10.03.1986

BOXENGegner gesucht

Der US-Boxprofi Craig Bodzianowski hat sich vorgenommen, US-Meister zu werden - obwohl er eine Fußprothese trägt. *
Seit einem Menschenleben arbeitet Hub Goldman vom "Ring Magazine" in der Branche. Boxer mit fehlenden Fingern oder Zehen waren ihm bekannt. Aber "einer ohne Fuß - das ist unglaublich".
Er mußte sich eines besseren belehren lassen: Im Dezember vergangenen Jahres kletterte der fußamputierte Profiboxer Craig Bodzianowski, 25. in Palos Heights (US-Staat lllinois) in den Ring und siegte in der zweiten Runde durch K. o. Nun will Gator, wie ihn Freunde wegen eines auftätowierten Alligators auf der Brust nennen, den Titel im Leichtschwergewicht.
Bevor er seinen rechten Fuß verlor, hatte Bodzianowski mit der Schlagkraft eines Dampfhammers den Weg zu einer erfolgreichen Karriere mit Knockouts gepflastert. Als Amateur sammelte er 62 Siege in 67 Kämpfen; 1981 war er Meister, Gewinner der begehrten "Goldenen Handschuhe" und anschließend Profi geworden. 13 Profikämpfe beendete er erfolgreich, elfmal schlug er dabei seine Gegner k. o.
Im Mai 1984 schwang er sich zu einer letzten Fahrt auf sein Kawasaki-Motorrad, das er tags darauf verkaufen wollte. Ohne Warnung scherte vor ihm ein Wagen aus. Beim Aufprall des Motorrads wurde Bodzianowskis rechter Fuß zermalmt.
Die Ärzte stellten ihn vor die Wahl: Amputation eine Handbreit über dem Knöchel oder ein für immer verkrüppelter Fuß. "Dann schneiden Sie ihn ab", entschied Bodzianowski.
Weiterboxen wollte er um jeden Preis. Am Abend seiner Entlassung aus dem Krankenhaus spielte er so lange Ball, bis der Knochen am frischvernarbten Stumpf die Haut durchstieß. Drei Monate lag er wieder im Bett und dann noch einmal ebenso lange, als er auf einer neuen Prothese das Lauftraining übertrieb.
Im Juni 1985 kehrte Bodzianowski zum Sparring in den Ring zurück. Als Partner holte er den Schwergewichtler Kip Kane und vergatterte ihn, sein Mehrgewicht voll einzusetzen, sich auf ihn zu lehnen, zu versuchen, ihn umzustoßen. "Ich dachte, den kannst du umblasen", wundert sich Kane. "Aber der stand wie eine Eins."
Bodzianowski sparrte im Training 16 Runden, lief die Meile schneller als zuvor auf zwei gesunden Beinen und strampelte 150 Kilometer auf dem Fahrrad. "Mein Timing ist besser als je", fand er, "meine Schlagkombinationen kommen genau richtig."
Zu seinem ersten Kampf mit der Prothese benötigte Gator eine Lizenz der zuständigen Box-Kommission des US-Staates Illinois.
Die Jury lehnte mit 4:1 Stimmen ab, weil er wahrscheinlich "zu unbeweglich ist, Schlägen auszuweichen". Doch eine genaue ärztliche Untersuchung ergab, daß der Boxer wiederhergestellt war. Mit 5:0 Stimmen entließ das Aufsichts-Gremium Bodzianowski in den Ring.
"Ich hätte mehr Sorgen um einen", sagte Ringarzt Michael Treister, "der zwei oder drei Knockouts hinter sich hat." Tony Arvia, der Trainer eines US-Mittelgewichtsmeisters, meinte, Bodzianowski
"bewegt sich geschickter als früher auf zwei Beinen". Als ersten Gegner nach seinem Unfall bekam Bodzianowski den Straßenarbeiter Francis Sargent vor die Fäuste, der ihm im letzten Kampf vor der Amputation nur nach Punkten unterlegen war. Diesmal schlug er ihn entscheidend in der 2. Runde.
Bodzianowski konnte von seiner Gage gerade die 6000 Dollar teure Prothese bezahlen. Abe die TV-Schau "Good Morning America" holte ihn nach New York, ein Film über sein Leben wird vorbereitet, er trat im italienischen Fernsehen auf, und der Papst empfing ihn in Audienz.
Jetzt sieht Sieger Bodzianowski sich vor einem unerwarteten Problem: Es ist fast unmöglich, neue Gegner zu finden. Denn der Sieg gegen einen amputierten Boxer zählt nichts, eine Niederlage kann die Karriere kosten.
Diese ernüchternde Erkenntnis mußte vor Bodzianowski schon der Bantamgewicht-Boxer Vincent Bell aus Florida machen. Er hatte seinen linken Fuß schon mit vier Jahren verloren, aber dennoch als Amateur 125 von 141 Kämpfen gewonnen. Auch er siegte in seinem ersten Profikampf durch K.o. Dann wollte niemand mehr gegen ihn antreten: Heute arbeitet er als Koch.

DER SPIEGEL 11/1986
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