagens notwendig, gegenüber 35 in Deutschland und nur 18 in Japan. Gibt es zu viele Teepausen in der britischen Industrie? Ist der britische Arbeiter fauler als seine Kollegen in anderen Ländern?
OWEN: Ich glaube nicht, daß er fauler ist. Er ist nicht ausreichend geschult. Wir haben unsere Ausbildung vernachlässigt und sehen mit Bewunderung, daß Sie in Deutschland weitaus bessere Programme für die Lehrlingsausbildung haben und sich auch der Weiterbildung nach dem 16. Lebensjahr weit mehr verpflichtet fühlen, sowohl in handwerklicher als auch in intellektueller Hinsicht. Man macht es sich zu einfach, wenn man verallgemeinert und sagt, es liege am britischen Arbeiter.
SPIEGEL: Welchen Anteil hat das britische Gewerkschaftssystem an der schlechten Leistung? Bei Ihnen gibt es fast 500 verschiedene Gewerkschaften gegenüber etwa 20 in Deutschland. Muß solche Fülle nicht zur schlechten Wettbewerbsfähigkeit beitragen? _(Mit SPIEGEL-Redakteuren Hans Hielscher ) _(und Hans Gerhard Stephani. )
OWEN: Ja, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Unsere Gewerkschaften waren in einer Reihe von Fällen sehr reaktionär. Sie sind zu zersplittert, zu dogmatisch. Die Gewerkschaftsbewegung ist als Institution viel zu eng mit der Labour-Partei verknüpft und polarisiert sich deshalb in politischen Dingen. Wenn es darum geht, Wettbewerbsprobleme in einer modernen internationalen und überaus komplexen Welt zu diskutieren, ist sie praktisch nicht vorhanden.
SPIEGEL: Sehen Sie einen Unterschied zu anderen europäischen Gewerkschaften?
OWEN: Man merkt es deutlich, wenn man mit Gewerkschaftern in anderen europäischen Ländern spricht. In Deutschland bringen sie rasch die Rede auf den Kurs der D-Mark; sie kennen den Wert des Wechselkurses und die Bedeutung von Investitionsplänen. In den europäischen Ländern ist das Verständnis der Gewerkschaften für die Zukunft einer Firma weitaus höher entwickelt.
SPIEGEL: Wie gut ist denn das britische Management?
OWEN: Es ist schlecht, aber es bessert sich. Vor 15 bis 20 Jahren existierten bei uns überhaupt keine Business Schools; jetzt gibt es gutes einheimisches Management-Training, und auch das Selbstbewußtsein hat in den letzten Jahren etwas zugenommen. Die Kräfte des Marktes werden stärker anerkannt.
SPIEGEL: Wie erklären Sie die Tatsache, daß die Elite britischer Universitäten immer noch eine Laufbahn in der Regierung, in Erziehungsberufen oder in der Finanzwelt einer Karriere in der Industrie vorzieht?
OWEN: Vor allem in den 40er, 50er und 60er Jahren war das so, aber nun ändert es sich. Heute ist es schon selbstverständlicher, daß Menschen aus vielen Schichten in Industrie und Handel gehen.
SPIEGEL: Ändert sich das alles denn rasch genug?
OWEN: Nein. Das Polster aus Öl und Gas, auf dem wir sitzen, hat seine Gefahren: Es ist zu bequem; es hat ein Loch, und wir sinken ganz sanft; niemand merkt, daß wir schon ziemlich bald auf dem harten Stuhl sitzen werden. Ohne Nordsee-Öl wären wir in einer weitaus ernsteren Lage, unser relativer Abstieg wäre heute ein absoluter Niedergang geworden und die Menschen hätten einen Rückgang ihres Lebensstandards hinnehmen müssen. Wir müssen die Leute wachrütteln und ihnen klarmachen, daß wir uns auf einer Rutschbahn befinden und die Geschwindigkeit zunehmen
wird, wenn wir das nicht anpacken.
SPIEGEL: Sie haben einmal den "müden Zynismus" des Establishments in Ihrem Lande bedauert. Was meinen Sie damit?
OWEN: Was das Establishment ist, läßt sich schwer definieren, aber seine Lebensart ist zu bequem. Die Bürokratie ist sehr stark gewachsen und wird mit innationsgesicherten Pensionen außerordentlich gut bezahlt. Die Banken zeigen sich nicht sehr unternehmungslustig. Die Staatsbeamten bilden ein schwerfälliges System, und gegen eine Veränderung finden sich immer Argumente. Bei uns herrscht ein Klima gegen das Eingehen von Risiken; die Nachkriegsgesellschaft ist sehr darauf bedacht, sich die Nase sauber und den Kopf aus der Schußlinie zu halten. In Amerika heißt es oft, "Nun komm mal mit dem Hintern hoch". In Großbritannien hört man das nie.
SPIEGEL: Großbritannien gilt immer noch als dritte Nuklearmacht der Welt befindet sich aber wirtschaftlich wohl allenfalls in der dritten Liga. Wie lange kann das Land mit einem solchen Widerspruch leben?
