12.05.1986

FRAUENSchöne Munition

Die CDU verliert ihr einstmals sicherstes Potential unter den Wählern: die Frauen. *
In der Parteizentrale der CDU geht der Neue Mann um. Wulf Schönbohm, Leiter der Grundsatz- und Planungsabteilung im Bonner Konrad-Adenauer-Haus, bekennt: "Gegen Herr-im-Haus-Allüren bin ich mittlerweile ähnlich allergisch wie früher gegen überzogene Emanzen-Rhetorik.
Das Herz für Frauen, das die Vordenker der CDU seit knapp zwei Jahren einer staunenden Öffentlichkeit demonstrieren, hat nichts mit Gefühl, aber alles mit Kalkül zu tun. Das Klischee, daß Frauen ein sicheres Wählerpotential für die Konservativen darstellen, stimmt nicht mehr. Seit 1972 zeigen die Ergebnisse von Bundes- und Landtagswahlen: Die Frauen, besonders die jüngeren, laufen der CDU weg.
Die Mehrheit der Wahler - 1983 waren 53,8 Prozent Frauen - ist erstmals zur entscheidenden und zugleich unkalkulierbaren Größe geworden.
Das erkannten die CDU-Wahlstrategen als eine "nicht ungefährliche Tendenz" (Schönbohm), der es mit Frauenparteitag, Frauenleitlinien und Frauenministerin zu begegnen galt. Auch den SPD-Managern dämmerte - weniger flink -, daß hier ihre Chance liegen kann. Nicht höhere Einsicht, wohl aber tiefer Einblick in die wahren Machtverhältnisse unter der Wahlbevölkerung hat die Manager aller Parteien umdenken lassen.
Die Geschichte des Wahlverhaltens von Frauen seit der Weimarer Republik zeigt, wie dramatisch die Veränderung ist. Als deutsche Frauen 1919 das erste Mal ihr Stimmrecht ausüben durften, dankten sie es keineswegs denjenigen, die ihnen den Zugang zur Wahlurne erstritten hatten: den Sozialdemokraten. SPD und Unabhängige Sozialdemokraten verfehlten die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung, womöglich weil die weibliche Wählerübermacht sich erheblich stärker als die Männer den konservativen Parteien, besonders dem katholischen Zentrum, zuwandte.
Das Weimarer Muster des Frauenwahlverhaltens ist bis Anfang der siebziger Jahre auch in der Bundesrepublik eine stabile Größe: Frauen gehen seltener zur Wahl als Männer (einzige Ausnahme: 1919) und bevorzugen konservative bis rechte Parteien, die SPD kommt schlecht weg. Das belegen zuverlässig die Unterlagen des Statistischen Bundesamtes und der statistischen Landesämter, die seit 1953 regelmäßig Sonderauszählungen nach Alter und Geschlecht veranstalten.
Die Wende kam 1972.
Joachim Hofmann-Göttig, Wahlforscher und stellvertretender Leiter der Saarländischen Landesvertretung in Bonn, belegt in einer in dieser Woche erscheinenden Studie, wie rasant die CDU ihr so sicher scheinendes Potential verlor. _(Joachim Hofmann-Göttig: "Emanzipation ) _(mit dem Stimmzettel. 70 Jahre ) _(Frauenwahlrecht in Deutschland". Verlag ) _(Neue Gesellschaft, Bonn 1986; 143 ) _(Seiten; 9,80 Mark )
1969 machten gut 50 Prozent der Frauen, die zur Wahl gingen, ihr Kreuz bei der CDU - und nur 40 Prozent der Männer. Danach schmolz dieser stattliche "Frauenüberschuß" (Hofmann-Göttig) von zehn Prozent bis 1976 auf 1,6 Prozentpunkte. Vier Jahre später war die Union erstmals bei Männern beliebter als bei Frauen: 44,2 Prozent zu 43,8 Prozent.
Genau gegenläufig der Trend bei der SPD: 1969 hatte sie einen deutlichen Männerüberschuß unter ihren Wählern: 40,4 Prozent der Frauen gegenüber 45,6 Prozent der Männer. 1980 wählten nicht nur mehr Frauen (43,9 Prozent) als Männer (43,1 Prozent) die Genossen, die Sozis waren auch im Vergleich zur CDU/ CSU etwas erfolgreicher bei den Frauen.
Durch erneute Zugewinne der Unionsparteien bei den Bundestagswahlen 1983 liegen nun beide Parteien in der Frauengunst fast gleichauf - mit einem Unterschied: während die SPD vor allem bei den jungen Frauen Punkte macht, hat die Union ihr Potential bei Frauen über 45 und vor allem bei Wählerinnen, die über 60 Jahre alt sind.
Die Daten der repräsentativen Wahlstatistiken, aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Altersgruppen, sind im Unterschied zu Meinungsumfragen unstrittig. Unstrittig ist auch das Ergebnis. Frauen *___beteiligen sich heute im gleichen Ausmaß an Wahlen wie ____Männer, *___neigen nicht mehr eindeutig einer Partei zu, *___wählen nach ihren Interessen, die nicht mit denen der ____Männer identisch sind.
Die krassen gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte sind, wenn auch mit Verspätung und starken regionalen Unterschieden zwischen Nord und Süd, am verhalten der Wählerinnen ablesbar - deutlicher, als bislang zu vermuten war.
Die drei großen K- Kinder, Küche, Kirche - haben ihren dominierenden Einfluß verloren. Höhere Bildung und Ausbildung der Frauen, größere Anteilnahme an Berufs- und Freizeitleben und die Erkenntnis, daß sie noch immer die Benachteiligten sind, läßt Frauen mehr und mehr ihr Kreuz zugunsten der Partei machen, von der sie sich am ehesten die Vertretung ihrer Interessen versprechen. " Frauen", so Hofmann-Göttig "haben die Macht, mit ihrem Stimmzettel den Ausschlag zu geben."
Den Wahlstrategen der CDU ist das klar, seit die Union 1980 von den Frauen "schwer einen auf die Badehose gekriegt" hat (CDU-Bundesgeschäftsführer Peter Radunski). Verdattert und ungläubig erlebte die Öffentlichkeit ein atemberaubendes Wendemanöver des Hausfrauenwahlvereins CDU. Der Essener Frauenparteitag 1985, die "Leitsätze der CDU für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau", die scharfen Töne der CDU-Frauenvereinigung und, als vorläufiger Höhepunkt die Berufung von Rita Süssmuth zur Frauenministerin.
Die neue Tugend war Berechnung. Die Vorsitzende der CDU-Frauenvereinigung _(In Bonn. )
Helga Wex 1984 in einem kämpferischen Papier: "Verliert die CDU die Mehrheit der Wählerinnen, so ist sie nicht mehr regierungsfähig."
Hans-Joachim Veen, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Konrad-Adenauer-Stiftung nimmt das gelassener. Der CDU sei eine Wählerschicht sicher: die zahlenmäßig allwachsende Gruppe der Senioren in der Frauen eine besonders starke Mehrheit bilden. Den Wertvorstellungen Älterer, glaubt Veen, ihren Bedürfnissen nach sozialer Sicherheit und Recht und Ordnung, entspreche noch immer eher die CDU.
Sozialdemokrat und Wissenschaftler Hofmann-Göttig liest aus der Statistik eine Chance für die SPD, sieht sogar "eine historische Umschichtung" zugunsten der Sozialdemokraten. Das haben noch nicht alle gemerkt. Auf jeden Fall aber ist seine Analyse "schöne Munition", so die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Herta Däubler-Gmelin, für die SPD-Politikerinnen. Mit diesen Zahlen läßt sich der Anspruch der Sozialdemokratinnen auf mehr Macht trefflich begründen.
Die SPD-Fraktion wird 1987, wenn die SPD nicht schlechter abschneidet als 1983, mit mindestens 15 Frauen mehr in den 11. Bundestag einziehen (jetzt: 22 Parlamentarierinnen).
"Wenn die Frauen das honorieren", sagt die SPD-Frau, "muß die Partei sich nicht nur verbindlich zur Erhöhung des Frauenanteils verpflichten, sondern auch eine frauenfreundliche Wahlrechtsänderung auf den Weg bringen."
Werden die Frauen das honorieren? Noch ist alles offen. Mit Erstaunen registriert Hofmann-Göttig, daß ausgerechnet die Grünen keine Frauen-Attraktion sind. Die Partei, die ihren Aktivistinnen ein besonders großes Spielfeld bietet, schneidet bislang bei den Wählerinnen in Bundes-, Landtags- und Europawahlen etwas schlechter ab als bei den Männern.
[Grafiktext]
Die SPD holt bei den Frauen auf
[GrafiktextEnde]
Joachim Hofmann-Göttig: "Emanzipation mit dem Stimmzettel. 70 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland". Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1986; 143 Seiten; 9,80 Mark In Bonn.

