10.03.1986

„Wir sind die Herren, das Land ist unser“

Südafrika und die Angst der Buren vor der Zukunft (V) / Von Paul M. Schuhmacher *
Einer von vielen strahlend schönen Sommertagen am Kap der Guten Hoffnung. Im wolkenlosen, von Umweltschmutz nicht getrübten Himmel schwirren glitzernde Insekten, Möwen umsegeln die großen Apartmentgebäude in Seapoint, von denen keines so hoch ist, daß es die Menschen erschreckt.
In den Straßencafes des kosmopolitischen Vororts von Kapstadt löffeln braungebrannte Müßiggänger Softeis. Jogger aller Hautfarben traben die Strandpromenade entlang. In Restaurants und Kinos verkehren Weiß und Schwarz spannungsfrei miteinander.
Ist das von Krawallen erschütterte "Südafrika im Sommer des Aufstands" nur eine journalistische Fiktion? Hat "das neue Südafrika" schon begonnen, das Präsident Pieter Willem Botha in seiner Eröffnungsrede vor dem Kapstädter Parlament Ende Januar beschwor?
"Amanda", röhrt eine vieltausendköpfige Menge am selben Sommer-Samstag aus heiseren Kehlen. Schwitzende schwarze Menschen in ärmlicher Kleidung stoßen die Fäuste in den rauchgetrübten Himmel. Irgendwo zwischen den schäbigen Hütten aus Wellblech und Karton des Slumviertels Crossroads schwelt Unrat.
Die Menge trägt junge Genossen zu Grabe, die im Kampf gegen die Sicherheitskräfte der weißen Minderheitsregierung gefallen sind. Jugendliche in den Uniformen der militanten Untergrundbewegung ANC (African National Congress) salutieren vor den acht Särgen und geloben den toten "Helden des Befreiungskampfs" blutige Rache. "Amandla ngawethu", die Macht gehört uns, schreien die jungen Revoluzzer.
Eine schwarze Rauchfahne am Rand der Siedlung, wo die vorzügliche Stadtautobahn nach Seapoint führt, zeugt von der Wut der Aufständischen. Ein Personenwagen - die Insassen sind in Todesangst entkommen - brennt vor einer Straßenbarrikade.
Kein Zweifel: In den Townships, den schwarzen Wohngebieten rund um die Städte der Weißen, herrschen die jungen politischen Aktivisten - oder auch der Mob, das ist manchmal schwer zu trennen. Die staatlichen Ordnungskräfte beschränken sich vielfach auf Kontrollfahrten an der Peripherie der Schwarzen-Gettos.
Kein Fernsehfilm über den gewalttätigen, nun schon anderthalb Jahre andauernden Rassenkrieg im Kap-Staat vermag die bis zur Schizophrenie gesteigerten Gegensätze Südafrikas darzustellen. In Seapoint - und jede Großstadt hat mittlerweile solche Oasen der Rassengleichheit - herrschen Tag und Nacht brasilianische Zustände.
Im Jugendtreff "Carousel" und an den schier endlosen Atlantikstränden vergnügen sich Menschen aller Hautfarben, gerade so, als stünden einige Kilometer weiter auf der anderen Seite der Tafelbucht nicht noch immer die "Whites only"-Schilder im Sand.
In den Doppeldeckerbussen, die im progressiven Kapstadt schon vor Jahren, zunächst unten für Weiße und oben für Schwarze, gemischtrassisch wurden, sitzen die Fahrgäste mittlerweile kunterbunt durcheinander. Aber: Durch die eingeworfenen Fensterscheiben streicht
laue Zugluft. Bei fast allen Bussen, wie auch bei Lieferfahrzeugen ist nur der Fahrer eingegittert gegen den Steinhagel rebellischer Jugendlicher.
Die sonnendurchflutete Idylle der kapstädtischen Riviera zwischen Seapoint und Camps Bay ist nur scheinbar unberührt vom Rassenkonflikt. Hoch über den weißen Stränden von Clifton steht an einem Samstag im Januar ein bekümmerter Südafrika-Einwanderer aus Italien auf der Terrasse seiner dreigeschossigen Villa.
