10.03.1986

Kroetz: Kollegen-Schelte aus Nicaragua

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Ende 1984 reiste der Dramatiker Franz Xaver Kroetz ("Bauern sterben") nach Nicaragua. Sein "Nicaragua Tagebuch", das von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sandinisten, aber auch von den schriftstellerischen und sexuellen Problemen des Autors handelt, konnte wegen einer Seite, auf der Kroetz aus "mittelamerikanischer Moskitoverzweiflung" Suhrkamp-Kollegen wie Handke, Walser und Bernhard angreift, nicht bei Suhrkamp erscheinen, weil Verleger Unseld die Invektiven als Schläge unter die Gürtellinie empfand. Auszüge aus dem "Nicaragua Tagebuch", das jetzt im Konkret Literatur Verlag erscheint: "... was die ziselierten Herrn der großen Literatur produzieren, langweilt mich doch zu Tode, was ein Irrer schreibt wie der H. (Hochhuth. d. Red.) (seine Judith...), das ist so irrsinnig mißlungen, daß ich es wie einen äußerst spannenden Text runterwürge; es ist gar kein spannender Text, aber es ist der Mut, der Mut, der Mut von H., den ich bewundere, den ich liebe... Was nützen denn die Bekenntnisse der ziselierten Herrn W. (Walser) oder H. (Handke), die die großen Riemen schreiben: längst zu Ende mit sich, bloß noch 'auf literarisch' am Leben erhalten (Geld brauchen sie ja, am Bodensee und in Salzburg), umgürtet von einem Haufen ignoranter Auch-gern-Dichter-Kritiker; aber sie sind von sich selbst längst entlassen, ausgeblasen wie Eier, die Schale welkt im Feuilleton so smart dahin - und was haben sie geschrieben, zumindest W., als er 'vielleicht' noch mal in die DKP gehen wollte. Da war er Bruder, jetzt ist er Bet-Bruder auf Unselds und der FAZ Schultern/Gnaden/Gelder/Würden... die leichten, seichten Unterhalter im himmelschweren Gewande laufen einher und ziehen die Kür, die Kohle bringt. Bernhard ist die liebenswürdige Extra-Wurscht, der haßt wirklich - aber wen, wen denn? Da wird der Hasser lächerlich durch das Objekt seiner Begierde/Haß ist Begierde!... Da ich die R. unbedingt ficken muß (und gut sein muß im Bett, sonst - da hast du Angst gell! - verlier ich sie, denk ich mir), muß ich jetzt mit dem Bespein der deutschen Dichterkollegen aufhören und mir was für meine Eichelöffnung zurückhalten..."

DER SPIEGEL 11/1986
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