10.03.1986

POPMUSIKKreischende Witwe

Zum erstenmal wagte sich Yoko Ono, John Lennons weltweit angefeindete Witwe, auf eine internationale Konzertreise. In ihrer „Starpeace“-Tour präsentiert sie sich als Friedensfrau. *
Zu einem ungewohnten und billigen Feierabendvergnügen sind am Montag vergangener Woche Berlins Taxifahrer gekommen: Die liegengebliebenen Karten für das Auftaktkonzert von Yoko Onos Deutschland-Tournee in der West-Berliner Riesendisco "Metropol" wurden ans Droschkengewerbe verramscht.
In den anderen Städten war der Ticket-Absatz kaum üppiger. Für das Münchner Konzert konnten bis Tourneebeginn 360 Karten verkauft werden, für die große Hamburger Musikhalle, wo Yoko Ono am Mittwoch dieser Woche auftreten wird, sogar nur etwas über 200. Der Frankfurter Auftritt wurde aus der Jahrhunderthalle in den Hugenotten-Saal von Neu-Isenburg verlegt und der Mannheimer ganz abgesagt.
Auch Yoko Onos Platten "gehen nicht gerade wie geschnittenes Brot" - sagt Birgit Schmüser von der Polydor. Die LP "Starpeace", vergangenen November veröffentlicht, wurde auf dem deutschen Markt nur 2000mal verlangt. Zum Vergleich: Peter Maffay beispielsweise kommt auf 800000 Stück, Roger Whittaker auf anderthalb Millionen.
Die Plattenfirma hat inzwischen die Konsequenzen gezogen, der Vertrag mit dem "Kind des Ozeans" (so die deutsche Übersetzung von Yoko Onos Namen) wird nicht verlängert. Mitleid ist kaum angebracht. Die 53jährige Japanerin aus New York könnte sich, aus der Portokasse, eine eigene Plattengesellschaft kaufen.
Die Witwe des ermordeten John Lennon ist eine der reichsten Frauen der Welt, und hinter ihrer überdimensionalen Porsche-Sonnenbrille verbirgt die zierliche, scheue und nervöse Künstlerin einen phänomenalen Geschäftssinn. Allein die Barschaft von drei Millionen Dollar, die ihr der Ober-Beatle hinterlassen hat, konnte sie in fünf Jahren verhundertfachen.
Möglich, daß dieses gesunde Verhältnis zum Geld in der Familie liegt - Yoko Ono ist die Tochter eines Tokioter Bankiers. Sie selbst hält ihren finanziellen Erfolg eher überirdischen Mächten zugute. Vor jeder Transaktion befragt sie die Götter.
Bei ihren künstlerischen Versuchen ist die Lennon-Witwe jedoch von allen guten Geistern verlassen. Schon lange bevor sie als asiatische Hexe, die angeblich der beliebtesten Pop-Band aller Zeiten den Garaus machte, zum universalen Haßobjekt wurde, erntete Yoko Ono mit ihren skurrilen Happenings und Concept-Art-Aktionen fast nur Kopfschütteln. Aber das wollte sie wohl.
Sie stellte leere Bilderrahmen aus, bestritt einen ganzen Film ausschließlich mit nackten Hinterteilen und zersägte Möbelstücke. Ihre Performance "Cut Piece", bei der sie sich vom Publikum die Kleider vom Leib schneiden ließ, gilt heute als Klassiker der experimentellen Kunst der 60er Jahre.
Bei einer ihrer avantgardistischen. Ausstellungen, in der Londoner Indica-Galerie, lernte sie vor 20 Jahren John Lennon kennen. Yoko Ono: "Keiner verstand uns. Aber wenigstens wurden wir nun gemeinsam mißverstanden." Aus dem Unverständnis wuchs eine regelrechte _(Bei ihrem Kölner Fernsehauftritt Ende ) _(Februar. )
Haßkampagne, nachdem die neue Frau Lennon den maroden Beatles - sie hatten sich längst musikalisch und persönlich auseinandergelebt - den "Gnadenstoß" (so das Kölner Musikblatt "Spex") versetzte. Paul McCartney, ihr schärfster Widersacher bei den Beatles, hat sie inzwischen um Verzeihung gebeten: "Früher habe ich geglaubt, sie sei hinterhältig, aber heute weiß ich: Uns hat nur ihre Ehrlichkeit verletzt."