Er versucht, die großen Auktionsschilder am Hauseingang zu übersehen, und genießt zum letzten Mal den Ausblick auf das Meer und die Zwölf Apostel. Die so genannte Bergkette schmiegt sich an den Tafelberg, das Wahrzeichen Kapstadts, der immer weniger Touristen anlockt, seit die Rassenkämpfe weltweit Schlagzeilen machen.
"Erst habe ich die Krise nicht ernstgenommen", berichtet der italienische Textilhändler, "denn schließlich hat man Südafrika in den letzten dreißig Jahren schon so oft den Untergang vorhergesagt." Gelassen ertrug er den Verfall der Rand-Währung. 1983 kostete ein US-Dollar ungefähr einen Rand, dann zwei und plötzlich fast drei, nachdem Präsident Botha im August vorigen Jahres in harten Worten die Grenzen seiner Reformbereitschaft abgesteckt hatte. Derweil galoppiert die Inflation, wie seit Jahren, zweistellig weiter.
Der schwarze Käuferboykott ruinierte den Tuch- und Kleiderhändler aus Clifton. "Wie abgeschnitten war im vierten Quartal letzten Jahres das Geschäft mit den Schwarzen, die mittlerweile für viele weiße Geschäftsleute die wichtigsten Kunden geworden sind.
Systematisch filzen jugendliche Schwarze Einkaufstüten und Handtaschen an Bushaltestellen und auf Bahnsteigen. Waren aus "weißen" Geschäften werden in den ständig wechselnden Boykottzonen von den kämpferischen Kontrolleuren beschlagnahmt und vernichtet. Es soll sogar vorgekommen sein, daß Boykottbrecher nicht nur verprügelt, sondern auf der Stelle gezwungen wurden, Flaschen mit Reinigungsflüssigkeit oder Speiseöl leerzutrinken.
Das Traumhaus des bankrotten Textilmillionärs kam für eine knappe Viertelmillion Mark unter den Hammer - ein Spottpreis und Indiz für den zerrütteten Immobilienmarkt. Vor zwei Jahren hätte die Villa in Clifton noch den drei- bis vierfachen Verkaufserlös gebracht.
Selbst junge Weiße, die auf der Sonnenseite Südafrikas aufwachsen, unterhalten sich offen über die Vorzüge von Australien und Kalifornien. Angehende Ärzte und Anwälte sprechen über "das Papier". Gemeint ist die Rückstellung vom Militär. Seit nicht nur Polizei, sondern auch Wehrpflichtige in den schwarzen Aufruhrgebieten eingesetzt werden, hat die Wehrmüdigkeit erheblich zugenommen.
Die Verweigerungsgruppe ECC (End Conscription Campaign) erfreut sich wachsender Beliebtheit, wenngleich vorwiegend bei weißen Oberschülern und Studenten, von denen die meisten wiederum Englisch sprechen. Junge Buren, "Afrikaaner", trauen sich viel seltener, ihre traditionelle, von Eltern und Kirchen geprägte Weltsicht aufzugeben.
Wehrdienst ist für das Gros der Afrikaaner Ehrenpflicht, auch wenn das Militär
immer öfter zu Bürgerkriegseinsätzen abkommandiert wird. Den wenigen anerkannten Wehrdienstverweigerern aus religiösen Gründen werden in Südafrika einige Extra-Jahre Zivildienst als Strafe verordnet.
In der ECC-Kampagne sehen die Behörden den Versuch kommunistischer Unterwanderung. Selbst für harmlose Ulks müssen die Wehrdienstgegner mit Verhaftung und Prügel rechnen. Als eine johlende Gruppe junger Leute in Badehosen unlängst am Strand von Clifton zum Protest eine riesige Sandburg bauen wollte, bereiteten Polizisten dem Spaß ein Ende. Sie verboten das Spektakel auf Grund eines "Strandordnungsgesetzes" aus dem Jahr 1934 und ließen ihre berüchtigten Hartgummipeitschen sausen.
Die paramilitärische Polizei ist eine kampferprobte Truppe von gegenwärtig 45000 Mann, die jetzt auf beinahe 60000 aufgestockt wird. Der Bedarf an weißen Rekruten (etwa die Hälfte der Ordnungsmacht) läßt sich ohne Schwierigkeiten aus Kreisen der afrikaanssprachigen Unter- und Mittelschicht decken.
