10.03.1986

KUNSTGastmahl im Tartaros

Die Rätsel von Bomarzo werden durchschaubar: Ein Buch klärt Geschichte und Bedeutungen des manieristischen Skulpturenparks. *
Den klotzigen Villenbau scheint ein Erdbeben erschüttert und aus dem Lot gehebelt zu haben. Tempelruinen wirken wie unter der Last der Zeitalter zusammengebrochen. Im Halbschatten der Bäume dräut steinernes Fabelgetier, lagern ehrwürdige Götter und dubiose Mischwesen. Mit Eindrücken von unheimlicher und rätselhafter Art nimmt der "Heilige Wald" von Bomarzo seine Besucher gefangen.
Bemoost und verwittert, doch nie einschneidend verändert, so haben sich die Bauten und Skulpturen erhalten, die ein italienischer Landadeliger des 16. Jahrhunderts dort, etwa 70 Kilometer nördlich von Rom, in steilem baumbestandenem Gelände hatte entstehen lassen. Denn schon bald danach war der hermetische Bezirk in Vergessenheit geraten.
Noch um 1953 verkaufte die Kommune von Bomarzo das Terrain unter Preis, weil die Steinbrocken seine Nutzung beeinträchtigten. Seither hat der neue, private Eigentümer den "heiligen Wald" für Touristen geöffnet, nicht ohne der Dämonie des Ortes durch ein in den Boden eingegrabenes Madonnenrelief entgegenzuwirken. Aber den "vielen Dummen, die hierherkommen", kann - wie der Bauherr Vicino Orsini das schon 1561 feststellte - die Anlage nur als ein unverständliches "Wunderwerk" erscheinen.
Wohl hat ein neu erwachtes Forscher-Interesse an der manieristischen Kunst jener Zeit sich längst auch Bomarzo zugewendet, wohl ließen sich einzelne Motive mehr oder weniger einleuchtend (und nächstesmal wieder anders) erklären. Doch einen Schlüssel zu dem Ganzen schien es nicht zu geben. Bomarzo-Pilger mußten es für ausgemacht halten daß ihnen nur die wirren, willkürlichen Einfälle eines Sonderlings entgegenträten - und für ausgeschlossen, daß jemals soviel Licht in die Sache käme, wie das nun durch eine ebenso gründliche wie inspirierte Gesamt-Deutung dennoch geschieht. _(Horst Bredekamp: "Vicino Orsini und der ) _(Heilige Wald von Bomarzo". Werner''sche ) _(Verlagsgesellschaft, Worms; 2 Bände mit ) _(252+280 Seiten; 164 Mark. )
Deren Autor, der Hamburger Kunstgeschichtsprofessor Horst Bredekamp, hat einerseits das Gelände genauestens inspiziert. Gemeinsam mit dem Stuttgarter Photographen Wolfram Janzer, dessen Aufnahmen sogar (vor sieben Jahren) am Anfang des Buch-Projekts standen, hat er dort auch eine Grabung unternommen, hat sich über lokalen Aberglauben hinweggesetzt, sich nachts in den Wald gewagt und beispielsweise, in Nachvollzug einstiger Rituale, das Monster-Maul von innen beleuchtet.
Genauso erhellend wie ausgedehnte Ortstermine wirken sich andererseits vergleichende Streifzüge durch Kunst und schöne sowie theoretische Literatur des 16. Jahrhunderts aus. Insbesondere aber ist Bredekamp der faszinierenden Person Vicino Orsinis nachgegangen und hat in vatikanischen und staatlich-italienischen Archiven zahlreiche von dessen Briefen entdeckt, die nur in Auszügen oder noch gar nicht bekannt waren. Nach mehrjährigem Entziffern hat der Forscher das Gefühl, seinen Helden "besser zu kennen als irgend einen, auch mich selbst".
Aus solcher Einfühlung folgt freilich keine simple, endgültige Rätsel-Lösung: Der Wald von Bomarzo erweist sich als eine im Verlauf von Jahrzehnten angelegte begehbare Seelenlandschaft, deren Monumente durchweg mehr als eine Bedeutung tragen und die einander in träumerischen Konstellationen zugeordnet sind. Er ist ein geheimes, jenseitiges Reich von Totengedenken und Todesüberwindung, zugleich eine politische Proklamation antirömischer Unbotmäßigkeit und der Ausdruck einer stark erotisch gefärbten persönlichen Lebensphilosophie, die Herr Vicino den "Dummen" mit Grund verbarg.
Er habe "nicht den Mut, den Papst einzuladen" und ihn "die Dummheiten des Wäldchens" sehen zu lassen, so schreibt der Edelmann 1578 in einem seiner von Bredekamp komplett edierten Briefe - angeblich deswegen nicht, weil ihn Familienangelegenheiten fesseln.
