10.03.1986

„Den Katalog der Strafen überarbeiten“

SPIEGEL-Interview mit DFB-Präsident Hermann Neuberger über Schiedsrichter und Fernseh-Urteile *
SPIEGEL: Herr Neuberger, die Schiedsrichter kriegen Feuer von allen Seiten. Einmal gibt es die Fernsehkamera, die alles besser sieht. Und dann melden sich immer prominentere Kritiker zu Wort wie Teamchef Franz Beckenbauer. Gerät eine Institution des Fußballs ins Wanken?
NEUBERGER: Ich sehe noch keine andere Möglichkeit, als unsere Spiele durch Schiedsrichter leiten zu lassen.
SPIEGEL: Beckenbauer hat die Entscheidung des Unparteiischen, die zum Platzverweis des Kölner National-Torwarts Schumacher führte, "lächerlich und "Schwachsinn" genannt. Gibt Ihnen das nicht zu denken?
NEUBERGER: Wir kennen den Franz. Er ist impulsiv. Und er drückt sich bayrisch aus. Wenn er redet wie Sie und ich, klingt er auch humaner. Im übrigen hat der DFB-Vorstand den Schiedsrichterausschuß angewiesen, die entscheidenden Spiele der Bundesliga-Rückrunde nur noch mit den besten Leuten zu besetzen.
SPIEGEL: Wie weit darf man in seiner Kritik gehen?
NEUBERGER: Man sollte den Schiedsrichter zum Beispiel nicht "Flasche" nennen, man sollte ihn sachlich kritisieren, aber nie unter die Gürtellinie schlagen, ihn unmöglich machen.
SPIEGEL: Und wenn die Fernsehkamera ihn unmöglich macht, ihm Fehler nachweist?
NEUBERGER: Die Benutzung von Fernsehmaterial zur Beurteilung von Szenen auf dem Spielfeld halte ich zur Zeit noch für einigermaßen problematisch. Wenn alle Spiele gefilmt würden, wäre das in Ordnung. Aber solange das nicht möglich ist, kann von Gleichbehandlung der Klubs nicht die Rede sein, besteht die Gefahr der Wettbewerbsverzerrung.
SPIEGEL: Will sich der DFB dem technischen Fortschritt verschließen? Das Fernsehauge sieht doch mehr und es sieht genauer.
NEUBERGER: Wie die Kamera etwas sieht und was sie sieht, kommt auf ihre Position an. Sie kann auch die Perspektive verzerren. Im Fall Schumacher zum Beispiel hat mir die sogenannte Hinter-Tor-Kamera gefehlt. Wäre die vorhanden gewesen, wären wir gewiß schlauer, ob Schumacher nun tatsächlich gefoult hat oder nicht.
SPIEGEL: Wollen Sie nun Fernsehbilder als Beweismaterial oder nicht?
NEUBERGER: Wir sollten die Verwendung beschränken. Wenn wir künftig nach jedem Spieltag eine oder zwei Wochen lang nur diskutieren und Fernseh-Aufzeichnungen anschauen und auswerten, ist das unserer Sache auf die Dauer abträglich.
SPIEGEL: Wie kann dann ein Wirbel wie um die Platzverweise des Bremer Liberos Pezzey und des Torwarts Schumacher künftig verhindert werden?
NEUBERGER: Wir müssen uns überlegen, den Katalog der Strafen zu überarbeiten. Der nächste Bundestag des DFB bietet Gelegenheit dazu.
SPIEGEL: Soll zum Beispiel in Zukunft ein Platzverweis nach einer gelben Karte und einem weiteren mittelschweren Foul, wie im Fall Schumacher, nur für das jeweilige Spiel gelten?
NEUBERGER: In England gibt es diese Bemühungen. Deshalb sollte das auch bei uns möglich sein.
SPIEGEL: Wäre es in einem professionell betriebenen Sport nicht angemessen, sämtliche Fouls der Berufsspieler mit Geldstrafen zu ahnden?
NEUBERGER: Das gehört sicherlich auch zu unseren Überlegungen. Einen großen Teil der Fälle könnte man mit Geldstrafen erledigen. Bei schweren absichtlichen Fouls, bei Tätlichkeiten, sind erzieherische Maßnahmen durchaus berechtigt, da kommen wir um eine Sperre nicht herum. Die rohe Gewalt darf nicht auf dem Rasen herrschen.
SPIEGEL: Der Bundesliga-Fußball ist schneller und athletischer geworden, umstrittene Situationen wie in den Fällen _(Oben: Schumacher und Wohlfarth beim ) _(Spiel München gegen Köln am 22. Februar; ) _(unten: Pezzey und Eckstein beim Spiel ) _(Nürnberg gegen Bremen am 15. Februar. )
Schumacher oder Pezzey wird es immer geben. Entscheiden Schiedsrichter mitunter auch deshalb falsch, weil sie dem Spiel läuferisch nicht folgen können?
NEUBERGER: Es gibt Spieler, die nicht so fit sind wie andere. Genauso ist das auch bei den Schiedsrichtern. Übrigens wären zwei Schiedsrichter anstelle von einem ebensowenig eine Lösung.