Denn die Apartheidsänderungen der letzten Jahre, wie der Abbau der "job reservation" für Weiße, haben nicht nur eine neue, mäßig wohlhabende schwarze Bürgerklasse hervorgebracht, sondern auch ein altes Problem wiederbelebt: In gleichem Maße, wie Schwarze in Facharbeiter- und Managementpositionen aufrückten, erhöhte sich die Zahl der arbeitslosen armen Weißen.
Im Handel, beim Verkauf und an den Kassen der Supermärkte sieht man kaum noch weiße Gesichter. Selbst bei Banken, Post und Eisenbahn haben Schwarze mittlerweile viele der Posten übernommen, die einstmals eigens für "arm blankes" geschaffen und freigehalten wurden. Die Machtübernahme der bis heute regierenden Nationalen Partei (NP) vor 38 Jahren,gründete vor allem auf dem Versprechen, das Problem der armen Weißen zu lösen - auf Kosten der Schwarzen.
Ein Untersuchungsbericht Ende der dreißiger Jahre ermittelte, daß rund 300000 Menschen - oder 17,5 Prozent der weißen Bevölkerung - "sehr arm" waren. Die meisten davon waren damals, wie heute, afrikaanssprachig. Doch anders als vor fünfzig Jahren kann es sich heute keine Regierung ökonomisch mehr leisten, auf die oft dem Trunk verfallenen armen Weißen Rücksicht zu nehmen.
Die weißen Arbeitslosen sind der Katalysator für eine gefährliche rassistische Reaktion unter der weißen Minderheit. Skrupellos nutzen rechtsradikale Gruppen wie die "Afrikaner Weerstandsbeweging" (AWB) die Existenzängste der armen Weißen.
In flammenden Blut-und-Boden-Reden machen sie Stimmung gegen den Verräter des Burentums, Präsident Botha. Meist erfreuen sie sich "bester Beziehungen auch zu gehobenen Rängen der Polizei", wie der AWB-Führer Eugene Terre Blanche gern zugibt.
Ihre Kampfpraktiken entnehmen sie erzrassistischen burischen Geschichtsbüchern. Kürzlich verkündete AWB die landesweite Gründung von regionalen Zellen, genannt "Brandwachen. Damit haben die Eiferer aus ihrer Sicht die Vorstufe zur Gründung weißer Burenrepubliken erreicht.
Leute solcher Denkweise gehen noch immer zum "Kaffernschießen". Als Jacobus Marthinus Francois Dames, 27, John Stephen Jordan, 30, und Hendrik Johannes Kleingeld, 31, Anfang Februar von der Kaninchenjagd heimkehrten, schossen sie "nur so" aus ihrem fahrenden Auto auf vier schwarze Fußgänger, die ins Krankenhaus mußten.
Weiße Extremisten gehen nicht eben selten auf solche Jagdzüge. In diesem Fall hatten die drei Schützen das Pech, eines ihrer Opfer in unmittelbarer Nähe einer Polizeistation niedergestreckt zu
haben. Gegen 1000 Mark Kaution auf freiem Fuß, sollen sie jetzt wegen Mordversuchs vor Gericht.
Auch zwei im Parlament vertretene Rassistenparteien, die von der NP abgesplitterte "Konserwatiewe Party" (KP) und die "Herstigte Nasionale Party" (HNP - Wiedererstandene Nationale Partei), verdanken ihre steigende Beliebtheit einzig ihrer harten Haltung in der Rassenfrage. Wenn der KP-Führer Pastor Andries Treurnicht oder der (noch) einzige HNP-Volksvertreter Louis Stofberg in überfüllten Stadtsälen auftreten und gegen die "swart gevaar" wettern, dann steigen Apartheidsveteranen Tränen der Begeisterung in die Augen. Durch wütendes Füßestampfen beweist die Menge alsdann ihre Zustimmung: "Kaffir, op jou plek" (Kaffer, auf deinen Platz), schreien sie vergnügt.
Genauso war es in den ersten Jahrzehnten der legalisierten Rassendiskriminierung nach 1948. Da prangten über öffentlichen Pissoirs "Net Blankes"-Schilder. Die letzten schrauben jetzt Trödler von den Wänden, um sie in Kapstadts Long Street an Touristen zu verkaufen. Parkbänke waren für Weiße, wenige für Schwarze reserviert, und öffentliche Gebäude hatten getrennte Eingänge und Fahrstühle. Damals sprangen die "Kaffern" vom Bürgersteig, wenn ihnen ein Weißer entgegenkam.