Als sie dann noch selber anfing, Platten zu veröffentlichen, gab es in der Pop-Presse nur Häme. Yoko Onos Mischung aus Kabuki und Free-Jazz-Elementen hatte tatsächlich nichts mit dem Radiowecker-Sound der Beatles gemein, war vielmehr eine der wichtigsten Quellen für die spätere New Wave. Lene Lovich Lydia Lunch oder Laurie Anderson haben sich von Yoko Onos gellenden Klangkaskaden inspirieren lassen.
Ganz nebenbei machten die Lennons auch noch Mediengeschichte: Ihre Filme, die sie seit Ende der 60er Jahre zu Songs wie "Imagine" drehten, gelten als erste Musikvideos der Welt.
Mit der Träumer-Hymne "Imagine" vor allem aber mit "Give Peace A Chance" haben John Lennon und Yoko Ono das musikalische Bindeglied von der kalifornischen Hippie-Seligkeit zur Friedensbewegung der späten 70er Jahre geschaffen. John Lennon: "Yoko hat mich politisch bewußt gemacht."
Je deutlicher sich die beiden artikulierten, desto niederträchtiger wurden die Angriffe. Ihr Hochzeitshappening von 1969, wo das junge Paar in einem Montrealer Hotelzimmer eine Woche lang im Bett (für) Love and Peace demonstrierte, wurde weltweit nur belächelt. Drei Jahre später befaßten sich das FBI, ein Senatsausschuß und sogar Richard Nixon mit der Frage, wie man die Lennons außer Landes schaffen könnte.
Die Hälfte des Problems hat dann 1980 ein Wahnsinniger mit seinen tödlichen Schüssen vor dem New Yorker Dakota-Haus gelöst. An der anderen Hälfte wird, mit Worten, weitergearbeitet. Mit Musikkritik haben die Pressetiraden jedenfalls nichts zu tun.
In der Bundesrepublik bildet sich da sogar eine seltene Allianz von Stadtmagazinen und dem Zentralorgan urdeutscher Fernsehgemütlichkeit. Wo die Hamburger "Szene" über die "gelbe Stupsnase" von "Lennons kreischender Witwe" höhnt, unterstellt ihr "Hörzu", jetzt "für hohe Gagen" auf Tournee zu kommen. Wenn sich Yoko Ono zum erstenmal auf eine Tour durch 33 Städte wagt (kommende Woche auch nach Budapest und Warschau), dann nicht wegen, sondern trotz ihres Geschäftssinns.
Ihre "Starpeace"-Botschaft verbreitet sie so rührend naiv wie hartnäckig: "Es ist ja nicht neu, daß ich Frieden predige", sagt sie. Neu aber ist, daß sie sich mit einem Massenpublikum einlassen will. An ihren früheren Chaos-Sound
erinnert bestenfalls noch der Song "Hell in Paradise". Aber ausgerechnet mit dem hat sie sich in "Mensch Meier" erstmals dem deutschen Fernsehvolk vorgestellt. Moderator Biolek bedankte sich - nicht weniger unpassend - mit einem Gartenzwerg.
Die "kreischende Witwe", die immerhin eine klassische Gesangsausbildung absolviert hat ("German Lieders, Brahms and Schubert"), versammelte für ihr "Sternenfrieden"-Album die besten und teuersten Musiker: den Drummer Tony Williams oder den Keyboard-Spieler Bernie Worrell und als Hintergrund-Sängerin zum Beispiel Nona Hendryx.
Sie liefern eingängige Melodien und Rhythmen zwischen sauberem Stampf-Rock, Weichspüler-Schnulzen und fröhlichem Reggae. Der Kritiker der "New York Times" gehört zu den wenigen, die das zur Kenntnis nehmen. Für ihn ist "Starpeace" "auf der Höhe der Kunst" und "die Vision einer künftigen internationalen, sprachübergreifenden Popmusik". Das Berliner Konzert-Publikum hat dies, ob Yuppie, Punk oder Taxifahrer, nach anfänglicher Reserviertheit dann doch ganz ähnlich gesehen: Es gab Jubel und Rührung.
Und das, obwohl ihm vorher niemand erzählt hat, daß es eine neue pflegeleichte Yoko Ono gibt. Im norddeutschen Taubstummen-Sender NDR zum Beispiel wurde ein kurzer Bericht von der Pressekonferenz zum Tournee-Start so abmoderiert:
"Eigentlich müßte jetzt ein Stück von Yoko Ono kommen. Aber weil ich eingefleischtes Mitglied des Yoko-Ono-Hasser-Klubs von Hamburg bin, spielen wir einen Titel der Beatles, bei dem sie garantiert ihre Finger noch nicht drin hatte."
Bei ihrem Kölner Fernsehauftritt Ende Februar.

DER SPIEGEL 11/1986
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