SPIEGEL: Viele Schiedsrichter erwecken den Eindruck, es sei ihnen wichtiger, sich selbst darzustellen, als das Spiel zu leiten.
NEUBERGER: Vielleicht ist dieses Verhalten eher eine Abwehrreaktion. Das kommt auf das Naturell des einzelnen an. Es gibt echte Spielleiter, die an einem Spieler vorbeilaufen und ihm sagen: Hör mal, Freundchen... und es gibt andere, die ängstlich sind, die Hemmungen haben, und dann einen Panzer um sich legen. Eigentlich sollte die Nähe zwischen dem Spieler und dem Schiedsrichter, eine gewisse Wärme, immer erhalten bleiben.
SPIEGEL: Müßte der DFB bei der Auswahl der Schiedsrichter nicht strengere Maßstäbe anlegen?
NEUBERGER: Uns stehen doch jetzt schon zu wenig Unparteiische zur Verfügung. Wir haben zum Beispiel versucht, ehemalige Spieler zu interessieren, gute Leute, kluge Leute. Wir haben Anreize gesetzt durch höhere Bezahlung. Aber sie sagten alle: Nee, das ist mir zu heiß. Weil sie erlebt haben, wie Schiedsrichter gnadenlos runtergemacht werden.
SPIEGEL: In gewisser Weise sind die Schiedsrichter freilich auch von ihren Ausbildern im DFB irritiert worden. Unlängst galt es noch als das Wichtigste, die Brutalität auf dem Spielfeld zu bekämpfen. Neuerdings müssen die Unparteiischen hauptsächlich auf Spieler achten, die ein Foul des Gegners vortäuschen.
NEUBERGER: Wir haben die Regeln. Und die genügen. Ich finde es falsch, Anweisungen zu geben, etwa: Man sollte besonders darauf achten... oder: Es ist rigoros vorzugehen gegen... Da muß der Schiedsrichter schon wieder ein zusätzliches Soll erfüllen.
SPIEGEL: Außer dem Ärger um die Schiedsrichter muß der DFB sich auch mit den Fragen der Fernsehübertragung von Bundesligaspielen herumschlagen. Eine Begegnung jede Woche live auf dem Bildschirm ist im Gespräch. Ist das Geschäft schon abgeschlossen? NEUBERGER: Richtig, das ist im Gespräch. Ich bin über den letzten Stand der Verhandlungen informiert. Aber ich kann dazu nichts sagen, weil das Thema noch nicht ausdiskutiert ist.
SPIEGEL: Es war schon vom Honorar die Rede. Sat 1 soll neun Millionen Mark geboten haben und will dafür eine Saison lang jede Woche ein Spiel live übertragen.
NEUBERGER: Die Summe stimmt nicht ganz. Mit dem Geld allein ist es
aber nicht getan. Wir haben ja auch das Kartellrecht zu beachten. Ich meine, in einem solchen Fall müssen Angebote von allen Sendern eingeholt werden. Von ARD, ZDF, Sat 1, RTL plus und so weiter.
SPIEGEL: Dem Vernehmen nach tragen sich Werder Bremen, derzeit Bundesliga-Tabellenführer, und Verfolger Bayern München mit dem Gedanken, ihre Partie am 22. April, die womöglich einem Finale gleichkommt, live übertragen zu lassen. Das Honorar soll eine Million Mark betragen. Hat der DFB dagegen etwas einzuwenden?
NEUBERGER: Darüber muß sich der Ligaausschuß Gedanken machen. Die Bestimmung, wonach in den letzten Runden alle Spiele zur gleichen Zeit laufen müssen, spricht dagegen. Aber wenn die Tabellensituation es zuläßt, könnte man von der Grundhaltung abgehen.
SPIEGEL: Eine Live-Übertragung aus der Bundesliga hätte Signalwirkung. Sie selbst haben den Fernsehfachmann Beierlein als Medien-Berater des DFB herangezogen. Weist dies nicht darauf hin, daß auch der DFB die Zukunftssicherung des Profi-Sports in der Fernsehvermarktung sieht?
NEUBERGER: Der Markt wird auch bei uns kommen, es besteht großer Nachholbedarf. Aber wir müssen uns vor Überfütterung des Publikums hüten. Die Bildschirme mit Fußball vollzupacken, das kann nicht die Lösung sein.
SPIEGEL: Das italienische Beispiel zeigt das Gegenteil. Dort quellen alle Kanäle von Fußball über und die Stadien sind trotzdem gut besucht.
NEUBERGER: Je weiter man auf dem Stiefel nach unten kommt, um so geringer ist das Freizeitangebot. Was haben die Leute denn dort? Ihre Spaghetti, ihren guten Wein, den sie preiswert kriegen, ihre Familie und den Fußball. Die bejubelt einen Torschuß noch, wenn er sieben Meter drübergeht. Bei uns schreien sie dann: "Üben, üben!"
Oben: Schumacher und Wohlfarth beim Spiel München gegen Köln am 22. Februar; unten: Pezzey und Eckstein beim Spiel Nürnberg gegen Bremen am 15. Februar.

DER SPIEGEL 11/1986
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