Eine Blütezeit erlebte das Unrechtssystem unter dem bis heute von Weißen als Apartheidsvater verehrten, 1966 ermordeten Premier Hendrik Verwoerd. Damals wurde die Idee der Apartheid zumindest theoretisch begründet: Das spannungsreiche Miteinander der Rassen sollte durch ein friedliches Nebeneinander ersetzt werden. Jede ethnische Gruppe sollte sich in eigenen Territorien selbst regieren und so ihre "Identität bewahren. Ein Deutscher hatte die Buren auf diesen Irrweg gelockt; der Missionarssohn Werner W. Max Eiselen gilt als der Erfinder der Apartheidsdoktrin.
Schon Verwoerd-Nachfolger Balthazar Johannes Vorster mußte einsehen, daß die Erfordernisse einer rapide wachsenden Industriegesellschaft in der Kap-Republik nur durch eine Lockerung der Rassendoktrin zu erfüllen waren. Deshalb bröckelte schon in den siebziger Jahren die "job reservation".
Der knorrige Vorster, populär und respektvoll "Oubaas" (alter Boss) genannt, begann die Apartheid zusehends zu lockern. 1971 lud er den Staatschef des nördlichen Nachbarlandes Malawi, Hastings Banda, nach Südafrika ein. Der schwarze Autokrat hatte einstmals als "boy" in den Minen gearbeitet. Seinen Handschlag mit Vorster ließ er sich seitdem mit vielen Millionen Entwicklungshilfe vergüten.
Das Staatsdiner für den schwarzen Staatsgast wurde taktvoll, aber auch listig, nicht in der Hauptstadt Pretoria, sondern in der Industriemetropole Johannesburg ausgerichtet, wo Anglo-Südafrikaner von jeher weniger mit Rassenideologie als vor allen Dingen mit Geldzählen beschäftigt sind. Gleichzeitig wollte man den burischen Wählern - Fernsehen gab es damals noch nicht - den schmerzlichen Anblick aus der Nähe ersparen, wie ihr Führer die schwarze
Partnerin des Malawi-Präsidenten galant willkommen hieß.
Vorster stattete in seiner Amtszeit mehreren afrikanischen Hauptstädten Geheimbesuche ab. Er nannte dies "Detente". Für die 1969 von der Nationalen Partei abgesplitterte HNP war deshalb schon Vorster ein "Verräter, obwohl sein Versuch eines Dialogs mit Schwarzafrika am Ende kläglich mißlang, gescheitert an der Weigerung, die Apartheid abzuschaffen.
"Die Nation der Afrikaaner ist mit all ihren Eigenschaften und mit ihrem Schicksal von dem dreifaltigen Gott in dieses Land gestellt worden ... Diese Nation ist dazu berufen, so lange zu existieren, wie es Gott gefällt." Unheilvoll klingt mittlerweile, was die neu aufzunehmenden Brüder im "Afrikaner Broederbond" schwören müssen. Der Schwur wird in einem verdunkelten, nur von zwei Kerzen schummrig beleuchteten Zimmer abgelegt.
Der Geheimbund hat mehr als zwölftausend Mitglieder. Die meisten Pfarrer der Quasi-Staatskirche "Nederduitse Gereformeerde Kerk" sind Brüder. Aber auch Lehrer, Staatsbeamte und Offiziere, die vorankommen wollten, mußten - zumindest bis vor kurzem - dem "Broederbond" beitreten.
Damit ist es jetzt vorbei. Die verschworene Gemeinschaft fühlte sich einstmals durch den Kampf für die angeblich gottgewollte Rassenordnung verbunden. Doch nun hat die Regierung selber die Devise ausgegeben: Apartheid ist tot. Wie tot, darüber streiten sich heutzutage die Buren so erbittert wie seit dem "Großen Treck" nicht mehr, als die Führer der Ochsenwagenkolonnen über die Marschrichtung aneinander gerieten.
Ehedem, als die Voortrekker mit Bibel und Büchse den Schwarzen Kontinent von seiner Südspitze her eroberten, machten sie gute Erfahrungen mit der Wagenburg, den im Kreis aufgestellten Ochsenkarren, hinter denen sie sich verschanzten. "Laager"-Mentalität bestimmt auch heute noch das Denken der Afrikaaner. Das macht sie mißtrauisch und bauernschlau, verschlagen manchmal und doppelzüngig.