Aber diese Begründung wirkt, wenn denn der Heilige Vater schon einmal durch die Gegend reist, ebenso vorgeschoben
wie die abfällige Bemerkung über den Skulpturenpark ironisch: In einem Klima von Gegenreformation und Inquisition hat sich Vicino in das felsige Bomarzo zurückgezogen, residiert im Palast seiner Ahnen mit Blick auf das tiefere Wald-Gelände, bittet einen befreundeten Kurialbeamten in Rom um "extravagante", sicherlich indizierte Bücher und nimmt sich die Freiheit, zu tun, "was mir gefällt".
Das Gegenteil, straffen Dienst, kannte Vicino Orsini (1523 bis 1585) sehr wohl. Als Offizier päpstlicher Truppen hatte er Kriegszüge, Gefangenschaft, ränkevolle Frontwechsel und ein Blutbad an Zivilisten erlebt, bevor er sich von den "Betrügereien", den "Falschheiten und Eitelkeiten der Höfe, besonders des römischen", abwandte. Verbunden blieb er indessen dem Haus Farnese, mit dem er durch seine Frau Giulia verschwägert war. Der Kardinal Alessandro Farnese, ein Enkel Papst Pauls III., der 1572 selber - als dann doch erfolgloser Favorit - im Konklave kandidierte, war ihm ein bevorzugter Briefpartner.
Schon 1558 teilt ihm Vicino mit: "Ich habe beschlossen, daß Epikur ein Ehrenmann war" - ein programmatischer Satz.
Detailliert und manchmal drastisch handeln die Briefe wie von geistigen Genüssen so auch von leiblichen. Wenn sein römischer Freund Giovanni Drouet ihm etwa (1574) die "drei P" Fisch, Schwein und Nudeln ("pesce, porco et pasta") empfiehlt, so deutet Vicino das Kürzel vielmehr in "potta, potta et potta" um: dreimal das weibliche Geschlechtsteil, "süßer als Quittenmus", so daß er, wäre er schon zahnlos, sich "ans Lecken begeben" würde. Das "Wäldchen" gilt ihm als "Bordell", aus dem er römische Edelfrauen fernhalten möchte, um "mit meinen schönen Schäferinnen im Schatten einer schönen Buche" zu ruhen. Ein Arkadien der Sinnenfreude tut sich auf.
Keineswegs im Gegensatz zu dieser Konzeption nimmt Vicinos "Wäldchen" Züge eines Totenreiches an. Er selber erklärt es zur "Stätte meiner liebsten Geliebten", seiner offenbar Anfang der 60er Jahre gestorbenen Frau Giulia. Ihr ist am höchsten Punkt des Ganzen ein Tempel errichtet, dessen komplizierte astrologische Symbolik Bomarzo-Forscher Bredekamp mit einer - von Vicino öfter herangezogenen- "Hypnerotomachia Poliphili" des Dichters Francesco Colonna in Verbindung bringen kann: Der Bau ist als "Makrokosmos" aufzufassen, aber auch als "Mikrokosmos des Frauenleibes".
Überraschender noch ist die Entdeckung, daß auch das schiefe Haus gleich beim ursprünglichen Eingang der Giulia Farnese huldigt. Das Motiv entstammt einem Emblembuch des 16. Jahrhunderts, und die Schrägstellung bedeutet da gerade Standhaftigkeit der Frau auch in Abwesenheit des Mannes. Dafür war Giulia während Vicinos Kriegszügen gerühmt worden.
So allegorischer Sinn ist eine Sache. Über ihn hinaus bewährt sich eben dasselbe Gebäude mit seiner- abgewandelt von Alessandro Farneses Schloß Caprarola übernommen - Inschrift "Schlafend wird der Geist folglich klüger" als eine "Schleuse in die irreale Welt der höheren Weisheit" (Bredekamp): Wer seine schiefen Räume betritt, fühlt sich desorientiert und geht wie taumelnd weiter.
Er kommt an einer Theateranlage mit Obelisken vorbei, an einer einst wasserspendenden Isis oder Aphrodite, an einer Riesenschildkröte und einem Meeresungeheuer. Und an einer Mauer, mit der Vicino Orsini den durchs Gelände fließenden Bach zum See gestaut hatte, scheint ein Zyklop den anderen buchstäblich zu zerreißen - für frühere Interpreten der "Rasende Roland" des italienischen Epikers Ariost beim Mord an einem "Waldbruder".