DER SPIEGEL 20/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRAUEN:
Schöne Munition

Video 01:41

Virales Mountainbike-Video Ausritt mit "Onkel Danny"

  • Video "Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor" Video 00:58
    Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor
  • Video "Krise in Europa: Worunter Menschen am meisten leiden" Video 54:33
    Krise in Europa: Worunter Menschen am meisten leiden
  • Video "Cannes: Tarantino feiert Premiere" Video 01:16
    Cannes: Tarantino feiert Premiere
  • Video "Thailand: Auto rast durch Polizeiposten" Video 00:44
    Thailand: Auto rast durch Polizeiposten
  • Video "80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?" Video 03:51
    80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?
  • Video "Affen als Einbrecher: Poolparty" Video 00:57
    Affen als Einbrecher: Poolparty
  • Video "Naturphänomen: Der horizontalen Sandfälle von Broome" Video 01:00
    Naturphänomen: Der "horizontalen Sandfälle" von Broome
  • Video "Stimmen zur Strache-Affäre: Sowas war keine b'soffene G'schicht" Video 02:46
    Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"
  • Video "Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende" Video 02:49
    Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende
  • Video "Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán" Video 04:32
    Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán
  • Video "Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter..." Video 00:42
    Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • Video "Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?" Video 01:19
    Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?
  • Video "Ich hatte immer Ups und Downs im Leben: Niki Lauda im Interview (1993)" Video 37:02
    "Ich hatte immer Ups und Downs im Leben": Niki Lauda im Interview (1993)
  • Video "US-Amateurvideo: Flugzeug wird vom Blitz getroffen" Video 00:55
    US-Amateurvideo: Flugzeug wird vom Blitz getroffen
  • Video "Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit Onkel Danny" Video 01:41
    Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit "Onkel Danny"