Die heutigen Machthaber am Kap sind Meister darin, die ganze Welt an der Nase herumzuführen. Zum Beispiel gebärden sie sich unablässig als standhafte Kämpfer gegen den Kommunismus. Das dient dem Machterhalt, denn jeder Apartheidskritiker ist nach dieser Gleichung im Zweifelsfall ein Roter.
Doch kann der Haß auf die UdSSR so schlimm in Wirklichkeit wohl nicht sein: Südafrika und die Sowjet-Union sind die bedeutendsten Produzenten von Gold und Diamanten, durch natürlich nie eingestandene Absprachen halten sie die Preise seit Jahrzehnten erstaunlich stabil.
Mal geben sich die weißen Machthaber nachgiebig, so, als sie im letzten Jahr trotz des Widerstands von rechts das Mischehenverbot und die Unzuchtparagraphen (Liebe über die Rassenschranken) aus dem Gesetzbuch strichen. Dann wieder treten sie mit rabiater Härte auf und legitimieren gesetzlich das brutale Vorgehen schießwütiger Polizisten und Soldaten in den Townships, solange sie nur "guten Glaubens" handeln.
Auf jeden Fall gelingt es den weißen Machthabern immer wieder, selbst so erfahrene und wohlwollende Regierungen wie die Konservativen in Washington und London am Ende ratlos zu machen. Geschickt verweisen sie in vertraulichen Gesprächen mit Diplomaten und Journalisten auf ihren Rassistenflügel, der angeblich eine raschere Reform der Apartheid nicht zulasse, und bitten um Zeit.
Tatsächlich haben zahlreiche Meinungsumfragen der letzten Jahre bewiesen, daß Botha, wäre er ein echter Erneuerer, der schnell und wirksam handelt, nicht nur die weitaus größte Mehrheit der Weißen, sondern auch viele Schwarze auf seiner Seite hätte.
Allerdings müßte der Burenchef dann von seiner Überzeugung eines alleinigen Herrschaftsanspruchs des "auserwählten" Afrikaaner-Volks lassen. Für Leute seines Schlages käme das der Aufforderung zur Entmannung gleich.
Identität, Einheit und Überleben - aus diesen drei fast mythischen Begriffen haben sich die Afrikaaner eine Festung gebaut, die nun zu ihrem Gefängnis geworden ist. Erschrocken und bewegungsunfähig starre Botha auf den durch seine zaghaften Apartheidsänderungen ausgelösten "broedertwis", den Bruderstreit, meinen Leute, die ihn gut kennen.
Es ist fraglich, ob der bekannte südafrikanische Schriftsteller und Alt-Liberale
Alan Paton ("Denn sie sollen getröstet werden") heute wiederholen würde, was er einstmals über Botha sagte: Er sei der "beste" Führer, "den Südafrika jemals hatte". Aus dem Reformator ist inzwischen ein Cunctator, ein Zauderer, geworden.
Nach vielen Jahren als Verteidigungsminister hatte Botha den Spitznamen "Waffen-Piet", als er 1978 an die Spitze der Regierung kam. Ihm ging der Ruf voraus, erst zu schießen und dann zu denken. Fraglos hatte er das Parlament belogen, als er Mitte der siebziger Jahre versicherte, es stehe kein südafrikanischer Soldat in Angola.
Die ganze Welt, außer den Südafrikanern, wußte zu diesem Zeitpunkt bereits, daß blonde, bärtige Männer von Namibia aus nach Norden vorgestoßen waren und auf der Seite der gemäßigten Befreiungsbewegung Unita gegen die kubanisch unterstützte MPLA in den Bürgerkrieg eingegriffen hatten.
Dennoch galt Botha auch als Saubermann, der eine "ordentliche Verwaltung'' versprach. Sein Vorgänger Vorster war letztlich über den "Informations-Skandal" zu Fall gekommen: Mit Millionen jonglierende Angehörige des Informationsministeriums hatten weltweit Ansehen und publizistischen Einfluß für die geächtete Kap-Republik kaufen wollen.
Da machte es sich gut, daß Botha im Ruf steht, ein äußerst frommer Mann zu sein. Jeden Morgen vollzieht sich ein eigentümliches Ritual im holzgetäfelten Amtszimmer Bothas: Der Bure kniet mit einem Militärpfarrer vor seinem Schreibtisch nieder und betet, daß des Tages Arbeit gelingen möge.