OWEN: Es kann es nicht. Deshalb müssen wir unsere Verteidigungsanstrengungen in Europa rationalisieren. Diese Regierung wird von jetzt an bis 1988 den Verteidigungsetat um real sieben Prozent kürzen. Europa wird sich damit abfinden müssen, daß die Verteidigungsanstrengungen Großbritanniens nicht mehr so groß sein werden wie vorher. Die Lasten in Europa werden verteilt werden müssen. Es sollte anerkannt werden, daß wir mit unserer Flotte, vor allem mit unseren Nuklear-U-Booten, einen besonderen Beitrag zum Nato-Bündnis leisten.
SPIEGEL: Die Bundesrepublik Deutschland wird oft als wirtschaftlicher Riese angesehen, der politisch nur ein Zwerg ist. Gilt das für Großbritannien im umgekehrten Sinn?
OWEN: Ich glaube, so hat man die Bundesrepublik in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern eingeschätzt. Heute ist sie eine gut austarierte, einflußreiche und wichtige Macht geworden. Im übrigen, glaube ich, kümmern sich die Vereinigten Staaten mehr um die Bundesrepublik Deutschland, und wenn es eine besondere Bindung im herkömmlichen britischen Sinn zu einem europäischen Land gibt, dann trifft das mehr auf die Bundesrepublik als auf Großbritannien zu. Mit diesem Bild kommen Sie mir nicht davon, es stimmt nicht mehr.
SPIEGEL: Trifft es denn umgekehrt für Großbritannien zu?
OWEN: Ich meine auch nicht, daß dies die andere Seite der Medaille darstellt. Wir haben immer noch ein erhebliches Wirtschaftspotential. Welches andere Land kann denn schon behaupten, daß es sich mindestens für 15 Jahre selbst mit Öl versorgen kann, daß es massive Ölreserven und dazu Kohle für die nächsten 300 Jahre hat! Unser Problem besteht darin, daß wir noch nicht begriffen haben, wie wichtig es ist, die Industrie an die erste Stelle zu setzen. Das gilt für alle unsere Politiker. Wir meinen, wir werden Stimmen verlieren, sobald wir das tun. Deshalb versprechen wir alles: Gesundheit, Erziehung, soziale Sicherheit und Industrie. Aber wir entscheiden uns nicht. Jetzt aber, da unsere wirtschaftliche Position schwächer wird, stehen wir vor der Notwendigkeit einer Wahl.
SPIEGEL: In Kriegs- und Krisenzeiten können sich die Briten offensichtlich immer wieder zusammenreißen und offenbaren eindrucksvoll Solidarität und Stärke. Warum ist das in Friedenszeiten nicht möglich?
OWEN: Während der Krise um die Falkland-Inseln haben wir uns tatsächlich zusammengenommen. In den Werften meines eigenen Wahlkreises wurden Schiffe innerhalb von 36 bis 48 Stunden umgerüstet; normalerweise hätte das Monate gedauert. Auch die Gewerkschaften machten mit und verzichteten auf alle hemmenden Absprachen. Da wurden plötzlich über Nacht Tanker in Hubschrauberträger umgewandelt. Es gab uns beträchtlichen Aufschwung.
SPIEGEL: Aber bald danach war alles wieder wie immer. Was ist mit dem Abenteurergeist geschehen, der Großbritannien einst zur politischen und wirtschaftlichen Weltmacht werden ließ?
OWEN: Ich glaube, es gibt ihn noch. Wir haben ihn nur mit unserem Zynismus, mit unserer Schrulligkeit unterdrückt. Nun müssen wir ihn wieder hochkommen lassen und das bedeutet daß wir Risiken eingehen und gelegentlich auch Bankrott machen. Dann rappelt man sich wieder auf und beginnt aufs neue. Beamte müssen Fehler machen dürfen und Politikern muß nachgesehen werden, wenn sie hin und wieder einen Bock schießen. Schließlich haben wir eine neue politische Partei geschaffen, was in diesem Land keiner für möglich gehalten hätte. Und nun feiern wir schon bald unseren fünften Geburtstag.
SPIEGEL: Was also ist zu tun, um den Abstieg aufzuhalten und die im Lande offenkundige Bereitschaft, sich damit abzufinden? Welche Medizin kann Dr. Owen dem Patienten Großbritannien verschreiben?
OWEN: In unserem Mehrheitswahlsystem gibt es ein althergebrachtes Konfliktinteresse, sich jederzeit allem zu widersetzen. Wir müssen das Wahlsystem ändern und Regierungen bilden, die mindestens für die Hälfte der Wähler sprechen. Normalerweise bedeutet das Koalitionen und das ist eine sehr gute Sache. Wir müssen die Polarisierung unserer Politik auf lokaler und nationaler Ebene beenden. Die Einführung des Verhältniswahlrechts wird unsere Probleme natürlich nicht automatisch lösen: sie bringt auch nicht Wachstum. Aber sie wird eine Haltung schaffen, die Partnerschaft zuläßt, Zusammenarbeit. Kontinuität und ein größeres Maß an Stabilität.
Mit SPIEGEL-Redakteuren Hans Hielscher und Hans Gerhard Stephani.
Von H. Hielscher und H. G. Stephani

DER SPIEGEL 11/1986
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