10.03.1986

„Solidarität der Mittelmäßigen“

Hans-Günter Schmidt über die Misere des bundesdeutschen Handballs Hans-Günter ("Hansi") Schmidt, 43, gilt als einer der besten Handballspieler aller Zeiten. Der Banat-Deutsche bestritt 18 Länderspiele für Rumänien und nach seiner Flucht 98 Länderspiele für Deutschland. Mit dem VfL Gummersbach gewann er siebenmal den Deutschen Meistertitel und viermal den Europapokal. Hauptschullehrer Schmidt lebt in Gummersbach. *
Nach der Niederlage gegen die Sowjet-Union, so berichteten die Zeitungen, haben die meisten deutschen Spieler einen langen Spaziergang gemacht und sich treuherzig versichert: Gegenseitige Schuldzuweisung werde es nicht geben, die großartige Kameradschaft im Team müsse unbedingt erhalten bleiben.
Direkt vermißt habe ich an dieser rührenden Story, daß die Spieler nicht auch händchenhaltend einen Kreis gebildet, forsch "Hipphipphurra" in die Nacht gerufen und nach der Rückkehr ins Quartier mit Kakao auf ihre verschworene Gemeinschaft angestoßen haben.
Wenn es nicht kracht innerhalb einer Mannschaft, die bei einer Handball-Weltmeisterschaft einen Vier-Tore-Vorsprung nicht halten konnte, kann man sie abschreiben. Diese Art der Kameradschaft ist die Solidarität der Mittelmäßigen. Sie schützt den einzelnen davor, für das persönliche Versagen Rechenschaft ablegen zu müssen.
Wir waren in der großen Zeit des VfL Gummersbach oft untereinander zerstritten, so ein richtiger sozialer Trümmerhaufen. Aber die permanente Reibung setzte Energie frei, die sich während des Spiels in Leistung entlud. Auch die Konfrontation mit dem Trainer wurde notfalls nicht gescheut. Es gab genügend Persönlichkeiten in der Mannschaft, die ein offenes und hartes Wort riskierten.
Bei den deutschen Spielern hatte ich den Eindruck, daß sie vor allem nicht auffallen wollten. Brav und bieder fügten sie sich ins Kollektiv ein sie gaben die Eigenverantwortung an die Gruppe weiter. Eine Folge der Gleichmacherei die Bundestrainer Simon Schobel im Vorfeld der ZUM betrieben hatte.
Selbst Erhard Wunderlich, immer noch einer der genialsten Angriffsspieler der Welt, hatte von Schobel zu hören bekommen: Er sei in diesem Kreis nur einer unter vielen, nicht mehr der Star früherer Jahre.
Schobel, der wie ich durch die rumänische Handball-Schule gegangen ist, muß einiges grundlegend mißverstanden haben. Zwar basiert das Spiel in den Ostblockländern auf der Homogenität der Mannschaft, aber gleichzeitig werden Individualisten immer gestärkt. Jeder Trainer weiß dort: Wenn ein Match nicht so verläuft wie geplant, dann braucht er Spieler, die eigene Kreativität einbringen und sich nicht hinter den anderen verstecken.
Es war peinlich, mit welcher Hilflosigkeit sich die Bundesdeutschen im Spiel gegen die DDR den Ball zuschoben. Die Angriffszüge waren stupide wie in den Spielen zuvor auch, es mangelte völlig an Varianten, wie sie während dieser ZUM von den Jugoslawen, Ungarn oder Ostdeutschen mitunter brillant demonstriert wurden.
Schobels Kollektiv war dem Streß einer Weltmeisterschaft weder psychisch noch physisch gewachsen. Den meisten Spielern fehlte es an ausreichender Kondition, die Abstimmung klappte nicht, das ständige Auswechseln sorgte zusätzlich für Verwirrung. Es kann keinen Zweifel daran geben, daß während der Vorbereitung nicht genug gearbeitet worden ist.
Der Bundestrainer hat sich möglicherweise von der 1984 in Los Angeles gewonnenen Silbermedaille blenden lassen und dabei vergessen, daß wegen des Olympia-Boykotts seinerzeit einige der weltbesten Nationen abwesend waren. In seiner fast vierjährigen Amtszeit ist Schobel den Nachweis schuldig geblieben, ein fähiger Trainer zu sein.
Schlechtere Spieler als zum Beispiel sein ostdeutscher Kollege Paul Tiedemann hatte Schobel nicht. Er hat sie nur schlechter vorbereitet und gecoacht.
Von Hans-Günter Schmidt

DER SPIEGEL 11/1986
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