Dennoch blieb ihm bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten ein Triumph vor der klassizistischen Prachtkulisse des Kapstädter Parlaments versagt. Zunächst mußte er den ehemaligen Vorster-Kronprinzen Cornelius Mulder aus dem Weg räumen; der dritte Bewerber war Außenminister Roelof ("Pik") Botha. Als der schließlich siegreiche Pieter Willem Botha auf die Stufen des ehrwürdigen Kap-holländischen Gebäudes trat, hallte ihm der Ruf entgegen: "We want Pik."
Amtlich wird heute die Mär verbreitet, es sei eine Gruppe von Farbigen gewesen, die damals den Ruf nach "Pik" (von "Pikkewyn", zu deutsch: Pinguin) Botha angestimmt habe. Tatsächlich demonstrierten junge Weiße jenseits der gußeisernen Tore gegenüber dem Parlament. Sie zeigten in einer bis dahin noch nie gekannten, öffentlichen und respektlosen Form ihre Präferenz für den liberaleren der beiden Bothas.
"PW", wie der Präsident heute kurz, wegen der Vielzahl der Bothas in Südafrika, genannt wird, überraschte zunächst durch ein rhetorisches Feuerwerk. Apartheidsgegner entzückte er mit reformerischen Tiraden. Zum Beispiel stellte er seine Landsleute vor die Wahl: "Anpassen oder sterben." Apartheidsverfechter seiner eigenen Partei erschreckte Botha mit der Kampfansage: "Nur Leichenzüge bewegen sich heutzutage noch langsam."
Mehr als jemals zuvor war am Anfang der Amtszeit Bothas ein friedlicher Wandel der häßlichen Rassentrennungsideologie möglich. Immer neue Wortkreationen, die der Apartheid ein menschlicheres Antlitz zu verleihen schienen, ließen selbst viele Schwarze hoffen. Mehr als die Hälfte fand damals die neue Regierung "ziemlich gut". Krönung der Verkündungskampagne
war schließlich die "Botha-Doktrin": Die Südafrikanische Republik, hieß es darin, sei von einem "totalen Angriff" bedroht, dem man mit einer "totalen Strategie" begegnen werde.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt offenbarte die Wortwahl, aber auch die personellen Veränderungen, die Botha in rascher Folge vollzog, wes Geistes Kind die neue Regierung wirklich war. Militärs hatten die "total strategy" formuliert.
Der langjährige Botha-Vertraute als Chef der Streitkräfte, General Magnus Malan, wurde Verteidigungsminister; viele Uniformierte rückten - in Zivil - auf die schleunigst freigemachten Ministerstühle.
Malan gilt seitdem als graue Eminenz, die sich zumindest öffentlich vor allem durch Wortkargheit auszeichnet. Schon vor Jahren offenbarte er allerdings seine Überzeugung: "Die Erfordernisse einer totalen Strategie stehen im direkten Widerspruch zu denen eines demokratischen Regierungssystems." Bei den Apartheidsreformen gelten die Militärs dennoch als fortschrittlich, weil sie langfristig nur eine politische Lösung des Konflikts sehen.
Höchstes Entscheidungsgremium im Burenstaat ist nicht mehr das Kabinett, sondern ein mysteriöses Gremium, der "Staatssicherheitsrat", in dem Polizei und Militärs den Ton angeben. 1972 war das Gremium als beratendes Organ gegründet worden, in dem neben dem Regierungschef die Minister für Verteidigung, Außenbeziehungen, Justiz sowie Vertreter der Staatssicherheitsorgane der Polizei und des Militärs sitzen.
Schon ein Jahr nach der Regierungsübernahme Bothas wurden die Aufgaben neu definiert. Von da an, so steht es im Weißbuch von 1979, "führte" der Rat den "nationalen strategischen Planungsprozeß". Entscheidungen in staatlichen Unternehmen, wie bei den Elektrizitätswerken Escom oder dem Stahlhersteller Iscor, oder selbst in privaten Schlüsselindustrien können seitdem von oben getroffen werden.