Bredekamp jedoch fand gravierende Indizien gegen diese Deutung. Weder die Nacktheit der unterlegenen Figur noch der Umstand, daß deren Kopf auf einem Kissen ruht, wollte dazu passen. Und zwischen den gespreizten Beinen, in vier Meter Höhe, konstatierte der Kunsthistoriker eine deutlich eingekerbte Vagina. Dargestellt ist also die Vergewaltigung einer - durch männlichen Oberkörper ausgewiesenen - Amazone. Vicino Orsini, der sich durch Wappenelemente am abgelegten Helm des auch von ihm so benannten Roland mit dem Gewalttäter identifizierte, konnte in der krassen Szene ein "Extrem konventionsfreier Liebe" (Bredekamp) erblicken.
Der Amazonenmythos war klassisches Erbe. Aber Vicino Orsini, der eine illegitime Tochter nach der Ariostschen Amazonenkönigin Orontea taufen ließ, mußte ihn auch durch kursierende Nachrichten aus der Neuen Welt bekräftigt finden.
In Bomarzo verschränken sich, durch eigenwillige Geschichtstheorien der Zeit gestützt, althistorische Motive mit solchen _(Roland und Amazone (mit lebender Frau ) _(zum Größenvergleich); Elefant mit ) _(römischem Krieger (im Hintergrund ) _(Drache); Schaumünze von Pastorino ) _(Pastorini. )
aus fernen Ländern., Ägypten, Etrurien, Amerika und Indien scheinen ineinander zu fließen und, laut Bredekamp, "die Ewige Stadt durch eine globale Rekonstruktion vor- oder antirömischer Reiche" einzukreisen.
Eine riesige Aztekenmaske wird von einem Globus gekrönt, der sich als dreidimensionale Fassung des Orsini-Wappens erweist. Und ein indischer Elefant, der gerade einen römischen Krieger tötet, um sich danach dem apokalyptischen Kampf mit einem Drachen zu stellen, ist gleichfalls mit den heraldischen Zeichen seines Erfinders markiert. Vor ihm liegt ein Ehrenfriedhof, als paradiesisches Nirwana zu verstehen.
Denn das ist die größte Ketzerei von Bomarzo: die Vision, daß noch die tiefste Stelle des Totenreiches, der Tartaros, ein Ort der Lust sein könne. Im "Höllenrachen", jenem Monument, das so "den vielleicht radikalsten Bruch mit dem katholischen Weltbild formuliert" (Bredekamp), wurde getafelt.
Erst in solchen Szenen, in der "süßen Gesellschaft vieler Männer wie auch Frauen", erfüllte sich der Sinn von Vicino Orsinis "Wäldchen", das mit seinem Stausee und mit grell bemalten Bildwerken (Roland rot, die Amazone weiß) einen noch viel märchenhafteren Anblick geboten haben muß als heute.
Der geistreiche Autodidakt durfte sich als Schöpfer der einzigartigen Anlage fühlen. Gelehrte Ratschläge bei der Planung schlug er aus. Und wohl nicht nur aus Sparsamkeit wird er sich mit Künstlern minderen Ranges aus der Dombauhütte des nahen Orvieto begnügt haben, denen lokale Steinmetzen dabei zur Hand gehen mochten, an Ort und Stelle Figuren aus dem Fels zu hauen.
Die ungeschlachte Wirkung, die dabei vielfach zustande kam und die nebenbei dem Wunsch entsprach, die Grenzen zwischen Natur und Kunst zu verwischen, ließ Vicinos Urheber-Autorität unangetastet. Nicht in der Qualität einzelner Bildhauerarbeiten bewährt sich der Rang des Werkes, sondern in der theaterhaften, vielschichtig bedeutungsvollen Inszenierung.
Es ist ein Lebenswerk, das den "ganzen Zeitvertreib" seines Erfinders bildete und ohne das er "in dieser Welt ein Toter" gewesen wäre. Am Ende freilich, als die Arbeit abgeschlossen war und Vicino Orsini von den Gebrechen und Depressionen des Alters heimgesucht wurde, kamen ihm auch die Ausgeburten seiner Phantasie erstorben vor. Er selber fühlte sich "unsinnlich mit einem Geist wie dem einer Statue".
Doch schon "nach Tod stinkend", hatte er die Lust an antiklerikaler Provokation nicht eingebüßt. In seinem letzten erhaltenen Brief (Ende 1583) bittet er den Freund Drouet, beim Anblick von Kardinälen heimlich das obszöne Fingerzeichen einer "Feige" zu machen.
Horst Bredekamp: "Vicino Orsini und der Heilige Wald von Bomarzo". Werner''sche Verlagsgesellschaft, Worms; 2 Bände mit 252+280 Seiten; 164 Mark. Roland und Amazone (mit lebender Frau zum Größenvergleich); Elefant mit römischem Krieger (im Hintergrund Drache); Schaumünze von Pastorino Pastorini.

DER SPIEGEL 11/1986
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