Von vornherein galt Botha, soeben 70 geworden, als hervorragender Organisator. Er hat sein Leben lang nichts anderes gemacht, als politische Fäden zu spinnen. Mühelos gelang es ihm nach einem haushoch gewonnenen Referendum (unter Weißen), aus der britisch geprägten Republik nach Westminstervorbild im September 1984 einen Präsidialstaat (ohne schwarze Beteiligung) zu machen.
Exekutivpräsident Botha verfügt, vergleichbar mit anderen afrikanischen Präsidenten, über nahezu uneingeschränkte Machtbefugnisse. Die Einführung ins Präsidentenamt wurde ein glanzvolles Ereignis für den zur Selbstherrlichkeit neigenden Botha, eine Entschädigung für seinen kläglichen Start als Regierungschef sechs Jahre zuvor.
Administrativ hat "PW" das Land über ein riesiges "Büro des Staatspräsidenten" im Griff, das gegenüber allen anderen Ministerien weisungsberechtigt ist. Als Denkfabrik und Schiedsstelle des Mit gesenktem Kopf mußte er sich am nächsten Tag in einer öffentlichen Parlamentssitzung die Leviten lesen lassen.
Dabei war die Vision von einem schwarzen Präsidenten gar nicht so utopisch. Schon andere jüngere Regierungsmitglieder, die sich nach dem Eklat schützend und schutzsuchend zugleich um Pik scharten, hatten das gleiche gesagt. Erbost hatte den Präsidenten vielmehr die Spekulation um sein Amt, zudem von einem Mann, der als sein Nachfolger im Gespräch ist.
Ein anderer Kandidat verhielt sich weitaus klüger. Ungerührt von spöttischen Journalistenfragen erklärte Erziehungsminister F. W. de Klerk - ganz im Sinne seines Chefs - den "multikulturellen Charakter unseres Landes", so ein neues Schlagwort und verschleierndes Synonym für Apartheid. Fazit: Das Rassendogma bleibt in den Gesetzbüchern verankert.
Der "Population Registration Act" gebietet die rassische Einstufung jedes Neugeborenen. Bei gemischtrassischen Ehen muß sich der höher eingestufte, zum Beispiel weiße, Partner auf die niedrigere Rassengruppe, etwa als Mischling, "reklassifizieren" lassen. Sonst würde das Paar, so es unter einem Dach wohnen will, gegen den "Group Areas Act", ein Gesetz zur Reinhaltung weißer Wohngebiete, verstoßen. Auch an Schulen gilt weiterhin das Apartheidsgebot. Alle Erziehungseinrichtungen der _(Mit dem Präsidenten von Mosambik, Samora ) _(Machel, im März 1985. )
Regierung bleiben streng nach Hautfarben getrennt.
Wie lange sich der Apartheidsirrwitz noch halten kann, darüber wagen auch afrikaanssprachige junge Weiße bereits in aller Offenheit zu spekulieren. Studenten der fortschrittlichen Universität von Stellenbosch wollten unlängst "zum Kennenlernen" mit dem verbotenen ANC in dessen Exil in der sambischen Hauptstadt Lusaka diskutieren. Als ihnen die Regierung die Reiseerlaubnis verweigerte, protestierten sie öffentlich gegen die Bevormundung - und einige reisten Wochen später doch noch zu einer ANC-Konferenz nach Simbabwe.
Burische Abtrünnige - aus der Sicht des Establishments - weisen den Jungen den Weg. Furchtlos stellt sich immer wieder der Generalsekretär des südafrikanischen Kirchenrats, Christiaan Frederik Beyers Naude, den hoffärtigen Machthabern entgegen. Die Schelte des Kirchenmannes erzürnt die Vormänner des Regimes besonders: Er predigte früher in ihren Gotteshäusern und war einstmals mit den Mächtigen im "Broederbond" liiert.
Der kecke Satiriker Pieter Dirk Uys aus dem Clan des Voortrekker-Führers Jacobus Uys verulkt die Präsidentenriege allabendlich im Kapstädter Nico-Malan-Theater. Der Titel seiner Show ist das berühmte Botha-Wort: "Anpassen oder sterben".
Zur kleinen, aber hochkarätigen Schar burischer Anti-Apartheidkämpfer gehört auch der Historiker Floors van Jaarsveld. Vor Jahren hatte er schon die emotionale Selbstverherrlichung der Afrikaaner, verewigt in Pretorias bombastischem Voortrekker-Denkmal, angekratzt. Vielleicht habe das Schießpulver und nicht der liebe Gott die Buren vor den Speeren der Zulus bei der Schlacht am Blood River gerettet, stichelte van Jaarsveld.
Daraufhin wurde er von AWB-Extremisten geteert und gefedert. Der Geschichtsprofessor dachte wohl an die Zeit nach der Apartheid und stiftete seinen gefiederten Anzug dem Nationalmuseum in Bloemfontein.
Die Voortrekker der Vernunft stehen bislang auf verlorenem Posten, unausweichlich scheint der rassische Showdown in Südafrika. Die wütenden "Amandla"-Schreie aus den Townships lassen die Säulen der weißen Vorherrschaft erzittern, aber noch droht kein Einsturz. Die Buren sind kampfbereit. "The Boers" sind für die zornigen Schwarzen längst nicht mehr nur die Afrikaaner, sondern alle Weißen.
Sie verschanzen sich hinter immer höheren Mauern um ihre gepflegten Anwesen, mit immer mehr bissigen Hunden und Alarmanlagen, bewaffnet bis an die Zähne. Das Staatsfernsehen fördert die zuweilen gespenstisch anmutende Ahnungslosigkeit der Weißen durch zensierte Informationen. Seit letztem November dürfen in Südafrika keine Bilder mehr von den täglichen blutigen Krawallen veröffentlicht werden.
Dennoch haben bereits Tausende, die es sich leisten konnten - Ärzte. Anwälte und Fachleute aus allen Industriezweigen - ihrem Sonnenparadies am Kap den Rücken gekehrt. Viele, die durch den Währungsverfall und die strenge Kontrolle der Devisenausfuhr momentan zum Bleiben gezwungen sind, stehen auf dem Sprung. Andere verwahren den ausländischen Paß, der Großmutter väterlicherseits sei es gedankt, gleich neben der Flinte als Rückversicherung.
"Wir beginnen zu erkennen, daß die Schwarz-Weiß-Konfrontation über uns gekommen ist", analysiert Marcia Haak aus Johannesburg die Gemütslage der Minderheit. "Das macht uns ängstlich und gefährlich." Die examinierte Psychiatrie-Krankenpflegerin ist Zwillingsschwester des abgedankten Oppositionsführers Frederik van Zyl Slabbert.
Der ehemalige Chef der Progressiven Föderalen Partei (PFP) stritt über sechs Jahre lang gegen seine stur apartheidsgläubigen burischen Landsleute, dann, im Februar, trat er spektakulär zurück. "Ich sehe keinen Sinn mehr in der parlamentarischen Opposition", erklärte van Zyl Slabbert, er sei sich zunehmend als "Vorzeigegegner der Herrschenden" vorgekommen. Zukünftig will sich der 46jährige, auch er ein Voortrekker der Vernunft, als Gesprächspartner für die außerparlamentarische Opposition freihalten - für den ANC und die interne, mächtige Anti-Apartheidsbewegung United Democratic Front (UDF).
Unter populären Schirmherren, wie dem Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu und dem Kapstädter Präsidenten des reformierten Weltbundes, Pastor Allan Boesak, wurde die UDF zum Sammelbecken vieler Oppositionsgruppen. Studenten- und Gewerkschaftsbewegungen, Frauenvereine und Kirchengruppen, darunter auch etliche Weiße, haben sich das gemeinsame Ziel gesetzt, die Apartheid gewaltlos, wenn nötig mit zivilem Ungehorsam, zu Fall zu bringen.
Derweil hat der ANC für das Jahr 1986 die Devise geprägt: "Jeder Patriot ein Kämpfer - jeder Kämpfer ein Patriot". 74 Jahre nach ihrer Gründung will die Befreiungsgruppe mehr Bomben werfen und Landminen legen als jemals zuvor. Es ist das Jahr von "Umkonto we Sizwe" (Speer der Nation), dem militärischen Flügel der Nationalistenbewegung.
Schlimmstenfalls kommt es am Ende doch so, wie Marcia Haak befürchtet: "Wir werden plötzlich merken, daß wir nur Touristen in diesem Land waren, daß wir die Schwarzen nie gekannt haben."
Ende
Mit dem Präsidenten von Mosambik, Samora Machel, im März 1985.
Von Paul M. Schumacher

DER SPIEGEL 11/1986
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